Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 18

Chapter 183,394 wordsPublic domain

»Ich weiss wirklich nicht, wie die Bewohner Lissabons ihren Merkur aufnehmen würden, aber mir scheint, ihren Poeten würden sie öffentlich auf dem Marktplatze justifizieren. Durchaus nicht darum, weil er ein Gedicht ohne Zeitwort geschrieben hat, sondern weil man gestern statt der Nachtigallentriller unter der Erde solche Triller gehört hatte, und das »Wiegen« des Baches in einem Augenblicke solchen Wiegens der ganzen Stadt auftrat, dass die armen Leute nicht nur durchaus keine Lust verspürten, die »Rosenglut im Wolkenschleier« oder das »Bernsteinlicht« zu betrachten, sondern dass ihnen die Handlungsweise des Dichters allzu beleidigend und unbrüderlich erscheinen musste, der in einem solchen Augenblicke ihres Lebens so amüsante Dinge zu singen wusste. -- Bemerken wir übrigens folgendes: Nehmen wir an, die Bewohner Lissabons hätten ihren Dichter hingerichtet, aber das Gedicht, das sie alle so erzürnte (sei's auch von Rosenglut und Bernsteinlicht), konnte doch seiner künstlerischen Vollendung nach herrlich sein. Ja noch mehr, den Dichter haben sie hingerichtet, aber nach 30, nach 50 Jahren errichten sie ihm auf dem Marktplatze ein Standbild zu Ehren seiner bewunderungswürdigen Verse im allgemeinen und der »Rosenglut« im besonderen. Es zeigt sich, dass nicht die Kunst schuldig geworden ist an dem Tage des Erdbebens. Das Gedicht, für das sie den Dichter justifizierten, hatte möglicherweise als ein Denkmal der Poesie und Sprache den Lissabonensern sogar einen nicht geringen Nutzen gebracht, indem es ihnen später Entzücken, sowie tiefes Schönheitsgefühl hervorrief und sich als ein erquickender Tau auf die Seele der jungen Generation niedersenkte. Folglich war nicht die Kunst schuldig, sondern der Dichter, welcher die Kunst in einem Augenblicke missbräuchlich anwendete, da es nicht an der Zeit war. Er sang und jubilierte an einer Totenbahre -- -- das war natürlich arg und ausserordentlich dumm seinerseits, aber immer war eben er schuldig und nicht die Kunst ist es gewesen.«

Dass ihm aber die ästhetische Gestaltung des Kunstwerks sehr am Herzen liegt, ja eigentlich sein Herzblatt ist, zeigt er uns auch auf andere Weise als durch das auserlesene Befürworten der gegnerischen Anschauung. Er spricht sich sehr entschieden darüber aus, in welcher Weise der Mangel an Kunst der besten Idee schaden könne, und dass die hohe künstlerische Vollendung, etwa der Iliade, auch nach Jahrtausenden niemals die Wirkung versage.

Für die Beweisführung gegen die grobe Tendenzaufbauschung holt er sich ein sehr angesehenes Opfer, den bekannten und in jenen Tagen vielbewunderten Kritiker N. A. Dobroljubow, herbei und füllt mehrere Bogen seiner Tagebücher mit der eingehenden Kritik seiner Kritik.

Diese Gegenkritiken hier wiederzugeben, hiesse etwa den Leser in einen Raum führen, wo gegenüberstehende Spiegel eine endlose Reihe von Reflexen erzeugen. Wir halten uns aber an das, worauf es hier ankommt -- das Volkswohl und die Art, es auf dem Wege des Schrifttums zu fördern.

