Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 27
Es wäre sehr wünschenswert, dass die Zeitschrift unbedingt im russischen Geiste gehalten sei -- so wie Sie und ich das verstehen --, wenn auch, sagen wir, nicht im rein slavophilen Geiste. Nach meiner Meinung, lieber Freund, brauchen wir den Slaven nicht allzuviel nachzulaufen, eben nicht allzu sehr. Sie müssen zu uns kommen. Nach dem Panslavisten-Kongress in Moskau haben nämlich viele von ihnen, als sie nach Hause kamen, über die Russen von oben herab darüber gewitzelt, dass sie sich daran gemacht haben, andere zu führen und gleichsam den Slaven zu imponieren; dabei sei bei ihnen selbst wenig zu finden und welch ein Mangel an Selbsterkenntnis usw. Und glauben Sie mir, dass viele von den Slaven, in Prag z. B., uns vollständig vom westlichen, vom deutschen, vom französischen Standpunkt aus beurteilen und sich vielleicht sogar darüber verwundern, dass sich bei uns die Slavophilen wenig um die allgemein angenommenen Formen der abendländischen Civilisation bekümmern. Was sollen wir also hinter den Slaven her sein? Sie studieren -- das ist eine andere Sache; auch ihnen helfen. Aber sich zur Verbrüderung hinzwängen, ist nicht nötig; ich meine nur: sich hinzwängen; denn: sie als Brüder betrachten und an ihnen brüderlich handeln, das sollen wir unbedingt.
Auch hoffe ich sehr, dass Nikolai Nikolajewitsch der Zeitschrift auch eine politische Schattierung verleihen wird -- von Selbsterkenntnis gar nicht zu reden. Selbsterkenntnis -- das ist unsere lahme Stelle, die brauchen wir. In jedem Falle wird es Nikolai Nikolajewitsch glänzend machen, und ich bereite mich mit unersättlicher Lust darauf vor, seine Artikel zu lesen, die ich so lange, seit der »Epocha« nicht gelesen habe. Es wäre gut, wenn sich das Blatt von vorn herein so unabhängig als möglich machte, besonders in der Litteratur, so dass es z. B. 2000 Rubel für Sachen im Genre »Minin« oder anderer historischer Dramen von Ostrowskij zahlte; wenn er nun gar Kaufmanns-Komödien hergiebt, so kann man sie auch bezahlen. Mit einem Wort: die Litteratur müsste man, nach meiner Meinung endlich in die Hand nehmen und nicht nur den Namen bezahlen, sondern lediglich das Werk -- was bis heute noch keine Zeitschrift zu thun gewagt hat, »Wremja« und »Epocha« nicht ausgenommen. Ohne vortreffliche Arbeit aber in den ersten zwei Nummern einer Zeitschrift darf man sie gar nicht herausgeben; das heisst gleich anfangs tausend Abonnenten fallen lassen.«
Der nächste Brief ist aus Florenz vom 11. Dezember 1868 datiert und sehr eilig und geschäftsmässig geschrieben. Über den »Idiot« finden sich folgende Stellen darin: »Ich habe mich entschlossen, für das Dezemberheft alles fertig zu machen, sowohl den vierten Teil als den Schluss; mit dem Vorbehalt jedoch, dass das Heft etwas später erscheine. Aber ich werde von heute an sieben Druckbogen in vier Wochen schreiben müssen. Ich habe plötzlich erkannt, dass ich imstande bin, das zu thun, ohne den Roman sehr zu verderben. Dazu kommt, dass alles, alles übrige schon mehr oder weniger aufgezeichnet ist und ich jedes Wort auswendig weiss. Wenn der »Idiot« Leser hat, so werden diese vielleicht durch das Unerwartete des Schlusses ein wenig betroffen sein. Allein nach einigem Nachdenken werden sie zugeben, dass ich es so ausgehen lassen musste. Überhaupt ist dieser Schluss einer der gelungenen, d. h. als Schluss betrachtet. Ich spreche nicht über den Wert des Romans im besonderen; aber wenn ich damit fertig sein werde, schreibe ich Ihnen als Freund eines oder das andere darüber, was ich selbst davon denke.«
In demselben Briefe finden wir weiter unten die Darlegung neuer Roman-Entwürfe, zu deren Ausarbeitung in der gedachten Form es nie gekommen ist. Da heisst es: »Die verfluchten Gläubiger werden mich endgiltig umbringen -- dumm hab ich's gemacht, dass ich ins Ausland ging; wahrlich, besser wäre es gewesen, im Schuldenarrest eine Weile zu sitzen. Könnte ich mich nur mit ihnen einigen! Aber auch das kann ich nicht, weil ich persönlich nicht dort bin. Ich sage das hauptsächlich darum, weil ich zwei, sogar drei Werke im Kopfe habe, welche weiter nichts als einer ochsenhaften, mechanischen Arbeit bedürften und dabei unbestreitbar Geld einbringen würden. Es ist mir solches ja schon manchmal gelungen.
