Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 28

Chapter 283,453 wordsPublic domain

Zum Schluss abermals ein Anfall von Misstrauen, das, wie immer, auf ein Gefühl von Schuld zurückzuführen ist: »Jetzt will ich Ihnen, als einem alten Freund und Mitarbeiter, im Vertrauen noch eines verraten, was mich ausserordentlich beunruhigt. Jene 200 Rubel, welche ich seit mehr als Jahresfrist Apollon Nikolajewitsch schulde, scheinen Ursache seines jetzigen Schweigens zu sein; er hat plötzlich den Briefwechsel mit mir abgebrochen. Ich habe im Dezember Katkow gebeten, 100 Rubel an Emilie Fjodorowna [des Bruders Witwe] und Pascha auf den Namen Apollon Nikolajewitsch zu schicken (wie das immer in diesen Fällen geschah), und ihn habe ich in meinem letzten Briefe gebeten, diese 100 Rubel Emilie zu übergeben. Er hat wahrscheinlich gedacht, dass ich eine bedeutende Summe bekommen hätte, dass ich in Gold bade, ihm aber sein Geld nicht abgebe. »Anderen zu helfen, dazu hat er Geld, aber eine Schuld abzutragen, dazu hat er keines« -- das hat er sicherlich gedacht. Wenn er nur wüsste, in welche Lage ich mich selbst gebracht habe! Nachdem ich Erhebliches aus dem »Russkij Wjestnik« entnommen hatte, sind wir das letzte Halbjahr so schlecht daran gewesen, dass jetzt unsere letzte Wäsche im Leihhaus ist. (Sagen Sie das niemand.) In der Redaktion des »Russkij Wjestnik« aber wollte ich vor Beendigung des Romans nichts mehr verlangen. Nun aber stellen sie dort die Rechnungen zusammen und haben mir bis heute nicht geantwortet. Gewiss, ich habe gefehlt, dass ich ein ganzes Jahr nicht zahlte, und ich habe schon allzu viel bei dem Gedanken gelitten; allein ich habe während der zwei in der Fremde zugebrachten Jahre im ganzen 3500 Rubel verbraucht, wobei die Umsiedelungen, einige Sendungen nach Petersburg und meine Sonja mitgerechnet sind; da war nichts da, wovon ich hätte noch schicken sollen. Er aber hat mich indessen niemals gemahnt; so habe ich auch gedacht, er könne noch warten, und jeden Monat gehofft, ihm etwas schicken zu können. Diese 100 R. an Emilie F. müssen ihn beleidigt haben. Aber Emilie F. stirbt ja fast vor Hunger, wie sollte man da nicht helfen! Bei meiner traurigen Lage ist mir der Gedanke, dass da wieder ein mir treu ergebener Mensch mich verlässt, höchst peinvoll. Hat er Ihnen nicht irgend was gesagt, oder wissen Sie etwas darüber? Wenn Sie etwas wissen, teilen Sie mir's mit, mein Täubchen! Andererseits ist es mir seltsam, dass sich eine sonst freundschaftliche Verbindung, welche seit dem Jahre 1846 zwischen uns besteht, um 200 R. willen auflösen sollte, zudem bin ich ohnedies von allen vergessen.«

Schon am 30. März (desselben Jahres) ist der Dichter über das »Missverständnis« ganz beruhigt; er schreibt an Strachow: »Ich danke Ihnen ... drittens für die gute Nachricht über Apollon Nikolajewitsch. Ich werde seinen Brief in den nächsten Tagen selbst beantworten .... Ich habe in dieser letzten Zeit des »Missverständnisses«, welches durch meine Zweifelsucht entstanden war, auch nicht einen Tropfen meiner herzlichen Beziehung zu ihm eingebüsst. Darüber aber, dass er ein guter und reiner Mensch ist, hege ich schon allzulange nicht den geringsten Zweifel und bin selbst sehr froh, dass Sie sich mit einander so gut verständigt haben.«

