Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 35
Von Raskolnikow, dem »Napoleon«, bis zum Bürschlein Kolja Krassotkin, der -- im Epilog der »Karamasow« -- »für die Wahrheit sterben möchte, mögen auch unsere Namen vergehen«, zieht eine endlose Reihe junger Wesen an uns vorüber, durch deren Seele der Geist der Zeit weht. Es ist sehr bedeutsam, was der Dichter in jenem oben citierten Briefe an Christine Danilowna N. sagt, dass er sich bestrebe, mit 53 Jahren noch die Jugend zu verstehen. Gerade er müsste es empfinden, dass mit seiner Liebe, seinem Interesse für die Jugend, seine Thätigkeit begraben würde, dass er, an diese Grenze gelangt, überhaupt nichts mehr zu sagen hätte.
Arkadji Makarowitsch, unser Adolescent, ist eine Art Raskolnikow. Auch er hat seine »Idee«. Nicht ein Napoleon will er sein, sondern ein Rothschild. Er will »ununterbrochen« und »hartnäckig« Geld aufhäufen, um die Macht auszuüben, die das Geld verleiht. Aber nicht durch Glanz und Prunk will er das, sondern viel hochmütiger, indem er den Glanz ablehnt und sich erlauben darf, als Bettler einherzugehen, Millionen zu verachten.
Wieso kommt dieser Zwanzigjährige zu seiner »Idee«? Er ist ein unehelicher Sohn, das Opfer der »zufälligen Familie« unserer Tage, und strebt auf diese Weise alles, was das Schicksal ihm schuldig geblieben, nobel zu quittieren. Er schreibt selbst die Geschichte dieser Ideen, ihrer Entwickelung zur That nieder, sowie das Fiasko, das sie endlich erleidet, und sendet diese Aufzeichnungen an einen klugen, alten Freund zur Beurteilung, ob sie für einen Roman tauglich seien.
Was dieser Aussenstehende darüber sagt, das spricht des Dichters eigene Absicht aus, die Dostojewsky immer oder zumeist im Epilog seiner Hauptgedanken zusammenfassend ausspricht, was manche Neueren ihm mit wenig Glück nachgemacht haben. Denn ein solches Zusammenfassen und Aussprechen wirkt nur bei dem Starken, der seine Ideen künstlerisch auf die Beine zu stellen versteht, als Verstärkung, während sie für den Schwachen zum Rettungsanker für die Verständlichkeit verwendet wird.
Jener Freund nun weist vor allem auf den Verfall der alten, grundständigen russischen Familie hin, die andere Kinder, andere Jünglinge herangezogen habe, als die hereinbrechende Horde der »zufälligen Familie«, die eine solche Jugend erzeuge wie die heutige. Mit solchen Typen, meint er, werde der russische Roman unmöglich werden. Die Reinheit der Familie müsse es sein, welche nicht allein dem Roman, nein, dem Leben verheissungsvolle Typen schenken würde. Nun zählt der Schreiber dem jungen Menschen, die ehelichen und unehelichen Kinder seines »zufälligen« Vaters, des geistreichen und haltlosen Neurussen Wersilow, vor, und schliesst:
»Sagen Sie mir jetzt, Arkadji Makarowitsch, dass diese Familie -- eine zufällige Erscheinung sei, so wird sich meine Seele darüber freuen. Allein, wird nicht im Gegenteil jene Schlussfolgerung richtiger sein, welche sagt, dass unbedingt schon eine grosse Anzahl russischer Stammfamilien unaufhaltbar und in Massen in zufällige Familien eintreten und in gemeinsamen Chaos, gemeinsame Unordnung mit ihnen zusammenfliessen? Auf einen Typus dieser zufälligen Familien weisen ja auch Sie in Ihrer Handschrift hin. Ja, Arkadji Makarowitsch, Sie -- sind Mitglied einer zufälligen Familie, im Gegensatze zu unseren noch vorlängst bestehenden alten Familientypen, die eine von der Ihrigen so sehr verschiedene Kindheit und Jugend hatten.
Ich gestehe, ich möchte nicht der Romancier eines Helden der zufälligen Familie sein! Eine undankbare Arbeit, eine Arbeit ohne schöne Formen. Ja, und diese Typen sind auf jeden Fall -- noch eine Gegenwarts-Sache, können daher nicht künstlerisch vollendet werden. Da sind schwere Irrtümer, Übertreibungen, da ist ein Übersehen möglich. Auf jeden Fall müsste man allzu viel erraten. Was aber soll ein Schriftsteller thun, der wünschen würde, nicht nur historisch zu schreiben, der von der Sorge um die Gegenwart bedrängt ist? Raten und -- sich irren.
