Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 34
Dies alles fordert grosse und lange Auseinandersetzungen, allein, was ich im besonderen sagen will, ist dieses: Wenn Belinsky, Granowsky und diese ganze .... jetzt zusähen, so würden sie sagen: nein, davon haben wir nicht geträumt, nein, das ist eine Verirrung; wir werden noch warten, das Licht wird kommen, der Fortschritt wird die Herrschaft antreten und die Gesellschaft wird sich auf gesunden Grundlagen neu aufrichten und glücklich sein. Sie würden es nie zugeben, dass man, betritt man einmal diesen Weg, niemals wo anders anlangt, als bei der Kommune und Felix Piat. Sie waren so stumpf, dass sie auch jetzt nach den Ereignissen nichts zugeben, sondern weiter träumen würden. Hier habe ich Belinsky viel mehr als eine Erscheinung des russischen Lebens getadelt, denn als Menschen; dies war die hässlichste, stumpfste, schimpflichste Äusserung russischen Lebens. Ihre einzige Entschuldigung liegt -- in der Unvermeidlichkeit dieser Erscheinung. Und ich versichere Sie, Belinsky würde sich jetzt bei folgendem Gedanken beruhigen: Seht darum ist es der Kommune nicht gelungen, weil sie doch immer vor allem französisch war, d. h. den Ansteckungsstoff der Nationalität in sich bewahrte. Darum muss man ein Volk auffinden, in dem kein Tropfen Nationalität enthalten und das fähig wäre, seiner Mutter Backenstreiche zu versetzen, wie ich [Russland]. Und mit Schaum auf den Lippen würde er sich wieder hinstürzen und seine heidnischen Artikel schreiben, Russland beschimpfen, ihre grossen Erscheinungen (Puschkin) verleugnen -- um Russland endgiltig zu einer vacanten Nation zu machen, die fähig wäre, an der Spitze der allgemein menschlichen Aktion zu stehen. Den Jesuitismus und die Lüge unserer Hauptakteure würde er hocherfreut annehmen.
Aber noch eines: Sie haben ihn nie gekannt, ich aber habe ihn gekannt und gesehen und habe ihn jetzt völlig ergründet. Dieser Mensch hat mich einen ...... geschmäht, indessen aber war er niemals fähig, sich selbst und alle Führer der ganzen Welt Christus vergleichend an die Seite zu stellen. Er vermochte es nicht gewahr zu werden, wieviel kleinlicher Selbstsucht, Bosheit, Unduldsamkeit, Reizbarkeit, Niedrigkeit, aber hauptsächlich Selbstsucht in ihm selbst und in ihnen enthalten sei. [Diese Stelle des Briefes wurde schon weiter oben Seite 60 angeführt, wo sie uns zur Beleuchtung von des Dichters Stellungnahme sehr wichtig schien.] Er hat sich niemals gefragt: »Was werden wir denn an seine Stelle setzen? Etwa uns, die wir so hässlich sind? Nein, er hat sich niemals dabei aufgehalten, dass er selbst hässlich ist; er war im höchsten Grade mit sich zufrieden, und das war schon eine abscheuliche, schändliche, persönliche Stumpfheit. Sie sagen, er sei talentvoll gewesen. Durchaus nicht; wie hat Grigorjew in seinem Artikel über ihn gelogen! Ich erinnere mich noch an mein jugendliches Erstaunen, als ich einigen seiner rein künstlerischen Urteile lauschte (z. B. über die toten Seelen): er hat sich gegenüber den Typen Gogols bis zur Unmöglichkeit oberflächlich verhalten und war nur bis zum Entzücken erfreut darüber, dass Gogol betrog.
Hier habe ich, in diesen vier Jahren, seine Kritiken durchgelesen. Er hat Puschkin getadelt, als dieser seinen falschen Ton fahren liess und mit den Erzählungen Bjelkins und seinem »Arap« hervortrat. Er hat mit Verwunderung die Nichtigkeit von »Bjelkins Erzählungen« verkündet. Er hat in der Erzählung Gogols »Die Kutsche« keine künstlerisch zielbewusste Schöpfung und keine Erzählung, sondern nur eine spasshafte Geschichte gefunden. Er hat den Schluss des »Eugen Onjegin« abgelehnt. Er hat gesagt, Turgenjew werde kein Künstler werden, dabei ist das aber nach dem Lesen von Turgenjews Erzählung »Drei Porträts« ausgesprochen. Ich könnte Ihnen solcher Beispiele so viele Sie wollen zusammenlesen, um Ihnen die Falschheit seines kritischen Gefühls und seines »empfänglichen Vibrirens« zu beweisen, von welchem Grigorjew gefaselt hat (weil er selbst ein Dichter war). Über Belinsky und über viele Erscheinungen unseres Lebens urteilen wir heute noch durch eine Menge ausserordentlicher Vorurteile hindurch.