Es handelt sich um die Erzählung »Mascha« der kleinrussischen Schriftstellerin Markowitsch, welche unter dem Pseudonym Marko Wowtschók zwei Bände Volkserzählungen im kleinrussischen und im grossrussischen Dialekt geschrieben hat; Turgenjew hat die ersteren in das Grossrussische übersetzt. Die Dichterin behandelt in den Erzählungen hauptsächlich das so oft erörterte Verhältnis der Leibeigenen zu ihrer Herrschaft. »Mascha« ist ein junges Bauernmädchen, das sich auf alle Weise der ihr von der Gutsherrin auferlegten Arbeit widersetzt und nur »frei« arbeiten will. Schon in ihrer frühesten Kindheit hat sie immer nach den Gründen jedes Befehls gefragt, hat die Gutsfrau nicht grüssen wollen und sich bei ihrem Erscheinen versteckt. Später hat sie allen Vorstellungen ihrer Muhme, die sie und ihren Bruder als Waisen aufgezogen hatte, immer die Frage entgegengesetzt: und wer steht für uns ein, wo ist unser Recht? Später will sie weder spinnen, noch im Garten jäten, und als ihr die Herrin einmal selbst die Sichel in die Hand drückt und sagt: »Da, schneide das Gras hier« -- schneidet sie sich sofort in die Hand; die Gutsherrin, »die noch obendrein nicht von der schlimmen Gattung, sondern liberal ist«, verbindet dem Mädchen die blutende Hand mit dem eigenen Taschentuche, das dieses aber zu Hause sofort zornig von der Wunde reisst und in den fernsten Winkel der Stube wirft. Endlich geht das Mädchen nicht mehr am Tage aus der Hütte, damit man ihrer »Krankheit« Glauben schenke -- wandert nur Nächte lang im Hausgärtchen umher, isst nicht, spricht nicht und »schmilzt vor den Augen der Muhme zusammen«. Da kommt eines Tages der Bruder heim und verkündet die Nachricht, dass die Gutsfrau ihnen gestattet habe, sich freizukaufen. Das Mädchen stürzt sich mit einem Schrei dem Bruder zu Füssen: »Kaufe uns los,« schreit sie, »verkaufe alles und kaufe uns los, ich will alles durch freie Arbeit heimzahlen!« Er verkauft alles, und die Heroine ist gerettet.

Hier stellt Dostojewsky das Falsche einer Kritik ans Licht, welche ein Kunstwerk darum preist, weil man darin ganz gescheit über Selbstverständliches spreche, während es doch nichts unwahreres, puppenhafteres und weniger russisches geben könne, als dieses Bauernmädchen, das da über Freiheit und Menschenrechte deklamiere und »unbewusst heroisch« werde. Der Dichter greift nun diese unkünstlerische Art der polemischen Litteratur -- »womit Ihr Euch nur selbst schadet, meine Herren« -- auf das heftigste an und stellt dem vermeintlichen Nutzen eines solchen Eintagsmachwerks bei allem Talent, das er dem Autor (man wusste damals offenbar noch nicht, dass dies eine Frau sei) und dem Kritiker zuspricht, die unsterbliche Wirkung der Antike entgegen.

Hier kehrt Dostojewsky zu seinem früheren Ausspruch zurück, den er als Argument der Künstler gegen die Utilitaristen ins Feld geführt hatte. »In der That,« heisst es da, »wenn man auch die Kunst nur von einem Standpunkte, dem des Nutzens, betrachten wollte, so ist uns ja der normale, historische Gang des Nutzens, den die Kunst der Menschheit gebracht hat, noch gar nicht bekannt. Es wäre schwer, die ganze Masse von Nutzen zu berechnen, welche z. B. die Ilias oder der Apollo von Belvedere der Menschheit gebracht hat und heute noch bringt, Dinge, die unserer Zeit offenbar durchaus nicht nötig sind. Seht, es hätte z. B. irgend einer, als er noch ein Jüngling war, in jenen Tagen, da noch »des Daseins Bilder frisch und neu«, einmal den Apollo von Belvedere angesehen, und das erhabene und unendlich schöne Bild des Gottes hätte sich unwiderstehlich seiner Seele eingeprägt. Dies scheint ein leeres Faktum zu sein: er hat sich zwei Minuten an der Statue erfreut und ist darauf fortgegangen. Allein dieses Sicherfreuen hat ja keine Ähnlichkeit mit der Bewunderung z. B. einer schönen Damentoilette! »Dieser Marmor ist ja ein Gott« -- Ihr möget so viel Ihr wollt die Nase rümpfen, seine Gottheit nehmt Ihr ihm nicht. Man hat versucht, sie ihm zu nehmen, doch ist nichts dabei herausgekommen. Und darum war wohl der Eindruck, den der Jüngling empfing, ein heisser, einer, der die Nerven erschütterte, der die Haut kalt überrieselte; ja -- wer weiss es denn! vielleicht geht im Menschen bei solchem Empfinden einer hohen Schönheit, bei solcher Nervenerschütterung irgend eine innere Veränderung, irgend ein Umsatz der Moleküle, irgend eine galvanische Strömung vor sich, welche in einer Sekunde das Vorhandene zu einem anderen, ein Stück Eisen zum Magnete macht. Es giebt freilich eine grosse Menge von Eindrücken auf der Welt, allein dieser besondere Eindruck eines Gottes, der geht wohl nicht spurlos vorüber. Nicht vergebens bleiben denn auch solche Eindrücke fürs Leben. Und, wer weiss: als dieser Jüngling etwa zwanzig, dreissig Jahre nachher, bei irgend einem grossen Ereignisse des öffentlichen Lebens, sich als einer von dessen Hauptfaktoren nach der einen und nicht nach der anderen Richtung hervorthat, kann es leicht sein, dass in der Masse der Ursachen, welche ihn veranlassten, so und nicht anders zu handeln, ihm ganz unbewusst auch der Eindruck enthalten war, den er zwanzig Jahre vorher vom Bildnis des Apoll von Belvedere empfangen hatte usw.«

