Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 25

Chapter 253,600 wordsPublic domain

Er will nun ernstlich Nastassja heiraten, sie vor sich selbst retten. Sie entflieht ihm mit Rogoschin, da sie dieses Opfer des Erbarmens nicht annehmen will. Nach vielen höchst aufregenden und den Leser in quälende Spannung versetzenden Episoden setzt Myschkin, dessen Gesundheit allen diesen Erregungen nicht mehr stand hält, doch endlich die Vermählung durch. Schon im Brautgewande und vor dem Altar -- entflieht die Braut. Spät in der Nacht, es ist eine helle Petersburger Nacht, erscheint Myschkin vor Rogoschins finsterem, versperrtem Hause. Man lässt ihn nicht ein. Er stellt sich gegenüber Rogoschins Fenster auf, dieser erblickt ihn und holt ihn in die dunkle, durch einen schweren Vorhang abgeteilte Stube. Der Fürst, den schon wiederholte Anfälle seiner Krankheit des klaren, folgerichtigen Denkens zu berauben anfangen, sammelt sich mit schwerer Mühe, um zu begreifen, was hier vorgegangen. Rogoschin führt ihn hinter den Vorhang. Hier liegt auf dem Bette, mit dem Leintuch bis über den Kopf zugedeckt, ein unbeweglicher Körper. Ein nackter Fuss, wie aus Marmor gemeisselt, ist beim unteren Bettende sichtbar und ringsum weisse Gewänder, Spitzen, Brillanten -- -- -- Sie war mit Rogoschin leise in das unbewohnte Haus hinaufgeschlichen, »damit Myschkin sie nicht finde«. Hier hatte sie die Nacht auf seinem Bette zugebracht, hier hat er ihr sein Messer ins Herz gestossen. Darauf hat er sich zu Füssen des Bettes vor den Vorhang hingesetzt und gewartet. Nun erzählt er das alles, vom Fieber geschüttelt, dem Fürsten. »Du sollst aber keinen Anfall hier bekommen und schreien, sonst musst du fort.« -- -- Allmählich verlässt beide das Bewusstsein. -- Am andern Morgen findet man Rogoschin im Fieber schreiend und rasend, Myschkin neben ihm auf dem Boden sitzend, nun vollständig blödsinnig -- und dem Kranken bei jedem Schrei zärtlich Haar und Antlitz streichelnd .....

Es ist wohl hier der Platz für einen Brief, welchen der Dichter neun Jahre später an einen jener Korrespondenten richtete, die ihn in seinen letzten Lebensjahren so oft um Rat in schweren Gewissensfragen angingen. Dieser Brief ist in mehr als einem Sinne und in mehr als einer Richtung bedeutsam und interessant.

Er lautet:

»Petersburg, 14. Februar 1877.

Geehrter Herr Kowner!

»Ich habe Ihnen lange nicht geantwortet, weil ich ein kranker Mensch bin und sehr schwer an meiner Monatsschrift arbeite. Auch muss ich jeden Monat einige Dutzende von Briefen beantworten. Endlich habe ich eine Familie und noch andere Geschäfte und Verpflichtungen. Ich habe thatsächlich keine Musse zum Leben, und mich in eine längere Korrespondenz einzulassen, ist mir unmöglich. Besonders mit Ihnen.

Ich habe selten etwas gelesen, das geistvoller geschrieben wäre, als Ihr erster Brief an mich (Ihr zweiter Brief ist etwas für sich).

Ich glaube Ihnen vollkommen alles, was Sie mir darin über sich selbst sagen. -- Über Ihr einstmals begangenes Verbrechen haben Sie sich so klar und (wenigstens was mich anbelangt) so verständlich ausgedrückt, dass ich, ohne Ihre That in deren Einzelheiten zu kennen, diese jetzt mindestens ebenso ansehe, wie Sie selbst.

