Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 30
Hier setzt das russische Thema ein. Die Hypochondrie plagt den Mann nicht mit Krankheitsbildern, wie sie uns etwa damit belagert, sondern es fallen ihm gewisse kleine Dinge aus seiner Vergangenheit ein, die er »lieber nicht gethan hätte«. Da ist das junge Mädchen aus dem Volke, das er verführt und samt ihrem Kinde verlassen hat; der junge Fürst, dem er für nichts und wieder nichts im Duell das Bein zerschossen hat, und manches andere mehr. Weltschaninow verfügt bei aller Hypochondrie über einen klaren, gesunden Menschenverstand; er sagt sich, dass er, käme die Sache wieder so, unzweifelhaft der alten Fürstin dennoch das Leid zufügen würde, ihrem Söhnchen das Bein abzuschiessen -- heute aber, in seiner jetzigen Verfassung verdriesst ihn das, lässt es ihm keine Ruhe. Hier haben wir in wenigen Strichen den russischen Weltmann mit dem Einschlag: Reue und Einkehr aus äusseren Gründen, eine Reue auf Zeit, die, wie wir sofort empfinden, der gesicherten Erbschaft und dem guten kleinen Diner bald das Feld für neue Thaten räumen wird.
An ein Erlebnis jedoch scheint er sich nicht zu erinnern, und gerade dies soll ihm verhängnisvoll werden. Ihm begegnet fast täglich ein Mann mit einem Hut, um den ein Trauerflor geschlungen ist. Das Gesicht reizt, verdriesst ihn; es verfolgt ihn, sodass Appetit und Schlaf vergehen. Endlich scheint ihm, er müsse den Mann »einmal gekannt haben«. Da, in einer schlaflosen Nacht tritt er ans Fenster, schiebt die schwere Gardine, welche ihm die Helle der Petersburger Nächte zu decken bestimmt ist, auseinander und sieht auf dem jenseitigen Bürgersteig -- den Mann mit dem Trauerhute stehen und spähend auf sein Fenster blicken. Kaum ist er mit Staunen seiner ansichtig geworden, als jener auch schon über die Strasse und -- gerade ins Haus geht. Weltschaninow tritt in sein Vorzimmer und lauscht mit atemloser Spannung. Richtig, da kommt es auf der Treppe heraufgeschlichen, da drückt und zerrt es an der Thürklinke. Weltschaninow öffnet plötzlich die Thüre, und vor ihm steht der Mann »mit dem Krepp«, in welchem er mit einemmale Paul Pawlowitsch Trussotzky, den Mann erkennt, mit dessen Gattin, einer russischen Madame Bovary, er vor neun Jahren in der Provinzstadt T. ein intimes Verhältnis unterhalten hatte. Er nötigt Trussotzky in die Stube und fordert Aufklärung über den nächtlichen Besuch. Dieser entschuldigt sich nur halb, er sei auf dem Heimwege vorübergegangen und, »ohne es eigentlich zu wollen, zufällig« heraufgekommen. Er erzählt ferner, dass er, um in ein anderes Gouvernement versetzt zu werden, nach Petersburg gekommen sei und nun in seiner Stimmung nicht loskomme. Dabei deutet er auf den Krepp auf seinem Hute. »Ja, sie; Natalja Wassiljewna! im heurigen März!« beantwortet er Weltschaninows Frage. Nun weiss er den überraschten und mehr, als er's vermutet hatte, erschütterten Weltschaninow mit süsslich stichelnden Anspielungen so in die Enge zu treiben, dass dieser in die höchste Aufregung kommt und ihm, zu Trussotzkys steigender Freude, mehr als ein unvorsichtiges Wort entschlüpft. Diese Szene ist voll vortrefflicher kleiner Züge, die das innerste Wesen dieser beiden Menschen aufdecken.