Ich habe also jetzt im Kopf: Erstlich einen grossen Roman; sein Name ist »Atheismus«. Ehe ich mich aber an ihn machen kann, muss ich fast die ganze Bibliothek der Atheïsten, der Katholiken und der Orthodoxen durchlesen. Er wird auch bei voller Arbeitsruhe nicht vor zwei Jahren fertig werden. Die Hauptperson habe ich: ein Russe unserer Gesellschaft, schon bei Jahren, nicht sonderlich gebildet, aber auch nicht ungebildet, und nicht ohne Ehren und Würden. Plötzlich, da er schon bei Jahren ist, verliert er den Glauben an Gott. Sein ganzes Leben hat er nur mit seinem Dienst zu thun gehabt, ist niemals aus dem Geleise getreten und hat sich bis zu seinem 45. Lebensjahre durch nichts ausgezeichnet. (Psychologisches Problem: tiefes Gefühl, Mensch und Russe.) Der Verlust des Glaubens wirkt auf ihn kolossal (besonders sind im Roman Wirkung und Umstände -- sehr bedeutend). Er huscht herum bei den Jungen, bei den Atheisten, bei Slavophilen und Europäern, bei Fanatikern, Einsiedlern und Priestern. Unter anderem fällt er sehr stark einem agitatorischen Jesuiten ins Garn, einem Polen; er sinkt von da in die Tiefe der Flagellanten und -- am Ende findet er Christum und die russische Erde, den russischen Christus und den russischen Gott (um Himmelswillen, sagen Sie es niemand, aber bei mir ist es so: diesen letzten Roman schreibe ich -- ja sterben will ich meinetwegen daran, aber -- ich spreche mich ganz aus).
Ach! mein Freund! Ich habe ganz andere Begriffe von der Wirklichkeit und dem Realismus als unsere Realisten und Kritiker. Mein Realismus ist realer als der ihrige. Herrgott! Wenn man nur erzählte, was wir, wir Russen in den zehn letzten Jahren unserer geistigen Entwickelung durchlebt haben -- würden da die Realisten nicht schreien, dass dies Phantasie ist? Indessen aber ist es wirklicher Ur-Realismus! Das ist ja eigentlich Realismus, nur tiefer, während er bei ihnen seicht einherfliesst. Mit ihrem Realismus wirst du nicht den hundertsten Teil der thatsächlichen Geschehnisse erklären. Wir aber mit unserem Idealismus haben sogar Fakten vorhergesagt. Es ist vorgekommen. Mein Täubchen, lachen Sie nicht über mein Selbstgefühl, aber ich bin wie -- --: »lobt man mich nicht, so werde ich selbst mich loben«.
