Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 17
Wir haben nur die leitenden Hauptgedanken unserer Zeitschrift ausgesprochen, haben den Charakter, den Geist ihrer künftigen Thätigkeit angedeutet. -- Allein wir haben noch einen zweiten Grund, der uns veranlasst, ein neues, unabhängiges litterarisches Organ zu gründen. Wir haben schon lange bemerkt, dass sich in den letzten Jahren unter unserer Journalistik eine gewisse besondere und freiwillige Abhängigkeit und Unterordnung gegenüber den litterarischen Autoritäten entwickelt hat. Es versteht sich, dass wir unsere Journalistik nicht der Gewinnsucht, der Käuflichkeit anklagen. Bei uns giebt es nicht, wie nahezu überall in dem europäischen Schriftwesen, Zeitschriften und Tagesblätter, welche ihre Überzeugungen um Geld veräussern und ihre niederen Dienste, sowie ihre Herren mit anderen vertauschen, einzig und allein darum, weil die anderen mehr Geld geben. Allein wir bemerken gleichwohl, dass man seine Überzeugung verkaufen kann, wenn auch nicht um Geldeswert. Man kann sich zum Beispiel aus einem Übermass von angeborener Wohldienerei verkaufen, oder aus Furcht, um seines Mangels an Übereinstimmung mit den litterarischen Autoritäten willen, als Dummkopf ausgerufen zu werden. Die goldene Mittelmässigkeit zittert manchmal sogar ganz uneigennützig vor den Meinungen, welche von den Stützpfeilern der Litteratur festgestellt sind, besonders wenn diese Meinungen kühn, keck und frech ausgesprochen wurden. Manchmal verschafft nur diese Keckheit und Frechheit einem nicht dummen Schriftsteller, welcher die Umstände zu benutzen versteht, den Namen eines Pfeilers der Litteratur, einer Autorität, und verschafft gleichzeitig diesem Pfeiler einen ausserordentlichen, wenn auch nur zeitweiligen Einfluss auf die Massen. Die Mittelmässigkeit ihrerseits ist fast immer äusserst furchtsam, ungeachtet ihres augenscheinlichen Dünkels, und unterordnet sich willig: die Furchtsamkeit aber erzeugt eine litterarische Sklaverei; allein in der Litteratur darf es keine Sklaverei geben.
In dem heissen Verlangen nach litterarischer Macht, nach litterarischer Überlegenheit, nach einem litterarischen Range ist mancher sogar alte und angesehene Schriftsteller oftmals imstande, sich zu einer so unerwarteten und seltsamen Thätigkeit zu entschliessen, dass sie unwillkürlich Verwunderung und Ärgernis unter den Zeitgenossen hervorruft, unbedingt aber in der Zahl der skandalösen Anekdoten über die russische Litteratur der Hälfte des 19. Jahrhunderts auf die Nachkommenden übergehen wird. Und solche Vorkommnisse ereignen sich immer öfter und öfter, und solche Leute üben einen fortgesetzten Einfluss aus. Die Journalistik aber schweigt und wagt es nicht, daran zu rühren. Es giebt in unserer Litteratur noch heute einige festgesetzte Ideen und Meinungen, welche nicht die geringste Selbständigkeit besitzen und doch als unzweifelhafte Wahrheiten bestehen, einzig nur darum, weil es irgend einmal litterarische Anführer so festgestellt haben. Die Kritik wird immer flacher und unbedeutender; in manchen Publikationen werden gewisse Schriftsteller ganz umgangen, weil man fürchtet, sich, über sie sprechend, zu verplaudern. Man streitet um des Rechtbehaltens und nicht um der Wahrheit willen. Ein Groschen-Skeptizismus, welcher durch seinen Einfluss auf die Majorität schädlich ist, deckt mit Erfolg die Talentlosigkeit und wird in Pflicht genommen, um Subskribenten heranzulocken. Ein strenges Wort aufrichtiger, tiefer Überzeugung wird immer seltener gehört. Endlich wandelt der Spekulationsgeist, der sich in der Litteratur ausbreitet, gewisse periodische Zeitschriften in vornehmlich kommerzielle Unternehmungen um, die Litteratur aber und ihr Nutzen treten in den Hintergrund und manchmal wird ihrer nicht einmal gedacht.
