Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 23

Chapter 233,497 wordsPublic domain

Im Herbste des Jahres 1866 sollte eine Gesamtausgabe von des Dichters bis dahin erschienenen Werken veranstaltet werden. Der Herausgeber, Stellowsky, ein Mensch, welcher das Talent anderer auf die schändlichste Weise ausbeutete, hatte dem Dichter unter anderen folgende Bedingung gemacht: Dostojewsky reiht in diese Sammlung eine Erzählung ein, welche noch nirgends gedruckt worden ist, und sendet sie bis Ende Oktober ein. Für diese Gesamtausgabe samt der neuen Erzählung zahlt Stellowsky dem Dichter 3000 Rubel. Kommt aber das neue Werk um einen Tag später, so erhält Dostojewsky für die Gesamtausgabe kein Honorar, und das Recht, eine Gesamtausgabe zu veranstalten, bleibt für alle Zeiten Stellowsky. Der Dichter hatte nun die Erzählung »Der Spieler« niederzuschreiben begonnen, war aber durch die Schuldenlast, welche seines Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, so beunruhigt, dass er fürchten musste, nicht die nötige Sammlung zur Arbeit zu finden. Ein Brief aus Dresden an N. Strachow, sowie die Erzählung, welche uns Anna Grigorjewna davon machte, mögen die Schilderung dieser Situation ergänzen. Er schreibt:

»Stellowsky hat im Sommer 1865 meine Werke auf die folgende Weise erworben: Ich war in entsetzlichen Verhältnissen. Nach dem Tode meines Bruders im Jahre 1864 hatte ich viele seiner Schulden auf mich genommen und hatte 10000 Rubel vom Eigenen (welche ich von einer Tante als Erbteil bekam) auf die Fortsetzung der Herausgabe der »Epocha« -- meines Bruders Journal -- zu Gunsten seiner Familie verwendet, ohne den geringsten Anteil und ohne das Recht zu haben, meinen Namen als Redakteur auf dem Umschlag des Blattes anzubringen. Das Blatt aber fiel, es musste aufgegeben werden; dennoch setzte ich die Bezahlung der Schulden meines Bruders sowie des Blattes fort. Wie viele Wechsel habe ich da ausgestellt! Unter anderen (sofort nach meines Bruders Tode) einem gewissen D.... Dieser D.... war zu mir gekommen und hatte mich angefleht, des Bruders Wechsel (er war sein Papierlieferant) auf meinen Namen zu schreiben, und gab mir sein Ehrenwort, dass er so lange warten würde, als es mir beliebe. Aus Dummheit that ich es.

Im Sommer 1865 fängt man an, mich mit den Wechseln D.s und eines anderen (ich erinnere mich seines Namens nicht) zu verfolgen. Von der andern Seite präsentierte Gawrilow, der damals in der Druckerei des Pratz arbeitete, ebenfalls einen Wechsel auf 1000 R., den ich ihm ausgestellt hatte, da ich Geld für die Herausgabe jenes, nun fremden, Journals brauchte .... und da, plötzlich, zur selben Zeit, sendet Stellowsky zu mir und lässt mir vorschlagen, ob ich ihm nicht meine sämtlichen Werke, samt einem ganz neuen Roman, um 3000 Rubel verkaufen wolle usw. usw., d. h. also unter den demütigendsten Bedingungen. Wartete ich nur ein wenig, so bekam ich von den Buchhändlern für das Recht der Publikation wenigstens das Doppelte, liess ich mir aber ein Jahr damit Zeit, dann bekam ich sicher das Dreifache, denn ein Jahr später wurde die zweite Auflage von »Schuld und Sühne« allein gegen 7000 Rubel Schulden eingetauscht (immer Journalschulden -- an Bazunow, Pratz und einen Papier-Agenten). Auf diese Weise habe ich für des Bruders Zeitschrift und seine Schulden 22 oder 23000 Rubel verbraucht, d. h. mit meiner Arbeit ausgezahlt, und habe jetzt noch gegen 5000 auf mir lasten. Stellowsky gab mir damals 10-12 Tage Bedenkzeit. Das war auch die Klagefrist für den Schulden-Arrest. Dazu müssen Sie wissen, dass meine Wechsel an D.... von einem gewissen Staatsrat B. (er hatte ehemals auch geschriftstellert, Goethe übersetzt, ist jetzt, wie es scheint, Friedensrichter auf der Wassilewsky-Insel) präsentiert wurden. In diesen 10 Tagen schlug ich mich überall herum, um Geld für die Auslösung der Wechsel zu bekommen und mich dadurch von dem so schimpflichen Handel mit Stellowsky zu befreien. Auch bei B. war ich achtmal, fand ihn aber nie zu Hause. Endlich erfuhr ich durch den Viertelsvorsteher (Quartalnij), den ich kennen lernte, dessen Namen ich vergass, dass B. ein alter Freund Stellowskys sei, seine Geschäfte führe usw. Da willigte ich ein, und wir verfassten jenen Kontrakt, dessen Kopie in Ihren Händen ist. Ich bezahlte D...., Gawrilow und die anderen und reiste mit dem Rest von 35 Halbimperialen ins Ausland.