Allein solche »Aufzeichnungen«, wie die Ihren, könnten, so scheint es mir, als Material für ein künftiges Kunstwerk, für ein künftiges Bild einer unordentlichen, aber schon vergangenen Epoche dienen. Wenn des Tages Zorn vorüber sein wird und das Kommende hereinbricht, dann wird der künftige Künstler sogar für die Gestaltung des vergangenen Chaos herrliche Formen finden, dann werden solche Aufzeichnungen, wie die Ihrigen sind, gebraucht werden und ein gutes Material abgeben -- wenn sie nur aufrichtig sind, ungeachtet alles Chaotischen und Zufälligen darin ... Es werden da wenigstens einige wahrhafte Züge unversehrt erhalten bleiben, aus denen man wird erraten können, was sich in der Seele manch eines Jünglings jener trüben Zeiten bergen konnte -- eine nicht ganz geringfügige Erkenntnis, denn aus den Jünglingen erstehen die Geschlechter.«
Ausser der Korrespondenz mit Fremden, die von Jahr zu Jahr für den Dichter immer drückender wurde, nahm Dostojewskys intensive innere und äussere Vorbereitung zu seinem »letzten Roman« einen immer grösseren Raum in seinem Leben ein. Er sucht die grossen Mönchklöster mit ihren >Skity< (Einsiedeleien) wieder auf und widmet vor allem jeden freien Augenblick dem Besuch der Gerichtsverhandlungen, dem praktischen Studium der Rechtspflege; denn so wenig er etwas über die Theorie der Psychiatrie gewusst hatte, da er so treffsicher unzählige Krankheitstypen hinzeichnete -- an denen die Wissenschaft lernen könne, wie Dr. Tschiz sagt --, ebensowenig hatte er sich ja um den Buchstaben des Gesetzes, um die Rechtswissenschaft bekümmern können, wenn man auch den Umstand nicht übersehen darf, dass jeder Russe, sei er nun in Sibirien gewesen oder nicht, im ersten Teile seines Lebens reichlich Gelegenheit und Nötigung findet, sich mit dem Wortlaut der Gesetze und dessen praktischen Konsequenzen vertraut zu machen.
Bei Dostojewsky jedoch floss diese praktische, rein verstandesmässige Gesetzeskenntnis mit den tieferen Quellen seines Wesens zusammen. Sein Empfinden der menschlichen Allschuld erweckte von vornherein Neugierde und Teilnahme an aller menschlichen Schuld. Finden wir doch in den grossen Aufsätzen, die er um diese Zeit den Schwurgerichten, den Strafprozessen und ihrem Ausgang widmet, das eifrige Bemühen, den lebendigen Strom subjektiver Wahrheit in das dürre Gebiet der »objektiven« Pragmatik einzuleiten. Er kämpft da gegen die Verurteilung der Mörderin Kairowa nahezu mit denselben Worten, die er im Epilog des »Hahnreis« ausspricht: »Niemand, niemand, sie selbst am allerwenigsten konnte wissen, ob sie weiter schneiden werde« usw.
Seine Anteilnahme an den Dingen der irdischen Gerechtigkeit geht soweit, dass er nach Verurteilung der Arbeiterfrau Kornilowa, welche ihr sechsjähriges Stieftöchterchen vom Fenster ihrer Wohnung im vierten Stockwerke in den Hofraum hinunterstiess, auf Wiederaufnahme des Prozesses drängt und das Gutachten der Ärzte herbeiführt, die nach eingehender Prüfung des Sachverhaltes eine Geistesstörung während der ersten Monate der Schwangerschaft feststellen. Die Frau hatte sich im Untersuchungsgefängnis nach dieser Zeit und der Geburt ihres Kindes weich, reuig, tadellos benommen; sie wurde freigesprochen und Dostojewsky übernahm es, die Versöhnung der Gatten einzuleiten und durch persönliche Teilnahme an ihrem weiteren Zusammenleben zu festigen. -- Diese Beschäftigung mit den »laufenden Dingen der Gegenwart« reift eben die Doppelfrucht seiner Thätigkeit im »Tagebuch eines Schriftstellers«. Sie ist zugleich Vorbereitung für den Roman und Verkündung »seiner Wahrheit« in diesem eigenartig redigierten Organ.
