Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 20
In seiner Erläuterung jenes Artikels sagt Strachow unter anderem: »Der polnische Aristokratismus ist an und für sich sowohl, als auch im Verhältnis zu den russischen Provinzen für jeden Russen etwas Widerwärtiges. Ja, er ist es, der mehr als alles andere Polen zu Grunde gerichtet hat. Indessen hatte sich dieser Aristokratismus entwickelt und erhält sich noch heute durch eine alte Aneignung europäischer Kultur. Daraus geht hervor, dass das Böse auch in einer so guten Sache enthalten sein kann, wie die Aufklärung eine ist, dass es manchmal besser ist, in der Kultur zurückzubleiben, aber seine seelische Gesundheit zu bewahren und nicht in jenen hoffnungslosen Zerfall von Bestrebungen und Gefühlen zu geraten, in welchem sich die Polen befinden. In diesem Sinne hatte ich meinen Artikel »Eine verhängnisvolle Frage« betitelt. Ich war bereit gradaus zu sagen, dass für die Polen keine Rettung mehr möglich sei, dass die Geschichte sie zum Untergang verurteilt habe.
Das war, ich wiederhole es, allzu abstrakt, unklar ausgedrückt, es stimmte nicht zu den geläufigen Anschauungen und wurde verkehrt aufgefasst.«
Dostojewsky war gleich mit diesem Artikel nicht sehr zufrieden gewesen, was Strachow anfangs verletzte. Als aber in der Folge das Blatt von allen Seiten angefeindet und endlich auch durch die Zensur verboten wurde, da war es Dostojewsky, welcher in einer heftigen, sehr persönlichen Replik gegen die »Moskauer Wjedomosti« dafür eintrat. Er sagte unter anderem: »Ja, was haben wir denn die ganzen drei Jahre her in unserer Zeitschrift gepredigt? Eben dies, dass unsere (heutige russische) von Europa entlehnte Zivilisation auf jenen Punkten, wo sie mit dem breiten russischen Geiste nicht zusammentrifft, dem russischen Volke nicht passt; dass dies heisst, einen Erwachsenen in ein Kindergewand zwängen, endlich, dass wir unsere Elemente, unsere Grundlagen, unsere nationalen Grundlagen haben, welche Selbständigkeit und Selbstentwickelung verlangen; dass die russische Erde ihr neues Wort sagen wird und dieses neue Wort vielleicht einmal das neue Wort der allgemein menschlichen Zivilisation sein und die Zivilisation der ganzen slavischen Welt in sich zum Ausdruck bringen wird. In den Elementen unserer nationalen Zivilisation haben wir immer die Merkmale der Scholle sehen können, während in jener Europas die Merkmale des Aristokratismus und Exklusivismus zu sehen sind. Ja, noch mehr, wir gestehen, dass wir, d. h. alle auf europäische Art zivilisierte Menschen, uns von unserem Boden losgerissen, alles russische Empfinden verloren haben, so sehr, dass wir an unsere eigene russische Kraft, an unsere Eigenart nicht glauben und uns wie Sklaven vor der Peterschen Holländerei in den Staub niederwerfen, über das Wort »nationale Grundlagen« lachen und es als einen Rückschritt, einen Mystizismus betrachten.« »So haben wir denn in unserem Artikel auf das hingewiesen -- was Sie (der Gegner) auch im Traum nicht wagen würden -- auf das, was auch der Kaiser Alexander der Erste ernst und aufrichtig achtete, welcher eben aus Achtung für die polnische Zivilisation den Polen höhere Einrichtungen gab, als den Russen, die er kulturell bedeutend tiefer stehend erachtete, als jene ...«