Die weiteren Aufsätze in der »Wremja« enthalten, wie gesagt, schon deutlicher die ersten Anklänge jenes Glaubensbekenntnisses, das Dostojewsky sein Leben lang erfüllte und das, wie wir wissen, in der Puschkin-Rede seinen scharf umschriebenen und klarsten Ausdruck fand.

Den belletristischen Teil des Blattes suchten die Brüder so leicht und so amüsant als möglich zu gestalten. Es lag ihnen, wie Strachow erläutert, damals ganz besonders daran, ihren national-politischen Überzeugungen, welche sich damals noch vom reinen Slavophilentum abtrennten, so rasch als möglich einen grossen Leserkreis zu verschaffen, um allen etwaigen Missverständnissen in dieser Richtung von vornherein entgegenzutreten oder da, wo sich noch keine Meinung gebildet hatte, die ihrige einzusetzen. Einen breiten Boden aber konnten sie nur gewinnen, indem sie in ihrem Unterhaltungsblatt die weitesten Konzessionen dem leichten Geschmack des Romane lesenden Publikums machten und Erzählungen brachten, wie: »Johann Casanovas Flucht aus den Bleidächern Venedigs«, »Der Prozess Lassenare« usw. Einer ihrer bedeutendsten Mitarbeiter, Apollon Grigorjew, der sich namentlich durch die Schärfe und Tiefe seiner kritischen Studien einen Namen gemacht hatte, der aber nur von wenigen ernsten Lesern gelesen wurde, war mit dieser Führung nicht zufrieden und warf, als in der Folge auch Theodor Michailowitsch Feuilleton-Romane für die »Wremja« schrieb, dem Hauptredakteur Michail Dostojewsky vor, er lasse den Bruder wie ein Postpferd für das Blatt arbeiten, was diesen sicherlich an seiner Gesundheit und an seinem Talent schädigen müsse.

Einige Jahre später, im Jahre 1864, nimmt Theodor M. Dostojewsky diesen Streit auf und veröffentlicht in der später gegründeten »Epoche« eine Entkräftung dieser Anschuldigung, die wir hier vorbringen:

