Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 22

Chapter 223,645 wordsPublic domain

»Und gemordet haben Sie, gemordet!«

»Ja, wie habe ich denn gemordet? Mordet man denn so, geht man denn so hin, um jemanden zu ermorden, wie ich hinging? Habe ich denn die Alte umgebracht? Mich habe ich umgebracht und nicht die Alte! Mich hab ich zugleich mit ihr umgebracht, in alle Ewigkeit! Diese Alte hat der Teufel umgebracht, nicht ich ... Genug, genug, Sonja, genug. Lass mich« -- schrie er plötzlich mit krampfhafter Angst -- »lass mich!«

Als er sie fragt: »Wirst Du zu mir ins Gefängnis kommen, wenn ich dort sitzen werde?« -- und sie ihm antwortet: -- »O ich komme, ich komme!« da geht ihm ihre Liebe auf; er sieht sie an und, sonderbar, ihm war's plötzlich schwer und leid, dass man ihn so liebe. Ja, das war eine seltsame und schreckliche Empfindung! Als er zu Sonja gegangen war, hatte er gefühlt, dass in ihr all seine Hoffnung und seine endgiltige Ruhe enthalten sei; er gedachte wenigstens einen Teil seiner Qualen hier niederzulegen, und nun, plötzlich, da ihr ganzes Herz sich ihm zugewendet hatte, da fühlte und erkannte er es plötzlich, dass er unendlich viel unglücklicher geworden war, als er früher gewesen.«

Der Epilog findet den auf neun Jahre zur Zwangsarbeit Verurteilten am Irtisch unter Missethätern. Wir sehen abermals dasselbe Bild wie im »Totenhause«. Auch auf Raskolnikow macht die Umgebung der Verbrecher denselben Eindruck, auch er fühlt, dass er nicht zu ihnen gehöre, fühlt es mit der künstlerisch hingesetzten Nuance, dass er »keinen Glauben« hat. Anfangs fühlt er sich aber nur dadurch bedrückt, dass sie ihn ob seines freien Schuldgeständnisses nicht zu den Ihren zählen, weil sie ihre Verbrechen ausgehalten hatten, er aber das seine nicht ertrug. Auch fragte er sich, warum er sich damals nicht umgebracht habe.

»Er stellte sich unter Qualen diese Frage und konnte nicht begreifen, dass er vielleicht schon damals, als er am Flussufer stand, in sich und seinen Überzeugungen eine tiefe Lüge ahnte. Er begriff nicht, dass diese Ahnung der Vorbote eines künftigen Umschlags in seinem Leben, der Vorbote einer einstigen Wiedergeburt, eines neuen Blicks auf das Leben sein konnte. Später erst erkannte er den Grund der Abneigung der Verbrecher gegen ihn, »Du bist ein Gottloser,« sagen sie -- »Du glaubst nicht an Gott, Dich soll man erschlagen.« Sonja jedoch, welche ihm in die Verbannung gefolgt war und im Städtchen, wo die Festung lag, sich ihr kärgliches Leben eingerichtet hatte, nur um ihn, wenn er mit den anderen Sträflingen zur Arbeit ging, fünf Minuten sehen und sprechen zu können, Sonja wurde von allen geliebt. »Mütterchen, Sofia Semjonowna,« sagten sie, »Du unsere Mutter, Du blasse, kranke usw.« »Warum?« fragt er sich, »warum lieben sie sie?« Endlich erkrankt er und wird in das Sträflings-Spital gebracht. Dort besucht ihn Sonja nur zweimal, und als er einmal, Reconvalescent, am Fenster steht, sieht er ihre schmächtige Gestalt von weitem sich durch den Hofraum entfernen. Sie hatte, wie so oft, nur zu seinen Fenstern hinaufgeblickt. Nun erkrankt Sonja, er sieht sie längere Zeit nicht, und jetzt erst geht ihm an seinem Sehnen und Bedürfen nach ihrer weichen und starken Seele die Liebe und mit ihr die Erlösung auf. An einem schönen frühen Morgen, da er beim Alabaster-Ofen an der Arbeit ist, entfernt er sich für einen Augenblick aus dem Heizraum und setzt sich am Flussufer auf einem Balken nieder, da erscheint plötzlich Sonja und setzt sich still neben ihn. Anfangs bleiben sie schweigend neben einander, er senkt den Kopf und blickt starr auf die Erde, da:

»Wie dies geschah, wusste er selbst nicht, aber plötzlich packte ihn etwas und warf ihn zu ihren Füssen. Er weinte und umklammerte ihre Kniee. Im ersten Augenblick erschrak sie furchtbar, und ihr Gesicht wurde totenbleich. Sie sprang auf und sah ihn zitternd an. Allein sofort, im selben Augenblick hatte sie alles begriffen. In ihren Augen leuchtete ein unendliches Glück auf; sie verstand, und es gab für sie keinen Zweifel mehr, dass er sie liebe, sie grenzenlos liebe und dass sie endlich gekommen war, diese Minute.« ...

»Sie versuchten zu sprechen, allein sie konnten es nicht. Thränen standen in ihren Augen. Sie waren beide blass und armselig, allein in diesen kranken und blassen Gesichtern leuchtete schon die Morgenröte einer neuen Zukunft, der Wiedergeburt zu einem neuen Leben. -- --

Zu Anfang seiner Strafzeit hatte er gefürchtet, dass sie ihn mit Religion quälen, ihm vom Evangelium reden und ihm Bücher aufnötigen werde. Aber zu seiner grossen Verwunderung sprach sie nicht ein einziges Mal davon, legte ihm nicht einmal das Evangelium vor. Er selbst hatte es sich kurz vor seiner Erkrankung erbeten, und sie hatte schweigend das Buch gebracht. Bis heute hatte er es nicht aufgeschlagen.

Er schlug es auch jetzt nicht auf, aber ein Gedanke durchzuckte ihn: »Kann es denn sein, dass ihre Überzeugungen von jetzt an nicht auch die meinigen sind? Ihre Gefühle, ihre Bestrebungen wenigstens.«

»Auch sie verbrachte diesen ganzen Tag in heftiger Erregung, in der Nacht aber erkrankte sie abermals. Allein sie war so überaus glücklich und so unerwartet glücklich, dass sie fast vor ihrem Glücke erschrak. Sieben Jahre, _nur_ mehr sieben Jahre! Zu Anfang ihres Glückes in manchen Augenblicken waren beide imstande, auf diese sieben Jahre wie auf sieben Tage zu schauen. Er wusste es ja noch nicht, dass das neue Leben ihm nicht umsonst zufallen werde, dass er es noch werde teuer erkaufen, es mit einer grossen künftigen That bezahlen müssen.«

Hier schliesst der Roman. Wir haben es versucht, seine spezifisch russische Seite, die russischen Absichten des Dichters und das hervorzukehren, was die grösste Wirkung auf seine russischen Leser machen musste. Schon im »Totenhause« hatte er es ausgesprochen, dass »in jedem russischen Menschen unserer Tage der Keim zu einem Scharfrichter enthalten sei.« Das war wohl die Idee, zu deren künstlerischer Gestaltung er russischen Boden, russische Menschen brauchte. Wenn man hier einwenden wollte, dass für eine Nation schreiben, seine Probleme den Formen eines Volkes anpassen eine Beschränkung dichterischer Kraft sei, so muss darauf hingewiesen werden, dass Dostojewsky gerade der Russe immer als Allmensch vorschwebte und er ihn nicht _ausser_ die anderen Nationen stellte, sondern als sie alle in sich zusammenfassend und im Christentum einigend dachte.