Im Oktober kam ich mit dem im Auslande begonnenen Roman »Schuld und Sühne« zurück, nachdem ich mit dem Russkij Wjestnik (Katkow) in Verbindung getreten war und von diesem schon einiges Geld voraus erhalten hatte. Da ich im Sommer den Kontrakt mit Stellowsky unterfertigt hatte, sagte ich diesem geradeaus, dass ich nicht imstande sein würde, den ihm versprochenen Roman bis zum 1. November 1865 zu vollenden. Er erwiderte mir, dass er dies auch nicht verlange und nicht vor einem Jahre die Publikation zu veranstalten gedenke, bat mich aber, zum 1. November 1866 zuverlässiger zu sein. Dies alles wurde mündlich und unter vier Augen verabredet, aber das schreckliche Pönale, wenn ich zum 1. November 1866 nicht fertig werde, blieb im Kontrakt.«

Die Ergänzung zu dieser Kontraktsgeschichte erzählte uns Anna Grigorjewna selbst. Der Dichter hatte nämlich den schon im Jahre 1863 geplanten und in vielen kleinen Notizen, namentlich im Gedächtnisse festgehaltenen Roman »Der Spieler« Anfang Oktober 1866 zu schreiben begonnen und verlor, da die fatale Frist immer näher heranrückte, so sehr den Mut, dass seine Freunde befürchteten, er werde die Arbeit gar nicht machen können. Da machte ihm Miljukow den Vorschlag, sich einer Hilfskraft zum Schreiben zu bedienen. Dostojewsky weigerte sich anfangs eigensinnig. Doch setzten sich die Freunde mit dem Professor der Stenographie P. M. Olchin in Verbindung, erfuhren von ihm den Namen seiner besten Schülerin A. G. Snitkina und besuchten deren Familie, um dem jungen Mädchen ihre Vorschläge zu bringen. Sie hatte kurz vorher ihre Lehrjahre im Mariengymnasium vollendet und bald darauf ihren Vater verloren. Aus dem Wunsche heraus, ihren Kummer durch Arbeit zu lindern und auch um etwas zu verdienen, entschloss sie sich dazu, des Professors Vorschlag, der ihr durch Dostojewskys Freunde zukam, anzunehmen. Als sie gar hörte, wem sie in der Arbeit helfen sollte, da war das Mädchen voll Freude und Begeisterung, allein auch voll Angst, ob sie wohl dem grossen Dichter, den sie schon sehr bewunderte, genügen würde. Sie trat zitternd bei ihm ein, wurde jedoch bald durch einige freundliche Worte, namentlich aber dadurch ermutigt, dass man sofort an die Arbeit ging und der Dichter sie als Person gar nicht bemerkte. Es waren vom 4. Oktober bis 1. November noch sieben Druckbogen zu schreiben und alle ins Reine zu bringen. Anna Grigorjewna pflegte gegen die Mittagsstunde zu Theodor Michailowitsch zu kommen, wo sie zwei bis drei Stunden miteinander arbeiteten. Zuerst las Dostojewsky das in der von ihr mitgebrachten Reinschrift durch, was er gestern diktiert hatte, dann diktierte er weiter. So ging es bis zum 30. Oktober fort.

