Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 36
Wir setzen bei deutschen Lesern die Bekanntschaft mit dem Buche voraus. Sowohl die Fabel, als auch die Richtung -- welche im Kapitel vom Starez angezeigt ist -- liegen klar zu Tage. Allein im Grossartigen, im Ungeheuren, das in dem Kapitel vom Grossinquisitor heraustritt und scheinbar allgemein menschlich ist, das in jeder Sprache hätte geschrieben werden können, da vibriert schon die tiefe russische Note mit, die russische Seele, die ihren Gottesdurst in Erdenlust und verneinende Grübelei zerspaltet. Das brennende Begehren nach dem Glauben, das diese »Legende« geschaffen hat, ein Begehren auch in der Seele eines mit allen Vorzügen westlicher Bildung ausgestatteten Geistes wie Iwan Karamasow, das ist echt russisch. Diese Figur Iwans und diese Episode beleuchten uns auch urplötzlich, was Dostojewsky unter seiner »russischen Allmenschlichkeit« versteht. Die ewige Frage nach dem Gotte, die dieses Volk durch alle Zeiten hindurch, auf allen Gebieten in sich behält, ist ihm Bürgschaft, dass diese zwei Züge, so untrennbar wie sie es sind, zugleich allgemein menschlich und echt russisch sind.
Echt russisch ist auch das Schuldthema aufgenommen und durchgeführt. Ganz unbewusst und selbstverständlich fliesst dieses »an allem und für alle und alles schuldig sein« wie ein Element durch die Menschen und Ereignisse des Romans, bis es in den Bekenntnissen Sosimas bewussten Ausdruck erhält. Ja, Rósanow, der geistvolle Kommentator, findet darin einen Fehler, dass nicht auch die Kinder in diese Allschuld einbezogen sind, die Iwan als »unschuldig unter der Disharmonie der Welt Leidende« hinstellt; dass der Dichter nicht auch ihnen die Erbsünde zugeteilt hat; eine orthodoxe Einseitigkeit, vor welcher ein feineres Gefühl den Künstler glücklich bewahrt hat.
Ganz besonders russisch aber ist der endgiltige Hinweis auf Russlands reinere Zukunft, die Jugend. Dieses Motiv der russischen Jugend, das wir in allen seinen grösseren Werken, gleichsam hinter ihnen her, wie ein Dämmern künftiger Tage fühlten, das er im Epilog des Podrostok geradezu verkündet, hier bricht es plötzlich hervor und wir sehen mit einemmal das ganze Gebiet ringsum beleuchtet, vor uns die Zukunft des Helden jenes Atridenromans der Karamasow, der das Sühnungswerk der Iphigenie in modernem und christlichem Sinne zu vollenden hat. Aljoscha sollte, so war des Dichters Plan, nach des alten Sosima Gebot in die Welt zurückgehen, ihr Leid und ihre Schuld auf sich nehmen. Er heiratet Lisa, verlässt sie dann, um der schönen Sünderin Gruschenka willen, die sein Teil Karamasowschtschina[34] zu Falle bringt, und tritt nach einer bewegten Periode irrenden und verneinenden Lebens, da er kinderlos geblieben ist, geläutert wieder ins Kloster ein; er umgiebt sich da mit einer Schar von Kindern, die er bis an seinen Tod liebt und lehrt und leitet. Wem fiele hier nicht der Zusammenhang mit der Erzählung des Idioten von den Kindern ein, wem nicht der kleine Held, alle die entzückenden Kinderzüge, die nur die Liebe entdeckt. Nun fällt aber auch ein Abglanz dieser Stimmung wie Feuerschein in die unerbittliche Geisselung der Gott-losen Jugend in den »Besessenen«, im »Idiot«, im »Jungen Nachwuchs«, und wir sehen den Dichter förmlich mit seinen zwei Simson-Armen die Säulen jenes Götzentempels umklammern, um sie in Trümmer zusammenzuwerfen. Wir sehen seinen Hass, seine Ungerechtigkeit und Übertreibung als die Zerstörungsarbeit an, auf dem Platze, wo allein ein neuer Aufbau möglich ist. -- -- Diese Jugend sehen wir, von ihm verdammt, zu Grunde gehen, um jener anderen willen, die er in der Seele trägt und welcher dereinst Russlands Zukunft gehören soll.
