Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 19

Chapter 193,370 wordsPublic domain

Auch seinen Mitarbeiter Strachow, der sich anfangs gleichfalls vornehm vom Journalismus fernehielt, hatte Dostojewsky zu bekämpfen. N. Strachow erzählt uns darüber folgendes: »Ich trat erst später in die belletristische Richtung ein, denn ich hatte mich anfangs zu einem wissenschaftlichen Berufe vorbereitet, darum blickte auch ich mit scheelem Auge auf die Journalistik und brachte ihr einigen Hochmut entgegen. Auf jede Weise trachtete ich der Vielschreiberei zu entgehen und bemühte mich, meine Artikel vollkommen auszuarbeiten. Diese Bestrebungen riefen gewöhnlich Theodor Michailowitschs Spott hervor: »Sie sorgen immer für eine >Vollständige Ausgabe< Ihrer Werke« -- sagte er. -- »Aber es wird ja niemals eine solche Ausgabe erscheinen«, antwortete ich. Allein ich wurde bald in die Litteratur hineingezogen und begann ihre Interessen mit grösserer Wärme ans Herz zu schliessen.« -- »Wie immer dies nun sein möge«, fährt N. Strachow weiter fort, »das Resultat von Dostojewskys litterarischen Beziehungen ist bekannt. Am Ende seiner Laufbahn, als er sich schon als vollständiger Slavophile bekannte, war er imstande, sich über unsere Intelligenz und ihre Bestrebungen fast mit einer ebensolchen Bitterkeit auszusprechen, als die gewesen, die ihn in den Blättern des »Denj« (Tag) so sehr beleidigt hatte. Was aber seine Vorliebe für die feuilletonistische Form der Zeitschriften betrifft, so ist sie bei ihm niemals ganz verschwunden. Er zwang sich sogar manchmal, um des allgemeinen Nutzens willen dazu, ein Feuilletonist und ein Schnellschreiber zu sein. Mit den Jahren jedoch wurde seine Art zu schreiben immer strenger; ja, auch früher schon konnte man in seinen Feuilletons nicht wenige Seiten finden, welche eine künstlerische Kraft und strenge Ausführung zeigten, die weit über die Aufgaben des Feuilletons hinausgingen.«

Wir begegnen also hier abermals einer von jenen Wandlungen tieferer Natur, welche so oft im Leben Dostojewskys vorkommen, von den Gegnern verurteilt, von den Freunden mit mehr oder minder Geschick beschönigt werden. Nach unserer Meinung ist die Verurteilung nicht zutreffend, die Beschönigung überflüssig. Die Verurteilung ist nicht zutreffend, weil es zu oberflächlich ist, das Resultat, welches sich am Zielpunkt einer ernsten Entwickelung ergiebt, einfach als Gegensatz des Ausgangspunktes hinzustellen. Die Beschönigung aber ist überflüssig, weil Dostojewskys Wandlungen und Wendungen nicht in den engen Kräfte-Komplex gezwängt werden dürfen, die man gemeinhin »Festigkeit«, »Charakter« nennt. Was ihn trieb, seine weiten, unberechenbaren Bahnen um ein unsichtbares Zentrum zu durchlaufen, war jene Kraft, die jedes Urphänomen in sich trägt und die meist erst, wenn die Bahn durchlaufen ist, von Logikern und Moralisten rückblickend begriffen wird. -- Dostojewskys Lebensweise entsprach ganz und gar seiner Arbeitsmethode, und es wäre schwer zu sagen, welche von der anderen bedingt war. »Dostojewsky schrieb fast ausschliesslich bei Nacht«, erzählt Strachow und es bestätigt dies seine Witwe. »Um 12 Uhr, wenn alles sich zur Ruhe begeben hatte, blieb er allein mit seinem Samovar, und während er einen kühlen, nicht allzustarken Thee schlürfte, schrieb er bis 5 oder 6 Uhr morgens. Er stand um 2, auch 3 Uhr nach Mittag auf und der Tag verging mit dem Empfang von Gästen, Spaziergängen und Besuchen bei Freunden.«