Habe ich Ihnen denn nicht über Ihren Turgenjew-Artikel geschrieben? Ich habe ihn gelesen, wie alle Ihre Arbeiten -- mit Begeisterung, allein auch mit ein klein wenig Verdruss. Wenn Sie finden, dass Turgenjew die Richtung verloren hat, hin und her laviert und nicht weiss, was er über manche Erscheinungen des russischen Lebens sagen soll (sie jedenfalls nicht ernst nimmt), so hätten Sie auch gestehen sollen, dass seine grosse künstlerische Befähigung in seinen letzten Werken zurückgegangen ist und zurückgehen musste. So ist es auch in der That: er ist als Künstler sehr zurückgegangen. Der »Golos« meint, dies sei darum der Fall, weil er im Auslande lebe; allein der Grund liegt tiefer. Sie aber sprechen ihm auch nach seinen letzten Werken seine frühere Künstlergrösse zu. Ist es so? Übrigens täusche ich mich vielleicht (nicht in meiner Beurteilung Turgenjews, sondern bezüglich Ihres Artikels). Vielleicht haben Sie sich nur nicht so ausgedrückt -- -- Aber wissen Sie, das ist ja alles Gutsbesitzer-Litteratur! Sie hat alles gesagt, was sie zu sagen hatte (grossartig bei Leo Tolstoj). Allein dieses, im höchsten Grade landadelmässige Wort war ihr letztes Wort. Ein neues, das Gutsbesitzerwort ablösendes Wort hat es noch nicht gegeben, war auch noch nicht möglich. Die Rjeschotnikows[33] haben nichts verkündet; aber immerhin drücken sie die Unvermeidlichkeit von irgend etwas Neuem in der Sprache des Künstlers aus, von etwas, das nicht mehr landadelmässig sei, obwohl sie das auf eine unförmliche Weise thun.
Wie sehr wünschte ich, Sie noch in Petersburg anzutreffen. Ich habe keine Vorstellung darüber, wann ich zurückkomme (unter uns: ich trachte in einem Monate). Wenn aber kein Geld kommt und ich den Termin verpasse, dann heisst es abermals bleiben. Aber das ist entsetzlich und unsinnig.
Den Roman werde ich entweder verpfuschen, dass es eine Schande sein wird (habe schon angefangen zu pfuschen), oder ich raffe mich auf und es wird doch was Ordentliches daraus. Ich schreibe auf gut Glück, das ist meine jetzige Devise.«
[Fußnote 33: Rjeschotnikow war ein Bauernsohn, der Schriftsteller wurde und Bauernerzählungen schrieb. Er starb in jungen Jahren.]
Am Schlusse des Briefes die Bemerkung: »-- -- Ich meine nur im allgemeinen, dass es für die Zeitschriften nicht übel wäre -- wenn auch nur eine den Anfang machte -- sich zu spezialisieren. Zum Beispiel die »Zarjá« nach der einen ästhetisch-kritischen Seite hin, ohne sich weiter mit irgend etwas anderem zu befassen, ohne andere Ressorts. Sicherlich könnte das gelingen. Schade, dass ich Ihnen nicht sofort meine Ideen darüber entwickeln kann!«
X. Petersburg; die letzten zehn Jahre. (1871-1881.)
Mit der Heimkehr Dostojewskys und seiner endgiltigen Ansiedelung in Petersburg tritt des Dichters Leben in seine letzte, seine bedeutendste Phase. Gleich einer Dichtung, die ein Meister vollendet, wo sich das Wesenhafte immer deutlicher und klarer aus dem Beiwerk heraus bis zur letzten Steigerung entwickelt, sehen wir des Dichters Leben sich nach dem Plan vollziehen, danach es angetreten. Dies ist aber nicht in einem behaglichen Sinne Goethe-artig ruhevollen Abschliessens zu verstehen, sondern in echt Dostojewskyscher Art: durch alle Lebensunruhe und allen Temperamentskampf, durch schwere körperliche Störungen hindurch der Abschluss eines Lebens, das bis zum Ende Einheit in leidenschaftlich bewegter Vielheit war.