[Fußnote 34: Ein Wort, das heute in Russland als Gattungsname für angeborene Wollust Geltung gewonnen hat.]
Die Fabel des Romans ist bei aller Füllung desselben mit einer Unzahl von Episoden, Ereignissen, Zufälligkeiten u. dergl. klar und einfach genug. Wer Dostojewsky kennt, der weiss, dass er nur wenige Themen hat, ja eigentlich ein einziges Urthema, aus dem er immer wieder das Gerippe eines Problems aufbaut, das er in lebendige Menschen einfleischt, denen er ihre individuelle Seele einhaucht. So fände ein Spurensucher in Dostojewskys Werken reichliches Nachweismaterial für Varianten und Wiederholungen des Grundthemas. Was gäbe es da für Ernten für einen Nachwuchs von Kommentatoren im Sinne der Goethe-Forschung, wenn so etwas in Russland möglich wäre! Was im jungen Russland nachgeforscht und nachgewiesen wird, ist heute noch der Sinn, nicht das i-Tüpfelchen des Mysteriums einer Dichtung. Dieser Nachweis aber ist leicht, denn der Sinn der Wiederholungen ist immer augenfällig.
So wiederholen sich des Dichters Gedanken über die »neuen Ideen« in den »Tagebüchern«, in »Schuld und Sühne«, in »winterlichen Betrachtungen über Sommereindrücke« [diese allerdings durch die Londoner Einflüsse modificiert], in den »Besessenen« usw, nahezu wörtlich, da es sich für ihn in erster Linie um die Wirkung, nicht um die Stilschönheit seiner Worte handelt. Den »Traum eines lächerlichen Menschen« träumen wir ihm zweimal nach, finden dessen Grundidee in dem kleinen Aufsatz wieder, den er unter dem Titel »Das goldene Zeitalter in der Tasche« im Januarheft des Tagebuchs von 1876 publiciert, und zuletzt als positiven Hintergrund seiner Hoffnungen für die Zukunft. Auch die Figuren Dostojewskys kehren, unendlich variirt, niemals zum Typus herabsinkend, häufig wieder. Namentlich treten für das Auge des Russen gewisse Merkmale immer wieder auf, deren Gemeinsamkeit dem europäischen Leser oft darum entgeht, weil ihm das Merkmal selbst nichts sagt. So sind Iwan Karamasow und Raskolnikow, der Fürst Walkowsky und Swidrigailow, der »Idiot« und Aljoscha Karamasow, der Starez Sosima und der Wanderbettler Makar im »Jungen Nachwuchs«, der Fürst Sokolsky ebenda und der alte Fürst in »Onkelchens Traum« eigentlich Variationen einer Wesenheit, mit künstlerischer Vollendung bis ins Kleinste individualisiert. Nur Dmitri Karamasow steht ohne Gegenspielart da. Er ist auch der Träger des echt Dostojewskyschen Elements des Unbewussten, das eigentlich die Komplikation und den Abschluss des uns bekannten Teiles der Fabel herbeiführt.
