Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 26
In Deutschland begegnete mir ein Russe, der ständig im Auslande lebt, alljährlich auf drei Wochen nach Russland reist, seine Einkünfte einstreicht und wieder nach Deutschland zurückkehrt, wo er Frau und Kinder hat, die alle germanisiert sind. Ich fragte ihn unter anderem: warum er sich eigentlich expatriiert habe? Er antwortete wörtlich (mit gereizter Heftigkeit): »hier ist Zivilisation, bei uns aber Barbarei. Ausserdem giebt es hier keine Nationalitäten. Ich sass gestern im Coupé und konnte den Franzosen nicht vom Engländer oder vom Deutschen unterscheiden.«
[Fußnote 25: Anspielung auf das letzte Ziel der Grossrussen: die Gewinnung eines Welthafens, Konstantinopels.]
»Das ist also, nach Ihrer Meinung, Fortschritt?«
»Wie denn nicht, natürlich!«
»Ja wissen Sie, dass das vollkommen unrichtig ist? Der Franzose ist vor allem Franzose, der Engländer -- Engländer, nur sie selbst zu sein ist ihr höchstes Ziel, ja noch mehr, es ist das eben ihre Kraft.«
»Durchaus nicht. Die Zivilisation muss alles ausgleichen, und wir werden erst dann glücklich sein, wenn wir vergessen werden, dass wir Russen sind und jeder allen ähnlich sein wird. Man darf nicht auf Katkow hören!«
»Sie also lieben Katkow nicht?«
»Er ist ein Nichtswürdiger!«
»Warum?«
»Weil er die Polen nicht liebt.«
»Lesen Sie sein Journal?«
»Nein, ich lese es niemals.«
Dieses Gespräch gebe ich buchstäblich wieder, dieser Mensch gehört zu den jungen Progressisten, hält sich aber übrigens, wie es scheint, abseits von allen anderen. In was für knurrigen und verachtenden Spitzigkeiten bewegen sie sich doch im Auslande!
Er teilte mir mit, dass er ein endgiltiger Atheist sei. Aber du mein Gott: der Deismus hat uns Christum geschenkt, d. h. eine so erhabene Vorstellung des Menschen, dass man ihn nicht ohne Andacht begreifen kann, und dass man nicht anders kann, als glauben, dies sei das Ideal der Menschheit für alle Ewigkeit. Sie aber -- --[26] haben sie uns hingestellt? Anstatt der höchsten göttlichen Schönheit, auf welche sie spucken, sind sie alle so niedrig, selbstsüchtig, so schamlos aufreizend, so leichtfertig, hochmütig, dass es unverständlich ist, was sie erhoffen und was ihnen nachfolgen wird. Russland und die Russen hat er abscheulich, unanständig geschmäht. Was ich aber beobachtet habe ist dies: alle diese Liberälchen und Progressisten, namentlich jene, die noch aus der Schule Belinskys sind, halten es für ihr vornehmstes Vergnügen und ihre grösste Befriedigung, über Russland loszuziehen. Der Unterschied liegt darin, dass die Nachfolger ......s einfach Russland schmähen und ihm offen den Zusammenbruch wünschen (vor allem den Zusammenbruch!) Diese Ableger aber fügen hinzu, dass sie Russland lieben. Dabei aber ist ihnen nicht nur alles, was nur in Russland halbwegs selbständig ist, verhasst, so dass sie es ablehnen und mit Lust in Karikatur verwandeln, vielmehr, wenn man ihnen thatsächlich ein Faktum vorlegte, das man auf keine Weise leugnen oder in eine Karikatur verstümmeln könnte, sondern mit dem man unbedingt einverstanden sein müsste, so würden sie, meine ich, bis zum Schmerz, zur Qual, bis zur Verzweiflung unglücklich sein. Zweitens habe ich bemerkt, dass sie (wie alle, welche lange Zeit nicht in Russland gewesen sind) entschieden die Thatsachen nicht kennen (obwohl sie Zeitungen lesen) und so gröblich jedes Empfinden Russlands verloren haben, dass sie ganz gewöhnliche Fakten nicht begreifen, die unser russischer Nihilist nicht einmal leugnet, sondern nur in seinem Sinne karikiert. Unter anderem hat er gesagt, dass wir vor den Deutschen kriechen sollten, dass es nur einen allen gemeinsamen und unausweichbaren Weg gebe: die Zivilisation, und dass alle Anläufe zum Russismus und zur Selbständigkeit -- Schweinerei und Dummheit sind ....