Der Akt des Schreibens war Dostojewsky eigentlich ein sehr unangenehmer. Er schildert in dem Roman »Erniedrigte und Beleidigte« seinen eigenen Zustand, wenn er Iwan Petrowitsch die Worte in den Mund legt: »Es ist mir immer angenehmer gewesen, meine Werke in mir herumzutragen, darüber nachzusinnen, wie ich sie schreiben werde, als sie in der That niederzuschreiben, und doch war es nicht Faulheit. Was war es also?«

Strachow antwortet darauf sehr richtig: »Es war die Überfülle geistigen Schaffens, die in ihm brodelte, für die das Niederschreiben eine Unterbrechung war«. »Dennoch phantasierte Theodor Michailowitsch oft davon« -- schliesst Strachow -- »was für wunderschöne Dinge er ausarbeiten könnte, wenn er die nötige Musse dazu hätte. Übrigens waren, wie er selbst erzählt, die besten Seiten seiner Werke in einem Zug ohne Umarbeitung entstanden -- allerdings als Folge innerlich schon ausgetragener Ideen.«

Mitten in dieser fieberhaften, alle seine Kräfte intellektuell und materiell anspannenden Doppelthätigkeit des Schriftstellers und Wahrheits-Apostels einerseits, des praktischen Redakteurs andererseits, muss man sich den Dichter einer Krankheit unterworfen denken, die sich durch die Aufregungen seines Berufes und seines häuslichen Lebens nur steigerte, ihn oft heimsuchte und immer eine mehrtägige Gedächtnisschwäche und Arbeitsunfähigkeit zurückliess. Über die Art, wie seine Krankheit auftrat, hat er uns im »Idiot« eine genaue Schilderung gegeben. Sie ist sehr merkwürdig und widerspricht eigentlich dem, was wir sonst von den Erscheinungen vor und nach einem epileptischen Anfalle gehört oder gesehen haben. Strachow erzählt uns als Augenzeuge eines solchen Anfalles darüber Folgendes:

»Die Anfälle seiner Krankheit ereigneten sich ungefähr einmal im Monat -- das war der gewöhnliche Verlauf. Allein manchmal, obwohl sehr selten, waren sie häufiger; es kamen sogar zwei Anfälle in einer Woche vor. Im Ausland, das heisst bei grösserer Ruhe, aber auch infolge des günstigeren Klimas, kam es vor, dass vier Monate ohne einen Anfall vergingen. Er hatte immer ein Vorgefühl des Anfalles, es konnte dies indessen auch täuschen. Im Roman »Der Idiot« ist eine ausführliche Beschreibung der Empfindungen, welche der Kranke in solchem Falle durchmacht. Ich selbst war zufällig einmal Zeuge, wie ein Anfall gewöhnlicher Stärke Theodor Michailowitsch überraschte. Es war wahrscheinlich im Jahre 1863, gerade am Char-Samstag. Er kam spät, um 11 Uhr abends, zu mir, und wir gerieten in ein sehr lebhaftes Gespräch. Ich kann mich des Gesprächsthemas nicht erinnern, aber ich weiss, dass es ein sehr wichtiges und abstraktes Thema war. Theodor Michailowitsch ging in gehobener Stimmung in der Stube auf und ab, ich aber sass am Tische. Er sprach über irgend etwas Hohes und Freudiges. Als ich seinem Gedanken mit einer Bemerkung zustimmte, wendete er mir sein begeistertes Gesicht zu, worin sich zeigte, dass seine Entzückung den höchsten Grad erreicht hatte. Er blieb einen Augenblick stehen, gleichsam Worte für seine Gedanken suchend, und öffnete schon den Mund. Ich sah ihn mit gespannter Aufmerksamkeit an, im Gefühle, dass er etwas Aussergewöhnliches sagen, dass ich eine Offenbarung hören würde. Plötzlich entrang sich seinem Munde ein seltsamer, langgezogener, unartikulierter Laut, und er sank bewusstlos mitten im Zimmer auf den Boden. Der Anfall war diesmal nicht stark. Der ganze Körper streckte sich nur krampfhaft aus und in den Mundwinkeln zeigte sich Schaum. Nach einer halben Stunde kam er zu sich, und ich begleitete ihn zu Fuss nach Hause, da es nicht weit dahin war. Oft hatte mir Theodor Michailowitsch erzählt, dass er vor den Anfällen Minuten eines entzückten Zustandes habe. »Für einige Augenblicke« -- sagt er -- »empfinde ich ein solches Glück, wie es in einem gewöhnlichen Zustande nicht möglich ist und wovon andere keine Vorstellung haben können. Ich fühle in mir und in der Welt eine vollständige Harmonie, und dieses Gefühl ist so süss und so stark, dass man für einige Sekunden solcher Seligkeit zehn Jahre seines Lebens, ja meinetwegen das ganze Leben hingeben könnte.[20]«