Wir haben uns entschlossen, eine Zeitschrift zu gründen, welche, ungeachtet unserer Achtung vor litterarischen Autoritäten, doch vollkommen unabhängig von ihnen sein, in freiester und aufrichtiger Weise auf alle litterarischen Absonderlichkeiten unserer Zeit hinweisen wird. Diesen Hinweis unternehmen wir aus hoher Achtung für die russische Litteratur.
Unsere Zeitschrift wird keinerlei unlitterarische Antipathien oder Voreingenommenheiten hegen. Wir werden sogar bereit sein, unsere eigenen Irrtümer und Fehlschüsse einzugestehen, gedruckt einzugestehen, finden uns aber gar nicht lächerlich, uns dessen (wenn auch voraus) zu rühmen. Wir werden auch der Polemik nicht aus dem Wege gehen und wir werden auch davor nicht zurückschrecken, die litterarischen Gänse manchmal zu reizen. Gänsegeschnatter ist manchmal ganz nützlich; es zeigt das Wetter an, wenn es auch nicht immer das Kapitol rettet. Eine besondere Aufmerksamkeit werden wir dem kritischen Teile unseres Blattes widmen. Nicht nur jedes bemerkenswerte Buch, sondern auch jeder bemerkenswerte litterarische Artikel, welcher in anderen Zeitschriften erscheint, wird unbedingt in der unseren analysiert werden. Die Kritik darf also nicht verschwinden, rein nur, weil man beginnt die Bücher nicht separat, wie ehedem, sondern in Zeitschriften zu drucken. Indem das Journal »Wremja« alles Persönliche beiseite lassen, alles Mittelmässige durch Schweigen umgehen wird, wenn es nicht geradezu schädlich ist, wird es alle halbwegs wichtigen litterarischen Kundgebungen verfolgen, die Aufmerksamkeit auf alle scharf ausgeprägten Fakten, seien sie nun positiver oder negativer Natur, hinlenken, und unerbittlich Talentlosigkeit, Übelwollen, falsche Bestrebungen, übelangebrachten Stolz und litterarischen Aristokratismus blossstellen, wo immer sie sich zeigen mögen. Erscheinungen des Lebens, umlaufende Meinungen, festgestellte Principien, welche aus allgemeinen und allzu persönlich passenden oder unpassenden Anwendungen verflachter, absonderlicher und ärgerlicher Aphorismen entstehen, sie alle unterstehen der Kritik genau wie ein eben erschienenes Buch oder ein Zeitungsartikel. Unsere Zeitschrift spricht sich das unabänderliche Reckt zu, offen über jede litterarische und ehrenhafte, ehrliche Arbeit ihre Meinung auszusprechen. Der weitbekannte Name, mit welchem das Blatt gefertigt ist, verpflichtet das öffentliche Urteil, sich nur um so strenger dagegen zu verhalten, und unser Journal wird sich niemals zu dem jetzt allgemein gebrauchten Kniff herablassen -- einem bekannten Schriftsteller zehn schwülstige Komplimente vorzureden, um das Recht zu haben, eine nicht ganz schmeichelhafte Bemerkung über ihn einzustreuen. Das Lob ist immer keusch; nur die Schmeichelei riecht nach der Bedientenstube. Da es uns in einer einfachen Ankündigung an Raum gebricht, auf alle Details unserer Publikation einzugehen, wollen wir nur sagen, dass unser, von der Obrigkeit bestätigtes, Programm ausserordentlich reichhaltig ist.«
Hier folgt ein Programm der verschiedenen Inhaltsgruppen, sowie die Ankündigung, dass die Mitarbeiter, entgegen dem alten Brauch, nicht genannt werden, und endlich die Unterschrift Michail Michailowitsch Dostojewskys, da Theodor Michailowitsch noch (de iure bis 1873) unter polizeilicher Aufsicht stand und daher als Redakteur nicht officiell bestätigt werden konnte.