Über die neue Zeitschrift, welcher Dostojewsky so viele Hoffnungen entgegen bringt, finden wir folgende, für des Dichters Ernst und seine fast kindliche Herzensgüte bezeichnende Stelle: »Die zweite Nummer hat mir einen ausserordentlich günstigen Eindruck gemacht. Über Ihren Artikel rede ich nicht einmal, ausser dass dies wirkliche Kritik ist, gerade das Wort, welches jetzt unentbehrlicher ist, als alles andere, und am besten die Sache beleuchtet. Der Artikel Danilewskys aber stellt sich in meinen Augen immer wichtiger und durchschlagender dar. Das ist ja -- das künftige Nachschlagebuch aller Russen auf lange Zeit hinaus. Und wie viel trägt seine Sprache und Klarheit, seine populäre Form, ungeachtet seines streng wissenschaftlichen Stils, dazu bei. Diese Arbeit stimmt so sehr mit meinen eigenen Schlüssen und Überzeugungen überein, dass ich an mancher Stelle geradezu verblüfft bin über die Ähnlichkeit der Schlussfolgerungen mit den meinigen. Viele meiner Gedanken notiere ich mir schon seit langem, schon seit zwei Jahren, eben darum, weil ich einen Aufsatz, ja fast unter dem gleichen Titel, vorbereite, in ganz demselben Gedankengange und mit denselben Folgerungen. Wie freudig ist also meine Überraschung, da ich jetzt den Gedanken, die ich künftig einmal zu gestalten so sehr gedürstet habe, schon in lebender Form begegne, und zwar mit Wohllaut, harmonisch, mit einer ungewöhnlichen Kraft der Logik und auf einer solchen Stufe wissenschaftlicher Behandlung, welche ich natürlich, ungeachtet aller meiner Anstrengungen, niemals erreichen könnte.

Ich lechze so sehr nach der Fortsetzung dieses Artikels, dass ich täglich auf die Post laufe und mir alle Möglichkeiten eines schnelleren Eintreffens ausrechne. Auch darum lechze ich, diesen Artikel auszulesen, weil ich ein wenig, und das mit Schrecken, über die endgiltige Beweisführung im Zweifel bin. Ich glaube noch immer nicht, dass Danilewsky mit voller Kraft das letzte Wesen der russischen Sendung darlegen wird, welches darin besteht, den russischen Christus vor der Welt zu entschleiern, den der Welt unbekannten Christus, dessen Grund-Elemente in unserem volkstümlichen Rechtglauben enthalten sind. [Dostojewsky gebraucht das Wort »Christus« nicht als Personennamen, sondern stets als Personifikation, wie das für einen aufmerksamen Leser in seinen Werken mehr oder weniger deutlich hervortritt.] Nach meiner Meinung liegt hier die ganze wesentliche Kraft unseres mächtigen, künftigen Zivilisations- und Erweckungswerkes, sogar in ganz Europa, und die ganze Wesenheit unseres kraftvollen, zukünftigen Seins. Aber mit einem Worte spricht man das nicht aus, und ich habe auch vergeblich zu reden angefangen.«

Weiter heisst es: »Aber was Sie da, und das mit solcher Trauer und solchem offenbaren Kummer sagen: dass Ihr Aufsatz keinen Erfolg hat, dass man ihn nicht verstehe, nicht interessant finde! Ja, waren Sie denn wirklich überzeugt, dass ihn alle sofort verstehen würden? Das wäre nach meiner Meinung eine schlechte Empfehlung der Arbeit. Was man allzu schnell und leicht versteht, das hat nicht viel Zukunft. Belinsky hat erst am Ende seiner Laufbahn die gewünschte Berühmtheit erlangt, und Grigorjew ist gestorben, fast ohne im Leben irgend etwas zu erreichen. Ich bin gewohnt, Sie so zu schätzen, dass ich Sie auch einem solchen Vorkommnis gegenüber für weise hielt. Die Wesenheit einer Sache ist so fein, dass sie immer der Mehrheit entgeht. Sie verstehen erst, wenn man ihnen den Brei schon ganz auseinander rührt; und noch dazu erscheint ihnen jeder neue Gedanke nicht besonders interessant. Und je einfacher, je klarer, d. h. je talentvoller er dargelegt ist, umsomehr erscheint er ihnen allzu einfach und ordinär. Das ist ja die Regel! Verzeihen Sie, aber ich habe sogar lächeln müssen bei Ihrem sehr naiven Ausspruch, dass >sogar sehr spitzfindige Leute Sie nicht verstehen<. Ja, diese noch mehr als andere, verstehen niemals, hindern sogar die anderen zu verstehen, und das hat seine nur allzuklaren Ursachen und ist natürlich auch ein Gesetz. Aber Sie sagen ja selbst, dass sowohl Gradowsky als Danilewsky begeistert zu Ihnen stehen, dass Aksakow zu Ihnen gekommen ist usw. Ist Ihnen das zu wenig? Aber ich bin trotzdem fest überzeugt, dass so viel Selbsterkenntnis in Ihnen ist, so viel innere Nötigung nach vorwärts zu streben, dass Sie die Schätzung Ihrer Thätigkeit nicht verlieren und die Sache nicht im Stiche lassen werden! Also schrecken Sie uns nicht, bitte. Gehen Sie -- so ist's mit der Zarjá aus. Und nun von Geschäften.«

