Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 16
Dieselbe Studenten-Affäre, welche offenbar eine sehr grosse Rolle in der Geschichte der russischen Reformjahre spielt, ist wohl oft genug auch von der gegnerischen Seite aus besprochen worden. Einen längeren Artikel widmet ihr auch der Ukrainophile Dragomanow in dem vor einigen Jahren von ihm in Genf herausgegebenen Briefwechsel zwischen Turgenjew, Kavelin und Herzen. Wir haben es aber hier hauptsächlich mit Dostojewsky und seinem Standpunkt zu thun und fahren in der interessanten Wiedergabe seiner Ansichten durch O. Miller fort. Nach der, durch die uns bekannten Ereignisse erfolgten, Enthebung des Professors von seinem Lehramte und der vorhergegangenen Einschliessung der Studenten waren im Publikum und namentlich im Volke allerlei missverständliche Meinungen darüber entstanden; »die Gefängnishaft« -- fährt Miller fort -- »hatte bekanntlich das Selbstgefühl der Jugend nur erhöht, das sie antrieb, neue Vorschriften abzulehnen, indem sie sich von einem übrigens durchaus ernsten und edlen Gefühle leiten liess, das ihnen verbot, mit jener Vorschrift einverstanden zu sein, wonach Alle verpflichtet waren, ein Kollegiengeld zu entrichten, wodurch alle jene jungen Leute des Zutritts zu höherer Bildung verlustig wurden, welchen die Mittel fehlten, diese Forderung zu erfüllen.« Wer das nicht wusste, dem musste diese Auflehnung »um irgend welcher Matrikel willen« in der grossen Stunde der Bauernbefreiung tragikomisch erscheinen. -- Das Volk wusste natürlich nicht, um was es sich handle -- und urteilte: »Die jungen Herrlein rebellieren, weil man uns die Freiheit gegeben hat.« Zu Dostojewsky und seinen Ansichten über jene durcheinander gewirrten Verhältnisse übergehend, führt Miller jene Stelle aus dem »Tagebuch eines Schriftstellers« aus dem Jahre 1873 an, welche sich darauf bezieht und eine Antwort auf die Zumutung ist, als sei Dostojewskys phantastische Satire »das Krokodil«[15] ein Ausfall auf Tschernyschewsky, den Autor des Romans »Was thun?«
»Mit Nikolaus Gawrilowitsch Tschernyschewsky« -- sagt Dostojewsky -- »bin ich im Jahre 1859, im ersten Jahre nach meiner Rückkunft aus Sibirien, zusammengetroffen; ich weiss nicht mehr, wo und wieso es geschah.
Später begegneten wir einander manchmal, aber sehr selten, sprachen miteinander, aber sehr wenig. Übrigens reichten wir einander jedesmal die Hand. Herzen hat mir gesagt, Tschernyschewsky habe ihm einen unangenehmen Eindruck gemacht, d. h. durch sein Äusseres, seine Manieren. Mir gefielen das Äussere Tschernyschewskys und seine Manier ganz wohl.
[Fußnote 15: Reporter und Sensations-Journalisten werden heute in Russland »Krokodile« genannt, ob dies infolge Dostojewskys Satire geschieht oder diese auf jenes Spitzwort aufgebaut ist, haben wir nicht ermitteln können.]
Einmal, am Morgen, fand ich an meiner Wohnungsthüre, auf der Klinke des Schlosses, eine der bemerkenswertesten Proklamationen, welche damals auftauchten; und es tauchten damals nicht wenige auf. Diese hatte die Aufschrift: »An die junge Generation.« Man kann sich nichts Abgeschmackteres und Dummeres vorstellen. Der Inhalt aufreizend in der lächerlichsten Form, welche nur ein Feind für diese Leute hätte ersinnen können, um sie selbst zu vernichten. Es wurde mir schrecklich zu Mute und ich war den ganzen Tag verdriesslich und verstimmt. Das war damals alles noch so neu und so nahe, dass es sogar noch schwer war, sich diese Leute gründlich anzuschauen. Schwer namentlich, weil es einem nicht recht glaubhaft erschien, dass sich unter all diesem Wirrwarr ein so leerer Unsinn verberge. Ich spreche nicht von der damaligen Bewegung als einem Ganzen, sondern bloss von den Menschen. Was die Bewegung anbelangt, so war sie eine dunkle, krankhafte, aber durch ihre historischen Konsequenzen verhängnisvolle Erscheinung, welche ein ernstes Blatt in der Petersburger Periode unsrer Geschichte ausfüllen wird. Ja, und dieses Blatt ist, scheint es, noch lange nicht zu Ende geschrieben.
Und nun wurde mir, der ich schon lange aus meiner Seele und meinem Herzen heraus weder mit diesen Leuten, noch mit dem Sinne ihrer Bewegung einverstanden war, -- mir wurde verdriesslich zu Mute, mir war, als schämte ich mich gleichsam ihres Unverstandes ... Obwohl ich schon drei Jahre in Petersburg gelebt und schon manchen Erscheinungen zugesehen hatte -- verblüffte mich doch diese Proklamation geradezu, erschien sie mir wie eine neue, unerwartete Entdeckung: niemals bis zu diesem Tage hatte ich eine solche Nichtigkeit vorausgesetzt. Plötzlich, noch ehe es Abend wurde, fiel es mir ein, Tschernyschewsky aufzusuchen. Noch niemals bis auf diesen Augenblick war es mir in den Sinn gekommen, zu ihm zu gehen, ebenso wenig als dies bei ihm der Fall gewesen« ....