Der alte Karamasow ist ein Wollüstling niederster, bis ins Mysteriöse gehender Art. Er erzeugt mit zwei Frauen und einer blödsinnigen Bettlerin, die er vergewaltigt, vier Söhne, welche, jeder in seiner Art durch den Anteil der Mutter modificiert, ihr Teil vom Karamasowschen Erbe in sich tragen. Die erste Gattin war nach einem kurzen Romantismus, der sie veranlasst hatte, ohne alle Not mit ihm durchzugehen, energisch geworden, hatte ihn bald geprügelt und zuletzt mit dem dreijährigen Dmitri und ihrer Mitgift allein gelassen. Die Spuren dieser Ehe prägen sich in Dmitris Zügellosigkeit und der mit einem deklamatorischen Pathos vermengten unordentlichen Ehrlichkeit aus. Iwan, der ältere Sohn der hysterischen »Schreiliesel«, die hinwieder der Gatte prügelte, erbte ausser der Karamasowschtschina (etwa Karamasowerei) die äusserste Reizbarkeit der Nerven seiner Mutter, die ihn zu Hallucinationen führte, während bei Aljoscha, dem Jüngsten, die bösen Mächte sich erschöpft zu haben schienen, wenn sie ihm auch einen Rest jenes Erbübels zuteilten. Der Sohn der Gosse jedoch, Smerdjakow, der nachmalige Vatermörder, ist die Personifikation der Seelenlosigkeit als Produkt bestialischer Triebe, und ihn lässt der Dichter, charakteristisch genug, vom Vater zum Koch ausbilden, gleichsam ein Symbol der verwandten Triebe von Völlerei, Wollust und Grausamkeit.
Dmitri treibt sich unter fremden Menschen herum und verprasst sein mütterliches Erbteil, während Iwan und Aljoscha einer gewissen Bildung in Seminarien und Lyceen teilhaftig werden.
Alle diese Karamasowschen Abkömmlinge lässt der Dichter, jeden in seiner Weise, mit den ererbten Gaben fertig werden. Bei Dmitri treten sie gewaltsam, brutal, doch mit guten Ansätzen und Reue-Anfällen vermengt, zu Tage. In dieser Mischseele ist dem Unbewussten, Rhapsodischen, Thür und Thor geöffnet, was ja auch die Anklage gegen ihn, seine ungeschickte Verteidigung und die Verurteilung des unschuldig Schuldigen wegen Vatermords zur Folge hat.
In Iwan hat sich die grobe Wollust in spintisierende Lebensgier gewandelt, dies führt ihn zu einer leidenschaftlichen Untersuchung des Lebens und seiner Freuden, sowie dazu, es ungerecht eingerichtet und als etwas Misslungenes zu verurteilen, das er »ablehnt«. Wenn ein Gott ist, sagt er zu Aljoscha, mit dem er sich in einem kleinen Wirtshaus am Vorabend seiner Abreise getroffen hat, um »echt russisch, im Traktir vom Dasein Gottes zu sprechen«; wenn ich auch einen Gott annehme -- »seine Werke lehne ich ab«. Schon früher hatte er gesagt: »Weisst du, was ich dahier eben erst zu mir gesagt habe? Sollt' ich auch nicht mehr an das Leben glauben, müsst' ich den Glauben an ein teures Weib, an die Ordnung der Dinge aufgeben, ja, sollte ich mich im Gegenteil davon überzeugen, dass alles ein unordentliches, verfluchtes und vielleicht teuflisches Chaos ist, sollten mich auch alle Schrecken der menschlichen Enttäuschung treffen -- dennoch werde ich leben wollen, und wenn ich diesen Becher angesetzt habe, so will ich nicht eher davon lassen, als bis ich ihn nicht ganz bewältigt habe. -- -- Ich habe mich oft gefragt: giebt es im Leben eine Verzweiflung, welche in mir