Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 6

Chapter 63,387 wordsPublic domain

Verschiedene Zeugen dieser Zeit schildern Dostojewsky sehr lebendig als einen, »dessen ganzes Wesen sich zum Verschwörer geeignet habe; still, einsilbig, nicht mitteilsam, nur fähig, sich unter vier Augen auszusprechen«, sei er, wenn er ins Feuer geriet, von einer hinreissenden, alle besiegenden Beredsamkeit gewesen. So ward er denn bei all seiner christlichen Richtung, welche dem Wesen des Sozialismus, wie die anderen es verstanden, zuwiderlief, vermöge der Macht seiner Persönlichkeit doch die Hauptperson des Petraschewskyschen Kreises, sowie jenes andern, der bei Durow zusammen kam. Merkwürdigerweise liess man diese Studenten-Vereinigungen sehr lange gewähren, zum Teil darum, weil man lange kein geeignetes Individuum fand, welches genug Wissen besessen hätte, um an den Diskussionen der Mitglieder ebenbürtig teilnehmen zu können, und das über dem »Vorurteile« erhaben wäre, welches den Namen eines Angebers brandmarkt. -- Endlich fand man einen, diesen »erhabenen Standpunkt« einnehmenden Menschen in einem Beamten des auswärtigen Amtes, Antonelli, welcher durch diesen Umstand leicht mit Petraschewsky bekannt werden konnte. Dostojewsky selbst stand mit diesem in keiner nahen persönlichen Verbindung, obwohl er seine Freitagsabende besuchte, wo von der Aufhebung der Leibeigenschaft und der Unvermeidlichkeit eines Aufruhrs zur Befreiung der Bauern gesprochen wurde. Dostojewsky sprach die Ansicht aus, dieser Schritt müsse von oben gemacht werden. »Wenn er aber nicht geschieht?« warf man ein, -- »ja dann meinetwegen mit Gewalt.« Bei Durow hingegen wurde die Frage einer geheimen Druckerei aufgeworfen und von Dostojewsky befürwortet, allein von der Versammlung abgelehnt.

In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1849 wurden die Hauptpersonen dieses Kreises, 34 an der Zahl, unter ihnen Th. M. Dostojewsky, sowie irrtümlicherweise auch sein Bruder Andreas von der Gendarmerie abgeholt und nach dem Hause der »dritten Abteilung« der geheimen Polizei abgeführt. Wir haben, um, wenn es möglich wäre, authentische Daten über diesen Prozess, soweit er Dostojewsky angeht, zu erhalten, den Versuch gemacht, an Ort und Stelle wenigstens einen Teil der amtlichen Dokumente desselben kennen zu lernen. Man sagte uns, es würden keine allzugrossen Schwierigkeiten gemacht werden, da einerseits nahezu ein halbes Jahrhundert verstrichen sei und jetzt die Zustände andere und andere Personen am Ruder seien, zudem jener Briefwechsel Belinskys mit Gogol, welcher den Anklagepunkt für Dostojewsky abgegeben, längst publiziert und aller Welt bekannt sei. Ausserdem habe man die Archive des Ministeriums des Innern immer bereitwillig jenen geöffnet, welche in einem litterarischen Interesse irgend ein Dossier studieren wollten. So hat der Litteraturhistoriker Professor Storoschenko, Direktor der reichen Bibliothek des Museums Rumianzew in Moskau, eine Studie über den kleinrussischen Dichter Schewtschenko auch in jenen Archiven vervollständigt.

Man kam uns, soweit dies möglich war, von Seiten des Ministeriums des Innern und des Kriegsministeriums (da der Prozess dem Kriegsgericht übergeben worden war) bereitwilligst entgegen und stellte uns eine Reihe von Dokumenten zur Verfügung, welche die Verhaftung Dostojewskys, seine Verurteilung, amtliche Zeugnisse seines »Verhaltens« im Gefängnis, seine Befreiung, sein Avancement zum Fähnrich, die Wiedererlangung des Adels und seine endliche vollständige Befreiung, mit der Erlaubnis nach Petersburg zurückzukehren, betreffen. Auch der Wortlaut seiner Verteidigungsschrift wurde uns ohne Umstände, nachdem er 50 Jahre im Aktenstaube vergraben gewesen und vorerst von den massgebenden Personen mit grossem Interesse gelesen worden war, zur Veröffentlichung überlassen. Wir bringen einige der wichtigsten Dokumente, je an ihrer Stelle, hier im Anschluss.