[Fußnote 20: Hier wird es am Platze sein, der Studie zu erwähnen, welche der bekannte Psychiater Dr. M. Tschiz im Jahre 1885 unter dem Titel »Dostojewsky als Psychopathologe« in Moskau publizierte. Es ist für uns sehr wichtig, gerade aus dem Munde eines bedeutenden Fachmannes eine Belehrung darüber zu empfangen, wie sehr Dostojewskys Lucidität in pathologischen Dingen einerseits durch seine eigenen Krankheits-Erscheinungen erhöht wurde, anderseits aber durch die Fülle seiner psychologischen Beobachtungen und Erfahrungen eine Klarheit und Bestimmtheit gewann, welche Krankhaftigkeit geradezu ausschliesst. Nachdem Tschiz den Beweis erbracht hat, dass Dostojewsky in den 25 pathologischen Wesen, welche in seinen Romanen vorkommen, die mannichfaltigsten Nuancen mit der feinsten Beobachtung ausgestattet und nirgends einen Strich verzeichnet hat, wobei die Hallucinierenden und Epileptiker vom Dichter als einem »Kompetenten« behandelt werden, fügt er folgendes hinzu: »Gewiss hat Dostojewskys eigene Krankheit ihm vieles über die krankhaften Zustände der Seele erklärt, und vieles konnte er aus der Selbstbeobachtung schöpfen, doch ist es heute dem Arzt, schon aus Achtung vor seiner Persönlichkeit und seinen Leiden, nicht gestattet, vieles darüber zu sagen. Hier aber trifft ganz besonders zu, was Dostojewsky selbst sagte: »Nicht auf den Gegenstand kommt es an, sondern auf das Auge: ist das Auge da, so findet sich auch der Gegenstand. Habt Ihr kein Auge, seid Ihr blind, so werdet ihr in keiner Sache irgend etwas herausfinden. O, das Auge ist eine wichtige Sache, was für das eine ein Poëm, das ist fürs andere eine Wolke«.«

Diese letzte Anführung Tschiz' erhält ihre Bekräftigung an jener Stelle, wo er, die Gestalten Iwan Karamasows und Raskolnikows definierend, das Axiom von »Genie und Wahnsinn« mit folgenden Worten widerlegt: »Der bekannte Satz, dass Genie und Wahnsinn ein und dasselbe sei, ist auch nicht mehr als ein Paradoxon. Es ist begreiflich, dass auch ein genialer Mensch psychisch krank sein kann, allein Wahnsinn wird immer ein Hemmschuh für sein Genie sein. Das Genie ist der strikte Gegensatz des Wahnsinns: das Genie erfasst die Gegenstände tiefer, von viel mehr Seiten als der gewöhnliche Verstand; der psychisch Kranke sieht entweder weniger als der Gesunde oder er kann im besten Falle etwas nur einseitig -- und darum eben falsch -- begreifen«.