Nun war die Erzählung vollendet und wurde an Stellowsky durch Eilboten gesandt. Er war verreist, unauffindbar. Sandte man das Päckchen durch die Post, so kam es einige Tage später in Stellowskys Hände, und Dostojewsky war verloren. Da verfiel die junge, sehr gewandte Stenographin auf die Idee, das Manuskript in das Polizeirayon-Amt zu tragen und sich dort eine Empfangsbestätigung für den Empfänger mit dem Tagesdatum ausstellen zu lassen. Das geschah und der Dichter war gerettet. Die dreitausend Rubel, welche kontraktlich festgesetzt worden waren, hatte Stellowsky mit einer Hand als Herausgeber bezahlt, mit der anderen als Gläubiger der aufgekauften Wechsel, die ihm dazu gedient hatten, den Dichter in die Enge zu treiben, wieder eingestrichen.

So war durch Anna Grigorjewnas flinke Arbeitskraft, mehr noch durch ihre kluge und findige Art, des Dichters Interessen zu fördern, ihm eine unentbehrliche Helferin erstanden, die er nicht mehr missen konnte. Gegen das Ende ihrer Arbeit sprach er einmal den Wunsch aus, sie in ihrem Hause zu besuchen, ihre Mutter und den Grossvater, der mit ihnen lebte, kennen zu lernen. Schon nach wenigen Besuchen erklärte der Dichter Anna Grigorjewna und ihren Angehörigen, dass er seine Gehilfin auch gern zur Lebensgefährtin machen möchte. Das junge Mädchen, das mit grosser Verehrung zum Dichter aufblickte, hatte sich niemals eine solche Annäherung träumen lassen. Auch war Dostojewsky physisch nichts weniger als anziehend. So rief der Antrag des 46 jährigen Mannes in der 20 jährigen, sicher auch lebenslustigen Stenographin anfangs ein erschrecktes Staunen hervor. Doch war es keine kleine Versuchung für sie, an der Seite eines Schriftstellers als Gattin zu wandeln, dessen Ruhm in stetem Steigen begriffen war, an dessen Arbeiten sie thatsächlich und praktisch so viel Anteil nehmen durfte, um ihnen auch Erfolg zuzuführen und ihn, den Dichter, mit der Hoffnung eines sorgenlosen Alters zu beglücken. Sie willigte also ein. »Als ich seine Gattin wurde« -- sagte sie uns --, »da empfand ich nur Verehrung für ihn, aber nach einem Jahre, als ich so viel Liebe und Güte von ihm erfahren hatte, da liebte ich ihn bereits.« Die Vermählung fand am 15. Februar 1867 statt, nicht ohne vieles Abraten von Seiten der Familie Michael Michailowitsch, welche eine Heirat des Dichters als ihren Interessen schädlich betrachten musste. Auch hier wusste die Klugheit der Neuvermählten, welche eine böse Ehezeit fürchten musste, wenn man in Petersburg blieb, den Dingen eine energische Wendung zu geben, indem sie zur Abreise antrieb, welche ja ohnedies durch die Klagen der Gläubiger und den drohenden Schuldenarrest ratsam geworden war.