Das Debut in der Heimat war freilich trübe genug. Anna Grigorjewna erzählt uns, dass sie nach Begleichung der Dresdener Schulden und der Reisekosten mit einer Barschaft von wenigen Rubeln in Petersburg ankamen, und das wenige Wochen vor ihrer Entbindung. Sie hatte gehofft, mehrere kostbare Gegenstände, Pelze usw. wiederzufinden, die man für sie aufbewahrt oder versetzt hatte -- sie waren verfallen. Auch eines Hausanteiles, auf welchen sie von mütterlicher Seite her Anspruch hatte, war sie durch allerlei Machenschaften verlustig gegangen, sodass es nun hiess, mit Hilfe von Freunden das Leben einrichten, vor allem den letzten Roman verwerten. Theodor Michailowitsch legte von nun an den administrativen Teil seiner Geschäfte in die Hand seiner Gattin, was den endlichen glücklichen Umschwung ihrer Verhältnisse zur Folge hatte.
Strachow giebt uns darüber ziffernmässige Nachweise, die wir hier folgen lassen. Vor allem hat Anna Grigorjewna Dostojewskaja eine neue Ausgabe von des Dichters Werken veranstaltet, welche folgendes Erträgnis hatte: Im Januar 1873 erschienen »Die Besessenen« in 3500 Exemplaren, im Januar 1874 der »Idiot« in 2000 und im Dezember 1875 erschienen die »Memoiren aus einem Totenhause« in 2000 Exemplaren. Im Dezember 1876 »Schuld und Sühne« in 2000 und im November 1879 »Erniedrigte und Beleidigte« in 2400 Exemplaren.
Diese Erfolge beruhigten den Dichter, welcher endlich alle Schulden zu tilgen vermochte, ungemein über das Los seiner Familie, die in Armut zu hinterlassen er stets hatte fürchten müssen. Man hat ferner nach seinem Tode ein Blatt in seinen Rechenbüchern gefunden, darauf die aus seinen Werken allein bezogenen Einkünfte mehrerer Jahre genau verzeichnet waren. So bezog er:
Im Jahre 1877:
aus »Schuld und Sühne« 487 R. 12 K. eingebunden Ex. des »Tagebuchs eines Schriftstellers« von 1876 497 " 80 " »Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 561 " 63 " Rest vom Jahre 1876 295 " 40 " ================= Sa. 1841 R. 95 K.
Im Jahre 1878:
»Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1199 R. 50 K. »Schuld und Sühne« 548 " 98 " Tagebuch 1876 281 " 68 " Tagebuch 1877 346 " 50 " ================= Sa. 2376 R. 66 K.
Im Jahre 1879:
»Die Besessenen«, »Idiot«, »Totenhaus« 1271 R. 99 K. »Schuld und Sühne« 797 " 16 " Tagebuch 1876 98 " 61 " Tagebuch 1877 121 " 2 " + »Erniedrigte und Beleidigte« 227 " 24 " ================= Sa. 2516 R. 2 K.
Im Jahre 1880:
»Die Besessenen«, »Der Idiot«, »Totenhaus« 1287 R. 20 K. »Schuld und Sühne« 933 " 99 " Tagebuch 1876 247 " 6 " Tagebuch 1877 219 " 14 " ================= 2687 R. 39 K.
+ »Erniedrigte und Beleidigte« 548 " 51 " + Tagebuch 1880 893 " 87 " ================= 4129 R. 77 K.
»Brüder Karamasow« 3681 " 50 " ================= 7811 R. 27 K.
Dazu kamen jene Summen, welche der Dichter für die in den Zeitschriften erscheinenden neuen Romane erhielt. So zahlten ihm die »Vaterländischen Annalen« i. J. 1875 für den Druckbogen des Romans »Junger Nachwuchs« (Podrostok, der Adolescent) 250 Rubel, und der »Russkij Wjestnik« für die »Brüder Karamasow« (1879-80) 300 Rubel.