Dostojewsky schlägt nun der Redaktion der neuen Zeitschrift, als Antwort auf ihr Anerbieten der Mitarbeiterschaft, eine kleine Erzählung von etwa 3 Druckbogen vor. »Diese Erzählung«, sagt er, »habe ich schon vor vier Jahren, im Todesjahre meines Bruders, als Antwort auf die Worte Apollon Grigorjews schreiben wollen, der mein »Zapiski iz Podpolja« sehr gelobt und gesagt hatte: >In diesem Genre sollst du weiter schreiben<.«

Die »Memoiren aus einem Keller«, wie wir jene Erzählung nennen möchten, welche unter dem Titel »Aus dem dunkelsten Winkel einer Grossstadt« in deutscher Übersetzung erschienen ist, drücken das als Axiom aus, was wir im Lebenswerk Dostojewskys als stärkste Triebkraft an der Arbeit finden: die Einsicht von der durch kein Wissen und keine Kultur auszugleichenden Irrationalität der Menschenseele und als Folge davon die Einsetzung dieses Mensch-Komplexes als eine absolute Werteinheit in das Weltganze. Daher als letzte Konsequenz die Liebe zum Bruder, die wir irrtümlicher Weise Erbarmen nennen. Was Dostojewsky in allen seinen Werken mehr oder weniger künstlerisch, immer aber subjektiv darstellt, das ist der Mensch mit allen seinen Brüchen, mit allen seinen Möglichkeiten, welche das Sitten-, ja das Naturgesetz durchbrechen. Hier, in diesem galligen Monolog eines Misslungenen, formuliert er diese Einsichten philosophisch, analytisch.

W. Rósanow, einer der tiefsten Kenner Dostojewskys, hat in einem bemerkenswerten »kritischen Kommentar« zur »Legende vom Grossinquisitor« auch über diese Memoiren als über das philosophische Credo des Dichters das Vortrefflichste gesagt. Nur wollen uns Ursache und Wirkung hier in umgekehrtem Verhältnis erscheinen, als Rósanow sie darstellt. Uns kann nicht scheinen, dass Dostojewsky durch die Analyse zur Mystik gelangt; wir meinen, dass man weder auf analytischen noch auf anderen Erfahrungswegen zur Mystik kommt, sondern dass man sie in sich trägt und die Analyse als Werkzeug zur Hand nimmt, um andere zu diesem, seinem innersten Lebenskern zu führen. Dostojewsky, so hat sich sein Menschheitsbild uns gewiesen, hat immer aus der Synthese heraus zur Analyse gegriffen, um sich verständlich zu machen.

Die Erzählung zerfällt in zwei, der Form nach vollständig getrennte Teile, was die Absichtlichkeit, die in dieselbe gelegt ist, in's rechte Licht setzt. Der erste Teil, jener philosophierende Monolog des unterirdischen Weltbürgers, führt den Gedanken durch, dass nur Menschen ohne Erkenntnis zum Handeln kommen und handeln, die Erkenntnis aber unbedingt zur Unthätigkeit (inertia) führe. Es werde dahin kommen, dass der immer »logischer« entwickelte Erkenntnismensch sich endlich als den Stift einer grossen Musikwalze fühlen werde. Nun sei es aber merkwürdig, dass man bei der Aufzählung der Naturgesetze, welche dieses vollkommene Funktionieren des Menschen herbeizuführen berufen sind, auf seinen Willen wirken und sein Handeln vorausbestimmend anordnen, dass man da immer ein Gesetz aus dem Spiel lasse, nämlich jenes, wonach der Mensch gerade immer das Gesetzmässige umwerfe und bewusst gegen seinen Vorteil, seine Vervollkommnung und sein Glück handle. Die Auslegung, dass dies eben sein persönliches Glück ausmache, verweist er mit Recht unter die Sophismen, welche aufgewendet werden, um zu beweisen, dass 2×2=4 sind. »Die Gesetze der Logik,« sagt er, »sind eines, die des Menschseins ein anderes.« Das grösste und einzige Gesetz, das jeder Mensch geltend mache, sei nicht sein Recht auf Vorteil, Tugend, Vernunft, Harmonie, sondern das Recht auf persönliche Unabhängigkeit und Freiheit -- womit er immer wieder alle jene schönen Dinge umwirft. Der Mensch -- so lautet das Resumé -- wird also nicht besser, nicht glücklicher, nicht wertvoller werden durch den »Ameisenhaufen« des Wissens und der Erkenntnisse, sondern -- ein Musikstift; doch er wird dies eben nie werden, sondern ein Irrationales und als solches etwas Absolutes innerhalb der Schöpfung bleiben, ein Absolutes, das man so wie es ist annehmen muss, das so wie es ist den Gattungsnamen >Mensch< trägt.