Indessen aber muss man leben. Den »Atheismus« schleppe ich nicht zum Verkauf (über den Katholicismus und die Jesuiten im Verhältnis zur Orthodoxie habe ich aber manches zu sagen). Dann habe ich die Idee zu einer ziemlich grossen Erzählung, etwa zwölf Druckbogen, die mich sehr anzieht. Noch eine Idee hab' ich. Zu was soll ich mich entschliessen und wem die Arbeiten anbieten?«
Wer erkennt nicht in diesen Andeutungen jene Urelemente Dostojewskyscher Aussprache, die wir zerstreut und anders verteilt in den Brüdern Karamasow wiederfinden, dem Roman, der thatsächlich das letzte Wort zu sagen anhebt, dabei der Dichter »meinetwegen sterben« will. Eine sehr bemerkenswerte, hierauf bezügliche Stelle finden wir in des Dichters Tagebuch-Notizen aus dem Jahre 1880. Da heisst es: »Die Nichtswürdigen haben mich höhnend eines ungebildeten und rückschrittlichen Gottesglaubens geziehen. Diesen Tölpeln hat eine solche Kraft der Gottesleugnung gar nicht geträumt, wie sie in dem »Inquisitor« und dem vorangehenden Kapitel niedergelegt ist und welchen der ganze Roman als Antwort dient. Nicht wie ein Dummkopf (ein Fanatiker) also glaube ich an Gott. Und diese Leute wollen mich belehren und lachen über meine mangelhafte Entwickelung! Ja, ihrer dummen Art hat auch nicht eine solche Kraft der Verneinung geträumt, wie ich sie durchgemacht habe. An ihnen ist's, mich zu lehren!«
Zum Schluss des Briefes die kurze Stelle über Florenz. »Florenz ist schön, aber schon gar zu nass. Die Rosen im Garten »Boboli« blühen bis heute im Freien. Und was für Schätze in den Galerien! Mein Gott, ich habe im Jahre 1863 die »Madonna della Sedia« übersehen! Nun besehe ich mir alles seit einer Woche und habe sie erst jetzt erblickt. Aber ausser ihr, wie viel Göttliches! Allein ich habe alles bis zur Vollendung des Romans stehen gelassen.«
Wenn irgend etwas, so sind diese Briefe aus Italien Belege dafür, dass Dostojewsky, der grosse Dichter und Schöpfer ein Apostel war, aber kein »Kunstliebhaber« und noch viel weniger ein Dilettant. Den europäischen Leser, den Wanderer durch Italiens Natur und seine Kunstschätze muss es merkwürdig berühren, in diesen Briefen nur kurze Andeutungen all des Herrlichen zu finden, das Dichter, Künstler und Liebhaber aller Länder der Erde begeistert, zu neuen Werken anspornt, ja ihnen neue Lebenswenden und Lebensrichtungen aufnötigt. Nichts von alledem bei Dostojewsky; ja, die ewige Klage: »fern von Russland keine Anregung, keine Arbeit möglich, entsetzliche Vereinsamung, Langweile, Heimweh«, sein Urthema findet hier keinen Resonanzboden, es sind nicht russische Menschen da, an welchen er es im Geiste zu variieren vermöchte. So sehen wir ihn kämpfen, leiden, schimpfen, inmitten einer Welt, die tausenden Geistern europäischer Kultur und Kunsttendenz Anregung zur Bethätigung in Ernst und Spiel verleiht. Ja, wer den Werken des Dichters kritisch nachspürt, wird darin neben dem Nichtlitteraturmässigen, das darin zu Tage tritt und dem Überreichtum an ethischen Inhalt entspringt, geradezu ein Ablehnen des Künstlerischen finden. Die Ursache beruht wohl vornehmlich in der Konzentration seines Wesens, das ihn wohl schöpferisch, aber nicht künstlerisch zu seinen Werken veranlasst; so ist denn auch seine Wirkung auf uns viel mehr eine menschliche Erschütterung, als eine ästhetische Anregung.
Ja, es ist, als schlösse die ganz eigenartige Entwickelung russischen Schriftwesens -- heute wenigstens, da diese noch im Kampfe steht -- das künstlerische Moment geradezu aus, so dass von den zwei grössten Künstlern der russischen Litteratur, Turgenjew und Tolstoj, der erste von seinen Landsleuten nicht eigentlich zu Russland gerechnet wird, der letztere sich selbst erst seit jener Epoche dazu rechnet, da er der künstlerischen Auffassung des Lebens den Rücken gekehrt hat. Wenn uns aber Dostojewsky oft und oft wiederholt, wie ganz anders er seine Werke ausarbeiten würde, wenn ihm des Lebens schwere Not Zeit und Ruhe dazu liesse, so müssen wir dies so verstehen, dass alle innere Realität noch feiner herausgearbeitet wäre, alle tiefen, geheimnisvollen Beziehungen der Menschenseele zu sich selbst und ihrer Wahrheit noch urgründlicher uns aufgeschlossen würden. Allein die Gegenständlichkeit der äusseren Welt und ihre Anordnung um die inneren Geschehnisse, das Bildliche der Umgebung, die physische Zeit, kurz alles Sinnliche, das zur Kunst gehört, würde sicher nicht anders uns entgegentreten, als es heute in den Gestaltungen des Dichters der Fall ist, wo die Scenerie, in welcher die Handlung vorgeht, nicht sowohl diese beleuchtet und erklärt, als vielmehr im engsten Umkreis vom seelischen Vorgang und dessen Träger aus, wie von einer Blendlaterne in dunkler Nacht, erhellt wird; ein dem modernen französischen Impressionismus diametral entgegengesetzter Vorgang.