Kopie. III. Abteilung von Sr. Majestät des Kaisers Privatkanzlei. -- Expedition St. Petersburg, 22. April 1849. No. 675.

Geheim. Dem Herrn Major der Petersburger Gendarmerie-Division Tschudin.

Auf allerhöchsten Befehl erteile ich Euer Hochedelgeboren (Wysokoblagorodie) die Weisung, morgen um 4 Uhr nach Mitternacht, den verabschiedeten Ingenieur-Lieutenant Theodor Michailowitsch Dostojewsky, welcher an der Ecke der kleinen Morskaia und des Wosnesensky-Prospekt, im Hause Schill auf der dritten Etage in der Wohnung Ginner wohnt, zu arretieren, alle seine Papiere und Bücher zu versiegeln und diese zugleich mit ihm nach der dritten Abteilung von Sr. Majestät Privatkanzlei zu bringen.

Bei dieser Gelegenheit haben Sie streng darüber zu wachen, dass von den Papieren Dostojewskys nichts versteckt werde.

Es kann sein, dass Sie bei Dostojewsky eine grosse Menge von Papieren und Büchern vorfinden, so dass es nicht möglich sein wird, sie sofort in die dritte Abteilung zu befördern. In diesem Falle sind Sie gehalten, eines wie das andere in eine oder zwei Stuben, je nach dem es nötig ist, niederzulegen, diese Stuben zu versiegeln und Dostojewsky selbst unverweilt in der dritten Abteilung abzuliefern.

Im Falle Dostojewsky bei dem Versiegeln der Papiere und Bücher aussagen sollte, dass einige darunter irgend einer anderen Person gehören, so haben Sie dieser Aussage keine Beachtung zu schenken, sondern auch diese zu versiegeln.

In Ausführung dieses Befehls haben Sie die grösste Achtsamkeit und Vorsicht (Ostoroshnost) anzuwenden.

Der Herr Stabs-Kommandant des Gendarmerie-Corps, General-Lieutenant Dubelt, verfügt, dass sich in Ihrer Begleitung befinden sollen: ein Offizier der Petersburger Polizei und die unumgänglich nötige Anzahl von Gendarmen.

Der General-Adjutant Graf Orloff.

Der Bericht an Graf Orloff über die aufgegriffenen Papiere lautet:

Geheim 148/6.

Hochgeehrter Herr! Iwan Alexandrowitsch!

Nach Durchsicht der Dostojewsky betreffenden Papiere hat sich nichts gefunden, das direkt Bezug auf die Sache hätte. Es wurde nur gefunden: ein Brief von Belinsky, enthaltend eine Einladung zu einer Gesellschaft bei einer Person, mit der er noch nicht bekannt war, ein Brief aus Moskau von Pleschtschejew, in welchem er von seinem Eindruck bei der Ankunft der kaiserlichen Familie in Moskau spricht und beauftragt, jenen Personen seinen Gruss zu bringen, welche der bekannten Gesellschaft angehören. Zwei Bücher unter dem Titel: Le berger de Cravan und La consécration du Dimanche.

16. Mai 1849.

Fürst Alex. Galitzin.

Nabokow, Präsident der Untersuchungs-Kommission.

»In Ergänzung meines Berichtes habe ich die Ehre, Euer Excellenz den Abschied (Ukas ob otstawkie), welcher sich unter den bei Dostojewsky gefundenen Papieren befand, zu übermitteln.