Sie beurteilen meine Romane. Darüber kann ich natürlich nicht mit Ihnen reden; doch hat es mir gefallen, dass Sie den »Idiot« als den besten darunter hervorheben. Stellen Sie sich vor, dass ich dieses Urteil schon fünfzig Mal, wenn nicht öfter, gehört habe. Das Buch wird auch alljährlich verkauft und jedes Jahr in einer grösseren Anzahl von Exemplaren. Ich habe den »Idioten« darum jetzt genannt, weil alle, die mit mir darüber als von meinem besten Werke sprechen, etwas besonderes in der Zusammensetzung ihrer Geistesfähigkeiten haben, das mich sehr berührt und mir sehr gefällt. Wenn sich diese Geistesrichtung nun auch bei Ihnen findet, so ist das für mich nur um so besser, natürlich wenn Sie aufrichtig sind. Aber wenn es auch nicht so wäre ....

NB. Die zwei Zeilen Ihres Briefes, worin Sie sagen, dass Sie keinerlei Reue über das von Ihnen begangene Verbrechen in der Bank empfinden, sind nicht recht nach meinem Sinne. Es giebt etwas, das höher ist, als die Beweisführung der Vernunft und aller erdenklichen hinzugetretenen Umstände, etwas, dem sich zu unterwerfen ein jeder sich verpflichtet fühlen muss (das heisst, wieder als einem Symbol). Sie sind vielleicht so gescheit, dass Sie sich über diese unerbetene Offenheit meiner Bemerkung nicht beleidigt fühlen; denn, erstens bin ich nicht besser, als Sie oder irgend Einer (und dies ist durchaus keine falsche Demut, wozu auch?); und zweitens, wenn ich Sie auch in meinem Herzen freispreche (so wie ich auch Sie auffordere, mich freizusprechen), so ist es immer besser, wenn ich es thue, als wenn Sie selbst es thun. Scheint Ihnen das unklar? (Hier nebenbei zur Erläuterung eine kleine Parallele. Der Christ, das heisst der volle, der höhere, ideale Christ sagt: »Ich habe meinen Besitz mit den armen und niederen Brüdern zu teilen, ich habe ihnen allen zu dienen.« Der Kommunard aber sagt: »Du hast mit mir, dem Armen und Niedrigen zu teilen, du hast uns zu dienen.« Der Christ wird recht, der Kommunard wird unrecht haben.) Übrigens ist Ihnen vielleicht jetzt noch unverständlicher, was ich Ihnen sagen wollte.

Nun zu den Juden. Über ein solches Thema kann man sich in einem Briefe nicht aussprechen, besonders mit Ihnen nicht .... Sie sind so gescheit, dass wir einen solchen strittigen Punkt auch in hundert Briefen nicht erledigen und uns dabei nur abquälen würden. Ich will Ihnen nur sagen, dass ich auch von anderen Israeliten Briefe mit ähnlichen Bemerkungen bekommen habe. So habe ich namentlich vor kurzem einen ideal vornehmen Brief von einer Jüdin erhalten, welcher ebenfalls mit bitteren Vorwürfen schloss. Ich denke, ich werde, veranlasst durch diese mir von Israeliten gemachten Vorwürfe, einige Zeilen im Februarheft meines Tagebuches schreiben (das ich übrigens noch nicht zu schreiben begonnen habe, da ich bis heute noch infolge meines letzten epileptischen Anfalles leidend bin). Jetzt sage ich Ihnen nur, dass ich durchaus kein Feind der Juden bin, niemals ein solcher war. Allein -- schon ihr, vierzig Jahrhunderte währender Bestand beweist, wie Sie selbst mir sagen, dass dieses Geschlecht eine ausserordentliche Lebenskraft besitzt, welche im Laufe seiner ganzen Geschichte nicht anders konnte, als sich als verschiedene status in statu formulieren. Ein sehr kräftiger status in statu ist unbestreitbar auch bei unseren russischen Juden vorhanden. Wenn es aber so ist, wie ist es dann anders möglich, als dass sie, wenigstens teilweise, zur Wurzel der Nation, zur russischen Volksfamilie eine Dissonanz bilden? Sie weisen auf die Intelligenz der Juden hin -- nun, Sie selbst sind ja auch eine Intelligenz und -- sehen Sie nur ...