Endlich schickt Weltschaninow den verhängnisvollen Gast fort, schliesst diesmal seine Thüre fest zu und wirft sich angekleidet auf sein Lager. Als er spät am Morgen erwacht, fällt ihm sofort der Tod jenes Weibes ein. Er denkt über sie nach, kommt zu dem Schluss, dass sie verderbt war -- mit seiner Beihilfe, wie der Dichter »im Vorübergehen« bemerkt -- ohne sich im geringsten dafür zu halten, und dass eine solche Frau als notwendigen Gegenpart einen Hahnrei zum Manne haben müsse. »Seiner Ansicht nach besteht die Wesenheit solcher Gatten darin, dass sie »ewige Gatten« oder, besser gesagt, im Leben nur Gatten sind und weiter nichts.« »Ein solcher Mensch wird geboren und entwickelt sich einzig und allein, um sich zu verheiraten und, nachdem er sich verheiratet hat, sich sofort in eine Zugabe seiner Frau zu verwandeln, auch in dem Falle, dass er selbst einen eigenen unbestreitbaren Charakter besässe. Das Hauptmerkmal eines solchen Gatten bildet -- ein gewisser Stirnschmuck. Ein so Gehörnter nicht zu sein, ist ihm gerade so unmöglich, als es der Sonne ist, nicht zu scheinen. Allein er weiss nicht nur gar nichts davon, sondern er kann den Naturgesetzen nach nie etwas davon wissen.«
Weltschaninow hat sich im letzten Augenblick Trussotzkys Adresse geben lassen und findet ihn endlich in einer elenden Mietwohnung, halbangekleidet -- ein kläglich bittendes Kind züchtigend. Es ist Lisa, der Verstorbenen Töchterchen, »das uns geboren wurde, als Sie schon -- wie lange fort waren?« Er zählt die Monate: ja acht Monate, nachdem Sie fort waren. -- Das Kind ist furchtbar eingeschüchtert. Wir erfahren aus Abrissen des Gespräches, dass Trussotzky das Kind sehr geliebt, nach dem Tode der Frau aber gequält, geschreckt und Tage lang sich selbst überlassen habe. Weltschaninow erkennt unter Qualen, dass es sein Kind ist, und führt es zu guten Freunden aufs Land. Es ist eine kinderreiche Familie, die das kranke, scheue Mädchen liebevoll aufnimmt. Das Kind erkrankt dort am zweiten Tage und stirbt, ohne dass Trussotzky auch nur einmal hinausgekommen wäre, sich nach ihm umzusehen. Weltschaninow entschliesst sich mit Widerwillen, den Mann wegen des Begräbnisses aufzusuchen, und findet ihn endlich in trunkenem Zustande bei einigen »Damen«. Als er ihm mitteilt, dass sein Töchterchen gestorben sei und die Bestattungspflichten an ihn herantreten, ruft er ihm lallend giftig die Worte zu: »Erinnern Sie sich des Lieutenants, der nach Ihnen ankam; zu dem gehen Sie wegen der Bestattung.« Der Rausch allein versetzt ihn in die mutige Stimmung, giftige Pfeile unmittelbar nach seinem Feinde zu schleudern. Indessen zahlt er nach einigen Tagen in nüchternem Zustande jener Familie die Begräbniskosten bei Heller und Pfennig.
Dies ist das erste Stück seiner Rache. Er will nichts anderes, als in Weltschaninow jene Empfindungen erwecken, die er selbst gehabt, als er erfuhr, dass nicht er Lisas Vater sei. Zwischen diesen durch Trunkenheit aufgestachelten Rache-Versuchen des feigen »Gatten« spielen sich Szenen widriger »Vergebung«, Küsse, Thränen, Umarmungen ab, denen sich Weltschaninow -- da er sich im Banne der Schuld fühlt, ihn auch wohl nach einem klaren Abschluss dieser peinvollen Sache verlangt und vor allem, weil er eben jetzt physisch entsprechend konstituiert ist -- auf keine Weise entwinden kann. Nach einer solchen Szene, die ihn wieder in den Bann seiner eigenen Reuegefühle versetzt hatte, lässt er sich auch von Trussotzky erbitten, ihn zu einer töchterreichen Familie aufs Land zu begleiten, in deren Schosse er, Trussotzky, sich -- eine Braut erwählt habe. Es ist dies die sechste der Haustöchter, Nadja, eine frische, kecke Gymnasiastin. In Weltschaninow, der auf der Fahrt mit seinem Gefährten auch nicht ein Wort gewechselt hatte, erwacht draussen unter der blühenden Mädchenschar der alte Frauenbestricker; er musiziert, singt, entzückt die junge Nadja und reizt dadurch Trussotzky zu verbissener Wut.