[Fußnote 26: Im Abdruck ausgelassene Stellen.]
Endlich plagte sowohl mich als Anna Grigorjewna die Unruhe und Beklemmung in Dresden allzusehr. Dazu kamen hauptsächlich zwei Fakten: 1. Nach Briefen, welche mir Pascha einsandte (er hatte mir nur einmal geschrieben), zeigte es sich, dass die Gläubiger die Klage eingereicht hatten; folglich war an eine Rückkehr vor der Tilgung nicht zu denken. 2. Fühlte meine Gattin sich in gesegneten Umständen (dies bitte ich, unter uns, die neun Monate werden im Februar voll, folglich kann man umsoweniger zurückkehren). 3. Was geschieht aber mit meinen Petersburgern, mit Emilie Fjodorowna (der Schwägerin), mit Pascha und einigen anderen? Geld. Geld! und es ist keines da. 4. Sollen wir irgendwo überwintern, so sei es im Süden. Dabei möchte man Anna Grigorjewna doch irgend was zeigen, sie zerstreuen, mit ihr ein wenig reisen. Wir haben beschlossen, irgendwo in der Schweiz oder in Italien den Winter zuzubringen. Dabei kein Geld! Das Vorausgenommene ist schon sehr stark geschmolzen. Ich habe an Katkow geschrieben, ihm die ganze Lage auseinandergesetzt und ihn abermals um 500 Rubel Vorschuss gebeten. Wie denken Sie? er hat's geschickt! Was ist das für ein vortrefflicher Mensch! Ein Mann von Herz! Wir sind in die Schweiz aufgebrochen. Aber hier muss ich meine Niedrigkeiten und Laster erzählen.
Apollon Nikolaewitsch, mein Täubchen, ich fühle, dass ich Sie als meinen Richter ansehen kann. Sie sind ein Mann von Herz, wovon ich mich schon lange überzeugt habe; und endlich habe ich Ihr Urteil immer hochgeschätzt. Es ist mir nicht schmerzlich, mich vor Ihnen schuldig zu bekennen. Aber ich schreibe dies nur an Sie allein. Geben Sie mich dem Urteil der Menschen nicht preis! An Baden-Baden vorüberkommend fiel es mir ein, mich dahin zu wenden. Es verfolgte mich der lockende Gedanke, 10 Louisd'ors zu wagen, um vielleicht 2000 Frcs. als Zugabe zu gewinnen, das wäre ja dann genug auf vier Monate, um mit allem und allen Petersburgern zu leben; das schlimmste war, dass ich auch früher schon manchmal gewonnen hatte, und das allerschlimmste, dass meine Natur niedrig und allzu leidenschaftlich ist. Überall und in allem gehe ich bis an die äusserste Grenze, mein ganzes Leben habe ich das Mass überschritten. Der Teufel hat dann auch sofort ein Stückchen mit mir aufgeführt: In drei Tagen gewann ich mit ungewöhnlicher Leichtigkeit 4000 Frcs. Jetzt will ich Ihnen erklären, wie sich mir nun alles darstellte. Von der einen Seite dieser leichte Gewinnst -- von 100 Frcs, in drei Tagen 4000 --, von der anderen Seite -- Schulden, Klageschriften, seelische Unruhe, die Unmöglichkeit nach Russland zurückzukehren. Endlich drittens, die Hauptsache -- das Spiel selbst. Wissen Sie, wie Einen das hineinzieht? Nein, ich schwöre es Ihnen, da ist nicht Habgier im Spiele, obwohl mir vor allem Geld um Geldeswillen nötig war. Anna Grigorjewna beschwor mich, ich solle mich mit den 4000 Frcs. zufrieden geben und sofort abreisen. Aber eine so leichte und mögliche Möglichkeit, alles zu reparieren! Und welche Beispiele! Ausser dem eigenen Gewinnst siehst Du täglich, wie andere zu 20 und 30000 