Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 21

Chapter 213,583 wordsPublic domain

Ein langer Brief Dostojewskys an Baron Wrangel, welcher in dieser Zeit als Sekretär der russischen Gesandtschaft in Kopenhagen lebte, erzählt im Detail die Widerwärtigkeiten der letzten Jahre. Wir entnehmen diesem Briefe jene Stellen, die sich auf seinen persönlichen Anteil daran und seine privaten Verhältnisse beziehen. Es ist dies derselbe Brief vom 31. März 1865, dem wir weiter oben die Stelle über Marja Dmitrjewnas Tod entnommen haben. Nach der Erzählung des Todes seiner Gattin nimmt Dostojewsky jene seiner Kalamitäten folgendermassen auf:

»Mein Bruder hinterliess im ganzen 300 Rubel, damit wurde auch sein Leichenbegängnis bestritten. Ausserdem blieben gegen 25000 Rubel Schulden, wovon 10000 nicht beängstigend für die Familie waren, 15000 jedoch auf Wechseln standen, die gefordert wurden. Sie fragen hier, mit welchen Mitteln er hätte noch sechs Nummern des Journals herausgeben können (er starb im Juli 1865). Allein er hatte einen ungeheuren Kredit und konnte ausserdem Geld aufnehmen und dies war auch schon begonnen. Nun starb er und der ganze Kredit der Zeitschrift fiel zusammen. Keine Kopeke zur Herausgabe, dabei aber noch sechs Nummern auszugeben, was im Minimum 18000 Rubel kostete, und überdies die Gläubiger zu befriedigen, wozu 15000 Rubel nötig waren -- also 33000 R. um den Jahrgang zu vollenden und eine neue Subskription zu erreichen. Seine Familie blieb buchstäblich aller Mittel bar -- am Bettelstab. Ich blieb ihre einzige Hoffnung, und sie alle, die Witwe und die Kinder umstellten mich im Kreise und erwarteten von mir die Rettung. Es blieben zwei Wege übrig: 1. das Blatt nicht weiterführen, es, da ein Journal immerhin einen Besitz repräsentiert, den Gläubigern samt den Möbeln und dem ganzen Hausrat übergeben und die Kinder zu mir nehmen. Dann arbeiten, litteraturen, Romane schreiben und die Witwe und Waisen des Bruders erhalten. 2. Geld aufnehmen und die Herausgabe fortsetzen, koste es, was es wolle. Wie schade, dass ich mich für das Erstere nicht entschieden habe. Die Gläubiger würden natürlich kaum 20% erhalten haben, aber die Familie hätte die Erbschaft abgelehnt, wäre dadurch gesetzlich von jeder Zahlung befreit gewesen. Ich, meinerseits habe diese ganzen fünf Jahre an der Arbeit beim Bruder und für die Journale 8-10000 Rubel jährlich verdient. Folglich könnte ich sie und mich ernähren -- natürlich wenn ich mein ganzes Leben vom Morgen bis auf die Nacht arbeite. Allein ich habe den zweiten Weg vorgezogen, d. h. das Blatt weiter herauszugeben. Übrigens war ich es nicht allein, der so wählte. Alle meine Freunde und früheren Mitarbeiter waren derselben Meinung.

Dazu kam, dass des Bruders Schulden bezahlt werden mussten, ich wollte nicht, dass eine schlechte Meinung das Andenken seines Namens beflecke. Dafür gab es ein Mittel: das neue Jahres-Abonnement erreichen, einen Teil der Schuld abtragen, trachten, dass das Blatt von Jahr zu Jahr besser werde und nach drei, vier Jahren, wenn die Schulden bezahlt wären, das Blatt irgend jemand abgeben und die Familie des Bruders sichern. Dann würde ich aufatmen, dann würde ich wieder anfangen, das zu schreiben, was ich schon lange auf dem Herzen habe.