Aber lassen wir das, dies Thema ist ein zu langes. Ich habe viele Bekannte, die Juden sind, auch Jüdinnen, die mich auch jetzt oft um Rat angehen. Doch lesen sie das »Tagebuch eines Schriftstellers«; und obwohl sie, wie alle Israeliten, was das Judentum anbelangt, empfindlich sind, so sind sie mir doch nicht feind und kommen doch zu mir.

Was die Sache der Kornilowa[24] anlangt, bemerke ich nur, dass Sie nichts wissen, daher auch nicht kompetent sind. Aber was sind Sie doch für ein Lehrling. Mit einem solchen Blick auf das Herz des Menschen und seine Handlungen bleibt ja nichts übrig, als im Kot materieller Genüsse zu versinken ...

... Übrigens kenne ich Sie ja, ungeachtet Ihres Briefes, gar nicht. Ihr Brief (der erste) ist hinreissend schön und gut. Ich will mit voller Seele glauben, dass Sie vollkommen aufrichtig sind. Aber auch wenn Sie nicht aufrichtig wären ... es ist dies einerlei; denn Unaufrichtigkeit in einem gegebenen Falle ist eine in ihrer Art höchst komplizierte und sehr tiefe Sache. --

[Fußnote 24: Eine Person, welche in einem Anfall von Irrsinn in der Schwangerschaft ihr Stieftöchterchen aus dem Fenster geworfen hatte und für die Dostojewsky öffentlich eintrat.]

Glauben Sie an die volle Aufrichtigkeit, mit der ich Ihnen die mir dargereichte Hand drücke; erheben Sie sich aber im Geiste und formulieren Sie Ihr Ideal. Sie haben es ja bis zum heutigen Tage gesucht, oder nicht?

Mit aufrichtiger Hochachtung

Ihr Th. Dostojewsky.«

Mehr als langatmige Abhandlungen es vermöchten, kündet uns dieser Brief die ganze Eigenart Dostojewskys. Gleichsam im Vorübergehen, wie unbewusst, streift er einige der bedeutendsten Probleme der Gegenwart und löst sie in seinem ihm eigenen Sinn. In seiner Freude über jene, welche den »Idioten« als sein bestes Werk ansehen, steckt eine ganze Ethik der unbefleckten Wahrheit, so wie in jener Parallele zwischen Christ und Kommunard sein soziales Glaubensbekenntnis enthalten ist. Die Andeutung über die Lüge, die »in gegebenem Falle eine sehr ernste und komplizierte Sache« ist, deckt sich mit dem Ausspruch, den er Rasumichin in den Mund legt: »Lügen wir uns zur Wahrheit durch«, und reisst gleichsam vor unseren Augen das Dornengestrüpp der Lüge auseinander, das oft unseren Weg zur Wahrheit umwirrt; und wie gewandt endlich kehrt er, in der Berührung der Judenfrage, seines Korrespondenten eigene Waffe gegen diesen, um damit zum hundertsten Male sein Credo an die »nationale Grundlage« des Volks zu erhärten. --

Das Leben in Florenz war ebenso einförmig wie das in Genf gewesen, doch gab es hier viele Kunstsammlungen, welche nicht nur von Anna Grigorjewna, sondern auch von Theodor Michailowitsch oft besucht wurden. Des Dichters Lieblinge waren hier Rafaels »Madonna della Sedia« und »Johannes der Täufer«. Ganz besonders entzückte den Dichter der Campanile und Ghibertis Thor des Battisterio. Auch ein Lesesaal war hier, wo man russische Zeitschriften finden konnte. Ausserdem beschäftigte sich Dostojewsky hier mit den Dichtern der 40er und 50er Jahre, namentlich Balzac und George Sand. Bekannte Russen gab es hier gar keine, so dass das Ehepaar zehn Monate in Florenz zubrachte, ohne mit irgend jemand ein russisches Wort zu wechseln. Übrigens empfand Theodor Michailowitsch eine ausserordentliche Sympathie für das italienische Volk und fand es immer dem russischen sehr ähnlich. In Theater-Aufführungen kamen sie sehr selten, weil sie allzuwenig Geld hatten, um sich ein solches Vergnügen zu gestatten.