Wir glauben diese Beobachtung an keiner anderen Stelle so deutlich, so schlagend mit Thatsachen belegen zu können, als dies während des Aufenthalts in Italien durch des Dichters Briefe an seine Freunde sich uns darbietet. Der nächste Brief, dem wir einige Stellen entlehnen, ist ein an Strachow gerichtetes Schreiben aus Florenz vom 12. Dezember 1868. Nach einigen Erinnerungen an ihren gemeinsamen Aufenthalt in Florenz und nach Vergleichen mit dem gegenwärtigen Leben der Stadt fährt der Dichter mit Bezug auf eine Stelle aus Strachows letztem Briefe fort: »Dass die Litteratur bald schon ganz aufgehört hätte, das ist vollkommen richtig. Ja, eigentlich hat sie schon aufgehört, wenn man's so nehmen will. Und das schon lange. Sehen Sie, mein Lieber, von diesem Gesichtspunkt aus muss man es ja ansehen: meiner Meinung nach, wenn das eigene, echt russische und originale Wort versiegt ist, so hat sie auch aufgehört; ist kein Genius in Sicht -- so hat sie aufgehört. Seit Gogols Tode hat sie aufgehört. Ich wünschte so schnell als möglich etwas vom Unserigen. Sie schätzen Leo Tolstoj sehr hoch, wie ich sehe. Ich gebe zu, dass hier auch vom Unserigen vorhanden ist, aber wenig. Übrigens aber ist es ihm nach meiner Meinung gelungen, mehr als wir alle Eigenes auszusprechen, und darum ist er wert, dass man von ihm spreche. Aber lassen wir das. -- Was sagen Sie aber da über sich? »Nein, hoffen Sie nicht auf mich!« Diese Worte können doch keine ernste Grundlage haben, Nikolai Nikolajewitsch? Wenn es Ihnen endlich widerwärtig geworden ist, immerfort für bestimmte Fristen bestellte Artikel zu schreiben, so geht es uns allen ja genau ebenso. Diese Fristen und Bestellungen erdrücken zuletzt jede Stimmung, jedes Feuer, besonders mit den Jahren. Allein beruhigen Sie sich: das innerste Mark Ihrer Begeisterung werden Sie niemals verlieren. Was weiter? Schreiben Sie nicht zwölf Artikel im Jahre, schreiben Sie drei. Diese werden Sie mit Befriedigung schreiben, namentlich wenn Sie in die Wärme kommen. Aber es ist ja genug nicht nur an dreien, sondern an zweien, ja an einem vortrefflichen Artikel, um einer Zeitschrift einen Ton zu verleihen und die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. Aber die Hauptsache ist -- die Redaktion. Die Redaktion ist die allerwichtigste Sache: unser Auge, unsere Hand und unsere immerwährende Richtung. Jetzt aber, besonders jetzt ist das die Hauptsache.«
Im nächsten, vom 10. März 1869 aus Florenz datierten Briefe an Strachow feuert der Dichter den Freund wieder an, bei der Gründung des neuen Blattes auszuharren, gegen die Opposition der Mehrheit, die jedes neue Blatt angreift, Stand zu halten. »Sie wissen ja die Antwort: Sie sollen nur schmähen, d. h. nicht schweigen, sondern reden. Sie aber sind ohne Zweifel (so wie auch ich) davon überzeugt, dass der Erfolg eines Blattes von der Minderheit abhängt. Diese Minorität wird unausbleiblich für Euch sein (sogar ungeachtet aller »Plutzer« und Irrtümer des Blattes, welche es, wie es scheint, machen wird). Diese Minderheit wird gegen Ende des Jahres sicherlich erstarken und sich festigen. Warum ich so überzeugend spreche? Weil in diesem Blatte ein Gedanke steckt, derselbe, der jetzt unvermeidlich, unentrinnbar ist und dem allein es beschieden ist, zu wachsen, während alle anderen »klein werden« müssen.