17. Mai 1849.

Nabokow.«

Hier ist zu ergänzen, dass das unvollendete Manuskript, d. h. der III. Teil desselben, eben Krajewsky, dem Redacteur der »Vaterländischen Annalen« übergeben worden war, wo es im Maiheft 1849 erschien; jedoch, laut Verfügung (vom 28. April) der III. Abteilung, »ohne Unterschrift des Verfassers«. Diese Erzählung, Njetotschka Njezwanowa, ist nie vollendet worden.

Diese Berichte über die vorgefundenen Papiere sind insofern richtig, als für die betreffenden Behörden nur solche Papiere ins Auge gefasst worden waren, welche zugleich persönliche und politische Beziehungen anzeigten. Nach den Aussagen der Witwe des Dichters, Anna Grigorjewna Dostojewskaja, mussten, da er nicht im geringsten auf den Besuch der Polizei vorbereitet war, also nichts wegräumen konnte, verschiedene belletristische Schriften, namentlich das Fragment eines Dramas, sich zu jener Zeit bei ihm gefunden haben. Der Brief Pleschtschejews und der Zettel Belinskys waren solche nennenswerte Papiere, weil sie diese Namen trugen. Anderes mag wohl durchgeblättert worden und als wertlos in Verstoss geraten sein. Wir erhielten diese zwei Schriftstücke zur Ansicht mit der Bitte, übrigens recht harmlose, Stellen aus dem Briefe Pleschtschejews nicht zu kopieren, was wir auch in Anbetracht der Bereitwilligkeit, mit welcher uns die Dossiers gezeigt wurden, zusagten. Dieser Brief ist im übrigen für uns nicht von genügendem Interesse, um ihn hier zu bringen, es wäre denn die Stelle, wo an mehrere namentlich aufgezählte Freunde, die zu Durow kommen, »salut et fraternité« entboten wird.

Dostojewsky selbst erzählt den Vorgang dieser Verhaftung mit einem gewissen Humor in einem Blatte, das er 1860 der Tochter seines Freundes, des Schriftstellers A. Miliukow, widmet:

»Am 22., oder besser gesagt, am 23. April kam ich gegen 4 Uhr morgens von Grigorjew nach Hause, legte mich zu Bette und schlief sofort ein. -- Nicht später als nach einer Stunde etwa merkte ich durch den Schlaf hindurch, dass irgendwelche ungewöhnliche und verdächtige Leute in meine Stube getreten waren.

Es klimperte ein Säbel, der unversehens an irgend etwas gestreift hatte. Was geht da Seltsames vor? Ich öffne mit Mühe die Augen und höre eine weiche, sympathische Stimme: »Stehen Sie auf!« -- Ich schaue: da steht der Quartals-Aufseher oder irgend ein besonders Kommandierter mit hübschem Backenbart. Allein er hatte nicht gesprochen. Es hatte ein blau gekleideter, mit Oberstlieutenants-Epauletten geschmückter Herr gesprochen.

»Was ist geschehen?« frage ich, mich aufrichtend. -- »Auf Befehl« ... -- Ich schaue: richtig »auf Befehl«. In der Thüre steht ein Soldat, ebenfalls blau. Sein Säbel war es gewesen, der geklimpert hatte ... Aha! also das ist's ... dachte ich bei mir.