Im Juli 1869 ging das Ehepaar über Venedig, Triest, Wien und Prag nach Dresden. Venedig machte auf den Dichter einen besonders bezaubernden Eindruck und es blieb immer das Ziel seiner Träume. Er hatte es anfangs vorgehabt, sich in Prag niederzulassen, um mit Rieger und Palacky näher bekannt zu werden, welche ihn sehr interessierten. Der Umstand jedoch, dass in Prag keine möblierten Wohnungen zu finden waren, nötigte ihn, Dresden zu seinem Wohnort zu erwählen. Hier wurde ihm am 14. September (1869) die zweite Tochter geboren und das brachte neue Freuden und neue Sorgen in das Leben der Wandernden. Den Dichter erfüllte die Geburt einer Tochter mit Glück und er widmete diesem Kinde jede freie Minute, wie sie auch sein erster Gedanke beim Erwachen war. Zu Ende des Jahres schrieb Dostojewsky den »Hahnrei« und das ganze Jahr 1870 hindurch die »Dämonen« (in einer Übersetzung »Die Besessenen« genannt), welche anfangs 1871 im »Russkij Wjestnik« zu erscheinen begannen.

Auch hier fand Theodor Michailowitsch keine näheren Bekannten; übrigens liebte er es nicht besonders, im Auslande Verkehr mit Russen zu pflegen, die er nur oberflächlich kannte. Seine Lektüre schöpfte er hier aus russischen Zeitschriften und einigen Werken, die er mit sich genommen oder sich verschrieben hatte, so die Werke Belinskys, »Krieg und Frieden« von Tolstoj und einige andere. Das Buch jedoch, zu welchem er immer wieder zurückkehrte und das ihn, seit er es von den Frauen der Dezembristen in Sibirien auf dem Wege dahin erhalten, nie verlassen hatte, war das Evangelium.

In Dresden musste die Familie zwei Jahre verbleiben und, wie Anna Grigorjewna selbst berichtet hat, es gehörten gerade diese zwei Jahre zu den schwersten Zeiten der freiwilligen Verbannung. »Er litt immer mehr darunter,« sagte sie, »dass er sich von Russland entfernt habe, es nicht mehr kenne.« In seinen Briefen drückt er oft diese Sehnsucht nach Russland aus. Allein die Rückkehr war schwer zu bewerkstelligen, weil man dazu von vornherein grosse Geldsummen brauchte. Dazu gehörte, dass man nicht nur hier ganz loskam, dass man nach Petersburg übersiedelte, sondern die Wechsel und Schulden einlöste, welche von der Leitung der »Epocha« her noch unbeglichen waren. Lange warteten sie auf günstige Umstände, aber so viel Geld brachten sie doch nie auf. Ungeachtet ihres höchst bescheidenen Lebens wurde doch alles eingesandte Geld zu diesem verbraucht. Ein bedeutender Teil ging für die Erhaltung der Witwe des dahingeschiedenen Bruders, ein anderer für die des (offenbar nicht wohlgeratenen) Stiefsohnes Theodor Michailowitschs auf, ebenso für die Interessen der bei der Abreise versetzten Effekten (die zuletzt doch verfielen). Da sie keinen Ausgang aus allen diesen Schwierigkeiten vor sich sahen, dabei aber fühlten, dass es ihnen unerträglich wurde, unter diesen Verhältnissen in der Fremde weiter zu leben, entschlossen sie sich, alle Folgen einer solchen Rückkehr auf sich zu nehmen, und kehrten am 8. Juli 1871 nach Petersburg zurück, wo am 16. desselben Monats ihr erster Sohn Theodor geboren wurde.