Allein dieser Gedanke ist eine schwierige und heikle Sache, Sie wissen das selbst. Um dieses Gedankens willen, besonders, wenn man anfangen wird, ihn zu begreifen, d. h. wenn Ihr ihn noch breiter auseinander setzen werdet, wird man Euch Reaktionäre, Kamtschadalen, wohl gar Korrumpierte nennen, während er für uns der einzige, fortschrittliche und liberale Gedanke in unserer Zeit ist. Wenn Ihr das aber endgiltig werdet auseinandergesetzt haben, dann werden alle mit Euch gehen. Indessen aber sieht die Routine den Liberalismus und den neuen Gedanken immer im Veralteten und Abgestandenen. Die »Vaterländischen Annalen«, das »Djelo« rechnen sich sicherlich zu den Vorgeschrittensten.
Alles dieses wissen Sie selbst vollkommen gut, vor allem das, dass Euch die Zukunft gehört. Nun aber wissen Sie, was ich fürchte? Dass Sie (und viele der Eurigen) vor der ungeheuren Mühe erschrecken und die grosse Arbeit aufgeben werden. Diese Mühen sind so gross und erfordern so viel Vertrauen und Zähigkeit, dass Sie das erst nach langer Zeit voll erkennen werden. So scheint es mir. Ich selbst kenne sie nur von einem Zipfelchen aus, seit der Zeit, als ich dem Bruder bei der Redaktion half. Aber die »Wremja« und die »Epocha« haben sich, wie Sie selbst wissen, zu einer solchen Offenheit und Nacktheit im Aussprechen ihres Gedankens niemals verstiegen und haben sich meist an die Mittelstrasse gehalten, namentlich anfangs. Ihr aber habt direkt mit der Hauptsache begonnen; für Euch ist es schwerer; folglich heisst es: feststehen.«
Uns Europäern ist es wohl nicht leicht, dieser Verschränkung der Begriffe »liberal« und »abgestanden« zu folgen oder ihr gerecht zu werden. Es ist das eine der Grundursachen der Missverständnisse, die zwischen den Anhängern abendländischer Kultur und jenen einer langsamen und organischen Entwickelung des Ostens auf eigener Grundlage obwalten. Nur ein langer Aufenthalt in Russland und ein vorurteilsloses Eindringen in die Bedingungen dieser Entwickelung, sowie in den Nutzen oder Schaden hinzutretender »europäischer« Elemente vermöchte uns darüber zu belehren, in welchem der beiden Axiome mehr Menschenvernunft liegt.
In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Sie haben eine unendliche, unmittelbare Sympathie für Leo Tolstoj, schon seit der ganzen Zeit, da ich Sie kenne. Allerdings, als ich Ihren Aufsatz in der »Zarja« [dem neuen Journal] durchgelesen hatte, empfand ich als ersten Eindruck sofort, dass er unvermeidlich sei und dass Sie, wollten Sie sich nach Möglichkeit aussprechen, nicht anders anfangen konnten, als mit L. Tolstoj, d. h. seinem letzten Werke [»Krieg und Frieden«]. Im »Golos« hat ein Feuilletonist gesagt, dass Sie L. Tolstojs historischen Fatalismus teilen. Natürlich kann man auf das alberne Wort speien, aber daran liegt es nicht; es handelt sich darum: Woher nehmen die Leute, sagen Sie mir, so wunderliche Einfälle und Ausdrücke? Was heisst »historischer Fatalismus«? Warum verdunkeln und vertiefen gerade jene Routinierten und albernen Leute, die nichts bemerken, was weiter reicht, als ihre Nase, ihre eigenen Gedanken, dass man daraus nicht klug werden kann? Er will ja offenbar etwas sagen; dass er Ihren Aufsatz gelesen, daran ist kein Zweifel. Gerade das, was Sie an jener Stelle sagen, wo Sie von der Schlacht bei Borodino sprechen, drückt das Wesentliche von Tolstojs Gedanken sowohl als auch Ihrer Gedanken über Tolstoj aus. Man könnte sich nicht klarer ausdrücken, der nationale russische Gedanke ist da nahezu ganz nackt dargelegt. Und das gerade haben sie nicht verstanden und haben es in Fatalismus umgedeutet. Was die übrigen Einzelheiten Ihres Artikels anlangt, erwarte ich die Fortsetzung. Der Gedanke ist klar, logisch, fest entworfen, im höchsten Grade vollendet niedergeschrieben. Aber mit einem und dem anderen Detail bin ich nicht einverstanden. Natürlich würden wir persönlich anders miteinander sprechen können, als es schriftlich geschieht.