»Erstens können die (angeführten) Worte Grigorjews auf keine Weise als Vorwurf gegen meinen Bruder gekehrt werden, welcher mich liebte, mich als Schriftsteller nur allzu parteiisch hochschätzte und sich über mir gewordene Erfolge noch bedeutend mehr freute, als ich selbst. Dieser edelste Mensch war nicht imstande, mich wie ein Postpferd in seinem Journal zu verwenden. Offenbar handelt es sich in diesem Briefe Grigorjews um meinen Roman »Erniedrigte und Beleidigte«, welcher damals im »Wremja« gedruckt wurde. Wenn ich einen Feuilleton-Roman geschrieben habe (was ich vollkommen zugestehe), so bin ich allein, ich ganz allein daran schuld. So habe ich mein ganzes Leben lang geschrieben, so -- habe ich alles geschrieben, was von mir publiziert worden ist, mit Ausnahme der Erzählung »Arme Leute« und einiger Kapitel der »Memoiren aus einem Totenhause«.« (Wir müssen hier den »Kleinen Held« anfügen, von dem wir ja wissen, dass er in der Petersburger Festungshaft _vor_ dem Todesurteil geschrieben wurde und aus diesem Umstand so »unschuldig« ausfiel.) »Es hat sich in meinem litterarischen Leben sehr oft ereignet, dass der Anfang eines Kapitels von einem Roman oder einer Erzählung schon in der Druckerei und schon gesetzt war, während das Ende desselben noch in meinem Kopfe sass, aber unbedingt bis morgen geschrieben sein musste. Gewohnt so zu arbeiten, that ich das Gleiche mit den »Erniedrigten und Beleidigten«, allein durchaus ohne von irgend jemand dazu gedrängt worden zu sein, aus eigenem Willen. Die erst gegründete Zeitschrift, deren Erfolg mir über alles teuer war, brauchte einen Roman, und ich bot ihr einen Roman in vier Teilen an. Ich selbst versicherte dem Bruder, dass der ganze Plan dazu schon lange in mir fertig sei (was nicht der Fall war), dass es mir leicht sein werde, zu schreiben, der erste Teil schon geschrieben sei usw. Hier habe ich nicht um des Geldes willen gehandelt. Ich gestehe vollkommen ein, dass in meinem Roman viele Gliederpuppen statt Menschen vorkommen[18], dass wandelnde Bücher[18] finden sind und nicht Personen, welchen künstlerische Gestaltung geworden ist (wozu allerdings Zeit und Ausprägung der Idee im Geist und in der Seele erforderlich sind). Zur Zeit, als ich schrieb, erkannte ich das im Arbeitsfeuereifer nicht, ahnte es höchstens. Allein, was ich wirklich wusste, als ich zu schreiben anfing, war dies: 1. dass, wenn der Roman auch nicht gelingt, er Poesie haben würde, 2. dass zwei bis drei heisse, kraftvolle Stellen darin sein werden, 3. dass die zwei ernsthaftesten Charaktere darin vollkommen wahr und sogar künstlerisch dargestellt sein werden. Mit dieser Überzeugung begnügte ich mich. Es kam ein rohes Produkt zu Tage, allein es sind etwa ein halbes Hundert Seiten darin, auf welche ich stolz bin. Gewiss, ich trage selbst die Schuld daran, dass ich mein ganzes Leben lang so gearbeitet habe, und ich gebe zu, dass dies sehr schlecht ist aber ... Der Leser möge mir diese schöne Rede über mich selbst und meine »hohe Begabung« verzeihen, sei es nur mit Rücksicht darauf, dass ich jetzt zum erstenmale im Leben selbst über meine Werke etwas gesagt habe[19].«

[Fußnote 18: Anführung von Grigorjews Ausdrücken.]

[Fußnote 19: Der Roman »Erniedrigte und Beleidigte« ist allerdings eines der schwächsten Werke Dostojewskys; dies, wie uns scheinen will, vor allem darum, weil die Grundidee nicht in fester Hand gehalten und sicher durchgeführt ist. Diese Natascha, welche zuerst den Erzählenden, Iwan Petrowitsch, einen armen Schriftsteller, liebt und dann aus dem Elternhause zu dem Sohn des Fürsten Walkowsky, einem unreifen, ja fast schwachsinnigen Jungen von 21 Jahren flieht, welcher sie liebt und nicht liebt, dieser Iwan Petrowitsch, der ihr selbst zur Flucht hilft, später aber Liebes- und Zornesbotschaften zwischen ihr und den Eltern hin und her trägt, diese Eltern, die mit dem Fürsten prozessieren und doch in die Ehe ihrer Tochter mit Aljoscha einwilligen, -- sie alle _wollen_ offenbar erniedrigt und beleidigt sein, sie sind nicht wirkliche Beleidigte -- denn: ein kleiner Druck am Räderwerk des Ganzen, eine logische und vernünftige Schlussfolgerung, ein energisches Halt, und sie sind es nicht und alles wäre anders.

Dostojewskys russische Kritiker haben ihm das Unsinnige und Unwürdige der Gestalt des Erzählers Iwan Petrowitsch ganz besonders übel genommen. Ein Mann, der den Liebesroman seiner Braut mit einem Andern schildert, der darin als helfender Akteur mitwirkt und nicht mit einem Worte verrät, wie ihm dabei zu Mute ist, muss allerdings als eine klägliche Figur erscheinen, ebenso unwürdig im Leben, als unbrauchbar für die Kunst. Nun wissen wir aber heute, dass Dostojewsky in den äusseren Geschicken Iwan Petrowitschs seine eigenen Geschicke, in der Entsagung Iwans seine eigene Entsagung gezeichnet hat; dass ferner dieses bei Hinz und Kunz sicher unwürdige, mindestens befremdliche Vorgehen bei dem eben aus dem Totenhause befreiten, durch das Evangelium und die dort gewonnene Volksdemut zu »seiner Wahrheit« durchgedrungenen Dichter eine viel kompliziertere und tiefere Deutung erheischt. Uns dünkt auch, dass gerade dieser persönlichste Anteil an dem Roman es ist, welcher den Dichter daran hinderte, Iwan Petrowitschs Seelenzustand auch nur anzudeuten, wodurch diese Figur allein hätte künstlerisch gestaltet werden können. Wie dem auch sei, Dostojewsky hat dennoch Recht, wenn er sagt, dass dieser Roman »zwei, drei Stellen enthält, die warm und kraftvoll sind, und ein halbes Hundert Seiten, auf die er stolz sei«.]