Der zweite Teil der Erzählung führt uns die Geschichte des Menschen vor, dessen unterirdische Philosophie uns der erste Teil in vortrefflicher Einhaltung des galligen Sonderlingshumors gebracht hat. Dies ist ein Mensch, der gerade immer, wenn er sich am klarsten die Herrlichkeit alles »Hohen und Schönen« vorgestellt hat, am tiefsten in den Schlamm von »allerlei grossen und kleinen Lastern« versinkt, der durch seine Gewohnheit alles bis auf die »letzte und allerletzte Ursache« durchzudenken, nie mehr eine unbefangene Handlung zu begehen imstande ist, dessen Reflexion immer sein Thun zerstört oder im entscheidenden Augenblick von diesem umgeworfen wird. So ärgert er sich geraume Zeit über einen Offizier, der ihm oft auf dem Bürgersteig des Newsky Prospekt begegnet und dem er, da er sehr ärmlich gekleidet ist, ganz selbstverständlich ausweicht. Nun will er das nicht; er will einmal zeigen, dass er so unbefangen wie jener vor sich hingehen, meinetwegen an ihn anstossen könne. So oft es aber zur That kommt, drückt er sich doch auf die Seite; ja er weiss es endlich, dass es wieder so kommen werde.

In einem anderen Handel mit alten Schulgenossen, die er trifft und die zur Abschiedsfeier eines unter ihnen ein Mittagessen veranstalten, geht es ihm nicht besser. Er drängt sich ihnen, die ihn nicht mögen und verachten, auf, trinkt sich Mut an, insultiert sie, bittet sie um Verzeihung, fühlt dabei, dass alles dies unglaublich niedrig ist, empfindet ein Rasen von Zorn und Scham und treibt dies, durch allerlei überkluge Erwägungen gestossen, gegen seine Einsicht, ja gegen seine Natur immer weiter. Diesem Treiben setzt er die Krone auf, da er, noch betrunken, nach jenem Gelage den anderen in ein verrufenes Haus nachfährt, dort als der Letzte ankommt und nimmt was übrig bleibt: ein noch sehr junges Mädchen, das noch ein Neuling im Gewerbe ist. Wie nun der Morgen graut und er von seiner Trunkenheit erwacht, ergreift ihn die Lust Moral zu predigen. Er steigert sich in immer grössere Hitze, schildert das Glück eines tugendhaften Lebenswandels, bespricht ihren eigenen Wandel und seine letzten Folgen, kurz er jagt dieses Wesen in einen Anfall von Schmerz und Verzweiflung hinein -- »nicht ohne selbst bewegt zu sein«, wie er sagt, aber doch »buchmässig, litteraturmässig«; er endet damit, dass er ihr seine Adresse giebt, damit sie ihn aufsuchen könne, wenn sie sich retten wolle.

Nun erwartet er mit Angst und Unbehagen ihr Kommen, denn er weiss, er fühlt es, dass er sie wieder fortschicken werde. Täglich atmet er auf, da sie nicht kommt. Ja, es wird ihm nach 9 Uhr abends so wohl zumute, dass er »ziemlich süss« zu träumen beginnt: ... »ich bilde sie, trage zu ihrer Entwickelung bei. Endlich bemerke ich, dass sie mich leidenschaftlich liebt. Ich stelle mich an, als verstünde ich es nicht (ich weiss nicht warum; wahrscheinlich der Ausschmückung wegen). Endlich wirft sie sich schluchzend, errötend, bebend mir zu Füssen und sagt, dass ich ihr Retter sei, dass sie mich mehr, als alles in der Welt liebe. Ich erstaune, aber ... »-- Lisa, sage ich, glaubst du denn, ich hätte deine Liebe nicht bemerkt? Ich habe alles gesehen, alles erraten; allein ich wagte es nicht, der Erste zu sein, wagte nicht, Anspruch auf dein Herz zu erheben, weil ich ja Einfluss auf dich hatte und fürchtete, du würdest aus Dankbarkeit dich zwingen, meine Liebe zu erwidern, du würdest selbst ein Gefühl in dir erzwingen, das vielleicht gar nicht vorhanden ist; ich aber wollte das nicht, weil das Despotismus, weil das undelikat ist ... (kurz, ich vergaloppierte mich da in so eine europäische, George-Sand'sche, unerklärbar edle Feinheit hinein). Jetzt aber bist du mein, mein Geschöpf, bist rein, herrlich, bist -- mein herrliches Weib!«

