Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 32
Aus allem, was hier der Dichter über den Plan seines »letzten Romans« [der ja wirklich sein letzter geworden ist] seinem Freund Maikow »beichtet«, in Verbindung mit seinen früheren Andeutungen über den Atheismus und dem endlich vor uns erstehenden grössten Roman Dostojewskys »Die Brüder Karamasow«, empfangen wir ein ziemlich deutliches Werdebild dieser Arbeit. Wir sehen, wie viele Wandlungen die Ausführung, ja sogar die Fabel im Laufe der Jahre erfahren, wie zäh jedoch die Grundidee festgehalten ist, die in jenem zweiten Teil wirklich offen daliegt, von dem sich der Dichter mit Recht so viel versprochen hat. Die ursprüngliche Idee, seinen Helden erst Atheist, dann frommgläubig, fanatisch und wieder Atheist werden zu lassen, hat er indessen niemals ganz ausgeführt. Wie uns sowohl die Gattin des Dichters als auch sein um vieles jüngerer warmer Freund W. S. Solowiew mitteilte, hatte der Dichter wirklich eine Fortsetzung des Romans als Abschluss von des Helden Lebensweg geplant und sich auch gegen diese ihm nahestehenden Menschen darüber ausgebreitet; wir kommen hierauf gelegentlich der Besprechung dieses Werkes zurück. Aber auch schon in den ersten Teilen des Romans scheint der Dichter bei mancher Gestalt, ja sogar beim Helden Aljoscha die ursprünglichen Absichten modifiziert zu haben. Die »Verderbtheit« des jungen Helden hat er da in eine Zeit vor dem Roman verlegt, in das zarte Alter, da junge Wesen ohne Sünde sündigen, sodass uns allerdings in seiner heutigen Gestalt Aljoscha eher als die Verkörperung des naiven Gottesglaubens erscheint. Dessen Antithese bildet Iwan mit seinem Grossinquisitor, der Betrachtung über die Kinder und der Teufelshallucination, während Sosima die beglückende Synthese in sich darstellt. In den »Memoiren aus einem Totenhause« hat Dostojewsky den Eindruck der Jünglingsgestalt verewigt, die ihm wohl auch bei der Bildung Aljoschas in seiner Reinheits-Phase halb unbewusst mag vorgeschwebt haben. Allerdings hat die Bedachtsamkeit des Schaffenden es nicht unterlassen, das lebensvolle Menschenbild hier mit einem Tropfen Karamasowschen Atridenblutes zu versetzen. Allein wer, der jene Schilderung des dagestanschen Jünglings Alej liest, würde nicht sofort an Aljoscha erinnert?
[Fußnote 30: Aus Gogols »Tote Seelen«.]
[Fußnote 31: Die Hauptpersonen in Tschernyschewskys Roman »Was thun?«]
Der Schluss des Briefes vom 6. April 1870 lautet: »Über den Nihilismus ist nichts zu sagen. Wartet nur ab, bis diese oberste Schichte jener, die sich vom Boden Russlands abgetrennt haben, gänzlich verwest. Wissen Sie was? Mir kommt's oft in den Sinn, dass viele von diesen nämlichen, niederträchtigen Jungen damit enden, dass aus ihnen wirkliche, feste, russische Ur-Nationale werden. [Das hier gebrauchte unübersetzbare Wort: »Potschwenniki« bedeutet genauer: »am nationalen Boden Haftende«; die Anhänger dieser Richtung wurden mit diesem Namen bezeichnet.] Nun, die übrigen -- mögen sie verwesen. Es wird damit enden, dass auch sie verstummen, in der Paralyse verstummen. Nichtswürdige sind sie immer!« -- --
Am 9. Juni schreibt Dostojewsky an Strachow: »Ich danke Ihnen für Ihren Brief, mein Bester. Sie schreiben immer so kurze Briefe, welche aber die Eigentümlichkeit haben mich aufzuregen. Ihre Meinung über Ihre kritische Thätigkeit finde ich unzureichend und unrichtig. Erstens denke ich so: wären jetzt Ihre Kritiken nicht da, so bliebe bei uns in der ganzen Litteratur ja gar niemand, welcher die Kritik als eine ernste und streng unentbehrliche Sache ansähe. Es bliebe sogar keiner der Kritiken Schreibenden, welcher die Notwendigkeit einer regelrechten philosophischen Betrachtung gegenwärtiger und vergangener Dinge (und die Achtung davor) halbwegs würdigte, folglich also auch die Kritik, d. h. seine eigene Arbeit würdigte. Und so haben Sie vor allem diesen strengen und philosophischen Blick auf die Kritik, den die anderen nicht haben, was die »Zarjá« zur einzigen Zeitschrift stempelt, die eine Kritik und die richtige Anschauung dafür hat. Wenn also auch nur dies für Euch spräche, so wäre das schon ungeheuer viel.