Ich entschloss mich kurz. Ich fuhr nach Moskau, bat mir bei einer reichen alten Tante 10000 R. aus, die sie in ihrem Testament als meinen Anteil bestimmt hatte, und setzte, nach Petersburg zurückgekehrt, die Herausgabe des Blattes für diesen Jahrgang fort. Allein die Sache war schon sehr verdorben. Es musste die Erlaubnis der Zensur zur Herausgabe des Journals eingeholt werden. Man zog die Sache so hinaus, dass das Juniheft erst Ende August erscheinen konnte. Die Abonnenten, die gar nichts damit zu thun hatten, begannen aufzubegehren, die Zensur gestattete mir nicht, meinen Namen auf das Blatt zu setzen, weder als Herausgeber noch als Redakteur. Ich musste mich zu energischen Massregeln entschliessen: Ich begann in drei Druckereien auf einmal drucken zu lassen, sparte weder Geld noch Gesundheit und Kraft. -- Ich allein war Redakteur, las die Korrekturen, schlug mich mit Autoren und mit der Zensur herum, besserte Artikel aus, bemühte mich um Geld, sass bis sechs Uhr morgens auf und schlief 5 Stunden von 24; und obwohl ich Ordnung in die Sache brachte -- es war zu spät. -- -- Was mich das alles gekostet hat! Die Hauptsache aber ist, dass ich bei all dieser Zwangs- und Schmutzarbeit nicht imstande war, im Blatte auch nur eine Zeile Eigenes zu drucken. Meinem Namen begegnete das Publikum gar nicht und sogar in Petersburg, nicht nur in der Provinz, wusste es nicht, dass ich das Blatt redigiere. Und plötzlich brach bei uns eine allgemeine Journal-Krisis herein.

Oh, mein Freund, gern würde ich abermals ins Gefängnis auf ebenso viele Jahre wandern, könnte ich dadurch alle Schulden bezahlen und mich wieder frei fühlen. Jetzt werde ich abermals anfangen, einen Roman unter der Rute zu schreiben, das heisst, in aller Eile, aus Not. Er wird effektvoll werden, aber brauch' ich nur das! Die Arbeit aus Not um des Geldes willen hat mich erstickt und zerstört. -- -- Ich habe Ihnen nun alles beschrieben und sehe, dass ich die Hauptsache, das Leben meines Geistes und Herzens, nicht ausgesprochen, ja keine Vorstellung davon gegeben habe. So wird es immer bleiben, so lange wir schriftlich verkehren. Ich kann nicht Briefe schreiben und kann über mich nicht in bestimmten Grenzen schreiben. Übrigens ist das auch schwer: viele Jahre liegen zwischen uns, und was für Jahre! -- --

Im Auslande bin ich zweimal gewesen -- im Sommer 1862 und 1863. Jedesmal bin ich auf drei Monate fortgegangen. Ich war in Deutschland (fast überall), in der Schweiz, in Frankreich, in Italien (auch überall). Meine Gesundheit hat sich beide Male im Auslande mit unglaublicher Geschwindigkeit gebessert. Ich habe beschlossen, alljährlich auf drei Monate zu verreisen, umsomehr, als das in materieller Beziehung bei der Teuerung unseres hiesigen Lebens nichts zu bedeuten hat. Ich wollte reisen, um mich zu erholen, um auszuruhen, zu mir zu kommen und um so tüchtiger die weiteren neun Monate des Jahres in Russland zu arbeiten. Allein im vorigen Jahre hat des Bruders Tod mich gezwungen, endgiltig hier zu bleiben. Und wie hätte ich das Bedürfnis, wenigstens auf einen Monat fortzufahren, mich ein bischen umzuthun, zu erfrischen, zu erneuern« .... usw.