»Erlauben Sie mir doch ...« begann ich -- »Macht nichts, macht nichts! kleiden Sie sich an. Wir werden warten,« sagt der Oberstlieutenant mit noch sympathischerer Stimme. -- Während ich mich ankleide, verlangen sie die Bücher und beginnen sich hinein zu wühlen -- sie fanden nicht viel, wühlten aber alles durch. Die Bücher und Schriften banden sie ordentlich mit einem Stricklein zusammen. Der Kommandierte zeigte bei dieser Gelegenheit sehr viel Umsicht: er kroch in meinen Ofen und stöberte mit meinem Tschibuk in der kalten Asche herum. Der Gendarmerie-Unteroffizier stieg auf sein Geheiss auf einen Stuhl, kroch auf den Ofen, glitt aber vom Gesimse ab, fiel auf den Stuhl und mit diesem auf die Erde. Da überzeugten sich die umsichtigen Herren, dass sich nichts auf dem Ofen befand. Auf dem Tische lag ein altes verbogenes Fünf-Groschenstück. Der Pristaw betrachtete es aufmerksam und winkte endlich dem Oberstlieutenant zu: »Ist's am Ende ein falsches?« fragte ich. »Hm, das muss man doch auch untersuchen,« murmelte der Pristaw und endigte damit, dass er auch dieses Stück dem Beweismateriale hinzufügte. Wir traten hinaus. Uns begleitete die erschreckte Hausfrau und ihr Diener Iwan, der zwar auch erschrocken war, jedoch mit einer Art stumpfer, dem Ereignis angemessener Feierlichkeit dreinschaute; übrigens einer nichts weniger als feiertägigen Feierlichkeit. In der Einfahrt stand eine Kutsche, zuerst stieg der Soldat ein, dann ich, der Pristaw und der Oberstlieutenant. Wir fuhren zur Fontanka nach der Kettenbrücke beim Sommergarten. Dort gab es viele Leute und ein bewegtes Kommen und Gehen. Es begegneten mir viele Bekannte, alle waren verschlafen und schweigsam. Irgend ein Herr, ein Staatsbeamter, einer von hohem Range, besorgte den Empfang ...... ununterbrochen kamen blaue Herren mit neuen Opfern herein ...... Wir umringten nach und nach den ministeriellen Herrn, der eine Liste in der Hand hielt. Auf dieser Liste stand mit Bleistift geschrieben: »Agent der aufgedeckten Sache: Antonelli«. -- So, also Antonelli ist es -- dachten wir. -- Man postierte uns in verschiedene Winkel, in der Erwartung der endgiltigen Anordnung, wohin man einen jeden unterbringen sollte. Im sogenannten weissen Saale waren unser siebzehn, da kam Leonty Wassiljewitsch (Dubelt), der Untersuchungs-Richter, herein -- aber hier unterbreche ich meine Erzählung. Es wäre viel zu erzählen. Aber ich versichere Sie, dass Leonty Wassiljewitsch ein höchst angenehmer Mensch war.«

Andere Augenzeugen, so A. P. Miliukow und namentlich des Dichters Bruder Andreas erzählen sehr eingehend den weiteren Verlauf der Haft, des Verhörs, der ganzen Untersuchung und Verurteilung der Angeklagten. Wir nehmen daraus folgende charakteristische Daten: Von den oben erwähnten 34 Verhafteten wurden jene ausgewählt, welche auch zu Petraschewsky kamen -- es waren 23, darunter sechs Offiziere, zwei Gutsbesitzer -- die übrigen waren Studenten, Universitäts-Kandidaten, Schriftsteller und Beamte im asiatischen Departement. Andreas Dostojewsky war, wie schon oben gesagt, nur irrtümlicherweise verhaftet worden und das anstatt des ältesten Bruders Michael M. Dostojewsky, welcher zwar durchaus nicht zum Kreise Petraschewskys gehörte, ja diesem sehr antipathisch gegenüberstand, jedoch durch Durow einige Bücher aus dieser Gesellschaft entliehen hatte, was offenbar unter falschem Vornamen angegeben worden war. Andreas war also auch in der Nacht in den weissen Saal gebracht worden, wo plötzlich sein Bruder Theodor auf ihn zuläuft und ihn erstaunt fragt: »Was machst denn du da, Bruder?« Allein er konnte nicht antworten, da ein Gendarm sie trennte. Andreas bleibt nun, ohne zu ahnen warum, in Untersuchung, wird in eine feuchte Kasematte gesperrt und fängt allmählich zu begreifen an, um was es sich wohl handeln mag.