Ferner aber, erlauben Sie, dass ich Ihnen das sage: dass die Einflüsse nicht schnell zu Tage treten, dass der Unsinn unserer heutigen Gesellschaft doch einen Sinn hat, d. h. sein eigenes Bewegungsgesetz, und dass Sie endlich nicht einmal irgend eine Möglichkeit haben, die unmittelbare Nützlichkeit Ihrer Artikel und die Frage zu beurteilen, ob sie thatsächlich nur für jene geschrieben sind, »die ohne Sie auch schon so gedacht haben«. Das ist nicht richtig.
Hier haben Sie nun, meiner Vorstellung nach, ein gewisses Mass für die Beurteilung Ihres Einflusses: die Zeitschrift »Zarjá« ist vor allem ein Blatt für Tendenz und Kritik. Die Zahl der Abonnenten wird nach 2 bis 3 Jahren auch den Einfluss des Blattes im Publikum ausdrücken, damit aber unzweifelhaft auch den Einfluss der Kritik, weil diese der Hauptzug des Blattes ist, ihre besondere Spezialität für das Publikum. Auf diese Weise spricht sich dieses immer, wenn auch unbewusst, aus.
Aber denken Sie nur: ich hatte gemeint, Sie würden Struwe loben! Wenigstens um der guten Absicht willen. In der Philosophie bin ich etwas schwach (aber nicht in der Liebe zu ihr; da bin ich stark). Übrigens hat mir selbst, als ich Struwes Dissertation aufmerksam las, die Materialität der Seele herausgeschienen. Die Dissertation aber war mir hauptsächlich darum interessant, weil ich ahnte, dass dies gerade die gegenwärtige, neueste Denkweise der deutschen Philosophie sei. Allein wissen Sie, Nikolai Nikolajewitsch, man wird Sie ja für einen zurückgebliebenen Alten nehmen, der sich noch mit Pfeil und Bogen bewaffnet, während bei ihnen schon lange das Schiessgewehr im Gang ist. Was mich betrifft, so habe ich Ihren Artikel zweimal und mit Hochgenuss gelesen. Ausserdem verstehen Sie es wunderbar, zu schreiben. Ihre Litteratursprache ist schöner, als die aller anderen. Das aber, Sie mögen sagen, was Sie wollen, kann endlich nicht anders als bemerkt werden. Ich habe mich sehr darüber gefreut, wie Sie sich verächtlich gegen die gegenwärtige Manier des Philosophierens verhalten, und würde es sehr wünschen, dass man Ihnen antwortete. Aber, was für ein ausgelassener Ton ist doch in der gesamten heutigen Litteratur! Die Unordnung und Verwirrung in den Ideen -- nun, Gott mit ihnen -- die musste ja kommen; aber dieser allgemeine Ton! Welche Ausgelassenheit, welche Trivialität! Und nicht ein einziger, zu eigen gemachter fester Gedanke, was immer für einer, wenn auch ein falscher! Was sind das für Philosophen, was für Feuilletonisten. Der reine Quark. Dafür giebt es aber Einzelne, welche sowohl denken als auch Einfluss besitzen -- und so geht es immer, bei jedem Durcheinander. Es sollen nur einmal diese Einheiten die Albernheit des Publikums überwältigen, und Sie werden sehen, dass es endlich ihren Ton annimmt. Apropos: wer ist der junge Professor, der mit seinen Leitartikeln im »Golos« Katkow vollkommen geschlagen hat, sodass man diesen gar nicht mehr liest? Den Namen dieses Glücklichen! Schreiben Sie mir ihn, um alles, so schnell als möglich teilen Sie ihn mit!«[32]
»Ja, noch eins« -- heisst es im nächsten Briefe -- »ich wollte Sie schon lange fragen: kennen Sie vielleicht Leo Tolstoj persönlich? Wenn Sie ihn kennen, bitte, schreiben Sie mir, was es für ein Mensch ist. Es ist mir ungemein interessant, irgend etwas über ihn zu erfahren. Ich habe sehr wenig über ihn als Privatperson erfahren.