»Mit diesem Briefe« -- sagt Strachow -- »kann man einen besonderen Abschnitt in Dostojewskys persönlichem Leben abschliessen, die Periode von seiner Zurückkunft aus der Verbannung bis zu dem Augenblick der Vereinsamung, da er ohne Gattin, ohne Bruder, ohne sein Blatt zurückblieb. Das Lebensgefühl, von dem er spricht, hat ihn nicht betrogen. Von hier an beginnt die bessere Hälfte seines Lebens: ihn erwarteten sehr grosse Mühen und Beschwerden, allein zugleich auch neue, höhere Schöpfungen seines Talents, ein neues, schönes Familienleben, unausgesetzte litterarische Erfolge, wachsende Berühmtheit und endlich, in den letzten Jahren, die Tilgung aller Schulden, genügendes Auskommen und Ordnung in seinen Geldangelegenheiten. In dieser schweren und angestrengten Zeit entstand im Jahre 1866 »Schuld und Sühne« (Raskolnikow), 1868 »Der Idiot«, 1870 »Die Besessenen«. Strachow schreibt diese Fruchtbarkeit dem Umstande zu, dass die »Epocha« eingegangen war und seine Kräfte nicht aufbrauchte. »Theodor Michailowitschs übriges Leben«, fährt Strachow fort, »kann man von hier an in zwei Perioden abteilen. Die erste, von 1865-1871, während welcher alle diese Romane geschaffen wurden, war sehr beschwerlich, fruchtbar und zum grössten Teil im Ausland zugebracht. Die zweite Periode, welche mit der Rückkehr nach Russland begann (1872-1881), repräsentiert die neuen publizistischen Versuche, in der Form einer Redaktion des »Grashdanin« und des »Tagebuchs« -- allein das ist eine weniger beschwerliche, verhältnismässig ruhige, und nach aussen durch die Ordnung der Verhältnisse -- und den öffentlichen Erfolg sich immer glücklicher gestaltende Periode.«

VII. Zweite Vermählung; Schuld und Sühne; Abreise. (1865-1867.)

Der Sommer und Herbst 1865 fand Dostojewsky teilweise im Auslande. Seine wieder aufgenommene Korrespondenz mit Baron Wrangel ist aus Wiesbaden datiert, wo er bis Ende Oktober verweilte. Im November war er schon wieder in Petersburg und blieb darauf das ganze Jahr 1866, das, wie Strachow sagt, das folgenreichste Jahr seines Lebens war. Im Januar dieses Jahres begann im Russkij Wjestnik die Publikation seines bis dahin bedeutendsten Werkes: »Schuld und Sühne« -- und am 4. Oktober desselben Jahres lernt er Anna Grigorjewna Snitkina, seine künftige zweite Gattin, kennen.