Eines Abends aber erscheint Lisa wirklich, da er gerade mit seinem Diener, den er hasst und fürchtet, eine sehr unangenehme Scene gehabt hat. Er schämt sich auch seines schlechten Schlafrocks, seines zerrissenen Wachstuchdivans und lässt sie hart an. Er fragt sie, warum sie zu ihm gekommen sei, schreit und poltert. Das eingeschüchterte Mädchen sieht in diesem ganzen Gebahren nur das eine: dass er leidet, und -- bleibt. Ihre Güte erweicht ihn, und aus seinem Wutanfall wird Selbstanklage und endlich hysterisches Schluchzen. Auch dieses versetzt er mit Selbstbespiegelung, bis zur Übertreibung, schämt sich darauf dessen sehr und rächt diese Beschämung wieder an ihr, die Zeugin derselben gewesen ist. Er fühlt seine Gewalt über sie und nutzt sie aus. -- -- --

Am frühen Morgen mahnt er sie ans Fortgehen. Als sie eilig ihre Siebensachen zusammennimmt und sich zur Thüre wendend ihm einfach >Lebt wohl< sagt, läuft er auf sie zu und drückt ihr einen Fünfrubelschein in die Hand -- »aus Zorn«, wie er sagt, »hineingehetzt«, »buchmässig« that er das. Nun eilt er zur Treppe, lauscht, ruft, sie ist fort. Als er in seine Stube zurückkehrt, erblickt er den zerknitterten Schein auf dem Tische vor sich liegen. Wie toll läuft er nun Lisa auf die Strasse nach. Er sieht sie nicht mehr; sie muss in eine Seitengasse verschwunden sein -- -- Er bleibt stehen und fragt sich: »Wohin ist sie denn gegangen? und -- warum laufe ich ihr denn nach?« »Wird es nicht besser für sie sein«, phantasiert er weiter, »wenn sie diese Demütigung für ewige Zeiten mit sich nimmt? Demütigung -- das ist ja Reinigung!« Weiter sagt er: »Was ist besser, ein billiges Glück oder ein erhabener Schmerz?«

»So flog es mir durch den Kopf, als ich an jenem Abend zu Hause sass, halbtot von seelischen Schmerzen. Noch niemals hatte ich soviel Leid und Reue empfunden. Und dennoch -- konnte denn irgend ein Zweifel darüber bestehen, dass ich vom halben Wege zurückkehren würde? Ich habe Lisa nie wieder getroffen, nie wieder etwas von ihr gehört. Ich füge noch hinzu, dass ich mich lange Zeit mit der Phrase vom Nutzen der Demütigung und des Hasses beruhigte, ungeachtet dessen, dass ich damals aus Kummer fast krank wurde.«