Ich schreibe für den »Russkij Wjestnik« mit grossem Eifer und kann durchaus nicht erraten, was herauskommt. Noch niemals habe ich ein solches Thema, niemals etwas in dieser Art aufgenommen. -- Dabei quäle ich mich mit dem Gedanken ab, um meine Übersiedlung nach Russland einzurichten; ich werde alle Kräfte daran setzen. Ach, es ist mir so unerträglich, in der Fremde zu leben, dass ich es gar nicht wiedergeben kann!
[Fußnote 32: Es ist Gradowsky gemeint.]
Von den mir gesandten 500 Rubeln -- heisst es weiter -- liess ich mir nur das Nötige bis zum 15. Mai übrig. Da sind nun aber zwei Wochen darüber hinaus vergangen; die Miete, der Krämer, der tägliche Unterhalt, alles ist ins Stocken geraten; zum Überfluss ist noch das Kind erkrankt, und der Arzt kommt ins Haus. Sie können sich nicht vorstellen, wie das auf meine Beschäftigung Einfluss nimmt, von allem anderen gar nicht zu sprechen. Ich bin manchmal mehrere Tage hindurch zur Arbeit ganz unfähig. Wenn schon bei der ersten Sendung (der versprochenen 100 Rubel monatlich) eine solche Ungenauigkeit herausgekommen ist, was wird dann in der Folge mit den anderen Anweisungen geschehen? Jetzt aber ist es Sommerszeit, alles ist auf dem Lande, es ist völliger Stillstand; mich wird man ganz vergessen. Ich aber kann nur im Winter auf irgend eine Sendung ausser der »Zarjá« rechnen. Was soll ich also thun? Dann soll man mir aber keine Vorwürfe machen, wenn auch ich nicht pünktlich bin. Ich schwöre Ihnen, wie lächerlich es auch sei, dass die Pünktlichkeit der Sendung für mich fast wichtiger ist als das Geld selbst. Am Ende kommt doch irgend welches Geld von irgend wo an; aber die Ruhe, die Möglichkeit sich von Sorgen zu befreien, wenn auch nur für die Zeit der Arbeit -- kehrt nicht wieder, das ist bereits ruiniert« usw. ...