Dieser Ehe entsprossen vier Kinder: Sophie, welche am 22. Februar 1868 in Genf geboren wurde und ebenda am 12. Mai desselben Jahres starb. Die zweite Tochter, Ljubow, wurde am 14. September 1869 in Dresden geboren und lebt bei ihrer Mutter teilweise in Petersburg, teilweise auf einer Besitzung in Stara Russa. Ein Sohn Theodor, welcher am 16. Juli 1871 in Petersburg geboren wurde, ist heute der Besitzer eines Gutes in der Krim und eines Rennstalles, dessen Racestuten schon viele Ehren und Preise gewonnen haben. Ein viertes Kind, Alexei, wurde am 12. August 1875 in Stara Russa geboren und starb in Petersburg im Mai 1878.

VIII. Vierjähriger Aufenthalt im Auslande. (1867-1871.)

Zwei Monate nach seiner Vermählung, d. h. am 14. April 1867, ging das Ehepaar Dostojewsky nach dem Auslande, wo es, wie Strachow erzählt, weit länger zu bleiben verurteilt war, als es zu verweilen gedacht hatte. In einer Reihe von Briefen aus jener Zeit finden wir die Erklärung dazu. Mit der Rückkehr Dostojewskys nach Russland wären so viele Zahlungen und Verpflichtungen an ihn herangetreten, dass er dem Schuldgefängnisse nicht hätte entgehen können, wo er seiner physischen und psychischen Natur nach unmöglich hätte arbeiten und so weder für die Familie des Bruders noch für seine eigene hätte aufkommen können. Er musste also im Auslande bleiben, um bei unermüdlicher Arbeit endlich die grosse Schuldenlast, welche des Bruders Tod auf ihn gewälzt hatte, allmählich abzutragen.

Dieser Aufenthalt im Auslande wurde, ganz abgesehen von vielen schweren Sorgen, von der fast ausschliesslichen Einsamkeit und den Beschwernissen, welche Familienzuwachs in der Fremde bei beschränktesten Mitteln mit sich bringt, doch ein reicher Erntesegen, sowohl in materieller wie in geistiger Beziehung. Strachow sagt, es sei kein Zweifel, dass gerade im Auslande, bei diesen Umständen und den langen und ungestörten Meditationen, sich in dem Dichter die ganz besondere Ausgestaltung jenes christlichen Geistes vollzog, der immer in ihm gelebt hatte. In seinen Briefen ertönte plötzlich diese Saite seines Wesens, sie begann so mächtig in ihm zu erklingen, dass er es nicht mehr für sich allein zu behalten vermochte, wie er dies früher gethan. Von dieser durchgreifenden Umgestaltung geben seine Briefe jedoch keinen vollkommenen Begriff. Allein für alle seine Bekannten hat sie sich sehr klar gezeigt, als Theodor Michailowitsch von seiner Auslandsreise zurückkam. Unaufhörlich lenkte er das Gespräch auf religiöse Themata. »Nicht genug an dem« -- sagt Strachow -- »er war auch in seinem Benehmen mit Menschen, das eine grössere Weichheit erlangt hatte, ja manchmal geradezu zur Sanftmut wurde, verändert. Sogar seine Gesichtszüge trugen die Spuren dieser Stimmung an sich, und auf seine Lippen war ein mildes Lächeln getreten. Ich erinnere mich« -- fährt Strachow fort -- »an eine kleine Episode im »Slavischen Comité«. Wir traten zugleich ein und wurden von J. Petrow begrüsst. Wer ist das? fragte mich Theodor Michailowitsch, der ihn entweder nicht kannte, oder vergessen hatte, da er fortwährend auch solche Leute vergass, denen er oft begegnete. Ich sagte es ihm und fügte hinzu: was für ein wunderbarer, höchst wunderbarer Mensch! Theodor Michailowitschs Augen leuchteten freundlich auf, er sah alle Anwesenden mit liebevollem Blicke an und sagte: »Ja, alle Menschen sind wunderschöne Geschöpfe.«