Die Einnahmen für Dostojewskys Werke haben sich bis auf den heutigen Tag gesteigert. Anna Grigorjewna macht kein Hehl daraus, ja es ist ihr, die des Dichters schwerste Jahre äusserster Not tapfer geteilt hat, heute eine Genugthuung, es dahin gebracht zu haben, dass der Reingewinn jeder neuen Auflage, die sie selbst verlegt, rund 75000 Rubel betrage. Ein noch sehr reichliches ungedrucktes Material an Briefen, Fragmenten und Dokumenten gestattet es, jeder neuen Auflage, je nach den Zeitumständen, etwas ungedrucktes beizufügen. --
Bald nach seiner Rückkunft hatte der Fürst Wladimir P. Meschtschersky den Dichter näher kennen gelernt und ihn eingeladen, die Redaktion seines Blattes »Grashdanin« zu übernehmen. Für diese Thätigkeit, welche mit dem Jahre 1873 begann und bis Ende desselben Jahres währte, erhielt der Dichter ein Monats-Honorar von 250 Rubeln, ausser dem Honorar für seine Beiträge. Diese Artikel waren meist Feuilletons über die brennenden Tagesfragen, welche den fortlaufenden Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« führten. Sie bilden heute den ersten Band der unter demselben Titel herausgegebenen Schriften.
In dem von Dostojewsky im Jahre 1876 gegründeten und von ihm ganz allein besorgten Blatte, dem er den gleichen Namen »Tagebuch eines Schriftstellers« gab, fand er endlich das Feld seiner Thätigkeit, das ihm am meisten zusagte. Allerdings nennt er in einem Briefe an eine bekannte Dame einen anderen Grund, der ihn bewogen habe, diese Monatsschrift zu schaffen. Wir meinen jedoch, dass ihm nicht sowohl das Kennenlernen der Tagesfragen um seines Romanes willen, als der nimmer rastende Wunsch dazu trieb, sich auszusprechen, seine Wahrheit an allem zu messen, was der Tag eben brachte. Der oben erwähnte Brief vom 9. April 1876 beginnt mit einer Erörterung persönlicher Beziehungen und fährt dann fort:
»Sie teilen mir Ihre Gedanken darüber mit, dass ich mich im »Tagebuche« in Kleingeld umwechsle. Ich habe das auch hier aussprechen gehört. Hier ist, was ich Ihnen unter anderem darauf sagen will: Ich bin zu dem unumstösslichen Schluss gekommen, dass ein Schriftsteller der künstlerischen Richtung ausser dem Poem die von ihm dargestellte Wirklichkeit bis in das allerkleinste Detail mit der grössten Genauigkeit, historisch und aktuell, kennen muss. Bei uns glänzt damit nach meiner Meinung einzig und allein -- Graf Leo Tolstoj. Victor Hugo, welchen ich als Romanschriftsteller hochschätze, wofür sich der selige Th. Tjutschew über mich, denken Sie nur, heftig ereiferte, indem er sagte, »Schuld und Sühne« stehe höher als die »Misérables«, hat uns, ob er auch manchmal sehr breit im Studium des Details ist, wunderbare Studien gegeben, welche ohne ihn der Welt völlig unbekannt geblieben wären. Aus diesem Grunde habe ich, da ich mich dazu vorbereite, einen grossen Roman zu schreiben, beschlossen, mich speziell in das Studium -- nicht der Wirklichkeit an und für sich, denn ich kenne sie ohne das -- sondern der aktuellen Einzelheiten der laufenden Dinge zu vertiefen. Eine der wichtigsten Aufgaben in dieser Gegenwart ist für mich zum Beispiel die junge Generation und zugleich damit die gegenwärtige russische Familie, welche, ich fühle das, heute ganz anders ist, als vor zwanzig Jahren. Allein es giebt ausserdem noch vieles andere.
Wenn man 53 Jahre zählt, so kann man leicht bei der ersten Unachtsamkeit hinter der gegenwärtigen Generation zurückbleiben. Ich habe unlängst Gontscharow getroffen, und auf meine offene Frage, ob er im gegenwärtigen Lauf der Dinge alles verstehe oder schon aufgehört habe, manches zu begreifen, hat er mir geradeaus geantwortet, dass er vieles nicht mehr begreife (dies unter uns). Natürlich bin ich mir ganz klar, dass dieser grosse Geist nicht nur alles versteht, sondern die Lehrer lehren könnte; allein in dem bestimmten Sinne, in welchem ich ihn fragte (und den er in einem halben Worte verstand), versteht er nicht etwa vieles nicht, sondern er will es nicht verstehen. >Mir sind meine Ideale teuer und alles, was ich im Leben liebgewonnen<, fügte er hinzu, >damit will ich nun auch die wenigen Jahre zubringen, die mir übrig bleiben; diese aber zu studieren (er wies auf die den Newsky Prospekt entlang wandelnde Menge) ist mir beschwerlich, denn es ginge meine kostbare Zeit darauf< ....