Dieser Ausfall Dostojewskys war seinen Anschauungen und Bestrebungen vollkommen entsprechend, jedoch, wie es scheint, war er blind für das, was das Blatt _thatsächlich_ an politisch-nationaler Mission in diesen drei Jahren mochte ins Werk gesetzt haben. Strachow selbst sagt, der belletristische Teil sei bedeutend reicher und vorzüglicher gewesen, als der politische, der eigentlich noch nicht in dem Fahrwasser gewesen sein muss, wie wir es bei den später von Dostojewsky redigierten Zeitschriften sehen. Auch ist dies in dem heftigen Ausfall bestätigt, den der Vollblut-Russophile J. S. Aksakow auf Strachow machte und welchen dieser in kurzem Auszuge bringt: Aksakow schreibt 6. Juli 1863: »... Sie berufen sich vergebens auf die »Richtung« der »Wremja«. Obgleich sie fortwährend darüber schrie, dass sie eine Richtung habe, hat das doch niemand beachtet. Ihre Zeitschrift hat die Bedeutung eines guten belletristischen Journals gehabt, das reiner und ehrenhafter war als andere, aber ihre Prätensionen waren allen lächerlich. Dort konnten gute Artikel untergebracht werden und sie waren es auch ..., allein dies alles hat der »Wremja« keinerlei Farbe, keinerlei Kraft gegeben. Es gebrach ihr an höheren sittlichen Grundlagen, an einer Ehrenhaftigkeit höherer Ordnung. Sie hat die Unverschämtheit gehabt, in ihrem Programm auszusprechen, dass sie das erste Journal gewesen sei, das in der russischen Litteratur die Existenz eines russischen Volkstums entdeckt und proklamiert habe! Es giebt keinen so grossen Feind des Slavophilentums, den dies nicht empören würde. Und dann die naive Verkündigung, dass das Slavophilentum eine überlebte Sache sei und der Weg zum Leben, das neue Wort, jetzt bei der »Wremja« zu finden sei! Die Slavophilen können alle, bis auf den letzten, sterben, dennoch wird die von ihnen eingeschlagene Richtung nicht zu Grunde gehen -- und damit verstehe ich diese Richtung in all ihrer Strenge und Unerbittlichkeit, nicht für den Geschmack des cancanierenden Petersburger Publikums zugerichtet. -- Dieses Buhlen um die Gunst des Publikums, dieser Wunsch, den Unseren und den Eueren zu dienen, dieses Von-oben-herab- und verächtliche Traktieren der Slavophilen im ersten Programm der »Wremja«, das ist's, was dieses Journal in der öffentlichen Meinung zu Falle gebracht hat, während wir Slavophilen, wie Sie wissen, _nirgends_, nicht mit einem einzigen Worte an die »Wremja« gerührt haben, weil unsere Überzeugungen eben keine Frage persönlicher Eigenliebe sind .... Übrigens kann in Petersburg gar keine Zeitschrift volkstümlicher Richtung herausgegeben werden, denn die erste Bedingung, um das gebundene Volksgefühl in uns freizumachen, die ist -- Petersburg zu hassen mit unserer ganzen Seele und allen unseren Kräften. Ja, man kann sich überhaupt nicht zum christlichen Glauben bekennen (und das Slavophilentum ist nichts anderes als eine höhere Verkündigung des Christentums), ohne sich vom Satan loszumachen, loszusagen und loszuspucken[21].«
Strachow bringt diesen zornsprühenden Brief hauptsächlich darum, weil einige darin befindliche Worte der Anerkennung über die Zeitschrift sich doppelt vorteilhaft von dem Zorn-Hintergrunde des Schreibens abheben. Eine weitere Erläuterung knüpft er an den Vorwurf der Petersburgerei und verwahrt sich dagegen, da weder er noch die Brüder Dostojewsky, noch einer der anderen Mitarbeiter Petersburger seien, sondern echte Moskowiten, in denen ein langer Aufenthalt in Petersburg gerade ein starkes Heimweh nach dem Moskauer Boden, sowie Abneigung gegen das kosmopolitische Leben der Hauptstadt geweckt hatte.