Nun ist ja dem berühmten Psychiater nichts ferner gelegen, als diese Definition von Genie und Wahnsinn auf Dostojewsky selbst anzuwenden, so klar ihm auch das Krankheitsbild des Dichters vor Augen steht. Zur Zeit, da diese Studie geschrieben wurde und die Mitwelt noch unter dem Eindrucke von Dostojewskys Genius stand, würde es weder einem Laien noch einem Fachmann eingefallen sein, des Dichters schöpferische Phantasie mit seiner Krankheit in irgend eine Verbindung zu bringen. Heute aber und in unserem europäischen Milieu, wo die Anschauung allmählich Platz gegriffen hat, dass Dostojewskys Schöpfungen zum grossen Teil aus seiner Krankhaftigkeit zu erklären seien, heute kann man es nicht genug betonen, wie irrig diese Anschauung ist, und wie sie, im Licht der Wissenschaft betrachtet, in nichts zerrinnt.]

Eine Folge seiner epileptischen Anfälle war die, dass er manchmal zufällig beim Fallen heftig an etwas stiess. Selten zeigte sich Röte im Gesicht, manchmal Flecken. Die Hauptsache aber war, dass der Kranke das Gedächtnis verlor und sich zwei oder drei Tage danach vollkommen zerschlagen fühlte. Seine Seelenstimmung war dann auch eine sehr gedrückte; er konnte seiner Schwermut und Reizbarkeit kaum Herr werden. Der Charakter dieser Schwermut bestand nach seinen Worten darin, dass er sich als ein Verbrecher fühlte; es schien ihm, als drücke ihn eine unbekannte Schuld, eine grosse Missethat nieder.«

Welche Kraft mochte dazu gehören, solche Zustände zu überwinden, und trotz des geschwächten Gedächtnisses in wenigen Nächten zwei bis drei Druckbogen fertig zu stellen! Wenn es noch eines Beweises seiner Kraft bedürfte, so wäre es die rastlose Thätigkeit, welche der Dichter nun, seit Beginn der publizistischen Arbeit, bei der Erfassung und Beleuchtung der brennenden Tagesfragen entfaltete.

Wir lassen hier die Namen der vier, von ihm von 1861 bis 1881, seinem Todesjahre, redigierten Zeitschriften folgen: die »Wremja« wurde, wie oben gesagt, im Jahre 1861 gegründet und erschien vom Januar dieses Jahres bis inkl. April 1863. Auf die Ursachen der Auflösung dieses Redaktions-Verbandes werden wir sofort zu sprechen kommen. In dieser Monatsschrift erschienen, wie schon erwähnt, als Feuilleton-Roman »Die Erniedrigten und Beleidigten«, ferner eine Reihe von Artikeln über Kunst, wovon wir oben sprachen. Zu Anfang des Jahres 1864 wurde die Arbeit wieder aufgenommen mit einer Ankündigung, die wir weiter unten zu bringen uns ebenfalls nicht versagen können. Diese Monatsschrift erschien auch nur kurze Zeit, d. h. bis inkl. Februar 1865. Zwischen 1865 und 1872 fällt ein langer Aufenthalt in Deutschland und Italien, der Tod des Bruders, Schuldenlast, böse Zeiten überhaupt, über die uns manche seiner Briefe betrübenden Aufschluss geben. Im Jahre 1873 endlich übernimmt Dostojewsky die Redaktion des vom Fürsten Meschtschersky gegründeten »Grashdanin«, dessen Feuilleton er zumeist selbst unter dem Titel »Tagebuch eines Schriftstellers« besorgt. Später, im Jahre 1876, gründet er neben dem Grashdanin eine selbständige Monatsschrift unter dem gleichen Titel »Tagebuch eines Schriftstellers«, die zwei volle Jahrgänge 1876 und 1877 durchlaufen hat, wovon aber, offenbar aus Mangel an Subskribenten und Geld, später nur im August 1880 und im Januar 1881 unmittelbar nach des Dichters Tode je eine Nummer erschien. In der Gesamtausgabe seiner Werke sind die Aufsätze aus dem Grashdanin vom Jahre 1873, sowie die Jahrgänge von 1876 und 1877 in drei Bänden erschienen, wobei im letzten auch die zwei Nummern aus den Jahren 1880 und 1881 Aufnahme gefunden haben. Der Erfolg der neuen Monatsschrift scheint gleich anfangs ein sehr grosser gewesen zu sein. Sie hatte im ersten Jahre 2300, im zweiten Jahre 4302 Abonnenten. Dieser Erfolg dürfte dem Umstand zuzuschreiben sein, dass so vortreffliche Kräfte wie Njekrassow, Ostrowsky, Schtschedrin ausser Grigorjew, Strachow und den Brüdern Dostojewsky an der Arbeit teilnahmen.