Das Verhör, bei welchem er auf die Frage des Untersuchungsrichters, in was für Beziehungen er zu Butaschewitsch-Petraschewsky stehe, ganz naiv die Gegenfrage stellt: »Petraschewsky kenne ich nicht, und wer ist denn der zweite?« bringt seine Unschuld an den Tag, und man hält ihn nur noch zurück, damit er in der Stadt nicht mit Leuten zusammen komme, »die er nicht zu treffen habe«. Es stellt sich heraus, dass man auf den Richtigen gekommen war, auf den Bruder Michael Dostojewsky, den man am 5. Mai arretiert, worauf man Andreas am 6. frei gibt. Eine Stelle aus einem Briefe Theodor Michailowitschs an den Bruder Andreas drückt noch, nach einem Zeitraum von 13 Jahren, seine Freude darüber aus, dass dieser das Missverständnis nicht früher aufgeklärt habe. »Ich erinnere mich daran,« sagt er, »du mein Teurer, erinnere mich, wie wir einander, es war wohl das letzte Mal, im weissen Saale begegneten. Es kostete dich damals nur ein Wort, das du an betreffender Stelle hättest sagen können, und du wärst sofort, als irrtümlich statt des älteren Bruders festgenommen, frei gelassen worden. Aber du folgtest meinen Vorstellungen und Bitten, du gingst grossmütig in die Thatsache ein, dass der Bruder in sehr engen Verhältnissen lebe, dass seine Frau eben erst in den Wochen gewesen sei und sich noch gar nicht erholt habe -- du begriffst das alles und bliebst im Gefängnis, um den Bruder Zeit zu lassen, seine Frau vorzubereiten und sie nach Möglichkeit für eine vielleicht lange Zeit seiner Abwesenheit sicherzustellen.[4]

[Fußnote 4: Hier wird dem Leser der Widerspruch auffallen, welcher zwischen diesem Briefe und jenem oben citierten Andreas Dostojewskys besteht, worin es heisst, dass die Brüder im weissen Saale einander zwar begegnet waren, jedoch kein Wort, ausser der Begrüssung, mit einander gewechselt hatten. Auch Orest Miller ist dieser Widerspruch während der Bearbeitung seiner Aufzeichnungen aufgefallen, so dass er sich veranlasst sah, Andreas Dostojewsky aufzusuchen und ihn über das Detail jenes Vorgangs zu befragen. In einer Fussnote seiner »Materialien zu einer Biographie Dostojewskys« klärt er uns denselben auf. Die Brüder hatten allerdings im weissen Saale kein Wort mit einander gewechselt, allein Theodor Michailowitsch hatte es versucht, auf einem Zettel alle diese Vorstellungen dem Bruder zukommen zu lassen, welchen Zettel dieser aber niemals erhielt.]

»Wenn du einmal so grossmütig und ehrenhaft gehandelt hast«, fährt Dostojewsky fort, »so konnte ich dich ja auch nicht vergessen und musste ich ja deiner, als eines ehrenhaften und guten Menschen, gedenken.«

Zum Verlauf der Untersuchung zurückkehrend, erzählt Orest Miller, dass der General Rostowzew Dostojewsky nahe gelegt habe, »alles zu erzählen«. Dieser beantwortete aber alle Fragen der Kommission ablehnend. Da wendete sich Rostowzew mit den Worten an ihn: »Ich kann nicht glauben, dass ein Mensch, welcher »Arme Leute« geschrieben hat, mit diesen lasterhaften Menschen gemeinsame Sache machen könne. Das ist unmöglich. Sie sind nicht sehr in die Sache verwickelt und ich bin im Namen des Kaisers bevollmächtigt, Sie zu begnadigen, wenn Sie die ganze Sache erzählen.« Ich schwieg, erzählte Theodor Michailowitsch. Darauf bemerkte General-Lieutenant Dubelt, einer der Untersuchungsrichter, gegen Rostowzew gewendet lächelnd: »Ich habe es Ihnen ja gesagt«, worauf dieser schrie: »Ich kann Dostojewsky nicht mehr sehen«, in die nächste Stube lief und von da heraus rief: »Ist Dostojewsky schon hinausgegangen? Sagt mir, wenn er hinausgeht, ich kann ihn nicht sehen«. Dies alles schien Dostojewsky sehr übertrieben zu sein.