»Ich habe hier zufällig den heurigen Jahrgang des »Wjestnik Ewropy« in die Hand bekommen und alle Nummern durchgesehen. Ich war verblüfft. Ist es denn möglich, dass eine bei uns noch nie dagewesene Mittelmässigkeit -- wenn man etwa die »bulgarische nordische Biene« ausnimmt -- einen solchen Erfolg haben konnte (6000 Exemplare und eine zweite Auflage). Da sehen Sie, was es heisst, allen zu Gehör reden. Was für eine Anpassung an die Meinung der Gasse, die allerletzte Schablone des Liberalismus! Das also, heisst das, hat bei uns Erfolg! Die Ausgabe ist übrigens geschickt: am ersten jeden Monats und -- Schriftsteller in Fülle. Ich habe unter anderem »Die Hinrichtung Tropmans« von Turgenjew durchgelesen. Sie können anderer Meinung sein -- mich aber hat dieser aufgeblasene und kleinliche Aufsatz aufgebracht. Warum wird er immer verwirrt und behauptet, kein Recht zu haben, da zu sein? Freilich, wenn er nur als Zuschauer zu einem Schauspiel gekommen. -- Aber kein Mensch, der auf der Erdoberfläche lebt, hat das Recht, sich abzuwenden und das zu ignorieren, was auf der Erde vorgeht, und dafür giebt es die höchsten sittlichen Gründe. »Homo sum et nihil humanum« usw. ... das Komischste von allem ist, dass er sich endlich abwendet und im letzten Moment es nicht zu sehen bekommt, wie man hinrichtet: »Seht, meine Herren, wie zart ich erzogen bin! Ich habe es nicht aushalten können!« Übrigens giebt er sich ganz aus. Der Haupteindruck des Artikels als Endergebnis ist -- eine schreckliche, bis zur äussersten Kleinlichkeit getriebene Sorge, um sich selbst, um die eigene Ganzheit und die eigene Ruhe, und das alles angesichts eines abgeschlagenen Hauptes. Speien soll man übrigens auf sie alle. Sie langweilen mich furchtbar. Ich halte Turgenjew für den ausgeschriebensten aller ausgeschriebenen russischen Schriftsteller -- was immer Sie auch »in Sachen Turgenjews« schreiben mögen. -- Sie müssen schon verzeihen. -- --
Anna Grigorjewna grüsst Sie. Sie ist ganz herabgekommen, sowohl durch das Stillen des Kindes als durch die Sorgen. Und auch noch diese Verdriesslichkeiten!«
Nach einer Unterbrechung von mehreren Monaten spricht Dostojewsky (21. Oktober 1870) seine Freude über den wieder aufgenommenen Briefwechsel aus: »Niemals habe ich Menschenverkehr so sehr gewürdigt, als jetzt in meiner abscheulichen Vereinsamung. Die Hoffnung, im Herbste nach Petersburg zurückzukehren, hat sich nicht erfüllt; die Mittel waren ungenügend. Wir mussten uns entschliessen, sie abermals bis zum Frühling zu verschieben und uns noch einen Winter in Dresden durchzuquälen.
Ich habe Ihnen bis jetzt nicht geantwortet, weil ich buchstäblich, ohne den Kopf zu erheben, hinter meinem Roman für den »Russkij Wjestnik« sitze. Es ging so schlecht von statten, es musste vieles so oft umgearbeitet werden, dass ich mir endlich das Wort gab, nicht nur nicht zu lesen und nicht zu schreiben, sondern auch nicht um mich zu schauen, ehe ich beendige, was ich mir aufgegeben habe. Und das ist ja erst der allererste Anfang! Allerdings ist schon viel aus der Mitte des Romans aufgeschrieben, vieles ausgemerzt (nicht mit Stumpf und Stiel, versteht sich). Nichtsdestoweniger sitze ich noch über dem Anfang. Ein schlechtes Zeichen; und dennoch möchte man etwas besseres machen. Man sagt, Ton und Manier müssten sich bei einem Künstler ganz von selbst erzeugen; das ist wahr, aber manchmal verirrst du dich in ihnen und suchst sie. Mit einem Wort, niemals hat mir irgend etwas grössere Mühe gemacht. Anfangs, d. h. zu Ende des vorigen Jahres, sah ich auf diese Sache als auf eine herausgequälte, gemachte Sache von oben herab. Später kam wirklich Begeisterung über mich. Abermalige Veränderung: es tauchte noch eine neue Persönlichkeit mit der Prätension auf, der wirkliche Held des Romans zu werden, sodass der erste Held -- eine interessante, doch den Namen Held nicht rechtfertigende Figur -- auf den zweiten Plan zu stehen kam. Der neue Held fesselte mich so sehr, dass ich abermals an die Umarbeitung ging. Und nun, da ich schon den Anfang an die Redaktion des »Russkij Wjestnik« gesandt habe -- bin ich plötzlich erschrocken: ich fürchte ein Thema gewählt zu haben, das über meine Kraft geht; ernstlich fürchte ich es, mit Qualen! Dabei aber habe ich ja den Helden nicht aufs geradewohl eingeführt. Ich habe seine ganze Rolle voraus im Plan des Romans aufgeschrieben (mein Plan umfasst mehrere Druckbogen), der ganz und gar aus Scenen, d. h. Geschehnissen und nicht aus Erwägungen besteht. Darum, denke ich, wird eine Persönlichkeit herauskommen, ja vielleicht eine neue. Ich hoffe, aber ich fürchte! Es ist endlich Zeit, auch irgend etwas Ernstes zu schreiben. Vielleicht aber falle ich ganz hinein. Wie immer es ausfallen möge, es heisst schreiben: denn mit diesen Umarbeitungen habe ich überaus viel Zeit verloren und schrecklich wenig geschrieben.