Dass wir es uns versagen mussten, auf vollendet ausgeführte Gestalten wie Porfiry Petrowitsch und Swidrigailow einzugehen, ist nach dem Gesagten selbstverständlich. Einheitlicher mit unserem Zweck, das Werk von der russischen »breiten« Ethik aus zu beleuchten, ist es, einige Worte über eine weichere, weniger scharf gezeichnete Figur zu sagen. Dies ist Rasumichin, der harmlose »ehemalige Student« und Freund Raskolnikows. Ihm legt der Dichter ohne viele künstlerische Umschweife zwei bedeutsame Aussprüche in den Mund. Einmal sagt Rasumichin in etwas angeheitertem Zustande: »Ich liebe es, wenn man lügt; das Lügen ist das einzige Privilegium, das der Mensch vor allen Organismen voraus hat. Lügst du -- so wirst du schon zur Wahrheit kommen! Darum bin ich eben ein Mensch, weil ich lüge. Nicht zu _einer_ Wahrheit ist man gekommen, wenn man nicht früher 14mal, ja vielleicht 114mal gelogen hat. Und das ist in seiner Weise ehrenhaft. Wir aber können nicht einmal ordentlich nach unserem Verstande lügen! Du lüge mich an, aber lüge nach deinem eigenen Wesen, und ich werde dich küssen. In seiner Weise lügen, das ist ja besser, als eine fremde Wahrheit nachreden; im ersten Falle bist du ein Mensch, im zweiten aber bist du nur ein Vogel! Die Wahrheit wird nicht verschwinden, das Leben aber kann man zerstören -- es hat Beispiele gegeben.

Und was sind wir jetzt? Alle sitzen wir, alle (ohne Ausnahme), in unserem Wissen, unserer Entwickelung, unserem Denken, unseren Entdeckungen, Idealen, Wünschen, unserem Liberalismus, unserer Vernunft, Erfahrung, in allem, allem, allem noch in der ersten Vorbereitungsklasse des Gymnasiums. Es hat uns gefallen, uns mit fremden Gedanken die Zeit zu vertreiben -- hineingefressen haben wir uns!« --

»... Wir werden uns schon zur Wahrheit durchlügen.« -- Die zweite Stelle, an welcher der Leser nicht achtlos vorübergehen kann, ist die, wo Rasumichin mit grosser Wärme für die Unschuld des Zimmermalers eintritt, den man des Mordes beschuldigt, weil er ein Etui mit Ohrgehängen aus dem Raube der Alten für einen Rubel versetzt hatte. Dieser Bursche war auf derselben Stiege in einer leeren Wohnung mit dem Streichen der Wände beschäftigt gewesen, als der Mord im oberen Stockwerk geschah. Er war mit einem anderen jungen Burschen nach gethaner Arbeit schäkernd und Ulk treibend die Treppe hinabgelaufen, sie hatten sich im Hausflur, wie 8 Personen sehen konnten, gebalgt und er war noch einmal in den Arbeitsraum hinaufgelaufen und hatte sich hinter die Thüre gestellt. Dort hatte er das Etui gefunden. Nun wird er gesucht, um in Untersuchung gezogen zu werden, die Anzeichen sind gegen ihn, da er den Fund verheimlicht hat, und als er hört, dass er zur Verantwortung gezogen werde, sich zu erhängen versucht. Als man ihn fragt, warum er sich habe töten wollen, antwortet er: »weil man mich verurteilen wird«. Es ist etwas Ergreifendes in dieser russischen Schuldfurcht eines Unschuldigen, den später eine Art mystischer Täuschung dazu treibt, sich für den Thäter zu erklären, zum Glück in einem Augenblick, da Raskolnikows Thäterschaft schon so gut wie erwiesen ist. Rasumichin aber greift mit aller Hitze seines gütigen Wesens die Frage auf, um »unsere Jurisprudenz« anzuklagen, welche »niemals, niemals die subjektive Thatsache der Stimmung, der psychologischen Unmöglichkeit, einen Mord zu begehen und im nächsten Augenblick sich mit einem Kameraden zu balgen,« in Betracht ziehen wird, »weil man die Ohrgehänge bei ihm gefunden und er sich hatte erhängen wollen«, »was nicht möglich wäre, wenn er sich nicht schuldig gefühlt hätte.« Dies ist, scheint uns, eine Stelle, wo das echt russische Verhältnis zur Schuld vom Dichter mit einer Selbstverständlichkeit benützt wird, wie sie an das Unbewusste grenzt, uns aber höchst bedeutsam und symptomatisch erscheinen muss. Es wäre wohl keinem europäischen Dichter in den Sinn gekommen, eine solche unbegründete Selbstanklage als glaubwürdiges retardierendes Motiv in einem Romane anzubringen.