Ich weiss nicht, ob ich Ihnen das klar ausgedrückt habe, Christina Danilowna, aber es reizt mich, noch etwas mit voller Sachkenntnis zu schreiben. Das ist's, warum ich eine Zeit lang zugleich studieren und das »Tagebuch« führen werde, damit eine Menge von Eindrücken nicht verloren gehe. Alles das ist natürlich ideal! Würden Sie z. B. glauben, dass ich noch nicht damit zu Stande gekommen bin, mir die Form des »Tagebuchs« klar zu machen, sogar noch nicht weiss, ob ich sie je in die Richte bringe, sodass möglicherweise dies Tagebuch schon zwei Jahre erscheinen und noch immer keine gelungene Sache sein wird? Beispielsweise: Ich habe zehn bis fünfzehn Themen, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze (nicht weniger). Nun muss ich jene Themen, welche mich mehr einnehmen, unwillkürlich zurücklegen: sie werden viel Raum einnehmen, viel Glut verbrauchen (der Prozess Kroneberg z. B.), werden dem Heft schaden, denn es wird dadurch einförmig, arm an Artikeln werden. Andererseits habe ich, allzu naiv, gemeint, dies werde ein wirkliches Tagebuch werden. Ein wirkliches Tagebuch ist fast unmöglich, nur ein präsentables für das Publikum ist möglich. Ich treffe auf Begebnisse und empfange viele Eindrücke, die mich sehr einnehmen -- aber wie soll man über das und jenes schreiben? Manchmal ist dies geradezu unmöglich.
So erhalte ich seit drei Monaten schon von allen Seiten sehr viele Briefe, mit und ohne Unterschrift -- alle voll Teilnahme. Manche darunter sind ausserordentlich interessant und originell, dazu gehören sie allen möglichen jetzt herrschenden Richtungen an. Aus Anlass dieser verschiedenartigsten Richtungen, welche da in der Begrüssung meiner Thätigkeit zusammenfliessen, wollte ich einen Artikel schreiben, namentlich aber den Eindruck niederschreiben (ohne Namensnennung), den ich von diesen verschiedenen Briefen empfangen habe. Dabei ist der Gedanke, der mich mehr als alles in Anspruch nimmt, der: worin liegt unsere Zusammengehörigkeit, wo sind die Punkte, in welchen wir uns alle, die wir den verschiedenen Richtungen angehören, einigen könnten. Aber als ich den Artikel schon überlegt hatte, sah ich plötzlich, dass es um keinen Preis möglich wäre, ihn mit voller Offenheit zu schreiben. Nun aber, ohne Aufrichtigkeit? Ist es wert ihn zu schreiben?
Ja, auch keine Wärme wird bleiben. Vorgestern am Morgen kommen da plötzlich zwei junge Mädchen zu mir, beide etwa zwanzig Jahre alt. Sie kommen herein und sagen: »Wir haben mit Ihnen bekannt werden wollen, schon seit der Fastenzeit her. Alle haben uns ausgelacht und gesagt, Sie würden uns nicht empfangen und, wenn Sie uns auch empfangen sollten, uns nichts sagen. Aber wir haben beschlossen, es zu versuchen, und da sind wir, N. N. und N. N.« Zuerst hat sie meine Frau empfangen, dann bin auch ich zu ihnen herausgekommen. Sie erzählten, sie seien Studentinnen der medicinischen Akademie, es seien ihrer dort schon 500 Frauenzimmer, und dass sie in die Akademie eingetreten seien, um höhere Grade zu erlangen und später der Gesellschaft Nutzen zu bringen -- diesen Typus neuer junger Mädchen hatte ich noch nicht angetroffen (alte Nihilisten kenne ich wohl sehr viele, bin persönlich mit solchen bekannt und habe sie gründlich studiert). Werden Sie mir glauben, dass ich selten eine bessere Zeit verlebt habe, als diese zwei Stunden mit diesen Jungfrauen? Welche Geradheit, welche Natürlichkeit, was für eine Gefühlsfrische, Reinheit des Geistes und Herzens, welcher alleraufrichtigste Ernst und welche alleraufrichtigste Fröhlichkeit. Durch sie habe ich natürlich viele andere kennen gelernt, die ebenso waren, und ich gestehe Ihnen -- der Eindruck war stark und sonnig. Aber wie soll man das beschreiben? Bei aller Herzlichkeit und Freude mit der Jugend -- unmöglich. Ja, es ist auch fast persönlich. Aber was soll ich in diesem Falle für Eindrücke eintragen?