IX. Briefwechsel aus der Fremde. (1867-1871.)

Blättern wir nun in den Briefen des Dichters aus dieser Zeit der Selbstverbannung, so finden wir darin die Bestätigung alles dessen, was Strachow darüber berichtet und Anna Grigorjewna selbst erzählt, alles was wir durch sie über äussere Ereignisse, Verhältnisse und Stimmungen erfuhren. Diese Briefe in extenso zu bringen, müssen wir aus zwei Gründen verzichten. Einmal weil die Zahl der uns vorliegenden, 42, einen Umfang von etwa zehn Druckbogen grossen Formats einnimmt, die Länge einzelner oft sehr beträchtlich ist, ohne dass uns daraus neues Material für die Erkenntnis des Dichters erwüchse. Dann aber, und dies ist wichtiger, weil seine Richtung durch alles Vorangegangene und namentlich durch das Tagebuch besser gekennzeichnet ist als durch diese Briefe, deren Wiederholungen mit ihrem Nachdruck auf gewisse rein persönliche geschäftliche Beziehungen und Kontroversen von einem deutschen Publikum gleichgiltig, ja wohl missverständlich müsste aufgenommen werden. Auch jenen Briefen, welche hier angefügt werden, müssen wir eine Bemerkung voransetzen, welche der Leser dieser Aufzeichnungen wohl selbst gemacht hat, die aber als Merkmal von Dostojewskys Wesen hervorgehoben zu werden verdient. Des Dichters Briefe sind alles andere eher als »geistreiche Briefe«; sie sind in noch viel höherem Grade als seine künstlerischen und publizistischen Schriften nicht litteraturmässig. In seiner Grossartigkeit und Unmittelbarkeit (bei allem Raffinement des Künstlers) hier wie überall um die Form unbekümmert, sorglos um die tausend Sachen und Sächelchen, die er da oder dorthin in das rechte Licht stellen könnte, ist Dostojewsky in seinen Briefen einfach wie die Alltäglichkeit, ja durchaus Alltagsmensch, und wir glauben ihm aufs Wort, was er noch im Jahre 1856 aus Sibirien an Apollon Maikow schrieb: »-- -- Verzeihen Sie die Zerfahrenheit meines Briefes. In einem Briefe kann man niemals etwas Ordentliches schreiben. Darum eben kann ich die Mme. de Sévigné nicht leiden. Sie hat allzu gute Briefe geschrieben.« Dostojewskys Stil ist sowohl in seinen Werken, als in seinen Briefen so, wie ihn Nietzsche fordert (ohne ihn selbst zu haben): »nicht der kunterbunt superlativistische, sondern der einer zu vornehmer Einfachheit geadelten Alltäglichkeit«.

Der erste Brief, in den wir nach seiner Abreise Einblick haben, ist vom 28. August 1867 aus Genf datiert, an Maikow gerichtet. Nach einer einleitenden Entschuldigung, dass er so lange geschwiegen habe, und einem jener Vertrauensanfalle, die uns bei Dostojewsky immer wie die Reversseite des Misstrauens erscheinen, bei dem wir ihn den besten Freunden gegenüber manchmal ertappen, beginnt er die zusammenfassende Erzählung seines Reiselebens wie folgt:

»Sie wissen, wie ich abgereist bin und aus welchen Gründen. Der Hauptgründe waren zwei: 1. Nicht nur die Gesundheit, nein, das Leben zu retten. Die Anfälle wiederholten sich schon in jeder Woche; diese Nerven- und Gehirnzerrüttung aber zu empfinden und klar zu erkennen, das war unerträglich. Der Geist begann thatsächlich sich zu zerrütten. Das ist thatsächlich wahr. Die Nervenstörungen aber brachten mich manchmal zu Wutausbrüchen. Die zweite Ursache, oder Situation, war diese: die Gläubiger konnten nicht mehr länger warten, und zur Zeit meiner Abreise war schon durch Latkin und später durch Petschatkin die Klage gegen mich eingereicht. Noch ein Kleines und sie nahmen mich fest. Nehmen wir an -- ich will keine schönen Worte machen und mich aufschmücken -- nehmen wir an, das Schuldgefängnis wäre mir in einer Hinsicht auch sehr nützlich: Aktualität, Material, ein zweites »Totenhaus«; mit einem Wort, es gäbe Material mindestens für 4-5000 Rubel, aber ich habe eben erst geheiratet und, ausserdem, würde ich den heissen Sommer im Tarassowschen Hause aushalten? Das war eine unlösbare Frage. Wäre es mir aber unmöglich geworden im Tarassowschen Hause, bei zunehmenden Anfällen, litterarisch thätig zu sein -- wie hätte ich dann die Schulden bezahlt? Und die Verpflichtungen waren schrecklich angewachsen.

Ich ging also fort, allein den Tod in der Seele. Ans Ausland habe ich nicht geglaubt, d. h. ich war überzeugt, der geistige Einfluss des Auslandes werde ein sehr schädlicher sein. Allein, ohne Material, mit einem jungen Geschöpf, das sich mit naiver Freude anschickte, mein Wanderleben zu teilen -- ich aber sah in dieser naiven Freude viel Unerfahrenheit und erste Glut, und das bedrückte und quälte mich sehr. Ich fürchtete, Anna Grigorjewna werde sich in dieser Zweisamkeit mit mir langweilen; auch sind wir ja bis heute mitsammen ganz allein. In mich aber setzte ich keine Hoffnungen: mein Wesen ist krankhaft, und ich sah voraus, dass sie sich mit mir abquälen werde. (NB. Allerdings hat sich Anna Grigorjewna als stärker und tiefer erwiesen, als ich sie gekannt und vermutet hatte, und in vielen Fällen war sie mir geradezu ein Schutzengel; dabei war aber auch viel Kindliches, Zwanzigjähriges, das wunderschön und natürlich unvermeidlich ist, dem zu entsprechen ich aber kaum die Kraft und Fähigkeit habe. Alles dieses hat mir bei der Abreise vorgeschwebt, und obwohl, ich wiederhole es, Anna Grigorjewna sich kräftiger und trefflicher erwies, als ich gedacht hatte, so bin ich dennoch, auch heute, nicht beruhigt.) Endlich bedrückte mich die Kargheit unserer Mittel. Wir reisten mit einer durchaus nicht grossen Barschaft und mit einer Vorschuss-Schuld von 3000 Rubel an Katkow ab. Ich rechnete allerdings damit, dass ich im Auslande sofort zu arbeiten beginnen würde. Was aber kam heraus? Ich habe bis jetzt nichts oder nahezu nichts geleistet und mache mich erst jetzt ernstlich und endgiltig an die Arbeit. Freilich, darüber, ob ich gar nichts gethan habe, bin ich noch im Zweifel; dafür hat man viel durchempfunden und manches ersonnen; aber Niedergeschriebenes, Schwarz auf Weiss ist noch wenig da, dieses Schwarz auf Weiss aber ist ja das Endgiltige, das allein wird bezahlt. Nachdem wir das langweilige Berlin so schnell als möglich hinter uns gelassen -- wo ich mich einen Tag aufhielt, wo die langweiligen Deutschen es zuwege brachten, meine Nerven bis zur Bosheit zu reizen, und wo ich das russische Bad besuchte -- gingen wir nach Dresden, mieteten eine Wohnung und setzten uns auf einige Zeit fest.