Aus diesem, seine Ansichten und Absichten eigentlich nur in ihrer äusseren Umgrenzung zeichnenden Exposé finden wir schon die ganze, klare Richtung nach dem Volkstum und der von da erwarteten Erlösung nicht nur Russlands, sondern aller übrigen im Streit befindlichen Partikularismen, und die ganze Hartnäckigkeit, diese Richtung einzuhalten und andere hineinzubringen.
Im neunten Bande der Gesamtausgabe der Werke Dostojewskys finden wir nun »eine Reihe von Artikeln über die russische Litteratur«, welche aus den Heften der »Wremja« und zwar vom Januar, Februar, Juli, August und November 1861 abgedruckt sind und unzweifelhaft von Theodor Michailowitsch stammen, obgleich sie damals ohne Unterschrift erschienen waren. Die ersten derselben haben, nach Millers Meinung, einen grossen Teil jenes Aufsatzes über die Kunst in sich aufgenommen, der, wie wir wissen, anfangs der Grossfürstin Marja Nikolajewna gewidmet gewesen und später verschwunden ist.
Diese Artikel »über die russische Litteratur« sind durch zwei Momente für uns besonders interessant. Erstens und vor allem durch das Persönliche, das Verlebendigende, wenn man so sagen darf, das Dostojewsky hier wie überall, wo er es mit einer Sache ernst meint (und wo thut er das nicht?), hineinlegt; zweitens durch den Einblick, welchen wir da in die Anschauungen der Russen über die Litteratur und ihre Anwendung gewinnen. Diese Anschauungen sind uns durch die Jugendlichkeit ihres Ernstes zuerst nur befremdlich und etwas wie ein Lächeln zieht unsere müden Dekadenten-Lippen herab, ob der Erhitzung, in die sich die Russen über litterarische Streitfragen stürzen. Allein es will uns bedünken, dass gerade in diesem jugendlichen Ernst, der heute, im neunzehnten Jahrhundert und hier, mitten unter uns, um des Lebens beste Güter (womit nicht nur Brot gemeint ist) streitet, eine Mahnung liegt, von der litterarischen Spielerei zum Leben und zu seinen ernsten Forderungen zurückzukehren.
Die Einleitung dieser Artikel beginnt mit einer launig-beissenden Betrachtung über die Art, wie die nach Russland kommenden Fremden Russland verstehen; der Deutsche, der Franzose, der Engländer, jeder in seiner Weise und jeder -- falsch. »Für Europa,« heisst es da, »ist Russland das Rätsel der Sphinx. Schneller wird das Perpetuum mobile oder das Lebenselixir gefunden werden, als die russische Wahrheit, der russische Geist, sein Charakter und seine Richtung vom Westen erfasst werden wird. In dieser Beziehung ist sogar der Mond jetzt weit ausführlicher erforscht als Russland. Wenigstens weiss man entschieden, dass dort niemand lebt; von Russland aber weiss man, dass dort Menschen leben und sogar russische Menschen --, aber was für Menschen, das ist bis heute noch ein Rätsel, obwohl die Europäer überzeugt sind, dass sie uns schon lange begriffen haben.«