»Schuld und Sühne« -- oder, wie es in manchen Übersetzungen heisst, »Raskolnikow« -- ist jenes von Dostojewskys Werken, welches in allen europäischen Ländern die grösste Verbreitung gefunden hat und hier die erste Grundlage seines Ruhmes geworden ist. Dass dieser Erfolg nur teilweise auf einer richtigen Schätzung seines Talentes beruht, wird jeder verstehen, welcher die Wege des schriftstellerischen Erfolges kennt. Vorerst war es das Packende, Sensationelle des Romans, das zündete, sodass sich das Interesse daran wie ein Lauffeuer über einen ungeheuren Kreis verbreitete. Als das Buch endlich in die Hände der ästhetischen Kritiker gelangte, da fanden erst seine künstlerischen Eigenschaften ihre Würdigung. Hatte also früher das gröbere litterarische Bedürfnis durch den Stoff Nahrung erhalten, so war es jetzt die Form, welche Bewunderung erregte, wodurch sie das Werk auf ein höheres Niveau erhob. Bald trat die Philosophie hinzu und legte ihren Massstab an das psychologische Detail, um aus den inneren Zusammenhängen der geschilderten verbrecherischen Handlung mit ihren Folgen das ethische Prinzip des Dichters herauszulösen. Auch diese kam auf ihre Rechnung, wenn auch nur bedingt; denn Dostojewskys ethische Gestaltungen verdanken nicht Prinzipien ihre Entstehung, sondern sind Probleme, wie das Leben selbst sie bietet. So ist der endgiltige Eindruck dieses Romans in Europa der eines sensationellen Verbrechens, das mit dem Aufwand einer grossen schöpferischen Kraft durch die Beobachtung der feinsten psychologischen Details zu einem Kunstwerk ersten Ranges ausgestaltet wurde. Nicht so in Russland. Hier war man einerseits mit Dostojewskys Schöpfungen sowohl als mit seinem Stil schon vertraut; das Sensationelle und Unmittelbare seiner Art zu erzählen, die wohl vorbereiteten Überraschungen, sowie der feste Griff ins Gewissen der Menschen hatten ihm hier schon sein Publikum erzogen; auch stand dieses Publikum mit ihm auf gleichem Boden; das gleiche Milieu, die gleichen Geistesformen, die gleichen äusseren Lebensgewohnheiten bereiteten sozusagen eine neutrale Atmosphäre für das neue Wort, das es mit jedem neuen Dichterwerke erwartet, von ihm ganz besonders erwartete. Andererseits legt das russische Publikum keinen so hohen Wert auf das Künstlerische in einem Buch, wie wir es thun: die Russen haben noch zu viel mit der Ausgestaltung ihres staatlichen und nationalen Lebens zu thun, um heute schon mit Vorliebe die fein verschlungenen Wege der Kunst zu wandeln; sie wollen Wahrheit, nichts als Wahrheit, etwas das ihnen ihr Leben erklärt und sie weiterführt. Sie wollen dies aber nicht nur als Menschen, sondern ganz besonders als russische Menschen. So ist denn der Eindruck dieses Werkes für die Russen aus diesen Forderungen heraus zu formulieren, und in der That: liest man die Fülle von russischen Kritiken, welche gerade dieses Werk hervorgerufen hat, sieht man die Fülle von Anregungen, welche es gerade dem russischen Menschen gebracht hat, so muss man gestehen, dass es bei seinen allgemein-menschlichen Vorzügen, bei seiner hohen künstlerischen Vollendung ein spezifisch russisches Buch ist, was wir da vor uns haben, so reich und tief in seinen Problemen, so verworren in seinen Axiomen, so ungelöst in seinen Fragen und so hoffnungsvoll-gläubig in die Zukunft, wie Russland selbst.

Dass Dostojewsky mit vollem Bewusstsein nur über Russen und für Russen schrieb, erhellt aus vielen Stellen seiner Briefe aus Sibirien und dem Auslande. Namentlich wiederholen sich jene Stellen immer wieder, wo es heisst: »Ich muss erst in Russland sein, ich brauche russischen Boden, russische Menschen.« So bezieht sich jene Stelle in seinem Brief aus Semipalatinsk an den Bruder vom 31. Mai 1858, wo er sagt, dass er den Roman, den er schon fertig im Kopf habe, erst nach seiner Zurückkunft nach Russland schreiben werde, offenbar auf »Schuld und Sühne«, »-- da dieser Charakter wahrscheinlich heute in Russland im wirklichen Leben sehr stark im Schwange ist, besonders jetzt, wenn man nach der Bewegung und den Ideen urteilt, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.« Da Dostojewsky ein Werk sehr lange in seinem Kopfe ausreifen liess, ehe er es niederschrieb, so ist wohl anzunehmen, dass der erste grössere Roman, den er in Russland schrieb, jener lange schon ersonnene gewesen ist, zu dem er »Russland brauchte«: »Schuld und Sühne«.