Für uns ist an diesem Kampfe das Orientierende und Bezeichnende die Kluft, welche damals noch zwischen den Heisssporn-Slavophilen und Dostojewsky bestand und welche im Verlauf der Zeit durch des letzteren immer rückhaltslosere Hingabe an den nationalen Gedanken, allerdings bei Aufrechthaltung _seiner_ Eigenart, immer kleiner wurde. Die Zeitschrift wurde also verboten, was den Herausgeber Michail Michailowitsch in grosse Geldverlegenheiten stürzte, da die Subskriptionsgelder schon eingelaufen und verbraucht waren, nun aber zurückgegeben werden mussten, und er ausserdem durch die Auflassung seiner bis jetzt innegehabten Cigarettenfabrik ganz allein auf den Erwerb durch die Feder angewiesen war und eine grössere Familie zu erhalten hatte.
[Fußnote 21: Wir haben den Ausdruck hier absichtlich ohne Umschreibung gebracht, weil das Zeitwort spucken ein richtiges, viel und ernst gebrauchtes Wort im Vokabularium der geringschätzenden Ausdrücke der Russen ist. »Ich habe mich mit Europa auseinandergespuckt,« sagt Dostojewsky ganz ernst an einer Stelle im »jungen Nachwuchs«.]
Indessen war es für Theodor Michailowitsch, auf dessen Gesundheit der erste Aufenthalt im Auslande sehr günstig gewirkt hatte und der nun durch die Auflösung des Journals freier wurde, notwendig geworden, abermals Erholung zu suchen, und er machte sich ein zweites Mal auf den Weg nach Europa. Hier erzählt Strachow, Dostojewsky habe schon bei seinem ersten Ausfluge nach Paris Bekanntschaft mit dem Roulettespiel gemacht und sei so glücklich darin gewesen, dass er 11000 Frs. gewonnen habe, was ihm für die Reise sehr zu statten gekommen sei, in ihm aber die Erwartung zurückgelassen habe, er werde ein anderes Mal vom Glück ebenso begünstigt werden. Es war die Lockung des Spiels gerade für ihn eine doppelte. Fand der leidenschaftliche Geist des Dichters in den wechselnden Chancen des Spiels selbst ganz subjektiv die Nahrung, deren er bedurfte, die Erregung des Spieltriebes, ohne die er nicht leben konnte, so fand der feine und scharfe Beobachter in der ganzen Situation eine Fülle von Details, die er in seinem Gedächtnis aufspeicherte, im Verhalten der Mitspielenden alle jene Nüancen menschlicher Leidenschaften und Triebe ausgedrückt, die er aus seinem eigenen Wesen heraus so wohl verstand und zu deuten wusste.
Diesem Blick in die eigene Brust verdanken wir ja viele der tiefsinnigsten und genialsten Herausarbeitungen des Menschwesens in Dostojewskys Werken, und wenn irgend einer dazu berufen ist, uns die neue Ethik des Vollmenschen in seiner grössten Kompliziertheit und Verstricktheit von gut und böse zu verkünden und zu sagen: »Sieh', dies ist der Mensch und so ist es gemeint, dass du ihn lieben sollst«, so ist es Dostojewsky, der bei aller Hassenskraft, die er gegen das Laster ausströmt, bei allem Zorn, mit dem er Irrtümer des Geistes und namentlich des _Herzens_ verfolgt und vertilgen möchte, doch der Einzige ist, der eine Ahnung in uns davon erweckt, was man mit dem Leben und Lieben eigentlich alles anfangen kann.