Ehe wir jene Reihe Briefe mitteilen, welche der Dichter im Laufe seiner Abwesenheit von der Heimat an die Freunde schrieb, wollen wir Strachows orientierende Erzählung über die Reisestationen und das Lebensdetail dieses vier Jahre dauernden Exils in Kürze wiedergeben. Das Ehepaar ging im April über Berlin nach Dresden, wo es sich zwei Monate aufhielt. Der Dichter schrieb hier an seinem Artikel: »Meine Erinnerungen an Belinsky«, welchen er erst in Genf vollendete, im September an Maikow schickte, der ihn dem jungen Redakteur einer Sammlung übergab, worauf die Arbeit, sowie auch alle anderen, für diese Sammlung vorbereiteten Artikel, spurlos verschwunden sind. In Dresden war es namentlich Anna Grigorjewna, welche die Galerie eifrig besuchte und studierte. Theodor Michailowitsch besuchte sie wohl auch, beschränkte sich dabei jedoch immer auf seine Lieblinge: »Die Sixtina«, Correggios »Nacht«, Tizians »Zinsgroschen«, den Christuskopf von Annibale Caracci und die »Abendlandschaft« Claude Lorrains. Ausserdem liebte er die Gemälde Rujsdaels, namentlich seine »Jagd«.

Hier schalten wir eine kleine Episode ein, welche wir aus dem Munde Anna Grigorjewnas haben und welche einmal durch den Briefwechsel des Dichters mit seiner Gemahlin, in welchen sie uns Einblick gewährte, ihre eigentliche Beleuchtung erhalten wird.

Kaum drei Monate verheiratet und in Dresden in den bekannten, sehr engen Verhältnissen lebend, beschliesst Dostojewsky von dort aus einen Abstecher nach Homburg zu machen, wo das Roulettespiel noch in voller Blüte stand, um noch einmal (wohl nicht zum letzten Male) sein Glück zu versuchen. Die kluge junge Gattin widersetzt sich diesem Vorhaben durchaus nicht; weiss sie ja doch, dass in solchem Falle ein Begehren sich ins Unerträgliche steigern und den Hausfrieden stören kann. Auch ist sie klar genug, zu erkennen, dass es nicht nur der praktische Beweggrund -- so viel zu gewinnen, um eventuell in die Heimat zurückkehren zu können -- allein ist, der den Dichter aus Dresden forttreibt, sondern wohl in ebenso hohem Grade sein nervöses und künstlerisches Bedürfnis nach der Aufregung des Spiels. Beide fühlen das ohne es auszusprechen, und so nimmt er hundert Thaler mit, die ihm zum Glück helfen sollen, über deren Verlust hinaus aber er nichts riskieren will. Nun beginnt jenes aufregende hinauf und hinab von Furcht und Hoffnung des Spielzufalls, das wir in seinen täglichen Briefen an die Gattin sich getreu wiederspiegeln sehen. Selbstanklage, Zerknirschung, Verhimmelung des jungen Weibes, das so geduldig alle diese Wendungen mit ihm durchlebt, ihre letzten besseren Sachen versetzt, um ihm noch einmal Geld zu senden, das die versetzte Uhr auslösen, ihn heimbringen soll, dies alles ohne Vorwurf und Bitterkeit lassen sowohl seinen, vom Augenblick und der Leidenschaft so oft beherrschten »schlechten Charakter«, wie er es nennt, unendlich plastisch hervortreten, sowie sein dankbares Verhältnis zur klugen jungen Frau, die ihn durch Nachgiebigkeit und unmerkliche Führung so gut zu lenken weiss.

Um die Mitte des Monats Juni 1867 reiste das Ehepaar von Dresden ab, um in die Schweiz zu gehen. In Baden-Baden wurden sie jedoch sechs Wochen festgehalten, da sich Theodor Michailowitsch abermals zum Spiel hatte hinreissen lassen, anfangs gewonnen, dann aber so viel verloren hatte, dass er sich nur mit dem von Katkow ihm gesandten Gelde loskaufen konnte und mit einem Rest von 30 Frcs. in der Tasche in Genf ankam. Seine Stimmung jedoch, sagt Strachow, wurde sofort eine bessere, als er nur der ihn wie ein Alp drückenden Vorstellung, am Roulettetisch gewinnen zu müssen, entronnen war.