In der weiteren Ausführung der Differenzen der »Wremja« mit ihrem Haupt-Mitarbeiter Grigorjew sagt Dostojewsky: »Drittens ist es vollkommen wahr, dass sich in der Zeitschrift in den ersten Jahren ihres Bestandes Schwankungen bemerkbar machten, Schwankungen -- nicht in der Richtung, sondern in der Art ihrer Wirksamkeit. Auch in manchen Überzeugungen hat es Irrtümer gegeben. Allein die Richtung konnte sich nur mit den Jahren formulieren. Eine Richtung haben und sie klar und für alle verständlich formulieren können -- ist zweierlei. Das letztere erreicht man durch Erfahrung, durch die Zeit, das Leben, und es steht in direkter Beziehung zur Entwickelung der Gesellschaft selbst. Eine abstrakte Formel ist nicht immer entsprechend. Wer etwas zu sagen hat, der weiss, wie schwer es oft ist, sich auszusprechen. Fertige Formeln, die man der Routine entlehnt, namentlich solche älteren Datums, d. h. wenn schon alle einen gewissen Begriff von ihnen haben, gelingen weit besser, gefallen der Gesellschaft weit mehr, als Überzeugungen, die ihr noch nicht bekannt sind. Nur solche Ideen sind leicht verständlich, die schon viel herumgetragen wurden. Wir sind aufrichtig bereit, unsere früheren Irrtümer einzugestehen, allein wir haben sie ja damals selbst nicht zu sehen vermocht, gerade deshalb nicht, weil wir auch damals nach unserer festen Überzeugung handelten.«

An anderer Stelle dieser Rechtfertigungsschrift sagt der Dichter: »Ich will noch eine letzte allgemeine Bemerkung machen. Von jenen prächtigen, historischen Briefen (11 Briefe aus Orenburg an Strachow), in welchen auch nicht eine falsche (unaufrichtige) Note erklingt und in welchen sich so typisch, wenn auch immer noch nicht vollständig einer der russischen Hamlets unserer Zeit (ein wirklicher Hamlet) zeichnet -- von diesen herrlichen Briefen sage ich, kann auch heute nicht alles ohne Vorbehalt von der Redaktion der »Epoche« (die nach dem Auseinanderfallen der »Wremja« von Dostojewsky gegründete Monatsschrift, welche von Anfang 1864 bis incl. Februar 1865 bestand) angenommen werden. Ohne Zweifel, jeder litterarische Kritiker muss zugleich auch Dichter sein, dies ist, scheint mir, eine der unentbehrlichsten Bedingungen für einen wirklichen Kritiker. Grigorjew war ein unbestrittener und ein leidenschaftlicher Dichter, aber er war auch launenhaft und heftig wie ein leidenschaftlicher Dichter -- -- -- Grigorjew war, wenn auch ein wirklicher Hamlet, doch, wenn man bei Shakespeares Hamlet beginnt, und bei unseren modernen russischen Hamlets und Hamletchen aufhört, einer jener Hamlets, welche weniger doppellebig sind, als die übrigen, und auch weniger reflektieren als die anderen. Er war unmittelbar Mensch, in vielem sogar ihm selbst unbewusst ein urwüchsiger und knorriger Mensch. Er war vielleicht, als Natur (nicht als Ideal genommen, das versteht sich von selbst), der russischeste Mensch unter allen seinen Zeitgenossen. Daher kam es auch, dass er auch seinen kleinsten Ausbruch in einer allgemeinen Sache in so hohem Grade für organisch und unvermeidlich für die ganze Sache, von ihr für so untrennbar hielt, dass die geringste Nichtbeachtung dieses Ausbruches ihm manchmal schon als ein Zusammenbrechen der ganzen Sache erschien. Und so wie er sich im Leben weniger als andere in zwei teilte, und es nicht verstand, ebenso bequem, wie jeder »Held unserer Tage«, mit der einen Hälfte seines Wesens sich zu grämen und zu quälen, mit der anderen Hälfte aber den Gram und die Qual der ersten Hälfte zu beobachten, zu erkennen und zu beschreiben, manchmal sogar in wunderschönen Versen mit Selbstvergötterung und einer gewissen Feinschmeckerei, so wurde er ganz und gar, durch und durch -- in seinem ganzen Menschen, wenn ich so sagen darf -- von seinem Gram ergriffen. In dieser Stimmung sind auch seine Briefe geschrieben.