Die unmittelbare Frucht von des Dichters zweiter Reise ist sein Roman: »Der Spieler«. Hören wir in einem Briefe an Strachow, vom 30. September 1863, was er selbst darüber sagt. Natürlich spielt sich hier, wie immer, die alte Geschichte ab -- _die Idee_ zum Roman ist da, Geld keines -- also voraus verkaufen, die Beschwörungen, die zwingenden Wiederholungen, das Ausrechnen, bis zu welchem Tage das Geld eintreffen _müsse_, sonst sei er verloren, kurz das ganze heftige, aufreibende Überreden und Überzeugenwollen, wie wir es schon kennen! Er fährt also fort: »_Jetzt_ habe ich nichts fertig. Allein es hat sich ein ziemlich (wie ich selbst urteile) günstiger Plan zu einer Erzählung in mir aufgebaut. Er ist zum grössten Teil auf Zettelchen geschrieben. Ich habe sogar schon anfangen wollen, ihn aufzuschreiben, allein -- es geht hier nicht. Es ist sehr heiss und zudem bin ich an einen solchen Ort, wie Rom ist, auf _eine Woche_ gekommen. Kann man aber in dieser einen Woche in Rom schreiben? Auch ermüde ich sehr beim Gehen. Das Sujet meiner Erzählung ist folgendes: -- ein Typus des Russen im Auslande. Bemerken Sie: über die Russen im Auslande wurde diesen Sommer in den Journalen viel geschrieben. Das alles wird in meiner Erzählung einen Widerhall finden. Ja, im allgemeinen wird sich darin der heutige Zustand unseres internen Lebens wiederspiegeln (so weit als möglich natürlich). Ich nehme eine Natur, die Unmittelbarkeit besitzt, dabei hochentwickelt, in allem unfertig, dem Glauben entfremdet und doch nicht wagend, nicht zu glauben, sich gegen die Autoritäten auflehnend und sie doch fürchtend. Er beruhigt sich damit, dass er nichts in Russland zu thun habe -- daher: strenge Kritik der Leute, welche aus Russland die im Ausland Weilenden herbeirufen. Aber das kann man ja nicht so erzählen. Es ist eine lebendige Person -- (er steht förmlich leibhaft vor mir) -- man wird es lesen müssen, wenn es geschrieben sein wird. Der Hauptwitz dabei ist der, dass alle seine Lebenssäfte, seine Kraft, Energie, Kühnheit -- alles von der _Roulette_ verbraucht wird. Er ist ein Spieler, und kein gewöhnlicher Spieler, so wenig wie der geizige Ritter Puschkins ein gewöhnlicher Geizhals ist (dies ist durchaus keine Vergleichung meiner selbst mit Puschkin, ich sage es nur der Klarheit wegen). Er ist in seiner Art ein Dichter, allein die Sache ist so, dass er sich selbst dieser Poesie schämt, da er in tiefster Seele ihre Niedrigkeit empfindet, wenn auch die Notwendigkeit des _Risiko_ ihn in den eigenen Augen hebt. Die ganze Erzählung ist eine Erzählung davon, wie er schon das dritte Jahr in den Spielhäusern Roulette spielt.
Wenn das »Tote Haus« die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich gelenkt hat, als eine Darstellung von Sträflingen, welche niemand vorher aus eigener Anschauung geschildert hatte, so wird diese Erzählung unbedingt durch die eigene Anschauung und detaillierte Schilderung des Roulettespiels die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ausserdem, dass solche Artikel bei uns mit ausserordentlichem Interesse gelesen werden, hat das Hazardspiel in den Badeörtern, besonders in Bezug auf die im Auslande befindlichen Russen, eine gewisse Bedeutung.
Endlich glaube ich annehmen zu können, dass ich alle diese höchst interessanten Vorwürfe mit feinem Gefühl, mit Vernunft und in einem Fluss darstellen werde.«
Den Schluss des Briefes bildet ein ganzer Feldzugsplan, wie man auf dieses noch nicht geschriebene Buch bei Boborykin, dem damaligen Redakteur der »Lesebibliothek«, voraus Geld nehmen könne. Michael Michailowitsch protestierte vergebens dagegen, dass sein Bruder eine Arbeit bei Fremden erscheinen lassen sollte. Er hätte es vorgezogen, dass Theodor Michailowitsch so lange warte, bis der Bruder sie in einem neu zu gründenden Blatte herausgeben könnte. Allein die Not drängte, so wurde man Handels einig, und Michael trat schweren Herzens zurück. Indessen ist dieser Roman niemals bei Boborykin erschienen, sondern erst viel später, im Jahre 1867 unter Umständen, welche eine grosse Wandlung in des Dichters Leben herbeizuführen bestimmt waren. Das vorher genommene Geld musste endlich nach Gründung der »Epocha« auf Drängen Boborykins wieder herausgegeben werden.