Frcs, einziehen. (Die Verlierenden siehst Du ja nicht.) Wodurch haben sie's verdient? Mir ist das Geld nötiger als ihnen. Ich riskierte also weiter und verlor. Ich fing an mein Letztes zu verlieren, wurde aufgeregt bis zum Fieber -- und verlor. Ich fing an die Kleider zu versetzen: Anna Grigorjewna versetzte all ihre Habe, die letzten Sächelchen (welch ein Engel! wie tröstete sie mich, wie quälte sie sich in dem verfluchten Baden in den zwei Stübchen über der Schmiede, wohin wir übersiedelt waren!). Endlich war's genug -- alles war verloren. Endlich musste man sich retten und von Baden fortkommen. Ich schrieb abermals an Katkow, bat abermals um 500 Rubel (ohne der Umstände zu erwähnen; allein der Brief war aus Baden datiert, und so ahnte er wohl etwas). Nun, und er hat's ja geschickt! Hat's geschickt! So sind also jetzt 4000 vom »Russkij Wjestnik« vorausgenommen!«
Im weiteren Verlauf des Briefes rechnet Dostojewsky dem Freunde die Auslagen vor und kommt zur Schlussmitteilung, dass sie in Genf angekommen seien, bei zwei alten Frauen Quartier genommen haben und nun am vierten Tage ihres Aufenthalts 18 Francs in der Tasche und weitere 50 Rubel für die zwei nächsten Monate in Aussicht haben. Nun folgt einer jener bekannten kindlich schlauen Feldzugspläne, die wir in seinen ausführlichen Briefen immer schon kommen sehen, die uns Rührung und Lächeln zugleich abgewinnen über des Dichters Menschliches und Allzumenschliches! In einem Briefe vom 15. September an denselben Freund erwähnt er, dass dessen 125 Rubel sie gerettet haben.
Doch beklagt sich Theodor Michailowitsch sehr über seine Gesundheit, welcher das Klima schade, da er jeden zehnten Tag ungefähr einen Anfall habe, nach welchem er sich fünf Tage nicht erholen könne. Schliesslich folgende Stelle: »Habe ich Ihnen schon über den hiesigen Friedenskongress geschrieben? Ich habe in meinem Leben nicht nur keinen solchen Unsinn gesehen oder gehört, sondern nicht einmal angenommen, dass die Menschen solcher Dummheit fähig wären. Alles war dumm: wie sie sich vereinigten, wie sie die Sache durchführten und wie sie die Entscheidung trafen. Natürlich hatte ich schon früher keinen Zweifel darüber, dass ihr erstes Wort Zank sein werde. So geschah es auch. Sie fingen mit dem Antrag an, man möge votieren, dass grosse Monarchieen überflüssig seien und dass man lauter kleine daraus machen solle; dann: dass es keinen Glauben zu geben brauche usw. Es gab vier Tage Geschrei und Geschimpfe: Wir aber, bei uns zu Hause, wenn wir die Erzählungen davon lesen und hören, sehen wahrlich alles verkehrt. Nein mit eigenen Augen solltet Ihr schauen, mit eigenen Ohren hören.« Über Genf, seine ungünstigen klimatischen Verhältnisse und deren Rückschlag auf seine Gesundheit drückt sich Theodor Michailowitsch in einem Briefe vom 21. Oktober geradezu verzweifelt aus. Im Zornausbruch sagt er: »Und was sind das für selbstzufriedene Prahlhänse! Das ist ja ein Zeichen besonderer Dummheit, mit allem so zufrieden zu sein! Alles ist hier hässlich, faul, teuer, Alles ist hier betrunken! So viele Renommisten und so viele betrunkene Schreiliesen giebt es sogar in London nicht. Und alles bei ihnen, jeder Pfosten -- ist herrlich und grossartig. »Wo ist die Rue N. N.?« -- »Voyez monsieur, vous irez tout droit, et quand vous passerez près de cette majestueuse et élégante fontaine en bronze, vous prendrez etc.« -- Diese majestueuse élégante fontaine -- ist der allerhinfälligste, geschmackloseste Rococo-Quark; aber man kann nicht anders, als sich brüsten, wenn Einer nur um die Strasse fragt usw.«