Als ein Gewitter heraufzieht, fahren sie endlich auf Trussotzkys stilles Drängen nach Petersburg zurück, wo dieser Weltschaninow in seine Wohnung folgt. Der Hausherr ist erschöpft, fühlt sich leidend; Trussotzky aber weicht nicht von der Stelle, bis er nicht das Versprechen empfangen hat, Weltschaninow werde niemals in jenes Haus zurückkehren. Da, schon spät am Abend, unter Blitz und Donner, stürmt ein sehr junger Mensch herein, der sich als Nadjas heimlich Verlobter vorstellt und mit der ganzen Sicherheit und Anmassung der Jugend -- eine meisterhafte Szene -- Trussotzky verbietet, um seine Braut zu werben. Diese Episode zieht sich so lange hin, dass endlich Weltschaninow nach des Studenten Abgang Paul Pawlowitsch veranlasst, bei ihm zu übernachten. Kaum hat sich Weltschaninow niedergelegt, als der Brustkrampf, welcher ihn schon seit geraumer Zeit angefallen hatte, sich zu einem unerträglichen Grade steigert. Trussotzky eilt in die leere Küche, macht Feuer an, weckt die Frau des Hauswächters und wärmt abwechselnd mit ihr Tücher und Teller, die er mit unermüdeter Sorgfalt dem Kranken auflegt, giebt ihm Thee zu schlucken, den er schnell bereitet hat, bis endlich das Übel sich legt und nur eine grosse Schwäche zurückbleibt, die zur Nachtruhe mahnt.
Überwältigt von dieses Menschen aufrichtiger Bemühung um ihn, ruft ihn Weltschaninow noch einmal an sein Lager und sagt halbmurmelnd: »Sie -- Sie -- Sie sind besser als ich! Ich begreife alles, alles ... ich danke Ihnen.« -- Trussotzky löscht das Licht aus und legt sich leise auf den zweiten Divan nieder. Es ist nach dem Gewitter tiefdunkel in der Stube, wo schwere Vorhänge das Licht ausschliessen. Nur vom Nebenraum her dringt ein schwacher Schein herein. Weltschaninow hat einen beängstigenden Traum. Er hat ihn schon einmal gehabt, als Trussotzky das erste Mal bei ihm übernachtet hatte und er ihn plötzlich mitten im Zimmer stehend mehr fühlte als sah. Ihm war auch diesmal, als kämen immer mehr Leute die Treppe herauf und zu ihm herein, sodass die Stube zu voll wird, um darin atmen zu können. Endlich hört er genau, ebenso wie damals, drei Glockenschläge an der Wohnungsthür und erwacht mit einem Schrei.
Eine Eingebung heisst ihn mit vorgestreckten Händen dorthin eilen, wo Paul Pawlowitsch schläft. Da berühren seine Hände zwei andere Hände, etwas Scharfes schneidet in seine Linke und fällt darauf zu Boden. Es ist sein Rasiermesser, das gerade heute zufällig auf dem Tischchen neben dem Divan liegen geblieben war. Nun folgt ein minutenlanger, lautloser Kampf, der damit endet, dass Weltschaninow trotz seiner Schwäche Trussotzky niederwirft und ihm die Hände mit der Vorhangschnur, die er mit Zorneskraft abgerissen, auf dem Rücken zusammenbindet.
Es ist nun fünf Uhr geworden. Weltschaninow lässt den vollen Tag herein, eilt zu einem Schrank um ein Handtuch, verbindet sich damit die blutende Hand, hebt das Rasiermesser vom Boden auf, verwahrt es an seinem Ort und wendet sich zuletzt Trussotzky zu, welchem es indessen gelungen war sich aufzurichten und in einen Stuhl zu setzen. Plötzlich blickt er halb stumpf empor und deutet nach der Wasserflasche: »Wasser möcht' ich«, flüstert er. Weltschaninow giesst ein Glas voll ein und führt es zu seinen Lippen, bis der Durst schluckweise gestillt ist. Darauf nimmt Weltschaninow sein Kopfkissen und begiebt sich in das Nebenzimmer zur Ruhe, nachdem er vorher Trussotzky nach aussen eingeschlossen hat.