Nun nimmt Dostojewsky die Deutschen her, welche nach Russland kommen. Er geht der Reihe nach die Gutsverwalter, die Semmelbäcker, Wursterzeuger und Raritätenschausteller durch und langt bei dem gebildeten und ehrlichen Deutschen an, der wirklich Russisch lernt, sich ernstlich mit der russischen Litteratur beschäftigt, um schliesslich Cheraskows Russiade in das -- Sanskrit zu übersetzen. Ganz anders der Franzose. Der Franzose hat über Russland alles schon zu Hause gewusst; er weiss alles, er versteht alles -- auch ohne etwas zu lernen. Er hat sein Buch über Russland schon in Paris um gutes Geld verkauft und gönnt sich dafür die Reise von 28 Tagen, um in Russland zu erscheinen, es zu blenden, zu beglücken und, wenigstens teilweise, umzugestalten. Er schreibt auch sofort eine echt russische Erzählung unter dem Titel »Petroucha«, »welche zwei Vorzüge hat: 1. dass sie das russische Leben getreu charakterisiert und 2. dass sie gleichzeitig auch das Leben auf den Sandwichinseln schildert Kommt aber der Russe nach Paris, so weiss man schon, dass er das eigentlich dem Genfer Lefort zu verdanken hat, welcher eine grosse Wendung in den Geschicken Russlands herbeigeführt hat, und jede Portiersfrau, der du in später Nachtstunde zurufst: »Le cordon s'il vous plaît«, brummt schlaftrunken in sich hinein: »Sieh mal, wäre in Genf nicht der Genfer Lefort auf die Welt gekommen, so wärest du heute noch ein Barbar, kämest nicht nach Paris, au centre de la civilisation, würdest mich nicht jetzt mitten in der Nacht aufwecken und aus vollem Halse »le cordon s'il vous plaît« schreien.«
Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen kommt Dostojewsky auf den Standpunkt zu sprechen, den die Russen selbst ihrem Volke, ihrer Sprache gegenüber einnehmen. Da ist es namentlich der vornehme, der an ausländische Kultur gewöhnte Russe, welcher sich dem »dunklen Volke« gegenüber verächtlich verhält, welcher seinen Tischnachbar bittet, ihm Wasser geben zu lassen, nur um nicht selbst ein russisches Wort an den Lakaien zu richten, welcher die Geistesbildung so hoch schätzt, dass er hundertmal lieber ein Schuft genannt würde als ein Dummkopf und daraus allein ein Privileg seiner Menschheitsrechte und Würden macht, das ihn ein- für allemal vom Volke trennt.
Da aber die Menschen dieser Klassen im Vaterlande nichts zu thun finden, nach grossen Thaten ächzen, sich gegenseitig ihren Weltschmerz klagen und sich ihrer Nichtswürdigkeit anklagen: »ach, Bruder, sieh, ein so gemeiner Schuft bin ich!«, so wird jene Art Byrons daraus, welche sich wundern, dass der wirkliche Byron über eine solche Welt hat klagen und weinen können, was eines Lords ganz unwürdig ist, während sie zum höheren Byronismus übergehen, den Byron selbst noch nicht ausgestaltet hatte: ein gutes Mittagessen zu schätzen, gelegentlich falsch zu spielen und den Leuten die Taschentücher aus den Säcken zu ziehen. Diesen Byrons ruft er zu: »Ich habe eine Arbeit für euch, allein ihr werdet sie nicht leisten wollen, sie zu gering achten, ob sie auch die einzige ist, die uns jetzt zukommt: Lehrt auch nur einen kleinen Bauernjungen lesen.«
Aus diesen scheinbar weglosen Exkursen heraus tritt Dostojewsky allmählich auf das Gebiet der Forderungen, die aus den Bedürfnissen oder vielmehr der Bedürftigkeit des Volks entstehen und für das Volk eintreten. Er tritt leidenschaftlich für die Volksbildung ein und widerlegt den Einwurf, dass gerade der Lakai, der Schaffer usw., kurz alle Bauern, die lesen können, es sind, welche die Gefängnisse füllen. Jawohl, antwortet er -- weil diese Bildung oder eigentlich Halbbildung noch ein Privileg ist und Privilegien immer Übergriffe und Unredlichkeit im Gefolge haben.