Nun finden wir eine grosse Lücke in der Korrespondenz. Der nächste Brief an Maikow ist nach einem Zeitraum von sechs Monaten geschrieben. In diese Zeit fällt die Geburt Sonjas, des Kindes, welches das Ehepaar so sehr beglückt haben muss, wie wir aus dem tiefen Schmerz über ihren drei Monate später erfolgten Tod ersehen. Eine Reihe intimer Briefe aus jener Zeit ist teilweise in Verlust geraten, zum Teil nicht aus der Hand gegeben worden. In dem rein geschäftlichen Briefe vom 21. April 1868 wird nur an einer Stelle des Kindes erwähnt: »Einzig und allein das Kind zerstreut uns beide, -- aber es ist eine quälende Freude -- wenn Du in die Zukunft blickst -- ach!«
Am 18. Mai aber beherrscht der eben erlittene Verlust des Kindes schon den ganzen Brief. »Meine Sonja ist gestorben, vor drei Tagen haben wir sie begraben. Zwei Stunden vor ihrem Tode habe ich es nicht gewusst, dass sie sterben wird; der Arzt hatte drei Stunden vor der Katastrophe gesagt, dass ihr besser sei und dass sie leben werde. Sie war im ganzen eine Woche krank -- eine Lungenentzündung war's. Ach, Apollon Nikolaewitsch! mag doch meine Liebe zu meinem ersten Kindchen lächerlich gewesen sein, mag ich mich doch lächerlich in meinen vielen Antwortschreiben auf die Glückwünsche darüber ausgedrückt haben! Es war ja nur ich, der für sie lächerlich war, aber Ihnen, Ihnen zu schreiben fürchte ich mich nicht. Dieses winzige, drei Monate alte Wesen, so armselig, so klein -- für mich war es schon eine Persönlichkeit und ein Charakter. Sie fing schon an, mich zu erkennen, lieb zu haben, sie lächelte, wenn ich auf sie zukam. Wenn ich ihr mit meiner komischen Stimme Lieder sang, so liebte sie ihnen zu lauschen. Sie hat nie geweint oder das Gesichtchen verzogen, wenn ich sie küsste; sie hat zu weinen aufgehört, wenn ich zu ihr trat. Und nun sagen sie mir zum Troste, ich würde noch andere Kinder haben. Wo aber ist Sonja? Wo ist diese winzige Persönlichkeit, um derentwillen ich, offen spreche ich's aus, die Kreuzmarter auf mich nähme, wenn sie nur leben würde? Nun -- lassen wir das, meine Frau weint. Übermorgen werden wir uns endlich von unserem kleinen Grabhügel trennen und irgend wohin fortfahren. Anna Nikolajewna (Anna Grigorjewnas Mutter) ist mit uns. Sie ist eine Woche vor des Kindes Tode gekommen.«
»Die letzten vierzehn Tage, seit dem Beginn von Sonjas Krankheit, habe ich gar nicht arbeiten können. Abermals habe ich eine Entschuldigung an Katkow geschrieben, und im Maiheft des »Russkij Wjestnik« werden abermals nur drei Kapitel erscheinen. Allein, ich hoffe jetzt Tag und Nacht ununterbrochen arbeiten zu können, und vom Juniheft angefangen wird der Roman wenigstens anständig erscheinen.« (Es handelt sich um den »Idiot«.)