Wir lassen hier den Dichter erzählen: »Seine Schmerzen waren ganz vergangen, allein er empfand aufs neue eine ungeheure Mattigkeit, jetzt nach der aussergewöhnlichen Anspannung seiner ihm, weiss Gott woher, zugeströmten Kräfte. Er wollte versuchen sich den ganzen Vorgang vorzustellen, allein seine Gedanken vermochten sich noch nicht aneinander zu reihen; der Schlag war allzu stark gewesen. Bald fielen ihm die Augen zu und blieben etwa zehn Minuten geschlossen, bald zuckte er plötzlich zusammen, erwachte, erinnerte sich an alles, erinnerte sich seiner schmerzenden, in das blutnasse Handtuch gewickelten Hand und begann fieberhaft, wühlend, nachzudenken. Klar wurde ihm nur eines: dass Paul Pawlowitsch ihm thatsächlich hatte die Gurgel abschneiden wollen, dass er aber möglicherweise eine Viertelstunde vorher nicht wusste, dass er es thun werde. Das Rasierzeug (das übrigens sonst immer im Schreibtisch eingeschlossen lag) war von ihm vielleicht erst am Abend mit dem Blick gestreift worden, ohne jedoch dabei irgend einen Gedanken in ihm zu erwecken. »Wenn er sich schon seit langem vorgenommen hätte, mich umzubringen -- fiel ihm unter anderem ein --, so hätte er sicherlich schon ein Messer oder eine Pistole vorbereitet und nicht auf mein Rasiermesser gerechnet, das er bis zum gestrigen Tage noch nie gesehen hat.«
Der Dichter kommt auf das Unbewusste im Handelnden zurück, und damit beim Leser auch kein Irrtum sei, wie er Trussotzky zu betrachten habe, lässt er diesen eben das noch nie gesehene Rasiermesser benutzen. Er geht noch weiter. Im Kapitel, das >Analyse< überschrieben ist, nimmt Weltschaninow den Faden seiner Folgerungen -- nachdem er Trussotzky entlassen hat -- folgendermassen wieder auf. »Diese Leute,« dachte er, »eben diese Leute, welche vor einer Minute noch nicht wussten, werden sie den Hals abschneiden oder nicht, -- wenn die schon einmal das Messer in ihre zitternde Hand nehmen und sie den ersten Spritzer heissen Bluts auf ihren Fingern fühlen, dann bleibt es nicht beim Schneiden allein -- den ganzen Kopf schneiden sie dann herunter: >zum Wohlsein<, wie die Arrestanten sagen. So ist es.«
Dieses tiefe Eindringen in den Blutrausch der unbewusst Mordenden zeigt er noch ausführlicher in der Besprechung des Prozesses der Kairowa, welche »noch am Vorabend sicher nicht wusste, ob und wie weit sie ihrer Rivalin in die Gurgel schneiden werde«. Auch in jener ergreifenden Gerichtsszene, wo Dmitri Karamasow erzählt, er habe daran gedacht, den Vater zu töten, aber den mörderischen Stössel von sich in den Garten geschleudert, er wisse nicht warum -- »es muss wohl in diesem Augenblick meine Mutter für mich gebetet haben«, meint er -- auch hier ist das Mysterium betont, die tiefen Zusammenhänge der Möglichkeiten in der Menschenseele, über die kein Gesetz je gerecht zu entscheiden vermag.
Im weiteren Verlauf der Analyse kommt Weltschaninow-Dostojewsky zu seltsamen Schlüssen: »Wenn es also entschieden ist, dass er mich ohne Vorbedacht umzubringen auf dem Wege war, grübelte Weltschaninow, ist ihm dieser Gedanke etwa schon einmal früher in den Sinn gekommen, wenn auch nur wie eine Vorstellung in einem zornigen Augenblick?« »Er löste die Frage seltsam, -- damit, dass Paul Pawlowitsch ihn wohl umbringen gewollt, dass aber der Gedanke des Mordes dem künftigen Mörder auch nicht einmal eingefallen war.« Kürzer gesagt: »Paul Pawlowitsch wollte umbringen, allein er wusste es nicht, dass er umbringen wollte. Das ist unsinnig, aber es ist so,« dachte Weltschaninow: »er ist wegen meiner hergefahren und mit Lisa hergekommen!« »Und war denn das wahr, das alles wahr,« rief er, plötzlich den Kopf vom Kissen erhebend und die Augen öffnend, »alles, was dieser ... Verrückte mir gestern über seine Liebe zu mir vorgeredet hat, als sein Kinn zu zittern begann und er sich mit der Faust an die Brust schlug?« »Vollkommene Wahrheit,« entschied er, sich immer mehr in die Analyse vertiefend, »dieser Quasimodo aus T. war genug dumm und edelmütig dazu, um sich in den Liebhaber seiner Frau zu verlieben. [Man merke hier die Anschauung des Weltmannes Weltschaninow, wie sie der Dichter markiert.] Einer Frau, der er zwanzig Jahre lang nichts anmerkte. Er achtete mich neun Jahre lang, ehrte mein Andenken und erinnerte sich an meine >Aussprüche< -- Herrgott, und ich wusste von gar nichts! Er konnte gestern nicht lügen! Aber, liebte er mich gestern, als er mir seine Liebe erklärte und sagte: >werden wir quitt?< Ja, aus Bosheit liebte er mich; diese Liebe ist die allerstärkste.«
Nun lässt der Dichter Weltschaninow sich erinnern, welchen Eindruck er auf diesen »Schiller in der Form eines Quasimodo« gemacht habe. [Bei den Russen ist der Name Schiller als ein Gattungsname für verschrobene, hohle Idealisten eingebürgert.] Den günstigsten, vor allem durch seine Handschuhe und die Art, sie zu tragen; »denn die Quasimodos lieben die Ästhetik, hu, wie sie sie lieben! Handschuhe sind ganz genügend für manche edle Seele, gar aus dem Geschlechte der >ewigen Gatten<.« Weltschaninow geht alle Phasen von Trussotzkys Zustand durch, natürlich in der Beleuchtung des leichtfertigen Weltmannes. »Wenn auch dieser, wem kann man danach noch trauen!« -- »Nach einem solchen Aufschrei wird man ein Tier!« denkt er bei sich.