»Ich bin Kritiker und nicht Publizist«, hat er mir mehrere Male, sogar kurze Zeit vor seinem Tode, als Antwort auf meine Bemerkungen, selbst gesagt. Allein jeder Kritiker soll auch Publizist sein, in dem Sinne, als es die Pflicht eines jeden Kritikers ist -- nicht nur feste Überzeugungen zu haben, sondern sie auch ausführen zu können. Dieses Vermögen aber, seine Überzeugungen auszuführen, ist die wesentlichste Eigenheit jedes Publizisten.

Ich glaube, dass Grigorjew in keiner Redaktion der Welt ruhig hätte verbleiben können; wenn er aber sein eigenes Journal gehabt hätte, so würde er es selbst fünf Monate nach dessen Gründung zu Grunde gerichtet haben usw.«

Alle diese Ausführungen zeigen den Dichter, wie uns scheint, von einer Seite, welche der Leser seiner belletristischen Werke, sowie der Kenner seiner eigenen Lebensführung nicht bei ihm voraussetzt, wir meinen die, wenn auch nur theoretisch, geschäftsmännische Seite. Es ist wohl nicht die feine Psychologie, welche er in der Beurteilung Grigorjews bekundet, die wir ja an ihm, dem »Realisten des Innern« kennen, was uns hier frappiert, sondern einerseits ganz praktische Forderungen an die Führung einer Zeitschrift, andererseits der Ernst, mit welchem die Thätigkeit der Publizistik von Dostojewsky selbst, sowie von seiner Zeit und Umgebung betrachtet wurde. Um die geringsten Schwankungen in der Wahl seiner Mittel zu erläutern und zu entschuldigen, welche Fülle von Argumenten, welche Vertiefung in die Entwickelungsphasen von eines Menschen innerster Wahrhaftigkeit. Wir begreifen danach sein Axiom: »ein Journal ist eine grosse Sache«. -- Allein diese Anschauung und ihre Befolgung brachte den Dichter in hellen Gegensatz nicht nur zu Einzelnen, wie Grigorjew, sondern zu den Slavophilen, welche sich um Aksakow gruppierten, sowie zu allen jenen, welche es mit der Kunst ernst nahmen und, durch die landläufige, journalistische Behandlung ernster Dinge abgestossen, in diesem litterarischen, »von der Hand in den Mund-Leben« Dostojewskys weder für ihn noch für die gute Sache ein Heil finden konnten. Sie vergassen dabei oder konnten es nicht sehen, dass es sich hier um ganz anderes handelte, als um ein tägliches Menu für den Hunger des Publikums. Es handelte sich darum, ein solches Publikum nicht aus den Augen und aus der Hand zu lassen und ihm immer wieder seine Ration Wahrheit aufzunötigen. Später allerdings, als sich Dostojewsky immer mehr den Slavophilen anschloss, konnte es nicht anders sein, als dass auch er sich etwas von der journalistisch gangbaren Litteratur abwandte, nachdem er sie gegen einen Angriff Aksakows im Jahre 1861 energisch mit folgenden Sätzen vertreten: »Man liest einen oder den anderen Eurer Aussprüche und kommt endlich unwillkürlich zum Schluss, dass Ihr Euch endgiltig abseits gestellt habt und auf uns schaut, wie auf ein fremdes Geschlecht, als wäret Ihr aus dem Monde zu uns herunter gekommen, als lebtet Ihr nicht im selben Reiche mit uns, nicht in der gleichen Zeit, nicht das nämliche Leben! -- Es ist, als machtet Ihr mit jemand Experimente, als sähet Ihr irgendwen unter dem Mikroskop an! Aber das ist ja Eure eigene, Eure russische Litteratur! Was seht Ihr sie denn so von oben herab an und zerlegt sie wie ein Käferchen? Ihr seid ja selbst Litteraten, Ihr Herren Slavophilen!«