Strachow bringt jenen Brief des Dichters in extenso, breitet sich auch sehr über die Nebenumstände und Details jener Geldkalamität aus, unterlässt es aber merkwürdigerweise, hier über die abermals unrichtige Wertschätzung des Dichters, zwei seiner Werke anlangend, ein Wort zu verlieren. Wer aber konnte darüber im Zweifel sein, dass hier wieder ein solcher Mangel objektiven Urteils von Seiten des Dichters mit unterlief, wie damals, als er den Roman »in neun Briefen« den »Armen Leuten« an die Seite stellte. Allerdings ist »Der Spieler« künstlerisch als Ganzes genommen eine vollwertige Einheit, und Stellen wie jene, wo der Spieler das geliebte Mädchen am späten Abend in seinem Hotelzimmer zurücklässt und zum Roulettetisch eilt, um mit dem letzten 5 Frcs.-Stück das Geld zu gewinnen, das sie von dem zweideutigen Franzosen retten soll, der ihren Ruf in seiner Hand hat, solcher Stellen giebt es nicht allzuviele in der Weltlitteratur. Der Spieler hat nämlich mit dem letzten Goldstück unerhörtes Glück gehabt, er hat Tausende gewonnen, 20000, 30000, 50000; von einem Tisch zum andern ist er im Glückstaumel gewankt, ihm nach die Rotte, die sich an die Fersen der Glücksritter hängt. Ein Spielsaal nach dem anderen wird geschlossen, er bleibt bis zuletzt -- endlich, es ist längst Mitternacht, kehrt er in das Hotel zurück. Er tritt in sein Zimmer, da sitzt Pauline auf dem Divan, vor ihr steht eine angezündete Kerze auf dem Tische. Sie sieht ihn verblüfft an -- er hatte sie vergessen, ihre Situation, die Ursache seines Spiels und ihres Hierseins. Man kann wohl kaum einen Hintergrund ersinnen, von dem sich das Laster und die Seichtigkeit krasser abhebt, als diese von Liebe und Gefahr durchdämmerte, in Qualen hingebrachte Warte-Nacht des Mädchens, das ihm in sprachlosem Erstaunen zusieht, wie er den Inhalt seiner vollen Taschen triumphierend vor sie hin auf den Tisch schüttet. Bei aller Grossartigkeit dieser Episode jedoch, bei aller Feinheit mancher anderer in dem Buche, namentlich der herrlichen Zeichnung der alten Grossmutter, kann man nicht begreifen, wie Dostojewsky so nach -- Publicisten-Art die Wirkung dieses Buches jener des Totenhauses an die Seite stellen kann. Es möchte uns fast scheinen, als wirkten da zwei Faktoren mit, um seine Objektivität, die ohnedies sehr gering war, zu paralysieren. Erstens die allen Dichtern anhaftende Seltsamkeit, über ihre eigenen Werke kaum je ein richtiges Urteil zu haben, und zweitens jenes innerliche Vergessen erlittener Unbill, das sich bis auf die Grösse und Wichtigkeit jenes tragischen Stoffes erstreckte. »Das Volk hätte uns gerichtet«, und »wir haben es verdient«, sagt er wiederholt; wie hätte er dies Buch anders taxieren sollen, als eine, auf »eigene Anschauung gestützte Darstellung persönlicher Erlebnisse«?
Dostojewsky musste natürlich der Spieler sehr am Herzen liegen, da er ja nicht nur den »Augenschein« schilderte, sondern den Seelenzustand, den er selbst mehrmals in verhängnisvoller Weise durchgemacht hat. Unwillkürlich sehen wir da wieder den feurigen, leidenschaftlichen kleinen Theodor vor uns, wie er mit den Geschwistern Karten spielt und in seiner Ungeduld das »Glück korrigiert«; und doppelt verständlich wird uns die Mission des Dichters, der selbst so viel »vom Stoff der Schuld« in sich getragen.