Über den »Wjestnik Ewropy« und seine Erfolge ist nichts zu sagen, als dass es das Blatt der Petersburger Beamten und allen mundgerecht ist (im trivialen, nicht im populären Sinne des Wortes); das Blatt konnte nicht anders als Erfolg haben ... Ihr Artikel über Polonsky hat mir ungemein gefallen. Unbestreitbar ist es ein wichtiges Thema: worin die eigentliche Poesie besteht. Aber es wäre, scheint mir, noch besser, wenn Sie sich darüber ausgebreitet hätten, was eigentlich die falsche, gezierte Poesie ausmacht. Ich versichere Ihnen, Nikolai Nikolajewitsch, dass das jetzige Publikum lange nicht mehr das ist, was es zur Zeit unserer Jugend gewesen. Der jetzigen Jugend muss man vieles aufs neue auseinandersetzen. Seien Sie etwas härter, damit werden Sie anderen und sich viel Nutzen bringen. Übrigens -- was lehre ich Sie denn! Sie sind mir eben teuer. Nicht umsonst schneide ich zu allererst Ihren Artikel im Buche auf; der Tag, an dem ich ein Heft mit Ihrem Artikel erhalte, ist ein Feiertag für mich.
Wie ist Ihre Gesundheit? Ich kann mich grosser Gesundheit nicht rühmen -- das ist das Zuwidere! Jetzt kommt für mich ein Winter angestrengter Arbeit bei Tag und Nacht. Ich will bis zum Frühling alles bewältigt haben. Das ist die einzig mögliche Art zu arbeiten: nämlich ohne aufzuatmen -- sonst kommt man nicht zu Ende. Ich führe ein langweiliges und äusserst regelmässiges Leben. Ich mache täglich einen Spaziergang, lese einige Zeitungen, worunter russische. Nach meiner Meinung werden alle diese gegenwärtigen, erschütternden Ereignisse eine unmittelbare Einwirkung auch auf unser russisches Leben haben, also auch auf die Litteratur. In jedem Falle sind es ungewöhnliche Zeiten. Ich denke nicht, dass die Litteratur in ihrem Einfluss und ihrer Bedeutung verloren hat. Im Gegenteil, sie wird in jedem Falle gewinnen; aber wenn man liest, z. B. russische Zeitungen, so fühlt man, bis zu welchem Grade das alles frühreif und ohne eigene Gedanken ist, ausser den »Moskowskija Wjedomosti« natürlich. Werden Sie mir nicht irgendwie antworten, teurer Nikolai Nikolajewitsch? Beglücken werden Sie mich. Ich aber verspreche, dass ich pünktlich sein werde.«
Im nächsten Briefe vom 14. Dezember wiederholt der Dichter seine Klage über die Schwierigkeiten, die er bei der Arbeit des Romans zu bekämpfen habe. Es ist dies der Roman »Die Besessenen«, dessen wir schon wiederholt erwähnten.