»Hm! er ist hergekommen, um mich zu umarmen und mit mir zu weinen«, wie er selbst es in der niedrigsten Weise ausgedrückt hat -- das heisst, er kam, um mich umzubringen, und dachte dabei, es sei »um mich zu umarmen und mit mir zu weinen« ... Auch Lisa hat er hergebracht ... Wie aber, wenn ich mit ihm geweint hätte, da hätte er mir vielleicht thatsächlich verziehen, weil er schrecklich das Bedürfnis hatte, zu verzeihen! .. Alles das hat sich aber bei der ersten Begegnung in betrunkene Gewaltstücke, in Karikatur verwandelt, in weibisches Geheul über die Beleidigung. (Hörner hat er sich vor mir auf die Stirne gemacht, Hörner!) Darum ist er auch in trunkenem Zustand gekommen, um sich wenigstens fratzenhaft auszusprechen usw. Und wie er in der Nacht herumgesprungen ist, die Teller zu wärmen, dachte eine Abwechselung zu machen -- vom Messer zum innigen Mitgefühl! Sich und mich wollte er retten -- mit gewärmten Tellern! ...«
Endlich kommt Weltschaninow zur Ruhe, schläft sich aus, erwacht mit einem unendlichen Gefühl der Erleichterung, dass »alles vorüber sei«, geht an diesem Tage viel aus und hat Mühe sich zurückzuhalten, um nicht dem ersten besten sein Erlebnis zu erzählen. Nach einer gut zugebrachten Nacht erwacht er mit einem ungeheueren Schrecken. Er fühlt, dass er: Trussotzky aufsuchen muss. »Warum? Wozu? Darüber wusste er nichts und empfand einen tiefen Widerwillen es zu wissen, wusste aber nur das, dass er gewiss aus irgend einem Grunde dahin kriechen werde.«
Also auch hier versäumt es der Dichter nicht, das echt russische Schuld- und Ausgleichsbedürfnis in die Gegenfigur des in zwei gespaltenen Menschen ohne Gott zu legen. Den Weltmenschen wie den Sünder treibt das unbewusste Verlangen geheimnisvoll nach dem »Quittwerden« mit äusseren und inneren Geschicken. Ohne dass ein einziges Mal im ganzen Buche der christliche Gedanke mittelbar oder unmittelbar ausgesprochen würde, sehen wir, wie er sich allmählich aus den Zuständen und den endgiltigen Schicksalen dieser Beiden herausschält.
Weltschaninow macht sich also auf den Weg zu seinem Mörder, begegnet aber dem jungen Studenten, Nadjas »Bräutigam«, in angeheitertem Zustand, der ihn mit dem Namen Trussotzkys anspricht. Weltschaninow ergänzt halb unbewusst, seiner inneren Vermutung folgend: »-- -- hat sich erhenkt«. »Ei was erhenkt, wir haben ihn zur Bahn begleitet, im Waggon noch mit ihm getrunken, auch auf Ihr Wohl.« -- --
Im letzten Kapitel, einer Art Epilog, mit der Aufschrift »Der ewige Gatte«, finden wir Weltschaninow zwei Jahre später, verjüngt, voll frischer Lebenspläne, seine ehemaligen »hypochondrischen Schrullen« belachend, auf der Reise. Er hat seine Erbschaft angetreten, verwaltet sein Vermögen vernünftig, hat sein tägliches gutes, kleines »Diner«, verkehrt wieder mit der »Gesellschaft«, wo ihn »alle« wieder aufs freundlichste in ihrer Mitte aufnehmen, als sei er nur »verreist gewesen«. Er fährt nach Odessa, um einen Freund zu besuchen und eine interessante Dame zu treffen, deren Bekanntschaft er schon lange zu machen gewünscht hat. Da, auf einem Kreuzungspunkte der Bahnlinien, fällt ihm ein, dass eine andere interessante Dame, eine ehemalige Bekannte, nicht weit von der Station, jedoch auf der anderen Linie ihre Besitzung habe und dass er sehr wohl die Fahrt unterbrechen könne, um auch sie zu besuchen. Doch war er noch nicht ganz entschlossen und erwartete, da ein Aufenthalt von 40 Minuten vollauf Zeit liess, irgend einen »Anstoss von aussen«.