Die Korrespondenz mit Wrangel scheint eine kurze Begegnung der Freunde in Kopenhagen eingeleitet zu haben und wieder durch diese aufgefrischt worden zu sein, und so finden wir den häufigsten Austausch von persönlichen und geschäftlichen Berichten aus jener Zeit zwischen dem Dichter und diesem Freunde im Gang. In einem dieser Briefe aus Wiesbaden heisst es unter anderem: »-- diesmal will ich Ihnen über mich schreiben, eigentlich aber nur über eine Sache. Teilen Sie, was ich Ihnen sagen werde, niemand mit, denn ich fühle, dass es mich teilweise anschwärzt. Da aber in einem solchen Falle Phrasen vollkommen unfruchtbar und auch schwer sind, so will ich Ihnen offen bekennen, dass ich -- in meiner Dummheit vor vierzehn Tagen alles im Spiel verloren habe, was ich hatte. Ich habe auch früher gespielt, gleich vom Anfang meines Wiesbadener Aufenthalts an, aber ich hatte Glück, sogar bedeutendes Glück (verhältnismässig gesprochen), habe mich aber dann in meiner Dummheit vergaloppiert, alles in drei Tagen verspielt und sitze nun in der abscheulichsten Situation, die man sich vorstellen kann, und kann aus Wiesbaden nicht heraus.«

Nun verlangt er für eine kurze Zeit 100 Thaler, um nur vom Hôtel loszukommen, nach Paris zu gehen, wo er jemand sicher zu finden hofft, der ihm helfen wird. In einem zweiten, ca. 14 Tage später datierten Briefe beklagt er sich darüber, keine Antwort erhalten zu haben. Er bittet, Wrangel möge ihm das Geld unverzüglich schicken, »obwohl es ihm nun nicht mehr radikal helfen könne«, und fügt hinzu, dass die Erzählung, die er eben schreibe, mindestens 1000 Rubel wert sei, dass er das Geld in einem Monat werde aus dieser Summe sicher abzahlen können, die er von Katkow, dem Redakteur des Russky Wjestnik, als Abschlagszahlung für seine Erzählung (Raskolnikow) erhalten werde. Ein dritter Brief vom 8. Nov. 1865, aus Petersburg datiert, bezieht sich auf eine inzwischen stattgehabte Begegnung in Kopenhagen. Er erzählt darin von seiner Rückkehr, von den drei Anfällen, die er sofort und im Verlauf einer Woche erlitten hatte, von den 300 R., welche Katkow nach Wiesbaden gesandt, die er nun daheim erst erhalten habe, von der vollkommenen Deroute in der Familie des Bruders, die ihn erwartet habe, und der er alles gleich gab, was er besass, und ausserdem 100 R., die er dazu aufnahm. Er bittet den Freund um Geduld, da er alle Schulden erst nach der Bezahlung des Romans abtragen könne, der wohl 2500 R. einbringen werde. Noch einmal aber von Katkow vorausnehmen will er nicht. Er findet es nicht politisch, unmöglich, hässlich; es seien durchaus die Beziehungen nicht solche, um das zu thun. Zum Schluss erwähnt er seines Stiefsohnes Pascha, Marja Dmitrjewnas Sohnes, für welchen er ebenfalls sorgt, der ihm aber niemals Freude gemacht hat, sowie eines kranken Bruders, der nicht mehr lange zu leben habe.