Aus den Protokollen in den Archiven der dritten Abteilung entnehmen wir, dass am 23. April eine Untersuchungs-Kommission unter Vorsitz des General-Adjutanten Nabokow eingesetzt wurde, welche der Prüfung dieser Sache vom 26. April bis zum 17. September 1849 neunzig Sitzungen widmete. Die Kapitalanklage gegen Petraschewsky lautete auf: »Verbrecherische Versuche, die bestehende Staats-Verfassung in Russland zu stürzen, Heranziehung von Leuten verschiedenen Berufs und jugendlichen Alters zu den bei ihm abgehaltenen Zusammenkünften, Verbreitung schädlicher Ideen über die Religion, Erweckung von Hass gegen die Obrigkeit, und endlich Versuch, eine geheime Gesellschaft zur Erreichung dieser verbrecherischen Ziele zu gründen«.

Die Anklage gegen Dostojewsky lautete: »dass er ebenfalls (gleich Durow) an diesen verbrecherischen Plänen teilgenommen, dass er einen Brief Belinskys an Gogol verbreitet habe, der voll frecher Ausdrücke gegen die rechtgläubige Kirche und die Obrigkeit gewesen sei, und dass er den Versuch gemacht habe, zur Verbreitung von Schriften gegen die Obrigkeit im Verein mit anderen eine geheime Lithographie herzustellen.«

Dostojewskys nervöser Zustand, der schon vor der Arretierung ihm sehr beschwerlich gewesen war, wurde nach seiner acht Monate währenden Untersuchungshaft bedeutend schlimmer durch die wiederholten Verhöre und das eindringliche Zureden, er möge in seinen mündlichen und schriftlichen Antworten die Genossen angeben, so dass er endlich, dessen müde, sich selbst einen bedeutend grösseren Anteil bei der Sache vindicierte, als er in der That daran genommen hatte, und so hoffte, dieselben Qualen des Verhörs von den Mitangeklagten abzulenken.

Seine eingehendste schriftliche Beantwortung der ihm vorgelegten Fragen lassen wir hier in getreuer Übersetzung des Original-Manuskripts folgen. Oberflächlichen Kennern Dostojewskys, welche jedoch über die Thatsachen dieses Prozesses vortrefflich unterrichtet sind, ist der Inhalt dieser, im August 1898 in der »N. Fr. Presse« durch uns veröffentlichten Verteidigungsschrift lediglich ein »advokatorisches Meisterstück«. Wer des Dichters Grundnatur und seinen inneren Entwickelungsgang näher kennt, wird dies nicht schlankweg annehmen. So sehr auch Dostojewsky »das Zeug zum Verschwörer« haben mochte, wie man von ihm sagte, und so oft er selbst von einer »Umkehr« spricht, lag doch der slavisch-mystische Wesenskeim zu tief in seiner Natur, um nicht bei der ersten Erschütterung seiner revolutionären Anwandelungen entschieden und endgiltig in seine Rechte zu treten. Ja, der Atheismus, welchem er sicher um jene Zeit gehuldigt haben muss, und der sich dreissig Jahre später im herrlichen Kapitel »Der Grossinquisitor« wiederspiegelt, dieser Atheismus ist nichts als die Kehrseite eines heissen Gottesdurstes und hat nichts gemein mit dem kühlen Indifferentismus in Glaubenssachen, wie er das endgiltige Merkmal des echten Revolutionärs ist. Wenn wir hier diesen Standpunkt festhalten, wenn wir darauf hinweisen, dass in dieser Verteidigungsschrift bei aller Gewandtheit und berechnenden Wahrheitskühnheit auch viel wirkliche Wahrheit enthalten ist, namentlich an jener Stelle, wo Dostojewsky die bekannte Aksakowsche Geschichts-Anschauung entwickelt, wenn wir sogar gegen seinen eigenen Ausspruch über sich protestieren, so geschieht dies nicht, um ihn »rein zu waschen« oder »päpstlicher als der Papst« zu sein, sondern um den Wendungen und Windungen dieser höchst komplizierten Natur nachzugehen, die sich oft »zur Wahrheit durchlog«, mit der Wahrheit spielte und der es doch heiliger Ernst und Wahrheit war, womit der ewig bewegte Geist nicht anders als spielen konnte. Die Verteidigungsrede lautet wie folgt:

Th. M. Dostojewskys Rechtfertigungsschrift im Prozesse Petraschewsky, verlesen in der 42. Sitzung der Untersuchungs-Kommission unter dem Vorsitze des General-Adjutanten Nabokow am 20. Juni 1849.

»Man verlangt von mir, dass ich alles, was ich über Petraschewsky und über jene Leute, welche seine Freitags-Abende besuchten, weiss, aussagen soll, das heisst, man verlangt meine Aussage über Fakten und meine persönliche Meinung über diese Fakten.

Wenn ich die heutigen Fragen mit dem ersten Verhöre zusammenhalte, so schliesse ich, dass man von mir eine genaue Antwort auf folgende Punkte fordert:

1. Darauf, was für einen Charakter Petraschewsky als Mensch im allgemeinen und als Politiker im besonderen hatte.

2. Was an jenen Abenden, welchen ich beiwohnte, bei Petraschewsky vorging, sowie meine Meinung über diese Abende.

3. Ob nicht irgend ein geheimes, verborgenes Ziel der Gesellschaft Petraschewsky zu Grunde lag? Ob Petraschewsky selbst ein für die Gesellschaft schädlicher Mensch und in welchem Grade er es war.

Ich bin niemals in sehr nahen Beziehungen zu Petraschewsky gestanden, obwohl ich an Freitags-Abenden zu ihm kam und auch er mich besuchte.

Dies ist eine jener Bekanntschaften, an denen mir nicht allzu viel gelegen war, da ich weder im Charakter noch in vielen Anschauungen mit Petraschewsky übereinstimmte. Darum erhielt ich diese Beziehung nur insoweit, als es die Höflichkeit verlangte, das heisst, ich besuchte ihn etwa jeden Monat einmal, manchmal auch seltener. Ihn aber vollständig aufzugeben, hatte ich keinerlei Ursache; überdies war es mir manchmal interessant, seine Freitage zu besuchen.

Mich haben immer viele Excentrizitäten und Absonderlichkeiten im Charakter Petraschewskys frappiert. Unsere Bekanntschaft begann sogar damit, dass er bei der ersten Zusammenkunft durch seine Absonderlichkeiten meine Neugierde erweckte. Ich fuhr jedoch nicht oft zu ihm; es geschah, dass ich manchmal ein halbes Jahr nicht bei ihm war. Im vorigen Winter war ich vom September angefangen nicht mehr als achtmal bei ihm. Wir waren niemals intim mit einander, und ich glaube, dass wir während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft niemals mehr als eine halbe Stunde unter vier Augen mit einander gesprochen haben. Ich habe sogar entschieden bemerkt, dass er, indem er zu mir kam, gleichsam eine Pflicht der Höflichkeit erfüllte, dass aber zum Beispiel ein langes Gespräch mit mir ihm lästig war. Bei mir war dasselbe der Fall, da wir, wie ich wiederhole, weder in den Ideen noch in den Charakteren Vereinigungspunkte hatten. Wir fürchteten beide, länger mit einander zu sprechen, da wir vom zehnten Worte an mit einander gestritten hätten, dies aber uns beiden zuwider war. Es scheint mir, dass unsere gegenseitigen Eindrücke die gleichen waren; wenigstens weiss ich, dass ich zu seinen Freitags-Abenden sehr oft nicht sowohl um seiner selbst willen und wegen der »Freitage« fuhr, als um dort manche Leute zu treffen, die ich, obwohl ich mit ihnen bekannt war, ausserordentlich selten sah und welche mir gefielen. Übrigens habe ich Petraschewsky immer als einen ehrenhaften und edlen Menschen geachtet.