Auch »die Gesellschaft« hatte sich in dieser Zeit dem Dichter genähert. Er wird vielfach geladen, gefeiert, nimmt Teil an wohlthätigen Veranstaltungen, Kinder- und Adolescentenbällen; ja, drei Tage vor seinem Tode sollte er bei der ersten Probe einer Kindervorstellung die Rolle des Mönchs, die er übernommen hatte, durchführen, wurde aber durch das Unwohlsein verhindert, das einen so raschen Verlauf zum tötlichen Ausgang nahm. --
Hier seien noch einige Stellen aus Briefen an Freunde und einige diktierte Notizen wiedergegeben, die sein Verhalten während der Zeitströmung von 1870-1880 kennzeichnen, sowie seine Anschauungen über Dinge, welche seinem direkten Lebenswerk ferner liegen. Dazu gehörten z. B. des Dichters Ansichten über das Frauenstudium in Russland. So sehr ihm die Studentinnen gefallen [wie wir oben sahen], so wenig will er etwas davon wissen, dass sie »um Nutzen zu bringen« -- wie das Losungswort der russischen Jugend lautet --, Feldscherinnen und Hebammen werden. Er weist dabei auf die grosse Unbildung aller Spezialisten in Russland (»ganz anders in Europa«) hin und verlangt von den jungen Mädchen und Frauen Vertiefung der allgemeinen Bildung: »die Mehrheit der Studenten aber und der Studentinnen, das ist alles ohne jegliche Erziehung. Was ist das für ein Nutzen für die Menschheit?«
In einem Briefe vom Juli 1879 an eine Freundin betont Dostojewsky ihr grosses Glück, Kinder zu besitzen. »Wie gut ist es, dass Sie Kinder haben, wie sehr vermenschlichen diese unsere Existenz in einem höheren Sinne. Kinder sind eine Beschwerde, aber eine unentbehrliche, und ohne sie giebt es kein Lebensziel. Und die europäischen Sozialisten verkünden gemeinsame Erziehungshäuser! Ich kenne vortreffliche verheiratete Menschen, die aber kinderlos sind -- nun denn: bei so viel Geist, bei solcher Seele fehlt ihnen doch etwas, und wahrlich, in den höheren Aufgaben des Lebens hinken sie irgendwie.« Wer Dostojewskys Werke aufmerksam gelesen hat, wird mit dieser Anschauungsart längst vertraut sein. Vom »kleinen Held« angefangen bis zum Schluss der »Brüder Karamasow«, dem niedergeschriebenen wie dem ersonnenen, den er den Freunden mitteilte, schlingt sich, wie eine Blumenkette, eine unzählbare Reihe von Kindergesichtern; Russlands Kinder, die der Dichter so innig ans Herz drückt, von denen er für Russlands Zukunft so viel hofft.
Eine grosse Anzahl von Schriftstellern und Schriftstellerinnen hat nach des Dichters Tode unzählige Vorträge gehalten und Artikel über ihn und seine Thätigkeit geschrieben. Der Katalog der im Zusammentragen von Urkunden und Materialien unermüdlichen Witwe weist bis zum Jahre 1897 allein 190 grössere und kleinere Schriften und Werke auf, die sie im dazu gegründeten »Museum Dostojewsky« in Moskau samt ungedruckten (von der Zensur noch nicht zum Druck freigegebenen) Fragmenten, z. B. gewisse Kapitel aus den »Besessenen«, bewahrt. Unter diesen Schriften finden wir nicht wenige über das Thema: »Dostojewskys Kindertypen«. Wir haben nur in einigen davon geblättert, sind indes überzeugt, dass sie alle das nicht auszudrücken vermögen, was z. B. in seinen Briefen über das »winzige Wesen« Sonja wie ein lebendiger Liebesquell hervorbricht. In der aufregendsten Arbeit begriffen, konnte er, wie seine Gattin erzählt, immer wieder auf Verlangen seines dreijährigen, jüngsten Söhnchens Aljoscha die Repetiruhr schlagen lassen, die er bei sich trug. Man denke nur, was alles in seinen Werken über sein Verhältnis zu Kindern ausgestreut liegt: an die Kinderfreundschaft in »Njetotschka Njeswanowa«, das Kinderkapitel im »Idiot«, an alle kleinen Erzählungen und Skizzen bis zum erschütternden Kapitel über die Kinder in den »Karamasow«, und man wird erkennen, dass sie nicht zufällig da sind, dass sie einen integrirenden Teil seiner Dichtung und seines Lebens ausmachen. -- Die Anfrage eines seiner Korrespondenten, was dieser sein noch sehr junges Töchterchen lesen lassen solle, beantwortet Dostojewsky ungefähr mit: das Beste. Walter Scott, Schiller, Goethe, den Don Quixote, Gil Blas, Prescott und die russischen Historiker, sowie Puschkin und Tolstoj unbedingt, Turgenjew und Gontscharow, »wenn er wolle«, ihn aber, Dostojewsky, nur mit Auswahl.