Von den persönlichen Erlebnissen des Dichters in der Zeit von 1862-64 haben wir ausser den oben von Strachow mitgeteilten Nachrichten wenig Kenntnis. Seine Korrespondenz mit Marja Dmitrjewna ist zur Stunde wohl im Besitze Anna Grigorjewnas, seiner zweiten Gattin; auch die Korrespondenz mit den Freunden, Wrangel, Maikow und anderen scheint entweder zu stocken, oder es ist nach allem, was wir vermuten dürfen, den noch Lebenden eine Pietätverletzung, etwas von ihren Schätzen einem weiten Kreise mitzuteilen. Wir können jedoch insofern getrost auf gewisse intimere Details verzichten, als wir uns gerade bei Dostojewsky nichts aus den Legenden holen könnten, die das Leben grosser Dichter umspinnt, und es uns gleichgiltig sein kann, mehr oder weniger von den kleinen Episoden seines Lebens in unsere Schilderung einzureihen; Episoden, die ihn nicht erhellen, sondern vielmehr von seinem ein für allemal feststehenden Wesen erst ihre Farbe und ihr Licht erhalten. Zudem gehörte sein Denken und Fühlen ganz der Allgemeinheit; _da_ ist es also, bei den grossen Ereignissen der Heimat und den grossen Interessen der Menschheit, wo wir ihn aufsuchen müssen.
Des Dichters Rückkehr nach Russland scheint durch die Verschlimmerung im Gesundheitszustande Marja Dmitrjewnas ihren Grund gehabt zu haben. Wann sie stattfand, weiss auch N. Strachow nicht uns zu sagen. Marja Dmitrjewna war von den Ärzten nach Moskau geschickt worden und das wohl bald nach den grossen Petersburger Bränden, den polnischen Unruhen und ihres Gatten Abreise, also im Sommer oder Herbst 1863. Die schwere Erkrankung der Gattin veranlasst offenbar seine Zurückkunft. Wir finden ihn im November dieses Jahres in Moskau, wo er jedoch nicht bleibt, da ihn geschäftliche Unternehmungen nach Petersburg treiben. Vor allem handelt es sich um die Erlaubnis zur Gründung eines neuen Journals, dem die Brüder den Namen »Die Wahrheit« geben wollen.
Um den Lesern darüber Klarheit zu geben, dass sich unter dem neuen Namen das Blatt und seine Richtung kundgebe, wollte Dostojewsky schon in der ersten Zeile darauf hinweisen, da es etwa heissen sollte: die Zeit (Wremja) verlangt nach Wahrheit usw., die Zensur jedoch, welche nach dem Irrtum ihres Verbots ins Schwanken geraten war, wusste nicht mehr recht, was zu gestatten, was zu verbieten sei, fand den Namen zu anzüglich, und so musste man sich für »Epocha« entscheiden. In welcher Weise Theodor Michailowitsch über die Pflicht der Wahrheit auf breitester Basis dachte, bezeugt die Stelle in einem Briefe an den Bruder, wo es heisst: »Der zweite Aufsatz des Journals wird keinerlei Einfluss auf den Leitartikel haben. Die Besprechung des Tschernyschewskyschen Romans und jenes von Pissemsky würden grossen Effekt machen und, was die Hauptsache ist, unserem Programm gemäss sein. Zwei einander entgegengesetzte Ideen und beiden gerecht werden -- also: Wahrheit«.