Die Fabel des Buches ist höchst einfach. Bin junger, aussergewöhnlich begabter Student lebt in grosser Armut in einer elenden Kammer als Aftermieter, arbeitet nicht, liest nicht, versteckt sich in seinem Winkel und träumt dahin. Seine hohe Begabung und seine Kenntnisse befähigen ihn zu dem höchsten Ideenfluge, seine bittere Armut stellt ihn unter die Niedrigsten, die ihr Leben mit ihrer Hände Arbeit verdienen und es ohne Demütigung geniessen. Zudem ist der Mensch nicht ohne edlere Empfindung, und es bedrückt ihn sehr, dass seine Mutter und Schwester, zwei arme, in der Provinz lebende Frauen, sich das Nötigste absparen, um dem Petersburger Studenten, der ihre stolze Hoffnung ist, hie und da ein paar Rubel zu schicken. Unthätigkeit und ein schwächliches Träumen steigern die Schlaffheit seines Charakters, Stolz, Hochmut und tausend Weltbeglückungs-Ideen peitschen seine blutarmen, gereizten Nerven zu einer Philosophie der Weltverbesserung und Weltstrafe an. Er will etwas Grosses thun, aus den Reihen der Alltagsmenschen hervortreten, wenigstens ein Stück Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen -- ein altes Weib, das Geld gegen hohe Wucherzinsen verleiht, umbringen, damit sie niemandem mehr schade. Warum nicht? sagt er sich. Napoleon I., Mahomet, haben Tausende hingeschlachtet und sind bewundert worden, sind Grosse dieser Erde gewesen. Auch ich bin ein Napoleon, ein Mahomet, ich bin mehr als sie, ich folge einer Idee, ich bestrafe das Laster. Diese Idee gewinnt immer mehr Macht über den unbeschäftigten, widerstandslosen Jüngling mit der Lucifer-Seele; er vollbringt die That, welche gegen alle Erwartung gelingt, so dass kein Verdacht auf ihn fällt, empfindet aber zu seinem Erstaunen keinerlei Befriedigung darauf, vergräbt die aufgefundenen Wertgegenstände unter einen Stein im Hofraum eines entlegenen Hauses, verfällt aber bald danach in ein hitziges Fieber, aus dem er mit der Furcht erwacht, sich verplaudert zu haben. Hier setzen Vorsicht, Misstrauen gegen seine Umgebung und Furcht vor Entdeckung ein, die ihm endlich die Schlinge um den Hals legen und unentrinnbar seinem Schicksal, der Selbstanklage und Verurteilung nach Sibirien, zuführen. Im Epilog ist der Hinweis auf eine wahrhafte innere Sühne ausgesprochen. Sie wird, eine neue Illustration zu Goethes Schluss-Worten im Faust, durch die Liebe zu Sonja, der Gefallenen und doch unendlich Reinen, eingeleitet.

Wir haben also das Problem einer Selbstvergöttlichung vor uns, die sich das Recht zuspricht, über Menschenleben zu richten und Scharfrichter zu sein, die sofort nach der That zum eigenen Erstaunen keine Erhöhung des Gottheitsgefühls erfährt und eine Weile zwischen Leben und Selbstmord schwankt. Als er das Mädchen kennen lernt, das seine Jungfräulichkeit für den Trunkenbold von einem Vater, die schwindsüchtige Stiefmutter und die hungrigen kleinen Geschwister zum Opfer gebracht bat, das eine gewisse Gleichheit vor den Gerechten der Erde und ein Gefühl tiefen Mitleids für seinen geheimen Kummer ihm entgegenbringt, da ist er von einem rätselhaften Bedürfnis getrieben, sich ihr anzuvertrauen. Es ist nicht Reue, was ihn treibt, auch nicht Liebe zu dem Mädchen -- er will nur reden, einen Teil seiner Qualen vor ihr abladen. Diese Scene gehört künstlerisch und menschlich zu dem Grossartigsten, was je in dieser Art geschrieben worden. Sie ist bekannt und wir können nicht bei den psychologischen Feinheiten verweilen, welche hier ein vollendetes Kunstwerk aufbauen. Dass es z. B. Raskolnikow selbst erst im Laufe der Erzählung immer klarer wird, was für Motive ihn getrieben haben, wie er, der noch mit niemand davon gesprochen, erst äusserliche Beweggründe zur That angiebt dann durch die Einfalt in Sonjas Fragen immer tiefer in sich hineingeführt wird, aus dem Unbewussten seines Wesens endlich den Kern desselben, den Luciferhochmut heraufholt, der sich das Recht zuspricht zu töten, da er stärker ist als die andern -- wie das alles eingeleitet, gesteigert und durchgebildet ist, darüber hat die ästhetische Kritik Europas längst ihr Wort gesprochen. Für den russischen Menschen ist hier massgebend, was bei dieser allmählichen Selbstbeleuchtung herauskommt: der Mord aus Prinzip, die aufleuchtende Erkenntnis, dass der Mörder einen Augenblick über sein Recht im Zweifel, also kein Napoleon war, kein Recht besass; die Scham, auch »eine Laus zu sein wie alle andern«, und endlich die, Bezwingung dieses Hochmuts durch die fromme Liebe Sonjas, welche dem Sünder das Christentum aufschliesst. Wir müssen hier, obgleich wir das Werk als bekannt annehmen, dennoch die bezeichnenden Stellen bringen, um unsere Gedanken über die echt russische Auffassung des Dichters über menschliche Schuld und Sühne durch seine eigenen Worte zu bekräftigen.