In einem Briefe an eine Dame dankt er ihr, dass sie ihn in seinen Werken verstehe, was bei der gesamten litterarischen Kritik nicht der Fall sei, und hegt nur den einen Wunsch, sich einmal ganz aussprechen zu können, wobei er W. S. Solowiow, einen jungen Philosophen [den jetzt hochangesehenen Gelehrten und Dichter] zitiert, der bei seiner Doktor-Disputation das hübsche Wort gesagt habe: »Nach meiner tiefsten Überzeugung weiss die Menschheit unendlich viel mehr, als sie bis heute in ihrer Kunst und Wissenschaft auszusprechen vermocht hat.«
Die kritischen Ausfälle, welche um diese Zeit in Broschüren und Zeitschriften auftauchen, locken Dostojewskys Zorn heraus, dem er aber meist nur in seinem Notizbuch aphoristisch Ausdruck giebt. So ist jene für die russische Ethik bezeichnende Stelle an den Rechtshistoriker K. D. Kawélin gerichtet, wo es heisst: »Sie sagen, das heisse sittlich sein, wenn man nur nach seinen Überzeugungen handelt. Woher haben Sie das genommen? Ich sage Ihnen geradeaus, dass ich Ihnen nicht glaube, und sage im Gegenteil, dass es unsittlich ist, nach seiner Überzeugung zu handeln ..... Blutvergiessen halten Sie nicht für sittlich, aber aus Überzeugung Blut vergiessen, das halten Sie für sittlich. Das Sittliche deckt sich nicht mit dem Begriff der Überzeugung, der man Folge gegeben, weil es manchmal sittlicher ist, seinen Überzeugungen nicht Folge zu leisten, und der Überzeugte, trotzdem er vollkommen bei seiner Überzeugung verharrt, durch ein gewisses Gefühl davon abgehalten wird, die Handlung auszuführen. Er tadelt und verachtet sich mit dem Verstande, allein mit dem Gefühl, das heisst mit dem Gewissen kann er sie nicht ausführen (und weiss es endlich, dass ihn nicht Feigheit zurückhielt). Vera Sassúlitsch hat einen Augenblick lang geschwankt; es ist schwer, die Hand zum Blutvergiessen zu erheben, sagte sie sich. Dieses Schwanken war sittlicher, als das Blutvergiessen selbst.«
An einer anderen Stelle wettert er gegen die Progressisten und Anhänger des Westens, welche jedoch die bureaukratischen Formen und Formeln ablehnen: »Zerstört nur die administrativen Formeln!« heisst es da, »das ist aber eine Treulosigkeit gegen den Europäismus, es ist ein Verleugnen dessen, dass wir Europäer sind, es ist eine Untreue an Peter dem Grossen. O, auf eine Umgestaltung wird unsere Administration schon eingehen, aber nur in einer untergeordneten Form, praktische Fragen betreffend usw. Allein, dass sie ihren Geist vollkommen umwandeln sollte -- nein, nicht um alles in der Welt! Unsere Liberalen, welche im Gegensatz zum Beamtentum auf dem Semstwo bestehen, wahrlich sie widersprechen sich selbst! Das Semstwo, das gesetzmässige Semstwo, das ist ja die Rückkehr zum Volk, zu den Volksgrundlagen (ein von ihnen so sehr verlachtes Wörtchen). Wird also der Europäismus in seiner jetzigen Gestalt bestehen bleiben, wenn sich das gesetzmässige Semstwo einwurzelt? Das ist die Frage. Doch ist das Wahrscheinlichste, dass er sich nicht erhält.