Im nächsten Brief, der vom 22. Juni aus Vevey an Maikow gerichtet ist, entschuldigt sich der Dichter über sein langes Schweigen damit, dass er trotz vieler Anfälle und grosser Erschöpfung thatsächlich Tag und Nacht gearbeitet habe. Wieder auf seinen Verlust zurückkommend sagt er noch einmal: »Niemals bin ich unglücklicher gewesen, als in dieser ganzen letzten Zeit. Ich will Ihnen nichts beschreiben, aber je mehr die Zeit vorschreitet, umso brennender ist die Erinnerung, und desto lebendiger stellt sich mir das Bild der verstorbenen Sonja vor die Augen. Es giebt Minuten, die ich nicht ertragen kann. Sie hat mich schon gekannt, sie hat mich an ihrem Todestage -- als ich aus dem Hause ging, um die Zeitungen zu lesen, ohne zu ahnen, dass sie in zwei Stunden sterben würde -- da hat sie mir so mit ihren Äuglein nachgeschaut, dass ich es bis jetzt, und immer deutlicher und deutlicher sehe. Nie werde ich das vergessen und niemals werde ich aufhören, mich darüber zu quälen! Wenn auch ein anderes Kind da sein wird, so begreife ich nicht, wie ich es lieben werde, wo ich Liebe dafür aufbringe, ich brauche Sonja! Ich kann nicht begreifen, dass sie nicht da ist und ich sie niemals mehr sehen werde.«
In einem Anfalle seines alten Zweifels, ob man auf ihn »nicht böse sei«, schreibt er am 19. August nach einer Klage darüber, dass er keine Antwort erhalten habe: »Dafür giebt es wohl zwei Gründe: 1. Sie sind auf mich über etwas böse geworden, 2. es ist entweder mein Brief oder der Ihre in Verlust geraten.«
»Ich glaube um keinen Preis an die erste Ursache: Ihr Brief (der letzte, vom Mai) war so, dass ich nicht begreifen kann, dass es möglich wäre, nach so herzlichen Gefühlen gegen mich, plötzlich wieder böse auf mich zu werden, und darum glaube ich blind, dass mein Brief in Verlust geraten ist. Die Petersburger Polizei öffnet und liest alle meine Briefe, und da der Genfer .... allen gegebenen Daten nach (bemerken Sie wohl, nicht Annahme, sondern Daten) bei der geheimen Polizei Dienste leistet, so sind auch im hiesigen (Genfer) Postamte, mit welchem er in geheimer Verbindung steht -- wie ich sicher weiss -- einige meiner Briefe zurückgehalten worden. Schliesslich habe ich ein anonymes Schreiben erhalten, das mir mitteilt, ich werde verdächtigt (weiss der Teufel wessen verdächtigt), und dass befohlen worden sei, meine Briefe zu eröffnen und mich an der Grenze zu erwarten, wenn ich sie passiere, um mich unvermutet und strengstens zu visitieren. Darum glaube ich fest, dass Ihnen entweder mein Brief nicht zukam oder der Ihrige verloren ist. (NB. Aber wie soll ein reiner Mensch, ein Patriot, der sich ihnen bis zur Abwendung von seinen früheren Überzeugungen hingegeben hat, der den Kaiser vergöttert -- wie soll er Verdächtigungen etwa einer Beziehung zu irgend welchen Polaken oder dem Kolokol[27] ertragen ...! Unwillkürlich sinken einem da die Hände, die ihnen dienen wollten. Wen haben sie nicht alles von den Schuldigen bei uns übersehen, und den Dostojewsky verdächtigen sie!)«
An einer anderen Stelle dringt es doch hervor, dass Dostojewsky dieses »Nichtglauben an das böse sein« mehr als Festigung für sich gesagt habe, denn als einen Ausfluss wirklichen Vertrauens. Er sagt: »Apollon Nikolajewitsch, mein Freund (Sie selbst haben mich Ihren Freund genannt), wie schwer war es mir manchmal in jener Zeit, bei dem Gedanken, dass Sie böse auf mich sind!