diesen wütenden und vielleicht unanständigen Lebensdurst besiegen könnte, und geantwortet: dass es derlei nicht giebt; das heisst bis zu meinem dreissigsten Lebensjahr -- dann aber werde ich selbst nicht mehr wollen, so scheint es mir. Diese Lebensgier nennen manche schwindsüchtige Gelbschnäbel-Moralisten, namentlich Poeten, niedrig. Wahr ist's, es ist zum Teil ein Karamasowscher Zug, diese Lebensgier, die über alles hinweggeht; auch in dir sitzt sie unbedingt, aber warum ist sie denn niedrig?« usw. »Die klebrigen Frühlingsknospen lieb' ich, den blauen Himmel lieb' ich -- das ist's. Hier ist nicht Verstand, nicht Logik, hier liebst du mit den Eingeweiden, als Wurm liebst du hier, deine ersten jungen Kräfte liebst du ... verstehst du etwas davon?«
Darauf Aljoscha: »Nur allzu gut usw.« ... Hier ist auch des Jüngsten Karamasowschtschina eingeführt; da er sagt, er »verstehe« -- gehört er auch zur Familie. Dennoch lehnt Iwan das Leben als Werk einer Ordnung und Vernunft, als »Euklidische Geometrie« ab. »Nicht Gott ist's, den ich ablehne, verstehe das, sondern die von ihm erschaffene Welt, die Gotteswelt lehne ich ab, ich kann mich nicht entschliessen, sie anzunehmen.« -- Nun folgt ein leidenschaftlicher Protest gegen das Leben, den Iwan mit dem Bekenntnis einleitet, dass er nie begriffen habe, wieso man seine Nächsten lieben könne. In der Ferne, meint er, gehe es noch, aber in der Nähe sei jeder Mensch dem anderen widrig und keiner sei imstande, die Leiden des andern zu begreifen. An diese sehr charakteristische Begleiterscheinung seines Karamasowtums schliesst er sofort die Begründung seines Protestes gegen die Weltordnung an und wendet sich dabei an jenen tiefen Zug in Aljoscha, in den dieses Jünglings Karamasowtum schon gemildert einlenkt, um endlich nach des Dichters Absichten ganz geläutert auszuklingen: die Liebe zu den Kindern.
Iwan sagt ungefähr: wenn ich auch glauben will, dass »die Euklidischen Parallelen« sich in der Ewigkeit berühren, dass alles Leid und alle Missethat der Menschen zuletzt einmal in Harmonie aufgelöst sein wird -- wie kann ich eine Welt zugeben, in der auch nur ein kleines Kind seine unschuldigen Thränlein vergiessen muss? Nun erzählt er Episoden aus Kriegszeiten, aus der Zeit der harten Leibeigenschaft, wo Kinder in der grauenvollsten Weise einer Laune, einer Bestialität zum Opfer fielen [der Dichter benutzt für seine Beispiele hier wie überall Dokumente]. »Die Kinder müssen erlöst werden, sonst giebt es keine Harmonie. Womit, womit aber kaufst du sie los? Ist das denn möglich? Etwa damit, das sie gerächt werden? Aber wozu brauch' ich die Vergeltung, wozu die Hölle für ihre Peiniger; was kann hier die Hölle gutmachen, wenn jene schon zu Tode gequält wurden? Was ist das aber für eine Harmonie, wenn eine Hölle dazu da ist? Ich will vergeben, ich will umarmen, ich will nicht, dass man weiter leide. Und wenn die Leiden der Kinder darauf gegangen sind, um jene Summe von Leiden voll zu machen, die für das Erkaufen der Wahrheit unumgänglich nötig war, so behaupte ich von vornherein, dass die ganze Wahrheit eines solchen Preises nicht wert ist. Ich will endlich nicht, dass die Mutter den