So sind es, wie wir sehen, die primären Probleme, ganz einfache Konflikte, die aufrichtige Bemühung jedes Russen, für sich und »unsern Bruder«, wie das hübsche Wort lautet, das Leben einzurichten, das auch den Dichter so recht an die Scholle bindet. Diese ewige Frage nach dem, was er soll, hat dem Russen auch ein anderes Wort in den Mund gelegt, das nun eine stereotype Redensart ist, und das er bei den kleinsten Zwischenfällen unwillkürlich anwendet. Er sagt da nicht: »was soll ich thun«, sondern: »wie habe ich zu sein?«
Aus der »verfluchten Frage« heraus: »Wie soll mein Leben sein?« ist eben das russische Leben, seine Kunst und Kritik einzig zu verstehen. Nun begreifen wir auch, warum die Russen Turgenjew trotz seiner hohen Künstlerschaft nicht zu den Ihren zählen. Wer die russische Litteratur und ihre mühevolle Pflügearbeit kennt, muss diesem Verdikt beipflichten. Das, was Schilderung, getreues Nachbilden russischen Lebens ist, was mit allen Künsten der Farbengebung, der Licht- und Schattenverteilung, der »Lasur«, wenn man so sagen darf, ausgestattet ist, was der Europäer entzückend findet, so fremdartig und doch nicht verletzend, so fein zubereitet, gerade genug, um »anzuregen«, ohne allzusehr wehe zu thun, das wird den Russen beleidigen, der von seinem Dichter vor allem Mitarbeit an seinem schweren Werden fordert. Dies spricht sich noch viel deutlicher in Tolstojs, des grössten russischen Künstlers, Wandlung zum Volkserzähler aus. Heute erst, nachdem er der hohen Kunst abgeschworen, die im Roman »Krieg und Frieden« ihren vollendetsten Ausdruck gefunden, heute, da seine kleinen Volkserzählungen, zu 1 Kopeke verkauft, in Tausenden von Exemplaren wirklich dem Volke gehören, heute erst rechnet er sich selbst zu den führenden Geistern seines Volks und wird von ihm dazu gezählt. Andere Beispiele für diese Auffassung der Dinge finden wir in direkten Aussprüchen Dostojewskys und endlich im weiteren Verlauf der »litterarischen Artikel«, da, wo der Dichter den Parteihader schlichten will, welcher zwischen Utilitaristen und Vertretern der »Kunst als Selbstzweck« entbrannt ist.
Zu den deutlichsten Äusserungen Dostojewskys über belletristische Werke gehört wohl seine an Strachow gerichtete Kritik Tolstojs. Strachow hatte gesagt, dass Tolstojs »Krieg und Frieden« zu den vortrefflichsten Werken der gesamten russischen Litteratur gerechnet werden müsse, darauf Dostojewsky:
»... Das kann man nicht unbedingt sagen: Puschkin, Lomonossow -- das sind Genies. Mit dem »Mohr Peters des Grossen« und mit »Bjelkin« hervortreten, das heisst unbedingt mit einem genialen, neuen Wort auftauchen, das bis dahin durchaus nie und nirgends gesagt worden war. Allein mit »Krieg und Frieden« auftreten, das heisst nach diesem Worte kommen, das schon von Puschkin gesagt worden war; und das in jedem Falle, wie hoch und weit auch Tolstoj in der Ausgestaltung dieses, vor ihm schon durch einen Genius ausgesprochenen neuen Wortes kommen möge. Ich denke, das ist sehr wichtig usw.«
An anderer Stelle nennt er Turgenjews und Tolstojs »neues Wort« das »Gutsbesitzer-Wort«[16], das allerdings bei Tolstoj unendlich bedeutender zum Ausdruck komme.
Wie dies neue Wort Puschkins lautet, das hat Dostojewsky an vielen Orten gesagt, am feurigsten aber in seiner im Jahre 1880 in Moskau gehaltenen grossen Puschkinrede. Kurz gefasst liesse es sich etwa so ausdrücken: »Nur der Russe ist, vermöge seiner unendlichen Assimilationsfähigkeit, »Allmensch« und nur dieser Allmensch vermag die Idee des lebendigen Christentums in sich zu tragen und sie zu verbreiten.«
Es darf uns danach nicht wundern, wenn Dostojewsky die unvollendete Erzählung Puschkins »Der Mohr Peters des Grossen« und die »Novellen Bjelkins«, zwei Werke, die wir kaum dem Namen nach kennen, doch höher stellt, als Tolstojs Meisterwerke oder Turgenjews Kabinettstücke.