»Nein! es ist wieder nicht so! .. ich erzähle abermals nicht recht! Siehst Du, ich habe mich damals immer gefragt: warum bin ich so dumm, wenn die andern dumm sind und ich sicher weiss, dass sie dumm sind -- dass ich selbst nicht gescheiter sein will? Dann habe ich erkannt, Sonja, dass, wenn man warten wollte, bis alle gescheit werden, dies allzu lang dauern würde. -- Dann habe ich weiter erkannt, dass das auch niemals geschehen wird, dass die Menschen sich nicht ändern werden und niemand da ist sie umzuarbeiten, und dass es nicht der Mühe wert wäre! Ja, so ist es! ... das ist ihr Gesetz ... ihr Gesetz, Sonja! So ist es! ... Und ich weiss jetzt, Sonja, dass der gescheit ist und stark im Geiste, der über sie mächtig ist! Wer viel wagt, der hat bei ihnen auch Rechte. Wer auf Grosses spucken kann, der ist ihr Gesetzgeber, und wer sich am meisten erdreistet, der hat am meisten Recht! So ist es bis heute gegangen und so wird es immer sein. Nur ein Blinder wird das nicht sehen!«

»Ich bin damals darauf gekommen« -- fuhr er in feierlichem Tone fort -- »dass die Macht nur dem gegeben wird, der es wagt, sich zu bücken und sie an sich zu nehmen. Hier ist nur Eines, nur Eines: es heisst nur wagen!«

»Es ist damals ein Gedanke in mir aufgetaucht, zum ersten Mal in meinem Leben -- ein Gedanke, den noch niemand jemals vor mir ersonnen hat! Niemand! Es wurde mir plötzlich so klar wie die Sonne und stellte sich vor mich die Frage: wieso denn bis heute niemand gewagt habe, nicht wage, wenn er an all dieser Abgeschmacktheit vorübergeht, alles kurzweg beim Schwanz zu fassen und es zum Teufel zu schleudern! Ich ... ich habe mich dreist machen wollen und habe gemordet ... nur erdreisten wollte ich mich, Sonja -- da hast Du die ganze Ursache!«

»O, schweigen Sie, schweigen Sie!« rief Sonja, die Hände zusammenschlagend. -- »Von Gott haben Sie sich entfernt, und Gott hat Sie getroffen, hat Sie dem Teufel übergeben!«

»Sage, Sonja, als ich im Finstern lag und alles vor mir so dastand, war es der Teufel, der mich zwang? Wie?«

»Schweigen Sie! wagen Sie es nicht, Gotteslästerer -- nichts, nichts begreifen Sie! O, Herr! nichts, nichts wird er begreifen!«