Peiniger umarme, der ihr Kind durch Hunde zerfleischen liess! Sie wage es nicht, ihm zu verzeihen! Wenn sie will, so mag sie ihm für sich verzeihen, mag sie dem Peiniger ihr unermessliches mütterliches Leiden vergeben, allein die Leiden ihres zerfleischten Söhnchens ihm zu verzeihen, dazu hat sie kein Recht, sie darf sie ihm nicht vergeben, wenn auch das Kind selbst sie ihm verziehe. Wenn es aber so ist, wenn sie nicht verzeihen dürfen, wo ist dann die Harmonie? Ist auf der ganzen Welt ein Wesen, welches das Recht hätte, zu vergeben? Ich will keine Harmonie, aus Liebe zur Menschheit will ich keine. Ich will lieber bei den unvergoltenen Leiden verharren. Lieber will ich schon bei meinem ungesühnten Leiden, bei meiner ungemilderten Entrüstung bleiben, auch wenn ich nicht recht hätte. Allzu hoch hat man diese Harmonie geschätzt, es geht durchaus über unsere Mittel, da so viel für den Eintritt zu bezahlen. Darum beeile ich mich, meine Eintrittskarte zurückzustellen. Und wenn ich ein ehrlicher Mensch bin, so bin ich verpflichtet, die Karte so schnell als möglich zurückzugeben. Das thue ich auch« usw. -- --
Nun ruft Aljoscha plötzlich mit leuchtenden Augen: »>Ist in der ganzen Welt ein Geschöpf, das verzeihen könnte<, sagst du. Aber dieses Wesen ist und es kann >alles und allen vergeben< -- du hast ihn vergessen.« -- -- Wir haben hier wieder das Problem des Kellerbewohners in erhöhter, nicht mehr cynisch negativer Form; hier drängt die Frage des Ausgleichs ihrer Lösung zu und es tritt, zum erstenmale in Dostojewskys Werken, der Name Christi und im folgenden Kapitel vom Grossinquisitor die wunderwirkende Gestalt des wiedergekehrten, schweigenden Christus als Person auf.
Dieses Kapitel in dem engen Rahmen einer auf den russischen Volksgeist gerichteten Studie würdig zu besprechen, wäre ein Vermessen. Wir müssen uns auf Andeutungen und Hinweise beschränken. Den Grundgedanken hüllt Iwan, der dem sanften Bruder seinen Atheismus verkünden will, in die Form der Legende. Zur Zeit der Inquisition werden in Sevilla Scheiterhaufen zur alltäglichen Ketzerverbrennung aufgerichtet. Christus erscheint, ein müder Wandersmann, in der Menge und wird von allen sofort erkannt. Man drängt sich um ihn, wirft sich vor ihm nieder, da er Wunder wirkt. Da erscheint der neunzigjährige Grossinquisitor mit seinem Gefolge und lässt den Allverehrten festnehmen und in ein unterirdisches Gefängnis werfen. In der Stille der Nacht öffnet sich die schwere Thür des Gelasses, und der Inquisitor tritt herein. Christus sitzt an einem Tische, eine Leuchte steht vor ihm. Nun beginnt der Greis mit harter, blutleerer Lippe seine Rede.
Er setzt ihm das Unrecht auseinander, noch einmal gekommen zu sein. »Deine Zeit ist vorüber, sagt er, was hast du aus den Menschen gemacht, denen du die Freiheit schenktest, dir, auf dein Beispiel hin, zu folgen? Sie sind zu schwach für diese Freiheit. Damit hast du nur für die Auserwählten gesorgt, für die Starken, die alle Opfer, alle Demütigung auf sich zu nehmen vermögen, wenn sie dir folgen. Aber die anderen? Bist du denn nur ein Gott der Starken? Siehe, wir, die Kirche, wir lieben die Menschen mehr als du, wir lieben