Da entsteht im Gedränge der Fahrgäste beider Züge auf dem Bahnsteig eine laute Szene. Eine hübsche und sehr auffallend gekleidete junge Dame aus der Provinz zerrt einen betrunkenen, sehr jungen Offizier hinter sich her, welcher Skandal macht und ihr nicht in den Saal folgen will. Man drängt sich um sie, macht schlechte Witze, verlacht, beschimpft sie endlich. Sie sieht sich ängstlich nach jemand um, der ihr helfen möchte. Weltschaninow eilt herzu, nimmt sie in Schutz, packt einen sie belästigenden Krämer am Kragen und schafft im Nu Ruhe, da alles vor dem eleganten Herrn zurücktritt. Die Dame fliesst vor Dankbarkeit über, der junge Ulan brüllt ein besoffenes »Dddanke!« und streckt sich auf zwei Stühle aus, wo er einschläft.
Weltschaninow hat der Vorfall interessiert: die Frau ist hübsch, scheint reich zu sein, wenn auch von etwas komisch kleinstädtischen Manieren. Sie dankt ihm wiederholt, schmäht auf ihren Mann, der, weiss Gott wohin verschwunden sei. Da taucht plötzlich ein bekannter Kahlkopf aus der Menschenmenge hervor; er kommt gerade auf die Gruppe zu. Es ist der Gatte; Paul Pawlowitsch steht vor Weltschaninow. Die Frau überhäuft ihn mit Vorwürfen und stellt ihm den Retter vor. Weltschaninow durchbricht die Entsetzensstarre, die jenen erfasst hatte, legt seinen rechten Arm kameradschaftlich um des anderen Schulter und sagt lachend: »Wir sind ja Freunde, von Kindheit an, hat er Ihnen nicht von Weltschaninow gesprochen?« Olympia Semjonowna ladet nun diesen dringend ein, sie auf ihrem Gute zu besuchen, was er auch bestimmt zusagt.
Paul Pawlowitsch beeilt sich, die Gattin samt dem »jungen Verwandten« in den Waggon zu bringen, und kehrt vor Aufregung zitternd zu Weltschaninow zurück, um ihm das Versprechen abzunehmen, dass dieser sie nicht besuchen werde. Es wird zur Abfahrt geläutet. Olympia und der Ulan rufen: »Paul Pawlowitsch! Paul Pawlowitsch!« Paul Pawlowitsch wurde abermals unruhig und fing an, sich hin und her zu drehen; da packt ihn der -- nun durch Gesundheit von aller Sentimentalität befreite -- Weltschaninow am Ellbogen, hält ihn fest und sagt: »Wollen Sie, ich gehe sofort zu Ihrer Gattin und erzähle ihr, wie Sie mich einmal umbringen wollten -- ha?« »Was wollt Ihr, Herr, was wollt Ihr -- Gott bewahre Euch.« »Paul Pawlowitsch, Paul Pawlowitsch!« hört man wieder rufen. Endlich lässt Weltschaninow ihn los. »Nun, gehen Sie endlich« sagt er, ihn gutmütig anlachend. [Wie charakteristisch hier die Leichtfertigkeit des Weltmenschen, der einen Scherz aus der Sache macht und den Mörder »gutmütig anlacht«; wie echt russisch auch!]
»Also Sie kommen nicht?« flüsterte fast verzweifelt Paul Pawlowitsch zum letzten Male und legte sogar, wie ehemals, die Hände bittend vor ihm zusammen. »Ich schwöre es Ihnen ja, ich komme nicht! Laufen Sie, sonst giebts Verdruss.« Und er streckte ihm behäbig breit die Hand entgegen -- er streckte sie hin -- und zuckte zusammen: Paul Pawlowitsch nahm die Hand nicht, zog sogar die seine zurück.