Nach einem sorgenvollen Winter schreibt er aus Petersburg am 18. Febr. 1866: »Bester alter Freund Alexander Jegorowitsch, ich bin durch mein langes Schweigen vor Ihnen schuldig geworden, aber schuldig ohne Schuld. Es würde mir jetzt schwer, Ihnen mein ganzes jetziges Leben, die Ursache meines langen Schweigens klar zu machen. Die Ursachen sind vielfach und kompliziert, und ich kann sie darum nicht beschreiben, will nur einiges andeuten. Erstens sitze ich über der Arbeit, wie ein Sträfling. Es ist das der Roman für den Russky Wjestnik; ein grosser Roman in sechs Teilen. Ende November war vieles aufgeschrieben und fertig; ich habe alles verbrannt, dass kann ich jetzt bekennen. Es hat mir selbst nicht gefallen. Eine neue Form, ein neuer Plan hat mich fortgerissen, und ich habe frisch angefangen. Ich arbeite Tag und Nacht und dennoch arbeite ich wenig. Nach meiner Berechnung kommt heraus, dass ich jeden Monat 6 Druckbogen an den Russkij Wjestnik abgeben muss. Das ist furchtbar, allein ich würde es leisten, wenn ich genug Seelenruhe hätte. Ein Roman ist ein poetisches Werk und bedarf zu seiner Vollendung der Ruhe für Seele und Phantasie. Mich aber quälen die Gläubiger, d. h. sie drohen, mich einsperren zu lassen. Ich habe bis heute noch nicht mit ihnen fertig werden können und weiss wirklich noch nicht, ob ich's überhaupt werde, obgleich viele von ihnen ganz vernünftig sind und meinen Vorschlag annehmen, die Abzahlung auf 5 Jahre zu verteilen. Mit anderen aber konnte ich bis jetzt nicht in Ordnung kommen.

Sie können denken, wie beunruhigt ich bin; das zerreisst mir Kopf und Herz, verstimmt auf mehrere Tage. Da setze dich dann hin und schreibe! Manchmal ist das ganz unmöglich. Darum ist's auch schwer, eine ruhige Minute zu finden, um mit einem alten Freunde ein wenig zu plaudern, weiss Gott! Dazu die Krankheiten! Anfangs, nach meiner Rückkunft, hat mich die Hinfallende schrecklich geplagt; es war, als hätte sie die drei Monate nachholen wollen, die sie mich nicht heimgesucht hatte. Jetzt aber plagen mich schon seit einem Monat Hämorrhoiden. Sie haben von dieser Krankheit und davon, wie ihre Anfälle sein können, wahrscheinlich keine Vorstellung. Nun sind es schon drei Jahre nacheinander, dass sie sichs eingerichtet hat, mich durch zwei Monate im Jahre, im Februar und März, zu quälen. Und, denken Sie, vierzehn Tage(!) war ich gezwungen auf meinem Divan zu liegen, vierzehn Tage habe ich keine Feder in die Hand nehmen können. Jetzt, während der letzten vierzehn Tage, muss ich fünf Druckbogen schreiben! Und liegen müssen, wenn man organisch ganz gesund ist, nur darum, weil man weder stehen noch sitzen kann, ohne dass sofort Krämpfe kommen, sobald man sich vom Divan erhebt! --