Indessen scheint doch das Hauptgewicht auf der Belletristik geruht zu haben und Theodor Michailowitschs Bestrebungen im eigentlichen Bereich seiner volklich-religiösen Mission entweder nicht genug betont, oder vom Publikum nicht genug herausgefühlt und von den Slavophilen reinsten Wassers nicht anerkannt worden zu sein; sonst hätte unmöglich jenes Missverständnis entstehen können, das schliesslich zum Verbot der Monatsschrift und zu jenen Streitschriften führte, als deren eine ein Brief J. S. Aksakows zu bezeichnend ist, um nicht im weiteren Verlauf unserer Aufzeichnungen Platz zu finden. Die ganze Sache, welche so wichtige Folgen für das Blatt und die Verhältnisse der Brüder Dostojewsky haben sollte, entstand durch einen Artikel N. Strachows über den polnischen Aufstand zu Beginn des Jahres 1863. Wir müssen hier einiges über die ehrliche und freundschaftliche Beziehung vorausschicken, welche Dostojewsky mit Strachow verband und später das volle Eintreten des Dichters für Strachows Arbeit zur Folge hatte, trotzdem er gleich anfangs eine gewisse litterarische Unzufriedenheit über dessen Abstraktheit und Unverständlichkeit dem Autor gegenüber angedeutet hatte. Was Strachow über ihre Beziehungen sagt ist bezeichnend: »Unsere damalige Freundschaft« -- sagt er (Materialien p. 224) -- »war, obwohl sie vornehmlich einen intellektuellen Charakter hatte, damals doch eine sehr enge. Das Einander-Nahestehen der Menschen hängt von ihrer beiderseitigen Natur ab und überschreitet auch bei den günstigsten Bedingungen nicht ein gewisses Mass. Jeder von uns zieht gleichsam eine Kreislinie um sich herum, über die hinweg er niemanden zulässt, oder besser gesagt, niemanden zulassen kann. So fand unsere Annäherung ein Hindernis in unseren beiderseitigen seelischen Eigenschaften, wobei ich mir durchaus nicht den geringsten Teil dieses Hindernisses zusprechen will. Über Theodor Michailowitsch kamen manchmal Augenblicke des Misstrauens, dann sagte er argwöhnisch: »Strachow hat niemand, mit dem er reden könnte, darum hält er sich an mich.« Diese vorübergehenden Zweifel bezeugen nur, wie fest wir im allgemeinen auf unser gegenseitiges Verhältnis vertrauten. Wenn Theodor Michailowitsch einen Anfall von Epilepsie hatte, befand er sich, wieder zur Besinnung gekommen, in einem unerträglichen seelischen Zustande. Alles reizte und schreckte ihn, und er litt unter der Gegenwart der allernächsten Freunde. Dann pflegten sein Bruder oder seine Gattin nach mir zu schicken -- in meiner Gesellschaft wurde ihm leichter, und so er erholte sich nach und nach.« »Indem ich mich daran erinnere« -- fährt Strachow fort -- »so erneuere ich in meinem Gedächtnisse einige meiner besten Empfindungen und denke, dass ich damals ein besserer Mensch war, als heute.«