Der Beamte, der jetzige Beamte indessen -- das ist der Europäismus, das ist Europa selbst und sein Emblem, das ist gerade das Ideal der Gradowskys, der Kawelins u. a. Folglich müssten unsere Liberalen und Europajunge, wenn sie folgerichtig sein wollten, für den Beamten und seine jetzige Art eintreten, mit kleinen Abänderungen, welche dem Fortschritt der Zeit und ihrer praktischen Forderungen entsprächen. Übrigens, was sage ich? Im wesentlichen treten sie ja auch dafür ein. Gebt ihnen eine Konstitution, so werden sie auch die Konstitution dem administrativen Schutze Russlands anvertrauen« ....
Und weiter heisst es als Glosse zum Wort Konstitution: »Ja, Ihr werdet die Interessen Eurer Gesellschaft vertreten, aber ganz und gar nicht die des Volkes; Ihr werdet es auf's neue leibeigen machen, Kanonen werdet Ihr Euch ausbitten, um auf es zu feuern. Die Presse aber! Die Presse werdet Ihr nach Sibirien schicken, so wie sie Euch nur nicht ganz zusagt! Nicht nur Euch widersprechen wird« usw.
Aus dieser Polemik ist durch alle Verschränkung der Begriffe und Wirrnis der Werde-Elemente in Russland hindurch eines klar: dass das Beamtentum eine furchtbare Krankheit ist, wo immer es sich einfilzt, eines jener historischen Missverständnisse und Missverhältnisse, wonach Diener des Staates allmählich zu Herren des Volkes werden und aus jedem Gemeinwesen eine seelenlose Maschine zu machen vermögen, die alles zermalmt, was in ihre Nähe gelangt und gegen welche auch der beste Wille eines Alleinherrschers machtlos wird. Dostojewsky berührt dieses Thema später noch einmal in einem Briefe an Iwan Sergejewitsch Aksakow, mit welchem er erst nach der denkwürdigen Puschkin-Feier im Sommer 1880 in nähere Beziehungen trat.
Mit dem Jahre 1880 gelangt das Leben und Wirken des Dichters zu seinem äusseren und inneren Gipfelpunkt. In diesem Jahre stellt er durch seine grosse Puschkin-Rede gleichsam für alle Zeiten das Credo des russischen Geistes und Schrifttums fest und im selben Jahre vollendet er sein »letztes Werk«, die Krone von seines Lebens Sinnen und Schaffen, Wünschen und Wirken, die »Brüder Karamasow«.
Nikolaus Strachow erzählt in den »Materialien zu einer Biographie Dostojewskys« [Petersburg, Suworin 1883] mit grosser Ausführlichkeit den ganzen Verlauf der für die russischen Bestrebungen so bedeutungsvoll gewordenen Puschkin-Feier. Wir folgen ihm in die Einzelheiten dieses »nationalen Ereignisses« nicht nach. Für uns sind drei springende Punkte wichtig, die mit wenigen Worten hier bezeichnet seien. Erstens die Vorbedingungen, welche dieses Fest zu solcher Bedeutung erhoben, sodann das Konkrete des Verlaufs und endlich das Ergebnis der Feier als Wirkung auf die litterarisch-nationalen Parteien.
Was vorangegangen war, gipfelt in der Spaltung der russischen Schriftsteller und mit ihnen der russischen Gesellschaft in Westler und Slavophile. Dabei ist im Auge zu behalten, dass es sich da nicht um Geschmacks- und Bildungsrichtungen handelte, sondern, wie wir wissen, um die Art des Einflusses auf das Volk. Puschkin allein vereinigte in seiner Dichtergestalt die Anerkennung beider Parteien. Gleichwohl hielten sich zur Zeit die Ultra-Slavophilen der »Moskowskija Wjedomosti« mit Katkow an der Spitze fern und brachten auch nicht eine Notiz über die Feier. Ihnen war Puschkin und die Gesellschaft der Litteraturfreunde, die ihn feierte, zu »westlich«. Aus alledem lässt sich begreifen, dass man von den angemeldeten Rednern etwas Ausschlaggebendes, Endgiltiges erwartete.
Turgenjew, welcher die erste Rede halten sollte, war am Vortage durch Acclamation zum Ehrenmitglied der Moskauer Universität ernannt worden. Man sah in ihm »den unmittelbaren und würdigen Nachfolger Puschkins«, da auch er, wenn man es nicht zu genau nahm, ähnliche Züge aufwies: als russischer Dichter mit westlicher Kultur. Turgenjew hatte seine Rede in der Einsamkeit seines Landgutes ausgearbeitet und las sie nun, von lebhaften Beifallssalven unterbrochen, in der ersten Festversammlung im Adelskasino am 7. Juni vor. Die Schlussstimmung war jedoch eine geteilte, da Turgenjew die Frage offen liess, ob Puschkin ein nationaler Dichter sei oder nicht, ja auch nicht darauf einging, diese Frage zu beleuchten.