[Fußnote 27: Die von Herzen in London herausgegebene revolutionäre Zeitschrift.]
Schreiben Sie also, schreiben Sie in beiden Fällen: sind Sie böse, so erklären Sie die Ursachen, und sind Sie es nicht, so schreiben Sie, dass Sie mich lieben.«
Diese Stelle bedarf wohl keines Kommentars, sie ist Kommentar für vieles im Leben und in den Werken des Dichters.
»Mit dem Roman«, fährt er fort, »bin ich unzufrieden bis zum Ekel. Ich habe mich furchtbar zur Arbeit angespannt, konnte aber nichts machen: Die Seele ist krank. Jetzt will ich die letzten Anstrengungen für den dritten Teil machen. Verbessere ich den Roman -- erhole ich mich selbst; wenn nicht, bin ich verloren. Ich bin diese ganze Zeit unglücklich gewesen. Sonjas Tod hat mich sowohl als meine Frau heruntergebracht. Meine Gesundheit ist nicht gut: Anfälle, das Klima von Vevey verstimmt die Nerven«, hiess es an anderer Stelle. --
Der nächste Brief, ebenfalls an Maikow gerichtet, ist schon vom 7. Oktober aus Mailand datiert. Nach einigen Entschuldigungen über sein längeres Schweigen kommt Theodor Michailowitsch auf seine Furcht eines Missverständnisses zu sprechen, die übrigens auch Maikow seinerseits zu teilen scheint. Dies redet er jenem aus: »Nein, mein Herz ist anders geartet, und sehen Sie, wir haben einander vor 22 Jahren kennen gelernt (zuerst bei Belinsky, erinnern Sie sich?). Seit jener Zeit hat mich das Leben viele Male hierhin und dorthin geschleudert und mich mit seinen Variationen manchmal verblüfft, zuletzt aber, jetzt in diesem Augenblick -- sind ja nur Sie da, d. h. der einzige Mensch, an dessen Herz und Seele ich glaube, den ich liebe und mit dessen Ideen und Überzeugungen die meinigen in eins verschmolzen sind. Kann es denn anders sein, als dass Sie mir fast so teuer sind, als mein verstorbener Bruder? Ihre Briefe haben mich erfreut und ermutigt; denn mein Seelenzustand ist ein sehr trauriger. Auch hat mich vor allem die Arbeit gequält und erschöpft. Es ist schon fast ein Jahr, dass ich 3½ Druckbogen im Monat schreibe. Das ist schwer. Dabei nichts von russischem Leben, nichts von russischen Eindrücken ringsherum; für meine Arbeit war das aber von jeher unentbehrlich. Endlich, wenn Sie auch die Idee meines Romans loben, seine Ausführung war bis jetzt nicht eine glänzende. Es quält mich der Gedanke sehr, dass, könnte ich einen Roman voraus, etwa ein Jahr voraus schreiben, und hätte dann zwei bis drei Monate zu Reinschrift und Korrekturen vor mir, ganz etwas anderes herauskäme -- dafür stehe ich gut. Jetzt, da mir das alles klar geworden ist, sehe ich es deutlich.«
Weiter heisst es dann: »Mein hiesiges Leben wird mir schon allzu schwer. Gar nichts Russisches, nicht ein Buch, nicht eine Zeitung habe ich nun schon volle sechs Monate zu Gesicht bekommen; dazu völlige Vereinsamung. Im Frühling, als wir Sonja verloren hatten, übersiedelten wir nach Vevey, dorthin kam auch Anna Grigorjewnas Mutter zu uns. Allein Vevey reizt die Nerven. Gegen das Ende unseres dortigen Aufenthalts erkrankte sowohl meine Frau als auch ich selbst. Und nun sind wir vor zwei Monaten über den Simplon nach Mailand gekommen. Hier ist das Klima besser, aber das Leben ist teurer, es regnet viel und ausserdem -- tötliche Langweile. Anna Grigorjewna ist geduldig, doch sehnt sie