»Schweige Du, Sonja, ich scherze durchaus nicht, ich weiss ja selbst, dass mich der Teufel gefasst hat. Schweige, Sonja, schweige!« wiederholte er finster und nachdrücklich -- »ich weiss alles. Alles das habe ich schon durchgedacht und mir vorgeflüstert, als ich dort im Dunklen lag .... Alles das habe ich schon mit mir selbst durchgestritten, bis zum letzten, kleinsten Zug, und weiss nun alles, alles! Und so überdrüssig ist mir damals dieses ganze Geschwätz geworden, so überdrüssig! Ich wollte alles vergessen und frisch anfangen, Sonja, und aufhören zu schwatzen! Und glaubst Du denn, dass ich hinging wie ein Dummkopf, aufs Geradewohl? Nein, ich ging hin, wie ein Kluger, und das ist's, was mich zu Grunde gerichtet hat. Und meinst Du denn, ich hätte nicht z. B. wenigstens das gewusst, dass, wenn ich schon anfing mich selbst zu fragen: habe ich das Recht zur Macht? -- ich schon kein Recht zur Macht mehr habe? Oder wenn ich die Frage stelle: ist der Mensch eine Laus? er für mich keine Laus mehr ist, sondern für den, dem das auch gar nicht in den Kopf kommt und der geradeaus hingeht .... Wenn ich mich schon so viele Tage mit der Frage herumquälte, ob Napoleon hingehen würde oder nicht, so fühlte ich ja schon deutlich, dass ich kein Napoleon war .... Die ganze, ganze Qual dieses Argumentierens habe ich ausgehalten, Sonja, habe alles das loswerden wollen, ich habe gewünscht, ohne Kasuistik umzubringen, für mich zu töten, für mich allein! Ich habe darin auch mich selbst nicht belügen wollen! Nicht um der Mutter zu helfen habe ich getötet -- Unsinn! Nicht darum habe ich getötet, um, nachdem ich Geld und Macht erlangt hätte, ein Wohlthäter der Menschheit zu werden, Unsinn! Ich habe einfach getötet, für mich getötet, für mich allein, ob ich aber irgend jemandes Wohlthäter geworden wäre, oder mein Leben lang wie eine Spinne Alle in mein Netz gelockt und ihnen alle Lebenssäfte ausgesogen hätte, das hätte mir in jenem Augenblick ganz gleich sein müssen! Und nicht Geld war es, das ich hauptsächlich brauchte, Sonja, als ich mordete, nicht Geld hatte ich so sehr nötig als etwas anderes .... Jetzt weiss ich das alles .... Verstehe mich recht: Es kann sein, dass ich, diesen Weg verfolgend, niemals mehr einen Mord wiederholt hätte. Mich verlangte es, ein anderes zu erfahren, ein anderes stiess meine Hand dahin; ich musste wissen, so schnell als möglich wissen, ob ich auch eine Laus bin, wie alle anderen, oder ein Mensch? Werde ich es vermögen ein Verbrechen zu begehen, oder werde ich's nicht vermögen? Werde ich es wagen mich um die Macht zu bücken oder nicht? Bin ich eine zitternde Kreatur, oder habe ich das Recht ...«

»Zu töten, das Recht zu töten habt Ihr?« rief Sonja händeringend.

»Eh, Sonja!« rief er gereizt aus, wollte schon etwas erwidern, hielt sich aber verächtlich zurück. -- »Unterbrich mich nicht, Sonja! Ich wollte Dir nur Eines beweisen: dass mich damals der Teufel erfasst hatte, mir aber danach schon gezeigt hat, dass ich kein Recht hatte dahinzugehen, da ich eine ebensolche Laus bin, wie alle. Er hat mich ordentlich ausgelacht, und nun siehst Du, bin ich zu Dir gekommen! Nimm den Gast auf! Wenn ich keine Laus wäre, käme ich da zu Dir? Höre: als ich damals zur Alten ging, da ging ich nur hin, um zu probieren ... das wisse!«