Nun beantworte ich Ihre Worte: Sie schreiben, es wäre besser, wenn ich in Staatsdienst träte; kaum. Mir ist dort besser, wo ich mehr Geld bekommen kann. In der Litteratur habe ich schon einen solchen Namen, dass ich (wären nicht die Schulden) immer ein sicheres Stück Brot, ja sogar ein süsses, reichliches haben könnte, wie es ja auch in continuo bis zum letzten Jahr der Fall war. Bei dieser Gelegenheit will ich Ihnen von meinen gegenwärtigen litterarischen Geschäften erzählen, und Sie werden daraus ersehen, wie sich alles verhält. Vom Auslande aus, da ich durch die Umstände bedrängt war, stellte ich Katkow den für mich niedrigsten Preis, d. h. 125 Rubel für den Druckbogen ihres Blattes, 150 vom Format des »Sowremjennik«. Sie waren einverstanden. Später erfuhr ich, dass sie mit Freuden einstimmten, weil sie für dieses Jahr nichts Belletristisches hatten. Turgenjew schreibt nichts, und mit Leo Tolstoi haben sie sich zerstritten. Ich bin als Lückenbüsser erschienen (das alles weiss ich aus sicherer Quelle), sie haben mit mir aber schrecklich laviert und politisiert. Die Sache ist die, dass sie schreckliche Knicker sind. Der Roman kam ihnen gross vor, und es schreckte sie für 25, ja möglicherweise 30 Druckbogen zu 125 Rubel zu zahlen. Mit einem Wort: ihre ganze Politik lag darin (sie hatten schon zu mir geschickt), den Preis per Bogen herabzusetzen; die meine lag darin, ihn zu steigern. Und jetzt ist ein stummer Kampf zwischen uns, sie wollen offenbar, dass ich nach Moskau komme. Ich aber halte aus. Folgendes ist dabei mein Zweck: Hilft Gott, so wird dieser Roman ein grossartiges Ding. Ich möchte, dass nicht weniger als drei Teile davon (d. h. die Hälfte des Ganzen) gedruckt werden. Der Effekt wird damit erreicht sein, dann erst fahre ich nach Moskau und sehe zu, wie sie mir was abreissen wollen? Im Gegenteil, es kann sein, dass sie hinzufügen. -- Das wird zu Ostern sein. Ausserdem trachte ich, dort gar kein Geld vorauszunehmen, drücke mich zusammen und lebe wie ein Bettler, werde nur das Nötigste verbrauchen; wenn ich aber vorausnehme, so bin ich moralisch nicht mehr frei, wenn ich später endgiltig über das Honorar mit ihnen verhandle. Vor zwei Wochen ist der erste Teil meines Romans im ersten Januarheft des Russkij Wjestnik erschienen. Er heisst: »Schuld und Sühne«. Ich habe schon viele entzückte Äusserungen darüber gehört. Es sind kühne und neue Sachen darin.«

Im weiteren Verlauf des Briefes thut Dostojewsky einiger Privatangelegenheiten Wrangels Erwähnung und schliesst: »Übrigens bin ich sehr froh darüber, dass Sie unser intimes russisches, geistiges und bürgerliches Leben so sehr interessiert. Mir ist das als Ihrem Freunde sehr angenehm, obwohl ich Ihnen nicht in allem beipflichte. Sie sehen vieles ein wenig exklusiv an. Schöpfen Sie Ihre Kenntnisse nicht aus ausländischen Zeitungen? Dort wird systematisch alles verunglimpft, was sich auf Russland bezieht. -- Nun, das ist eine umfangreiche Frage. Man kommt meiner Ansicht nach, wenn man im Auslande lebt, thatsächlich unter den Einfluss der auswärtigen Presse. Sonst aber fühle ich, dass ich in vielem und sogar sehr mit Ihnen übereinstimme usw.«