sich nach Russland, und wir beide weinen um Sonja. Wir leben trübselig und klösterlich. Anna Grigorjewnas Charakter ist empfänglich, thätig; hier kann sie sich mit nichts beschäftigen. Ich sehe, dass sie sich grämt, und obwohl wir einander fast noch mehr lieben, als vor 1½ Jahren, so drückt es mich doch, dass sie mit mir in einer so traurigen Abgeschiedenheit lebt. Das ist sehr schwer zu tragen. In der Perspektive steht weiss Gott was. Wenn wenigstens der Roman vollendet wäre, so wäre ich freier. Nach Russland zurückkehren, daran ist schwer zu denken -- keinerlei Mittel. Das heisst soviel als: hinkommen und in den Schuldenarrest hineinfallen. Aber dort bin ich ja nicht mehr ein Arbeitsmensch. Gefängnis ertrage ich infolge meiner Epilepsie nicht, folglich werde ich im Gefängnis auch nicht arbeiten. Womit werde ich dann anfangen die Schulden zu tilgen, und wovon werde ich leben? Wenn mir die Gläubiger ein Jahr Ruhe liessen -- sie haben mir aber durch drei Jahre keinen ruhigen Moment gelassen --, so würde ich dazu kommen, ihnen nach einem Jahre durch meine Arbeit die Schuld abzutragen. Wie bedeutend auch meine Schulden sind, so sind sie doch nur ein Fünftel dessen, was ich schon mit meiner Arbeit abgezahlt habe. Ich bin ja auch fortgefahren, um zu arbeiten. Und nun hat die Idee des »Idioten« Sprünge bekommen. Wenn er auch einen gewissen Wert hat oder haben wird, so ist wenig Effekt darin; Effekt aber ist für die zweite Auflage unumgänglich notwendig, auf die ich noch vor wenigen Monaten blind rechnete und die etwas Geld eintragen könnte. Jetzt, da der Roman noch nicht einmal vollendet ist, ist an eine zweite Auflage gar nicht zu denken. Käme ich nach Russland, wüsste ich, woran ich arbeiten und Geld verdienen sollte; hab' ich doch seinerzeit genug verdient! Hier aber werde ich stumpf, begrenzt, entferne mich im Geiste von Russland; keine russische Luft, keine Menschen! Die russischen Emigranten endlich, die kann ich schon gar nicht begreifen, das sind -- Wahnsinnige.
Das ist also die Lage, in der wir uns befinden. In Mailand aber zu bleiben ist auch unmöglich. Wir wollen in einem Monat nach Florenz übersiedeln, dort werde ich auch den Roman beendigen. Geld bekomme ich immer noch von Katkow. Es ist schrecklich, was wir en tout verbrauchen, obwohl wir uns furchtbar einschränken. Bald, mit der Vollendung des Romans, endet auch, das versteht sich, die Geldeinnahme von Katkow. Dann: abermals Plackerei und Sorge. Indessen ist doch meine Schuld an Katkow, wenn man sie mit dem zusammenrechnet, was ich zuerst vorausgenommen, jetzt bedeutend verringert.
Ihrem Leben bin ich ganz entfremdet, obwohl mein ganzes Herz bei Ihnen weilt und Ihre Briefe mir wahre Himmelsmanna sind. Ich habe mich über die Nachricht von einem neuen Journal überaus gefreut. Ich habe niemals etwas von Kaschpirew gehört, bin aber sehr froh, dass Nikolai Nikolajewitsch (Strachow) endlich eine seiner würdige Beschäftigung findet. Gerade er muss Redakteur sein und darf sich nicht auf irgend ein Ressort in der neuen Zeitschrift beschränken, sondern soll die Seele des Ganzen sein. In diesem Falle wird die Sache Zukunft haben. Jetzt also, was kann es jetzt besseres für Nikolai Nikolajewitsch geben? Die Hauptsache ist, dass er an seinem Ort frei schalten kann.