Die Wirkung davon war für mich eine sehr seltsame: sofort warf sich mir die Frage auf: wozu bin ich in Dresden, gerade in Dresden und nicht anderswo, und was zwang mich gerade dazu, alles an einem Orte zu verlassen und nach einem anderen zu fahren? Die Antwort war ja klar (Gesundheit, Schulden usw.); allein das Erbärmliche war auch das, dass ich es zu deutlich empfand, dass es für mich jetzt, wo immer ich auch leben mochte, ganz gleich sei -- ob in Dresden oder anderswo. Überall war ich in der Fremde, überall ein abgerissenes Bruchstück. Ich wollte mich sofort an die Arbeit machen und fühlte, dass es damit durchaus nicht gehe, dass der Eindruck durchaus nicht der richtige sei. Ich las, ich schrieb einiges, war von Sehnsucht, dann von Hitze gequält -- die Tage vergingen einförmig. Wir gingen regelmässig nach Tische im Grossen Garten spazieren, hörten billige Musik, dann lasen wir, dann gingen wir schlafen. In Anna Grigorjewna's Charakter kam ein entschieden antiquarischer Zug zum Vorschein (das freut mich und unterhält mich sehr). Es ist z. B. ihre Hauptbeschäftigung, irgend welche dumme Rathäuser zu besichtigen, sie zu verzeichnen, zu beschreiben, was sie mit ihren stenographischen Zeichen ausführt und womit sie schon sieben Büchlein vollgeschrieben hat. Aber mehr als alles hat sie die Galerie eingenommen und aufgeregt, und ich war sehr erfreut darüber, weil dadurch in ihrer Seele zu viele Eindrücke entstanden sind, um Langweile aufkommen zu lassen. Sie hat die Galerie täglich besucht.

Soviel wir aber auch über alle die Unseren, über die Petersburger und die Moskauer gesprochen und debattiert haben, über Sie und Anna Iwanowna -- es war teilweise doch recht trübselig. Meine Gedanken will ich Ihnen nicht beschreiben. Viele Eindrücke haben sich aufgespeichert. Ich habe russische Zeitungen gelesen und mir damit das Herz erleichtert. Da habe ich's endlich empfunden, dass sich in mir genug Material angesammelt hatte für einen ganzen Artikel über das Verhalten Russlands Europa gegenüber und über die oberste Schichte der russischen Gesellschaft. Aber, was soll man davon reden! Die Deutschen haben mich nervös gemacht, unser russisches Leben der höheren Kreise aber mit ihrem Glauben an Europa und die Zivilisation -- ebenfalls. Die Vorgänge in Paris waren ein Schlag für mich. Auch die guten Pariser Advokaten schrieen: Vive la Pologne! Puh! wie abscheulich, namentlich wie dumm und wie wohldienerisch! Ich habe mich in meiner früheren Idee nur noch bestärkt, dass es für uns teilweise sogar vorteilhaft ist, dass uns Europa nicht kennt und so schlecht kennt. Die Details aber des Prozesses Berezowski! Wie viel fauler Schleppträgerei! Aber die Hauptsache, die Hauptsache ist -- wie wenig sind sie mit ihren Reden noch weiter gekommen, wie ist alles noch auf demselben Fleck, alles auf demselben Fleck!

Auch Russland erscheint unsereinem von hier aus plastischer, das ungewöhnliche Faktum der Mündigkeit und unerwarteten Reife des russischen Volkes angesichts all unserer Reformen (sei es auch nur die der Gerichtsbarkeit), und gleichzeitig die Kunde von dem durch den Kreisrichter des Orenburger Gouvernements durchgeprügelten Kaufmann erster Gilde! Eines fühlt man: dass das russische Volk dank seinem Wohlthäter und dessen Reformen nach und nach in eine solche Lage gekommen ist, dass es unwillkürlich Thatkraft, selbständiges Sehen erlernt, und darin liegt die ganze Kunst. Bei Gott, die heutige Zeit ist, was den Durchbruch und die Reformen anlangt, fast wichtiger als die Zeiten Peters. Und die Eisenbahnen? So schnell als möglich nach dem Süden, so schnell als möglich[25]; darauf kommt alles an. Bis dahin überall die rechte Gerichtsbarkeit, und dann, was für eine grosse Wiedergeburt! (Über all dieses denkt man hier nach, träumt man, über all dieses schlägt einem das Herz.) Obwohl ich hier fast mit niemand verkehre, kann man doch nicht umhin, manchmal unversehens auf jemand zu stossen.