Im Juni 1862 jedoch, ehe noch die Dinge Gestalt annahmen, welche dem Blatte ein jähes Ende bereiten sollten, konnte Theodor Michailowitsch, dem die Ärzte eine Reise ins Ausland wiederholt anrieten, das Redaktions-Bureau für einige Zeit verlassen. So finden wir ihn auf einem Ausfluge nach Paris, London, abermals Paris, Köln, Düsseldorf, Mainz, Basel und Genf, wo er mit Strachow zusammentrifft. Von dort gingen sie gemeinsam nach Luzern, dann über den Mont-Cenis nach Turin und Genua, wo sie sich nach Livorno einschifften, um dann mittels Eisenbahn nach Florenz zu gelangen. Spuren dieser ersten Reise finden wir nur in einem Briefe an Strachow, wo der Dichter in heller Begeisterung für das Bevorstehende dem Freunde zuredet, sich ihm anzuschliessen, ferner in den Aufzeichnungen Strachows und in einem Aufsatze des Dichters, worin er seiner Galle über Paris und die Franzosen Luft macht und der unter dem Titel: »Winterliche Betrachtungen über sommerliche Eindrücke« im dritten Bande seiner Gesamtwerke enthalten ist. In jenem Briefe drückt sich der Dichter, er, dessen Kenntnis europäischer Litteratur fast ausschliesslich aus französischen Quellen geschöpft war, der begeisterte Verehrer Balzacs und Jünger der George Sand, über die Franzosen in natura folgendermassen aus: »Der Franzose ist still, ehrenhaft, höflich, aber falsch; und das Geld ist bei ihm alles.« (In gallig-humoristischer Weise finden wir diese Beobachtung im oben erwähnten Aufsatz illustriert und müssen dabei der Romane Balzacs, dieses umfassenden Genies und tiefen Menschenkenners denken, wo die Tugend zuletzt doch zu ihren 40-50000 Frs. Rente kommt.) »Ideale keine. Nicht nur Überzeugungen, sondern Überlegung darf man gar nicht verlangen. Das Niveau der allgemeinen Bildung ist äusserst niedrig. (Ich spreche hier nicht von den beeideten Gelehrten. Aber auch diese sind nicht zahlreich, und übrigens ist dann Gelehrtheit auch Bildung in dem Sinne, wie wir gewohnt sind, dieses Wort zu verstehen?)« -- Weiter fährt er fort: »Noch eins, mein Täubchen Nikolaj; Sie glauben nicht, wie hier die Seele von Einsamkeit erfasst wird! Ein schweres, beängstigendes Gefühl.« -- »Freilich -- fährt er fort -- war mir im Auslande bis heute alles ungünstig; schlechtes Wetter und das, dass ich noch immer im Norden Europas herumkugelte und von den Wundern der Natur erst den Rhein gesehen habe. (Nikolaj Nikolajewitsch, das ist wirklich ein Wunder!) Was dann weiter sein wird, wenn ich von den Alpen in die Ebene Italiens niedersteige? -- Ach! wären wir doch beisammen! Wir sehen Neapel, spazieren in Rom herum -- liebkosen gar eine junge Venetianerin in der Gondel (He? Nikolaj Nikolajewitsch?). Aber .... »nichts, nichts und Schweigen«, wie im gleichen Fall Poprischtschin sagt.«