alle, wir nehmen ihre Leiden auf uns, wir vollenden in deinem Namen das Werk, das du nur halb gethan. Und du warst gewarnt. Jener furchtbare und tiefsinnige Geist, der dich angeblich versucht hat, er hat dir drei Mittel an die Hand gegeben, wie du die Menschen für alle Zeiten dir unterthan und wie Kinder glücklich machen konntest. -- Du hast sie verschmäht. Nun haben wir sie aufgenommen, diese Mittel, und die Menschen sind beruhigt, beruhigt in deinem Namen. Wozu also bist du gekommen unser Werk zu stören?«
Nun entwickelt der Inquisitor die römische Deutung der drei Darbietungen des »furchtbaren Geistes«, welche die Menschen für alle Zeit im Banne halten: Das Wunder, das Geheimnis und die Autorität. Die gezogene Folgerung ist nun die, dass die unerbittliche und unbedingte Machtforderung der römischen Kirche auf den Atheismus gestützt ist, dass das Wunder kein Wunder, hinter dem Geheimnis -- nichts ist, dass aber ihre Autorität durch diese erfundenen und aufrechterhaltenen Mysterien die Gewissen beruhige und den Menschen die Sünde gestatte, die sie ihnen, als schwachen Kindern, nicht entziehen könne, sodass sie ihrer Freiheit, ihnen unbewusst, glücklich wieder ledig würden. »Und morgen lasse ich dich verbrennen. Dixi«, schloss der Greis seine Rede. Christus schweigt noch immer, während der Inquisitor eine Antwort erwartet. Da erhebt sich der Gefangene, tritt auf den Inquisitor zu und drückt einen Kuss auf seine kalten Greiseslippen. Dieser erschauert, öffnet die Thüre und entlässt den Gefangenen in die finstere Nacht.
»Und der Alte?« fragt Aljoscha. »Der Kuss brennt auf seiner Seele, doch er bleibt bei seiner Idee«, erwidert Iwan. »Und du mit ihm, du mit ihm!« ruft Aljoscha kummervoll aus. Die Brüder trennen sich. Aljoscha macht sich bittere Vorwürfe, dass er den Bruder Dmitri hatte vergessen können, den er indessen nirgends findet, während Iwan zu Smerdjakow eilt, der für seine pathologische Unmenschlichkeit gern gebildete Beweggründe von Iwan entlehnt. Es bereitet sich in diesen Köpfen und Herzen der Mordgedanke vor, und die Rede und Gegenrede dieser Zwei lässt uns, ohne dass die Sache ausgesprochen würde, das Entsetzliche ahnen, dass irgendwie Dmitri, der mit dem Vater um Geldes willen und aus Eifersucht auf eine leichte Schöne, Gruschenka, im Hader lebt, werde missbraucht oder vorgeschoben werden. Die schreckliche That geschieht zu später Nachtstunde und so, dass aller Verdacht auf Dmitri fällt, der in wilder Ungeduld irgendwo eine Mörserkeule mitgenommen hatte und nach des Vaters Garten geeilt war. Hier hatte er am Fenster gestanden und in rasendem Zorn das Kommen der bestellten Schönen erlauern wollen. Da sieht er den alten Lüstling zum Fenster treten und verbirgt sich. Später will er fliehen, hört Stimmen, sieht sich verfolgt und eilt zum Gartenzaun, über den er sich schwingt. Da wird er vom alten Diener Grigorji am Fuss gepackt, der mit rauschheiserer Stimme schreit: >Das ist er, der Vatermörder!< Da fällt der Alte aber auch schon wie vom Blitz getroffen zu Boden. Dmitri springt in den Garten zurück, wirft die Keule ins Gras, betastet den Kopf des Alten, der von Blut überströmt ist, und entflieht.