Ein Brief vom 9. Mai 1866 lautet: »Bester Alexander Jegorowitsch! Ich habe mich mit der Antwort verspätet und eile nun, das Versäumte nachzuholen. Glauben Sie mir, Sie unveränderlicher Freund Alexander Jegorowitsch, das Gewissen plagt mich selber, und wäre Ihr Brief nur um 8 Tage früher gekommen -- ich hätte Ihnen sofort alles geschickt. Lachen Sie nicht, wenn ich so spreche. Hier meine Situation. Den ganzen Winter habe ich wie ein Anachoret gelebt, habe gearbeitet, meine Gesundheit zerstört, von Kopeken gelebt und doch 1500 Rubel ausgegeben. -- Wohin sind sie gekommen? Ja, man reisst alles nur so von mir! In der Charwoche bin ich zu Katkow nach Moskau gefahren, um 1000 Rubel voraus zu nehmen.[22] Mein Zweck war der, so schnell als möglich nach Dresden zu fahren, und dort drei Monate sitzen zu bleiben und meinen Roman ganz ungestört zu vollenden. Anderswo, hier in Petersburg, kann ich ihn unmöglich vollenden. Die Anfälle nehmen zu (was im Auslande nicht der Fall ist). Die Gläubiger aber, je mehr man ihnen zahlt, desto zudringlicher werden sie. Indessen sollten sie mir dafür dankbar sein, dass ich nach meines Bruders Tode die Wechsel auf meinen Namen schreiben liess und einen Teil schon bezahlt habe. Hätte ich aber die Wechsel nicht auf mich schreiben lassen, so hätten sie gar nichts bekommen. -- Allein die Sache hat sich so gewendet, dass diesmal zur Erteilung des Passes ins Ausland besondere Formalitäten nötig wurden, sich dadurch alles hinauszog, der Kurs zu fallen begann und, was in der Osterwoche noch möglich war, jetzt undenkbar ist. Inzwischen haben die Gläubiger die Klage eingereicht und so ist mein Tausender in Rauch aufgegangen.

Ich kann unbedingt nicht in Petersburg leben. Dennoch sitze ich da und setze meinen Roman mit dem Aufgebot aller Kräfte fort. In diesem Augenblick ist er -- meine einzige Hoffnung. Ich werde dafür noch 1500 Rubel zu bekommen haben, vielleicht auch mehr; später aber gebe ich ihn für die zweite Auflage auch durchaus nicht um weniger als 1500 (man handelt schon darum). Von Katkow aber werde ich nicht früher als im Juli Geld herausbekommen. So werde ich Ihnen das Ihre unbedingt im Juli schicken. Entsteht aber die geringste Möglichkeit es früher zu senden (das aber kann leicht geschehen, da die Buchhändler schon um die zweite Auflage handeln, ehe der Roman vollendet ist), so schicke ich gleich. Sie aber bitte ich, mir, wenn auch nur in zwei Worten, meine vorjährige Schuld in Reichsthalern zu notieren, da ich mein Notizbuch verloren habe und mich der Summe nur annähernd, aber nicht genau entsinne. Ich füge hinzu, dass es mir peinlicher ist, als Ihnen, dass ich es Ihnen jetzt nicht schicken kann. Sie werden mir gewiss den Vorwurf machen, warum ich andere befriedigt habe und nicht Sie? Alles was ich zu meiner Entschuldigung sagen kann ist, dass es ohne Vorbedacht geschehen ist; sie sind neben mir und haben mich so bedrängt, dass ich nicht zu Atem kam -- so habe ich alles willenlos hingegeben usw.« --

[Fußnote 22: Man merke hier den scheinbaren Widerspruch zu der vorangegangenen Äusserung, von Katkow nicht vorausnehmen zu wollen. Dieser Widerspruch findet seine Lösung in dem Umstande, dass der Roman schon seit Januar zu erscheinen begonnen hatte, eine solche Vorauszahlung also durchaus anders zu beurteilen war, als eine im November 1865.]

Anknüpfend an diesen Brief erzählt Strachow aus seiner Erinnerung, dass der Eindruck des Romans ein ungeheurer war, dass gesunde Leute fast krank davon wurden, nervenschwache aber die Lektüre des Buches aufgeben mussten. Was aber die grösste Sensation machte, war der Umstand, dass zur nämlichen Zeit, als der Teil des Romans erschien, in welchem sich die Beschreibung des Mordanschlages Raskolnikows befindet, ein junger Student in Moskau unter nahezu genau denselben Umständen einen Mord vollbrachte. Es ist dies wohl ein Hinweis auf die damals in der Luft schwebenden falschen Prinzipien, nach welchen alle Mittel erlaubt sind, um das Böse aus der Welt zu schaffen; ein Miasma, das Dostojewsky schon in Sibirien erkannt hatte, als er jene oben angeführten Worte schrieb.