Nach einer Pause sollten Dostojewsky und Aksakow, dieser als Vertreter des reinen Slavophilentums, sprechen. Aber schon als Dostojewsky begann, und mit dem inneren Feuer, das in ihm brannte, den »russischen Menschen« im Saale mit den Worten anrief, die wir schon einmal anführten: »Demütige Dich, stolzer Mensch, und vor allem, brich Deinen Hochmut, demütige Dich, müssiger Mensch, und vor allem, mühe Dich auf heimatlichem Boden« -- da fühlte dieser »russische Mensch«, der lautlos den Saal füllte, dass das Wort des Tages gesprochen war, und lauschte bewegt bis ans Ende, da die Begeisterung in unerhörten Jubel ausbrach, in einen Versöhnungsjubel, wie ihn Russland noch nie erlebt hatte.
Des Dichters synthetischer Geist hatte hier den Punkt getroffen und ans Licht gebracht, der beide Strömungen versöhnte, nach dem es unbewusst alle verlangte und der eine neue Aera des litterarischen Wirkens anbahnte. Er hatte das Wort gesprochen, dass Puschkins westliche Kultur durchaus national von ihm verwertet worden sei, dass er in sich eben durch seine echt russischen Anschauungen die Verbindung mit dem Geist des Westens in einer Weise herstelle, die mustergiltig für alle Nachkommenden sei, wie man das ja an seinen dichterischen Gestalten sehen könne. Hier führte Dostojewsky seine Gedanken mit Zuhilfenahme einiger Beispiele aus, die -- uns ein Zeuge dieser Feste erzählte -- durchaus nicht einwandfrei, ja geradezu gewaltsam ausgelegt waren. Derselbe Zeuge, Professor St.... in Moskau, schildert indes selbst die lebendige Wirkung dieser Rede als eine ungeheure, der man sich erst später bei kühler Überlegung aus sehr stichhaltigen Gründen entwand. Für uns ist das gleichgiltig. Das, was Dostojewsky zeigen und erweisen wollte, was er in sich trug, als er jene Argumente heranzog, das war das Wahre und Befruchtende an seiner Rede und das ist es wohl auch heute noch, was, ihm selbst unbewusst, dennoch in der Seele manches modernen Russen nachklingt. Diese Rede war es denn auch, welche die Versöhnung der streitenden Elemente anbahnte.
Wir gelangen nun zum Abschluss von des Dichters Wirken und Leben.
Selten wird einem schaffenden Genius das hohe Glück zu teil, dass sein letztes Wort auch der vollendetste Ausdruck seiner Kunst war; wie oft verwischt ein Allerletztes die Wirkungen eines ganzen Lebens. Dostojewsky ist dieses Glück geworden. Denn wenn es auch durch die Äusserungen seiner Gattin und seiner Freunde beglaubigt ist, dass er eine Fortsetzung der »Brüder Karamasow« schon fertig in sich trug, wenn wir auch wissen, wie er sich die Lösung dieses Problems im russischen Sinne vorgesetzt hatte, so können wir der Meinung eines seiner nahesten Freunde nur beipflichten, wenn wir annehmen, dass die Ausführung dieses Schlusses so weit hinter dem Plane zurückgeblieben wäre, als überhaupt Erfüllungen hinter Hoffnungen, Ausführungen hinter genialen Entwürfen zurückstehen. In den »Brüdern Karamasow« aber ist ja schon in der Exposition, d. h. im Kapitel vom Starez Sosima, das Höchste als Ahnung und Ziel für den Helden Aljoscha ausgesprochen; der Leser empfängt ja von diesem »vorläufigen« Bilde des »russischen Christus«, das der Dichter in Aljoscha erst ausführen wollte -- wie er andeutet und alle Freunde bezeugen -- vollauf alles, was auf ihn wirken soll: die Ahnung, gleichsam die Verheissung eines reinsten Zustandes. Hier musste jede Ausführung zurückstehen, im besten Falle als Wiederholung wirken. Wohl aber dürfen wir dem Dichter dafür dankbar sein, dass er uns sagte, wo er hinaus wollte; ganz besonders darum, dass es auch für jene, die es nicht schon in dem Vorhandenen herausgelesen haben, keinen Zweifel über die Absichten des Dichters gebe.