Das Schlusswort des unterirdischen Philosophen spricht im Sinne des Ganzen die Erkenntnis von der ewigen Fehlbarkeit der Menschennatur, von ihrer Freiheit, zu fehlen, aus. Er fragt sich, ob er diese Memoiren fortsetzen solle. Aber -- »zum Beispiel lange Geschichten davon zu erzählen, wie ich mein Leben in einem finstern Winkel durch sittliche Zersetzung, durch den Mangel eines Milieu, Entwöhnung vom Lebendigen, durch die im Kellerloch immer genährte Bosheit verfehlt habe -- das ist bei Gott nicht interessant. In einem Roman braucht man einen Helden, hier aber sind absichtlich alle Züge für einen Anti-Helden zusammengetragen. Die Hauptsache aber ist, dass dies alles einen sehr unangenehmen Eindruck hervorrufen wird, weil wir alle vom Leben entwöhnt sind, alle hinken, der eine mehr, der andere weniger. So sehr sind wir vom Leben abgewöhnt, dass wir das wirkliche >lebendige Leben< fast als eine Arbeit ansehen, fast wie einen Dienst; und wir stimmen alle darin überein, dass es nach dem Buch zu leben besser ist. Und warum treiben wir's manchmal so, warum beunruhigen wir uns, was verlangen wir? Wir wissen es selbst nicht. Es wird uns aber schlechter gehen, wenn man unsere heftigen Wünsche erfüllt. Versucht es einmal, nun, gebt uns zum Beispiel etwas mehr Selbständigkeit, macht irgend einem von uns die Hände frei, erweitert unseren Wirkungskreis, verringert die Obhut und wir -- ich versichere Euch -- wir werden uns sofort wieder die Obhut ausbitten. Ich weiss, dass Ihr wahrscheinlich auf mich böse sein, mich anschreien, mit den Füssen treten werdet: Redet von Euch allein und von Euren Miseren in der Kellerwohnung, wagt es aber nicht, von >uns allen< zu sprechen. Erlaubt meine Herren, ich reinige mich ja nicht durch dieses >wir alle<. Was aber mich im besonderen betrifft, so habe ich in meinem Leben das bis aufs Äusserste getrieben, was Ihr nicht wagtet bis zur Hälfte zu bringen. Ja, Ihr habt noch Eure Feigheit für Einsicht gehalten und habt Euch damit, Euch selbst betrügend, etwas zu gut gehalten, sodass ich jetzt förmlich lebendiger herauskomme, als Ihr. Ja, seht nur genauer zu. Wir wissen ja gar nicht, wo das Lebendige jetzt lebt, was es denn ist und wie es heisst. Lasst uns allein, ohne Buch -- sofort verwirren und verlieren wir uns; wir wissen nicht, an was uns halten, wo uns anlehnen, was wir lieben, was wir hassen, was wir achten, was wir verachten sollen. Sogar das >Mensch sein< wird uns beschwerlich fallen, Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut. Wir schämen uns das zu sein und bestreben uns, irgend eine Art von nie dagewesenen Allgemein-Menschen zu sein. Wir sind Totgeborene, ja wir werden schon lange nicht von lebendigen Vätern geboren, und das gefällt uns immer mehr und mehr. Wir kommen auf den Geschmack. Wir werden bald darauf kommen, aus irgend einer Idee geboren zu werden. Aber genug« usw.

Des Dichters Meinung liegt hier klar zu Tage. Das Buch, die Idee, die Logik, das Gesetz -- das alles macht keine Menschen. Blut, Leidenschaften, der inkommensurable und irreguläre Reichtum des Lebens in seinen erstaunlichsten harmonischen, aber noch mehr unharmonischen Mischungen und Möglichkeiten -- das ist für Dostojewsky der Mensch. Aber nicht jenseits, vielmehr diesseits von Gut und Böse, mit aller Freiheit, eines oder das andere zu thun oder zu lassen; erlöst aber durch die Liebe derer, die auch nicht besser sein wollen, dessen, der sich auch da hinein begab. Aus dem >Labyrinth der Brust<, aus den eigenen tausendfältigen Möglichkeiten der >Sünde< wie der höchsten Entzückung heraus ist sie ihm ja geworden, diese Fähigkeit: verstehend in jede Seele einzudringen und die Kraft, mit welcher er unablässig nach Reinigung rang, mächtig, gewaltsam auch auf andere wirken zu lassen.

»Nun sind das keine Memoiren aus einem Keller,« fährt Dostojewsky in dem Briefe fort; »es ist etwas der Form nach ganz anderes, obwohl dessen Wesen mein immer gleiches Wesen ist, wenn nur Sie, Nikolai Nikolajewitsch, auch mir als einem Schriftsteller einige mir gehörige, besondere Eigenart zugestehen. Diese Erzählung kann ich sehr schnell niederschreiben, da auch nicht ein Zeichen, nicht ein Wort darin mir unklar ist. Dabei ist schon vieles notiert, wenn auch nicht aufgeschrieben. Ich kann diese Erzählung vollenden und in die Redaktion schicken, lange vor dem ersten September. Kurz, ich kann sie sogar in zwei Monaten abschicken. Das ist aber alles, womit ich mich gegenwärtig an der »Zarjá« beteiligen kann, trotz allen Wunsches, für ein Blatt zu schreiben, an dem Sie, Danilewsky, Gradowsky und Maikow arbeiten.« Nun folgen die bekannten, immer wieder variierten Honorar- und Elends-Berichte, denen wir in jedem Briefe begegnen müssen.