Der Wunsch, die nihilistische Richtung auf künstlerischem Wege zu brandmarken, hat hier dem Dichter ein schweres Stück Arbeit aufgenötigt, dem sich von vornherein das Positive, das in jeder grossen Kunst und jedem grossen Künstler steckt, entgegensetzen musste. Er musste, um seine Geissel so hart und schwer als möglich zu flechten, um sie so unerbittlich auf die Nacken der »Gottlosen« niedersausen zu lassen, diesen »Besessenen« auch jeden menschlichen Zug rauben, jede Anwartschaft auf Sympathie entziehen, musste ihnen sowohl in ihren Zielen, als in ihren Mitteln nur das Ruchloseste zuschreiben und dem Leser solche Scheusale glaubwürdig machen, er, der sein Leben lang den göttlichen Funken im Herzen des vertierten Verbrechers suchte und zu finden verstand. Das Unwahre, Dostojewskysch Unwahre, das dieser Arbeit zu Grunde liegt, diese Spaltung seines Urwesens konnte ihm nicht gelingen und musste ihn mit grossem Unbehagen erfüllen. Dennoch weist der Roman, namentlich in seinem ersten Teil und am Ende, künstlerisch grosse Schönheiten auf, von den tiefen philosophischen Problemen zu schweigen, welche zu dem Ergebnis führen, dass der aufrichtige Atheismus, je nach der sittlichen Person, die er ergreift, im Mord oder Selbstmord seinen Abschluss findet.
In den Mund Stepan Trofimowitsch', den geistreich-sentimentalen Litteraten der vierziger Jahre, eine der köstlichsten Figuren des Dostojewskyschen Humors, legt der Dichter, wie er das so gerne thut, das Resumé des Buches, seine Wahrheit nieder. Da dieses grosse, eitle, >genialische< Kind in einer fremden Herberge erkrankt und von einem armen, Evangelien verkaufenden Frauenzimmer gepflegt wird, das er >ma chère innocente< oder >chère et incomparable amie< nennt, da fällt ihm plötzlich ein, sie solle ihm »von den Säuen« vorlesen; »de ces cochons« -- »ich erinnere mich: die Teufel fuhren in die Säue und alle sind ersoffen. Lesen Sie es mir unbedingt, ich will Ihnen dann sagen, warum. Ich will mich wörtlich daran erinnern, wörtlich will ich es haben.« -- -- Nun liest Sofja Matwejewna die Stelle aus dem Evangelium Lucae, VIII, 32, 33, welche der Dichter als Motto vor sein Werk gesetzt hat:
»Es war aber daselbst eine grosse Herde Säue an der Weide auf dem Berge. Und sie baten ihn, dass er ihnen erlaubte, in dieselbigen zu fahren. Und er erlaubte es ihnen.
Da fuhren die Teufel aus dem Menschen und fuhren in die Säue; und die Herde stürzte sich mit einem Sturm in den See und ersoff.«
»Meine Freundin,« sagte am Schluss Stepan Trofimowitsch in grosser Aufregung, »savez-vous, diese wunderbare .... ungewöhnliche Stelle war mir mein ganzes Leben lang ein Stein des Anstosses .... dans ce livre .... so, dass ich mich an diese Stelle seit meiner Kinderzeit erinnere. Jetzt aber ist mir ein Gedanke gekommen -- une comparaison. Mir kommen jetzt schrecklich viele Gedanken: sehen Sie, das ist Punkt für Punkt unser Russland. Diese Teufel, die aus dem Kranken heraus in die Säue fahren, das sind alles die Gifte, die Miasmen, alle Unreinigkeit, alle Teufel und alle Teufelchen, welche sich in unserem grossen, teueren Kranken, in unserem Russland angesammelt haben, seit Jahrhunderten, seit Jahrhunderten! Oui, cette Russie, que j'aimais toujours! Aber ein hoher Gedanke und ein hoher Wille beschützen es von oben, wie diesen sinnlosen Besessenen, und es werden alle diese Teufel aus ihm fahren, alle diese Unreinigkeit, all' diese Abscheulichkeit, die sich auf der Oberfläche angefault hat ... und sie werden selbst darum bitten, in die Säue zu fahren. Ja, und sie sind vielleicht schon hineingefahren! Das sind wir, wir und die andern, Pjetruscha ... et les autres avec lui ... und ich vielleicht der Erste darunter; und wir Sinnlosen und Besessenen werden uns vom Felsen ins Meer stürzen und werden alle ersaufen; denn dahin geht unser Weg, weil unsere Kraft ja nur dazu ausreicht. Allein der Kranke wird genesen, »sitzen zu den Füssen Jesu« ... und alle werden es mit Verwunderung schauen ... Liebe, vous comprendrez après, jetzt aber erregt mich das alles sehr ... Vous comprendrez après ... Nous comprendrons ensemble.