Der Dichter lässt überall, wo Dmitri handelt oder handeln könnte, Dunkelheit walten; es fehlen konkrete Bindeglieder der Erzählung. Dies ist nicht nur einem Kunstgriff im gröberen Sinne zuzuschreiben, der die Spannung und Vermutung des Lesers bis zur Lösung offen halten will, sondern in gleichem Masse dem künstlerisch feineren Hilfsmittel, Dmitris Handeln so darzustellen, wie es, ihm unbewusst, aus der Dunkelheit seiner Seele hervorbricht. Kurz vorher noch hatte er zu Aljoscha gesagt: »Weisst du was? Ich weiss nicht, ich weiss nicht, vielleicht bringe ich ihn nicht um, vielleicht aber bringe ich ihn um. Ich fürchte, dass ich's thue _in derselben Minute, da er mir mit seinem Gesicht verhasst wird_. Ich hasse seinen Adamsapfel, seine Nase, seine Augen, sein schamloses Lächeln ... einen physischen Ekel fühle ich. Das ist's, was ich fürchte, da werde ich mich nicht zurückhalten können.« -- -- »Gott hat mich davor bewahrt«, sagt er später. Aljoscha aber weiss von allen diesen Dingen nichts. Er hat den Bruder gesucht, ihn nicht finden können und kehrt nun in das Kloster, wo er als dienender Laienbruder um den Starez Sosima beschäftigt ist, voll Sorge zurück. Er findet dort den Ehrwürdigen, den er schon sterbend wähnte, aufrecht sitzend in seiner Zelle, im Kreise der Mönche und Jünger, die seinen ermahnenden Worten lauschen. Sosima begrüsst den Jüngling liebevoll und fragt ihn nach »dem Bruder«. Er denkt dabei nur an Dmitri, der am Vortage zugleich mit Iwan, dem Vater und anderen das Kloster besucht hatte. Sie waren da vor dem Greise in einen hässlichen Streit geraten, und dieser war aufgestanden, um die Zelle zu verlassen, hatte sich plötzlich vor Dmitri niedergeworfen und den Boden mit der Stirn berührt, »um des Furchtbaren willen, das er in Dmitris Antlitz herankommen gesehen«. Um ihn vor diesem Furchtbaren zu bewahren, hatte er Aljoschas sanftes Antlitz nach ihm ausgesendet.
Nun wendet sich der Greis ganz besonders an Aljoscha und uns wird das »Geheimnis« offenbar, das der Dichter in das Motto [Ev. Johannis XII, 24] des ganzen Werkes gelegt hat und das in jenem anderen, durch viele seiner Werke gehenden und selten verstandenen Citate seine Gegenseite findet: »Wir alle sind für alle und an allem schuldig.«
Der Starez Sosima sagt: »Ich habe Dich zu ihm gesandt, Alexei, weil ich dachte, dass Dein Bruderantlitz ihm helfen werde. Aber es kommt alles von Gott, alle unsere Geschicke. >Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: Es sei denn, dass das Weizenkorn in die Erde falle und ersterbe, so bleibt es allein; wo es aber erstirbt, so bringt es viele Früchte.<
Erinnere Dich daran. Dich aber, Alexei, habe ich viele Male im Geiste gesegnet um Deines Antlitzes willen, wisse es,« sagte still lächelnd der Greis. »So denke ich von Dir: Du wirst aus diesen Mauern scheiden und wirst in der Welt verweilen -- als Mönch. Du wirst viele Gegner haben, aber Deine Feinde selbst werden Dich lieben. Viele Widerwärtigkeiten wird Dir das Leben bringen, allein durch sie wirst Du auch beglückt sein und das Leben segnen und auch andere es zu segnen zwingen -- was das Wichtigste von allem ist.«
Dies ist für uns der springende Punkt der Hauptidee vom »Dasein Gottes«, welche ohne Dialektik endlich Iwans geniale Beweisführungen besiegen wird. Aljoschas liebevoll brüderliches Wesen, dessen Abglanz auf seinem Antlitz schon seine Sendung verkündet, es wird die Feinde ihn zu lieben zwingen. Unsere immerwährende Schuld ist also die, dass wir nicht wie das Weizenkorn für uns ersterben, um in anderen Früchte zu bringen, sondern, dass wir zu wenig lieben und dadurch auch die anderen zur Unliebe veranlassen. Das wird bis zur Unumstösslichkeit deutlich da, wo Sosima den Umstehenden seine Jugendgeschichte erzählt, allerdings, seinem Wesen entsprechend, mit einer Beimischung orthodoxer Kirchlichkeit.