Gestern nun höre ich da wieder, dass ein junger Mensch, ein Studierender, den man mir gezeigt hatte, da er in einem mir bekannten Hause war, in die Stube des Hauslehrers getreten ist und, auf dessen Tische ein verbotenes Buch erblickend, dieses dem Hausherrn meldet, welcher dann seinen Hofmeister sofort hinausjagt. Als man, in einer anderen Familie, dem jungen Menschen vorhält, dass er eine _Schurkerei begangen habe_, da hat er das _garnicht begriffen_. Nun, wie soll ich das erzählen? Das ist etwas Persönliches und dabei ist auch etwas Nicht-Persönliches; es war hier ganz besonders, wie man mir erzählte, jener Denkprozess in den Ansichten und Überzeugungen charakteristisch, demzufolge er _nicht begriff_ und über welchen man ein interessantes Wörtchen sagen könnte.« --
So beginnen dann endlich für den Dichter bessere Zeiten. Er tilgt nach und nach alle persönlichen sowie die vom Bruder übernommenen Schulden und wenn er, seine Gattin und zwei Kinder auch an seiner Lebenswende noch immer zwei kleine Stuben des Schmiedegässchens unweit der Wladimirkirche innehatten, so haben seine äusseren Zustände an Ruhe und Sorglosigkeit in materieller Beziehung gewonnen und sind, was Anerkennung und Ehrung betrifft, zu einer Höhe gelangt, die trotz aller persönlichen Feindschaften, die ihm sein nervöses und oft wechselndes Wesen eintrug, von Jahr zu Jahr stieg. »Ich habe einen schlechten Charakter«, schrieb er um diese Zeit einmal an eine Freundin, »aber nicht immer, und das ist mein Trost.«
Im Jahre 1875 veröffentlicht Dostojewsky, wie wir schon erwähnten, in den vaterländischen Annalen den Roman: »Der Adolescent«.
Wir haben über die Erzählung »Podrostok« (der Adolescent), welche nicht mit Unrecht im Deutschen den Titel »Junger Nachwuchs« führt, weder in des Dichters Briefen, noch bei den russischen Kritikern eine andere als flüchtige Erwähnung gefunden. W. Rósanow meint, es seien darin manche selbstbiographischen Züge enthalten. Wenn man unter selbstbiographisch die Erwähnung auch inneren Fühlens und Erlebens und seiner Eigenform versteht, so kann man sagen, dass es kein Werk Dostojewskys giebt, das nicht selbstbiographische Züge aufwiese. Auch die Schilderung manches äusseren Geschehens tritt uns mit der Lebendigkeit des Erlebten entgegen.
So finden wir in der Schilderung eines Traumes, den Wersilow, des jungen Helden Vater, erzählt, das erlebte Urbild des im Jahre 1877 im Aprilheft des »Tagebuchs« erschienenen »Traumes eines lächerlichen Menschen«. Ja, der aufmerksame Leser findet in allen Werken Dostojewskys eigentlich immer dieselben Ideen, immer dieselben Typen in unendlichen Variationen wiederkehrend; schon das allein ist nicht nur höchst künstlerisch, sondern auch innenbiographisch.
Der »Podrostok« nun, dessen Inhaltswiedergabe wir hier für überflüssig erachten, weil der künstlerische Aufbau des Werkes sich nicht ganz mit seiner Grundidee deckt, erscheint uns vom russischen Standpunkt aus als ein Übergang von den Ideen Raskolnikows zum Hinweis auf das künftige, reinchristliche junge Russland, mit dem Dostojewsky seine »Brüder Karamasow« und somit sein Lebenswerk zu beschliessen gedachte. Von »Schuld und Sühne«, strenger genommen, von seiner Rückkehr nach Russland, angefangen, sehen wir den Dichter unausgesetzt mit der Jugend, der russischen Jugend, beschäftigt, die er, in unendlichen Variationen, von der völligen Abwendung, wie in Stawrogin (»Die Besessenen«), bis zu völliger Durchdringung, wie in Myschkin (»Idiot«) und Aljoscha Karamasow mit dem Christentum in Contact bringt. Hier und da setzt er Ausgereifte, Alte, welche das Christentum fertig in sich tragen, als feste Stützpunkte, gleichsam Ankerbojen, in dieses überschäumende Jugendmeer hinein. So den ewig pilgernden Bauer Makar, Arkadjis Adoptiv-Vater, so den Starez Sosima, so, wenn auch humoristisch als blindes Werkzeug verwendet, Stepan Trofimowitsch in den »Besessenen« und die junge Sonja, die ihren naiven Christus durch allen Erdenschmutz hindurchträgt.