Wir kehren zur Korrespondenz der letzten Zeit im Auslande zurück und nehmen nur die markantesten Stellen einzelner Briefe hier heraus. Da ist noch am Schlusse des Briefes vom 2. (14.) Dezember 1870 an Strachow die Stelle: »Turgenjews >König Lear< hat mir gar nicht gefallen. Ein aufgeblähtes, hohles Ding. Der Ton niedrig. Ich sage das nicht aus Neid, weiss Gott!«
In einem Briefe an A. Maikow vom 30. Dezember 1870 finden wir ausser den uns bekannten geschäftlichen Erörterungen am Schlusse eine Stelle, welche als Illustration von Dostojewskys unkritischem Pessimismus in Dingen der europäischen Nationalitäten bezeichnend ist. Finden wir den Dichter in Frankreich mit den Franzosen, in Genf mit den Schweizern höchst unzufrieden, so ist seine Missgunst gegen Deutsche und Deutschland, so lange er dort lebt, ganz genügend, um sich wieder einmal der Franzosen anzunehmen. Man fühlt an solchen Äusserungen das ganz subjektive, vom Augenblick bestimmte Urteil auf dem, allerdings einheitlichen, Untergrunde des »Nichteuropäers«. Er spricht zuerst von seiner Heimkehr, die sowohl er als auch Anna Grigorjewna nicht mehr erwarten können, und fährt fort:
»Strachow schreibt mir, dass in unserer Gesellschaft noch alles furchtbar jugendlich-grün ist. Wenn Ihr wüsstet, wie sehr das von hier aus ersichtlich ist! Aber wenn Sie wüssten, was für einen blutigen Hass, bis zum Abscheu, Europa in diesen vier Jahren in mir hervorgerufen hat! Du lieber Gott, was hat man bei uns für Vorurteile über Europa! Nun, ist jener Russe nicht ein Säugling (das sind aber fast alle), welcher daran glaubt, dass der Preusse durch die Schule gesiegt hat? Das ist sogar schamlos: eine schöne Schule, welche quält und plündert wie eine Hunnenhorde (wenn nicht noch ärger?).
Sie schreiben, dass sich jetzt in Frankreich der Geist der Nation gegen die brutale Macht erhebt? Daran habe ich von allem Anfang an nie gezweifelt; und wenn sie dort keine Böcke schiessen, indem sie Frieden schliessen, sondern noch drei Monate ausharren, so werden die Deutschen hinausgejagt und dann -- welche Schande! Da hätte man viel zu schreiben -- und ich könnte Ihnen viel Interessantes aus eigener Anschauung mitteilen: z. B. wie die Soldaten von hier aus nach Frankreich aufbrachen, wie man sie zusammenruft, ausrüstet, verpflegt und fortführt. Das ist ungeheuer interessant. Ein armseliges Weiblein zum Beispiel, das davon lebt, dass sie zwei Stübchen aufnimmt, sie einrichtet und dann vermietet (sie besitzt also um ein paar Groschen Einrichtungsstücke), wird, da sie eigene Möbel hat, verpflichtet, auf ihre Rechnung zehn Soldaten aufzunehmen und zu beköstigen. Die bleiben drei Tage, zwei Tage, einen Tag, selten eine Woche. Aber das kommt sie ja auf 20-30 Thaler. -- Ich selbst habe einige Briefe von jungen deutschen Soldaten, die vor Paris standen, an ihre hiesigen Angehörigen (Krämer, Marktweiber) gelesen. Herrgott, was schreiben die! Wie sind sie krank, wie hungrig!