In Genf brachte das Ehepaar den Winter 1867-68 zu, wo er den »Idioten« schrieb, welcher Roman im »Russkij Wjestnik« mit dem Januar 1868 zu erscheinen begann. Ihr Leben war einsam und einförmig. Um 11 oder 12 Uhr stand der Dichter auf, trank Kaffee und setzte sich zur Arbeit, an der er bis 3 Uhr verblieb. Dann diktierte er seiner Gattin aus dem Brouillon. Um 4 Uhr ging man in irgend ein Restaurant zu Tische. Dann las er im Lesesaal russische Zeitungen. Gegen Abend machte man einen Spaziergang, dann nahm man den Thee, worauf sich Theodor Michailowitsch ungefähr um 10 Uhr abends an sein Werk begab und bis 4-5 Uhr morgens arbeitete. Von Bekannten war niemand da, ausser Ogarew, welcher sie hier und da besuchte und ihnen in Zeiten grosser Not manchmal 5-10 Frcs. lieh. Am 22. Februar 1868 wurde ihnen das erste Töchterchen, Sophie, geboren; am 7. Mai desselben Jahres erfolgte deren Tod, den der Dichter so schwer empfunden und nie verwunden hat. Das Leben in Genf hatte für das Ehepaar aber auch noch manche andere Beschwerden und Unannehmlichkeiten, so dass sie sich Ende Mai davon losrissen und in Vevey ansiedelten, wo sie den Sommer über verblieben. Anfangs September gingen sie über den Simplon nach Italien, brachten zwei Monate in Mailand zu und liessen sich für den Winter 1868-69 in Florenz nieder. Die ganze Zeit wurde die Arbeit am »Idiot« fortgesetzt, dessen Schluss als Separat-Anhang des »Russkij Wjestnik« im Januar- oder Februarheft 1869 erschien.

War »Schuld und Sühne«, ohne dass man dies in Europa beachtete, ein spezifisch russisches Buch, der Roman der russischen Prinzipien und Probleme, so finden wir im »Idiot«, der, wie wir sahen, im Auslande begonnen und vollendet wurde, etwas ganz anderes in Wirksamkeit treten. Die Gestalt des Helden bietet den Russen kein neues Problem, hat kein neues Wort für sie, während zugleich die vielen Figuren des Beiwerks, mit sichtlichem Zorn und unnachsichtiger Härte hingestellt, in seinen Landsleuten Unwillen ob der Parteilichkeit erwecken mussten, mit welcher der Dichter die Gesinnungsgenossen einer »längst vergangenen Zeit« brandmarkt. Dostojewsky hat dies später, in dem Roman »Die Besessenen« noch in höherem Masse durchgeführt.

Für die europäische Lesewelt steht die Sache jedoch anders. Auch sie wird vieles in der Komposition dieses Buches fehlerhaft, die Charaktere der jungen Generation übertrieben, die Handlung gedrängt und doch lose, den Ton ungleich finden, und es wird ihr gerade dieses Scharfe, Krause, Wirre des Beiwerks russisch grausam erscheinen müssen. Die Gestalt des Helden aber, welche dem Russen, als allzuverwandt mit seiner Volksseele, kaum auffällt, ja vielleicht lächerlich erscheint, sie wird uns mit allen Mängeln der Dichtung aussöhnen.