Was Strachow über jene Reise Dostojewskys sagt, welcher er sich von Genf aus angeschlossen, ist nicht sehr viel. Er erwähnt Dostojewskys Zusammenkunft mit Herzen in London, worüber der Dichter selbst im Feuilleton des Grashdanin vom Jahre 1873 erzählt, und er meint, dieser habe sich Herzen gegenüber sehr »weich« verhalten, so dass die »winterlichen Betrachtungen« ein wenig unter dem Zeichen dieses Einflusses ständen. Später aber, in den folgenden Jahren, habe Dostojewsky oft seinen Unwillen darüber geäussert, dass Herzen nicht imstande sei, den Geist des russischen Volkes zu begreifen und die Merkmale seines eigensten Wesens zu würdigen. »Der Aufklärungshochmut, die verachtende Geringschätzung Herzens empörten Dostojewsky, der sie sogar in Gribojedow, dem Verfasser des Stückes: »Wehe dem Gescheidten«, gerade so verurteilte, wie in unseren Revolutionären und kleinlichen Denunzianten.« Was Strachow über ihr Zusammensein in Italien erzählt, bestätigt nur, was wir aus des Dichters späteren Dresdener Briefen erfahren, nämlich, dass er nicht nur die gewöhnliche, »offizielle Art, verschiedene merkwürdige Punkte mit einem Führer zu besichtigen, verachtete,« sondern sich überhaupt weder um die Natur noch um die Kunstschätze eines Ortes kümmerte, sondern immer nur dahin ging, wo es am lebhaftesten war und möglichst viele Menschen aller Kategorien und Klassen zu finden waren. Sie waren einmal zusammen in die Uffizien gegangen; da sie aber nicht nach einem ausgearbeiteten Plan vorgingen, der sie schnell zu den Meisterwerken geführt hätte, so war Theodor Michailowitsch schon sehr bald so gelangweilt, dass sie wieder fort gingen, ohne bis zur medicäischen Venus gelangt zu sein. Dafür waren ihre Spaziergänge in volkreichen Teilen der Stadt und ihrer Umgebung, obwohl sie auch hier nicht bis zu den Cascinen kamen, sehr erfreulich, sowie ihre Nachtgespräche bei einem Glase roten Nostranos.

Der so folgenschwere Artikel nun, welchen Strachow anfangs des Jahres 1863 im »Wremja« veröffentlichte, erschien unter dem Titel »Eine verhängnisvolle Frage« und behandelte den polnischen Aufstand, ein Ereignis, über welches die Meinungen noch nicht geklärt, die Parteinahme jedoch schon aufgeregt und die Stimmung sehr gespannt war, ohne dass irgend ein Blatt noch das Wort darüber ergriffen hätte. Es waren allerdings schon vor dem Aufstande Stimmen darüber laut geworden, dass Russland Polen eingenommen habe, wie eine schädliche Medizin, und es wohl am ratsamsten wäre, diese wieder von sich zu geben. Allein seit Beginn des Aufstandes schwieg Alles. In diese Spannung hinein kam Strachows Artikel, der unglücklicherweise so abstrakt gehalten war, dass er von allen Parteien missverstanden wurde. Die Slavophilen verstanden ihn als einen Abfall von der russischen Sache des Volkes; die Regierung in ihrem Fühlorgan der Zensur sah eine Parteinahme für die Polen gegen die Obrigkeit darin, und das Schlimmste war, wie Strachow sagt, dass die Polen und ihre Parteigänger ihn von nun an zu den Ihren zählten, den Artikel abdruckten, sowie ihn auch die Revue des deux mondes brachte: das Missverständnis lag darin, dass Strachow die ältere Kultur der Polen hervorhob, die sie über das urwüchsige russische Volkstum hinwegsehen und hinwegstreben mache. Dass aber diese Kultur eine ewig edelmännische, volksfeindliche gewesen sei und es bleiben werde und müsse, hatte der Autor so theoretisch und objektiv hingestellt, dass nur die wenigsten es verstanden, den schweren Anwurf gegen die Polen zu finden, der darin lag, und die tiefe Kluft zu sehen, die für immer unüberbrückbar zwischen diesem Volke ritterlicher Vergangenheit und jenem gähnt, dessen ganze Entwickelung auf den Elementen des Volkslebens sich langsam aufbaut.