In Puschkin allein findet Dostojewsky den bewussten Ausdruck der russischen Eigenart, wie sie in Peter dem Grossen, »dessen Persönlichkeit uns noch nicht ganz aufgeklärt ist,« ihren elementaren Ausbruch findet. Jene Assimilationsfähigkeit des Russen, sich alle Sprachen eigen zu machen, alle Kulturen anzunehmen, mit einer scharfen Wendung vom eingeschlagenen Wege abzugehen, wenn es seine bessere Überzeugung gebietet, dabei die Eigenschaft, sich schuldig zu bekennen, alles dies, was ihn dem Europäer unverständlich macht, was dieser als Unpersönlichkeit an ihm rügt, das befähige eben den Russen zu jener Allversöhnlichkeit und Allmenschlichkeit, welche die Einigung der Menschen herbeiführt -- im Gegensatz zu den immer komplizierteren Trennungen der europäischen Nationen, die wohl nicht »in der Jeanne d'Arc und den Kreuzzügen ihren Ursprung« haben dürften und auch nicht durch das Wissen aufgehoben werden. Dostojewsky streift hiermit wieder die grosse Streitfrage des 19. Jahrhunderts: Glauben oder Wissen, Gott oder Ich, die er ja in allen seinen Werken in tiefsinnige Probleme aufblättert. In einem seiner Briefe spricht er es offen aus, dass er mit seinem letzten Romane nichts anderes will, als »das Dasein Gottes beweisen«.
[Fußnote 16: Ein Ausspruch, den Dostojewsky _heute_, was Tolstoj anlangt, sicher zurücknehmen würde.]
Puschkin nun sieht Dostojewsky als den Genius an, der dies synthetische Wesen des Russen erkannt und in sich gerade aus seiner westlichen und künstlerischen Kultur heraus verkörpert habe. »Die kolossale Bedeutung Puschkins,« sagt er, »ersteht vor uns immer mehr und mehr ... Für alle Russen ist er der vollendetste künstlerische Ausdruck dessen, was eigentlich der russische Geist ist, wohin alle seine Kräfte streben und wie namentlich das Ideal eines Russen beschaffen ist. Die Gestalt Puschkins ist der Beweis dafür, dass der Baum der Zivilisation schon früh reif geworden ist, und dass seine Früchte nicht faule, sondern herrliche, goldene Früchte sind. Alles, was wir aus der Bekanntschaft mit den Europäern über uns selbst lernen konnten, haben wir gelernt -- alles, worüber uns die Zivilisation nur aufklären konnte, haben wir uns erklärt, und dieses Erkennen hat sich in der vollsten und harmonischsten Weise in Puschkin geoffenbart. Wir haben aus ihm herausverstanden, dass das russische Ideal All-Einheit. All-Versöhnlichkeit, All-Menschlichkeit ist usw.«
Und nun geht Dostojewsky zur brennenden Frage über, welche seit Jahren die russischen Schriftsteller in streitende Parteien geschieden hatte, nämlich dem Kampf der Utilitaristen und Tendenzschriftsteller gegen die Vertreter der reinen Kunst.
Hier zeigt sich sofort des Dichters synthetische Natur. In zwei prächtigen, durch Beispiele beleuchteten Ausführungen beweist er beiden Teilen ihre Berechtigung, sowie ihr Unrecht, geisselt er bei beiden die Blindheit, in der sie das Kind mit dem Bade ausschütten. Er, der selbst ein Feind der Utilitätslitteratur ist, wie sie von der Hand in den Mund lebt, geisselt jene, die ein Werk dieser Gattung verwerfen, selbst wenn es, wie bei Schtschedrin, durchaus künstlerisch hingestellt ist, und hält den Utilitaristen vor, dass sie Wirkung und Nutzen sofort verlangen, wie ein Kind den Mond vom Himmel herunter verlangt. Es sind also die Menschen, welche Litteratur und Kunst treiben, nicht aber diese für ihre Wirkungen verantwortlich zu machen.