Man machte sich dann an die Arbeit. Der grosse Erfolg der durch ein Missverständnis eingegangenen »Wremja« machte die Brüder über den zu erwartenden Erfolg der »Epocha« allzu sanguinisch sicher. Unter den Mitarbeitern befanden sich noch immer Schtschedrin, Njekrassow und der glänzende Kritiker Apollon Grigorjew. Indessen hatte das Blatt sehr bald gegen intellektuelle und materielle Hindernisse anzukämpfen. Zu den tieferen Schäden gehörte die Abwendung der oben genannten berühmten Dichter, welchen die immer stärker zu Tage tretende slavophile Richtung der Brüder nicht zusagte, die schnell aufeinander folgenden Todesfälle, deren Opfer Marja Dmitrjewna, der Bruder Michael Michailowitsch und zuletzt Grigorjew (1864) waren; die Folge davon war in erster Linie der Irrtum im Publikum, dass der Dostojewsky gestorben sei, dessen Werke es bewunderte, woraus eine geringere Teilnahme und Subskription entstand, welcher Umstand wieder Unordnung in den Geldangelegenheiten der Redaktion nach sich zog. Die ersten Hefte waren, da der Dichter in Moskau am Krankenbette seiner Gattin weilte, in der Petersburger Typographie sehr schleuderhaft hergestellt worden, mit unzähligen Druckfehlern und falschen Interpunktionen behaftet, sodass das Entgegengesetzte von dem zu Tage kam, was der Autor hatte sagen wollen. Nichtsdestoweniger mühte sich Theodor Michailowitsch übermenschlich, schrieb in wenigen Nächten 2-3 Druckbogen und brachte das Januarheft auf nahezu 40 Druckbogen. Ein weiteres äusseres Hindernis zum Aufschwung des Blattes war die Gemächlichkeit, mit welcher sich die Zensur ihrer Arbeit entledigte. Strachow bringt dafür Daten, die unglaublich klingen, doch authentische Abschriften der auf den einzelnen Heften gedruckten Entscheidungen der Zensurbehörde sind. So wurde das Märzheft am 23. April, das Maiheft am 7. Juli, das Juniheft am 20. August, das Juliheft am 19. September, das Augustheft am 22. Oktober, das Septemberheft am 22. November, das Oktoberheft am 24. Oktober (!), das Novemberheft am 24. Dezember und das Dezemberheft 1864 am 25. Januar 1865 freigegeben.
Zu den grössten Missständen rechnet Strachow jedoch die sanguinische Selbsttäuschung der Brüder und ganz besonders ihre Unfähigkeit, eine Sache stetig und praktisch durchzuführen. Strachow breitet sich über die Wesenheit und Grundlage dieser unpraktischen Art aus, die er in einer allzu beweglichen Phantasie, in einem ewigen Steigen und Sinken von Stimmungen findet, und schliesst mit folgender konkreten Darstellung: »Was die Dostojewskys betrifft, so konnte man Michael Michailowitsch durchaus nicht als einen ganz unpraktischen Menschen ansehen; er war ziemlich umsichtig und scharfsichtig. Theodor Michailowitsch jedoch war, ungeachtet seines raschen Geistes, ungeachtet der erhabenen Ziele -- ja, besser gesagt: gerade infolge dieser höheren Ziele -- ausserordentlich unpraktisch. Wenn er eine Sache machte, so machte er sie sehr gut; allein er that dies mit Anläufen, mit sehr kurz anhaltenden Anläufen, war leicht befriedigt und hielt leicht inne, und das Chaos wuchs in jeder Minute um ihn herum. Die »Epocha« wurde ohne einen Heller gegründet. Als sie einging (mit dem Februarheft 1865), hatte sie nicht nur die ganze Subskriptionssumme verschlungen, sondern auch jenen Teil der Erbschaft von einer reichen Moskauer Tante (etwa 10000 Rubel für jeden der Brüder), die sie sich voraus ausgebeten hatten, dabei 15000 Rubel Schulden, welche nach Eingehen der »Wremja« Michael Michailowitsch zu Lasten geblieben waren. Bei alledem hatte die »Epocha« für das Jahr 1865 noch immer 1300 Abonnenten aufgebracht. Als ein neues Blatt, ohne alte Lasten, hätte sie sich erhalten können. So aber zerflatterte alles und Theodor Michailowitsch blieb mit der Schuldenlast des Bruders, 15000 Rubel und dessen unversorgter Familie zurück.«