Betrachten wir dies Buch aber weder vom Standpunkt des russischen, noch dem des deutschen Lesers, sondern, da wir ja schon die späteren Werke des Dichters kennen, im Hinblick auf seinen Werdegang, so finden wir darin, ganz im Gegensatz zu den russischen, zeitgenössischen Kritikern (welche die immer schärfer hervortretende Verbissenheit tadeln), die neue Form seiner christlichen Anschauungen sich immer klarer und deutlicher aus der Umgebung widerstreitender Erscheinungen herausschälen.

Fanden wir bei Raskolnikow die Hoffnung auf eine innere Sühne der Schuld durch ein künftiges christliches Glauben und Lieben, so steht hier in diesem »Idioten« eine Verkörperung hoher, christlicher Weisheit, ohne jegliches »Prinzip«, ohne Zwang, in grösster Anmut vor unseren Augen.

Vollendet künstlerisch, wie alle Expositionen Dostojewskys setzt die Erzählung ein. Schon nach den ersten Seiten wissen wir, dass der Held, der junge Fürst Myschkin, kein Idiot ist, sondern der »reine Thor«, jene herrliche Gestalt, welche in der Litteratur so vieler Völker wiederkehrt, in der deutschen Sage im Parsifal unsterblich lebt, beim russischen Volk aber nicht sagenhaft, als Held, sondern als ein Kind des Volkes, »Iwanuschka-Duratschók« noch heute lebendig unter ihm einherwandelt, belächelt und bemitleidet von seiner Umgebung, die selbst dereinst ein Stück russischer Sage darstellen wird.

Der junge Mann kommt aus der Schweiz in Petersburg an; er ist ärmlich gekleidet, so dass ihn im Waggon dritter Klasse friert; er hat sein ganzes Hab und Gut in einem Bündelchen bei sich und erzählt seinen Reisegefährten mit der Bereitwilligkeit eines Kindes, dass er, der letzte seines Namens, durch die Güte eines väterlichen Freundes bei einem Schweizer Arzt auf dem Lande untergebracht worden war, wo er von nervösen Anfällen geheilt werden und, so weit es seine Krankheit zuliesse, unterrichtet werden sollte. Seine Gesundheit sei viel besser geworden, seine Erziehung aber dennoch sehr lückenhaft geblieben. Vor zwei Jahren sei der Wohlthäter gestorben, der freundliche Arzt habe ihn aber dennoch bei sich behalten, habe väterlich für ihn gesorgt und ihn erst jetzt aus einem bestimmten Anlass nach Petersburg geschickt, ihm die Reise bezahlt, aber weiter nichts mitgeben können, so dass er nun ohne eine Kopeke anlange und noch nicht wisse, was er beginnen werde. Seine Reisegefährten sind: Rogoschin, der Sohn eines ebenso reichen als geizigen und despotischen Kaufmannes, dem er vor kurzem 10000 Rubel entwendet hat, um sie einer berühmten Schönheit zweifelhaften Rufes zu verehren. (Nun ist der Vater plötzlich gestorben und er kehrt zurück, um sein Erbe anzutreten.) Ferner ein mit allen Salben geriebener kleiner Beamte, schlechtester Sorte. Beide lächeln über die Harmlosigkeit des jungen Fürsten, der selbst erzählt, man hätte ihn in der Schweiz einen Idioten genannt, was er auch sicherlich ohne die treue Pflege jenes Arztes geworden wäre, nun aber nicht sei, wenn er sich auch noch nicht ganz genesen nennen könne.

Als die Rede auf jenes schöne Mädchen, Nastassja Philippowna, kommt, das der Kaufmannssohn leidenschaftlich zu begehren scheint, bekennt Myschkin (zu Rogoschins grosser Freude und Erleichterung) freimütig, dass er immer zu krank gewesen sei, um je ein Weib zu kennen. Damit ist auch für den Leser das Bild Myschkins als das eines Zuschauers in Liebesangelegenheiten klar, was seinen warmen, ja leidenschaftlichen Anteil an Nastassja, sowie später an Aglaia Epantschina, der jüngsten Generalstochter, die ihn liebt, in das reinste Licht stellt.