»Die Kunst ist immer real und immer zeitgemäss, ist es immer gewesen und, was die Hauptsache ist, wird es immer bleiben,« sagt Dostojewsky da. »Die Gesellschaft leidet oft an schweren Übeln und greift nach den Mitteln, die ihr die rechten scheinen, um sich zu helfen. Dient ihr eine Kunst als Arznei, so hat sie das ihre gethan, und hat sie es geleistet, so war es gewiss künstlerisch.« Braucht aber die Zeit noch Anthologien, so möge sie nur noch danach greifen. Die Hauptsache aber ist, dass die Freiheit der Eingebung nie und nirgends gehemmt werde usw.
Hier ist nicht nur Äusseres als Hemmnis der »freien Eingebung« aufzufassen, sondern ebenso sehr Einseitigkeit der Tendenz, Einseitigkeit eines ästhetischen Steckenpferdes, antikisierende oder mittelalterliche Schrullen, wie auch Abwendung von der Gegenwart im allgemeinen, Mangel an Gefühl der Bürgerpflicht und an Gemeinsinn.
Zur Beleuchtung dieses letzteren Mangels führt Dostojewsky folgendes drastische Beispiel an:
»Versetzen wir uns,« sagt er da, »in das 18. Jahrhundert, gerade an den Tag des Erdbebens von Lissabon. Die Hälfte der Einwohner geht zu Grunde, Häuser stürzen ein, aller Besitz ist zerstört, jeder der Zurückbleibenden hat einen schweren Verlust erlitten -- entweder Hab und Gut, oder seine Familie ist ihm entrissen. Die Leute taumeln verzweifelnd in den Strassen umher, durch das Entsetzen ihrer Sinne beraubt. Zu dieser Zeit lebt in Lissabon irgend ein berühmter portugiesischer Dichter. Am nächsten Tage erscheint irgend eine Nummer des Lissabonschen Merkur (damals erschienen überall Merkure). Das Blatt, das in einem solchen Augenblicke erscheint, erregt sogar einiges Interesse in den Gemütern der unglücklichen Stadtbewohner, ungeachtet dessen, dass sie nicht gerade dazu angethan sind, Zeitungen zu lesen; sie hoffen, dass die heutige Nummer ein Extrablatt sein werde, welches ausgegeben worden sei, um über die Verlorenen, die spurlos zu Grunde Gegangenen Nachricht zu geben usw. Da -- an irgend einer in die Augen springenden Stelle -- erblicken sie etwas in folgender Art:[17]
»Leises Flüstern, lindes Fächeln, Nachtigallen-Trillersang, Silberleuchten, träumend Wiegen All den klaren Bach entlang, Nächt'ge Helle, nächt'ge Schatten, Unbegrenztes Dämmerlicht, Zaub'risch wechselnde Bewegung In der Liebsten Angesicht; Rosenglut im Wolkenschleier, Wiederschein wie Bernsteinlicht, Küsse, Thränen, sanftes Feuer Und -- Morgenröte, Morgenlicht!«
[Fußnote 17: Das Gedicht ohne Zeitwort ist von Athanas Athanasjewitsch Fet, dem Verfasser vieler formvollendeter, aber kalter lyrischer Gedichte, worunter »Abende und Nächte« das bedeutendste ist, welchem auch wohl die herangezogene Strophe entnommen ist. Seine Übersetzungen des ganzen Horaz, Juvenal, des Faust, sollen meisterhaft sein. Dostojewsky mochte ihn wegen eben dieser Abwendung von der brennenden Frage der Zeit (Aufhebung der Leibeigenschaft) nicht leiden, und wir sehen hier, in welcher launigen und doch unerbittlichen Weise er ihn »justifiziert«.]