Schliesslich und endlich halte ich Sie für den einzigen Repräsentanten unserer heutigen Kritik, dem die Zukunft gehört. Aber wissen Sie was? Ihren Brief habe ich mit Unruhe durchgelesen. Ich sehe an seinem Tone, dass Sie aufgeregt und beunruhigt sind, dass Sie sich in grosser Gemütsbewegung befinden. Ich fürchte für Sie auch Ihre Ungewohnheit, zu bestimmter Frist und ausdauernd zu arbeiten. Sie müssen unbedingt drei grosse Artikel im Jahre schreiben. Sie haben noch vieles zu sagen, glauben Sie mir. Indessen aber sinkt Ihr Mut, ganz ohne Mass; eine geringe Sache bringt Sie ins Schwanken wie eine grosse. Dabei sind Sie offenbar die unentbehrlichste Person der Redaktion in Bezug auf die klare Darlegung des Grundgedankens der Zeitschrift. Ohne Sie wird sie nicht in Gang kommen. Also heisst es, sich fest zur That entschliessen, Nikolai Nikolajewitsch, zu einer schweren und andauernden Wirksamkeit, und auf keinerlei Unannehmlichkeiten achten. Jede Unannehmlichkeit steht unvergleichlich tiefer als Ihr Ziel, und darum heisst es ertragen lernen und überhaupt sich festigen. Aber die Sache fallen zu lassen, dazu haben Sie nicht einmal das Recht; ich würde dann der Erste sein, Sie zu verfluchen.«
In demselben Briefe heisst es an anderer Stelle: »Ich danke Ihnen sehr, dass Sie Anteil an mir nehmen. Ich befinde mich immer gleich, das heisst meine Anfälle sind sogar schwächer, als in Petersburg. In der letzten Zeit, vor 1½ Monaten, war ich mit der Beendigung des »Idioten« sehr beschäftigt. Schreiben Sie mir, wie Sie es versprachen, Ihre Meinung darüber; ich erwarte sie mit Begierde. Ich habe meine eigene Anschauung über das Schöpferische in der Kunst; und das, was die Mehrheit fast phantastisch und excentrisch nennt, das bildet für mich manchmal das eigentlichste Wesen der Wirklichkeit. Die Alltäglichkeit der Erscheinungen und eine offizielle Art sie zu betrachten, das ist meiner Meinung nach noch kein Realismus, im Gegenteil! In jedem Zeitungsblatte begegnen Sie Berichten über die wirklichsten und die absonderlichsten Geschehnisse. Für unsere Schriftsteller sind sie phantastisch: ja sie befassen sich gar nicht mit ihnen; indessen sind sie doch Wirklichkeit, weil sie Fakten sind. Wer wird sie denn bemerken, beleuchten und beschreiben? sie sind alltäglich, allstündlich, aber gar nicht Ausnahmen -- -- >ein pseudo-russischer Zug, dass der Mensch alles anfange, sich mit Grossem zu schaffen mache und das Kleine nicht einmal fertig bringe.< Was für abgestandenes Zeug! Was für ein armseliger, leerer Gedanke, noch dazu ein ganz unrichtiger! Ein Klatsch über den russischen Charakter, noch aus Belinskys Zeiten. Und was für eine Enge und Kleinlichkeit im Betrachten und Durchdringen der Wirklichkeit! Und immer dasselbe und dasselbe! Auf diese Weise lassen wir die ganze Wirklichkeit uns vor der Nase vorüber gehen. Wer wird denn die Begebenheiten beachten und sich in sie vertiefen? Von Turgenjews Erzählung will ich gar nicht reden -- der Teufel weiss, was die sein soll! Ist dann nicht mein phantastischer »Idiot« Wirklichkeit, ja die alltäglichste Wirklichkeit? Ja, eben jetzt muss es solche Charaktere in unseren, vom heimatlichen Boden losgerissenen Gesellschaftsschichten geben, den Schichten, die in der That phantastisch erscheinen. Allein da ist nichts zu sagen! Vieles im Roman ist eilig hingeschrieben, vieles zu breit und misslungen. Manches aber ist auch gelungen: Ich stehe nicht für den Roman, sondern für meine Idee ein.«