»Nikolai Gawrilowitsch, was ist das?« und ich zog die Proklamation aus der Tasche.
Er nahm sie in die Hand, wie eine ihm völlig unbekannte Sache, und las sie durch. Es waren im Ganzen zehn Zeilen.
-- »Nun, was denn?« fragte er mit einem leichten Lächeln.
-- »Sollten sie denn so dumm und lächerlich sein? Sollte es denn nicht möglich sein, ihnen Einhalt zu thun und dieser Abscheulichkeit ein Ende zu machen?«
Er antwortete ausserordentlich gewichtig und eindringlich: -- »Glauben Sie denn, dass ich mit ihnen solidarisch bin, und meinen Sie, dass ich imstande gewesen wäre, an der Abfassung dieses Zettels teilzunehmen?«
-- »Das ist's eben, dass ich das nicht voraussetzte,« -- antwortete ich -- »und ich finde es sogar überflüssig, Ihnen das zu versichern. Allein auf jeden Fall ist es nötig, sie aufzuhalten, koste es was es wolle. Ihr Wort ist bei ihnen von Gewicht, und das ist einmal sicher, dass sie Ihre Meinung fürchten.«
-- »Ich kenne keinen von ihnen.«
-- »Ich bin auch davon überzeugt. Allein es ist durchaus nicht nötig, sie zu kennen und persönlich mit ihnen zu sprechen. Sie brauchen nur laut, wo immer, Ihren Tadel auszusprechen, und es wird zu ihnen gelangen.«
-- »Vielleicht wird das auch keine Wirkung haben. Ja, und diese Erscheinungen sind als Nebenfakten unvermeidlich.«
-- »Dennoch aber schaden sie allen und allem« ....
.... »Ich erachte es als meine Pflicht, hier zu bemerken, dass ich vollkommen aufrichtig mit Tschernyschewsky sprach und durchaus daran glaubte, wie ich auch jetzt noch glaube, dass er mit diesen Zerstörern nicht >solidarisch< gewesen ist.«
Der Schluss von Millers Betrachtungen und die darin enthaltene treffende Beurteilung der Kluft zwischen den russischen und polnischen Anschauungen, welche an die Vorgänge von 1863 anknüpft, ist zu bedeutungsvoll für die Beleuchtung der damaligen Situation und mit einigen Modifikationen auch der heutigen, als dass wir es uns versagen dürften, dieses Resumé vollinhaltlich hierher zu setzen.
»Wenn aber nun eine solche Erscheinung« -- fährt Miller fort -- »zur Zeit der Bauern-Befreiung durch ihre »Nichtigkeit« in ihrer Art komisch war, so kann man das natürlich nicht mehr vom polnischen Aufstande von 1863 sagen. Ich erinnere mich mit Schamgefühl daran, dass ich, als ich damals im Auslande lebte, anfangs den deutschen Zeitungen Glauben schenkte, in dem, was sie über die Grausamkeit unserer Soldaten in Polen verbreiteten. Inzwischen erhob sich ebenfalls dort in Deutschland eine vorurteilslose, -- mehr als das, eine feierliche Stimme, wie man thatsächlich keine bei uns daheim gehört hatte, über unsere Bauern-Reform. Es war die Stimme eines Greises mit junger Seele -- Jacob Grimms. Er erkannte vollkommen und begrüsste freudig mit seinem allumfassenden, menschlichen Herzen unsere, wie er sich ausdrückte, »riesenhafte Bewegung nach vorwärts«. Und da musste diese Bewegung aufgehalten werden! -- Und zur Befriedigung jener europäischen Majorität, welche nicht über den edlen Geist eines Grimm verfügte, entspann sich gerade jetzt der polnische Aufstand mit seinem so blutigen Terrorismus.
Hier konnte sich Dostojewsky keineswegs mehr geringschätzig über die »Nichtigkeit« der Erscheinung aussprechen, hier konnte er nicht anders, als von einem entrüsteten Entsetzen erfüllt werden. Viele halten Dostojewsky bekanntlich für einen offenen Feind Polens, und die Edelsten unter den Polen können ihm diesen Ausfall nicht verzeihen. Wenn wir indes uns jenes Kapitels aus den »Memoiren aus einem Totenhause« erinnern, wo von den politisch Verschickten die Rede ist, so finden wir, dass der Polen nicht nur ohne feindseliges Vorurteil, sondern mit voller Wertschätzung darin gedacht wird. Theodor Michailowitsch verletzte nur ihr hochmütiges »je hais ces brigands« im Verkehr mit den Sträflingen, in denen er selbst immer wieder das gleiche russische Volk erblickte. -- Geradezu als ein Hohn musste diese Erhebung Dostojewsky erscheinen, ein Hohn auf die ganze russische Nation, die eben endlich ihren Zar-Befreier erharrt hatte, die polnische Rebellion, und das gerade in diesem gesegneten Augenblick, -- eine Rebellion, der als armseliges, aber doch immer trauriges Präludium die Studenten-Unruhen mit den darauffolgenden »dummen«, aber immerhin »unheilverkündenden« Proklamationen dienten. Während unsre »Herrlein« gleichsam nur zufällig in den Augen des Volkes zu einer ihm so widrigen Rolle kamen, konnte man im polnischen Aufstand schon ganz ernsthaft den alten, hochedelgeborenen Geist vernehmen, der von Verachtung gegen das Bauernvolk erfüllt ist. Nicht Polen war es, und nicht das polnische Volk, das endlich vom selben russischen Kaiser mit Grund und Boden beteilt worden war, was Dostojewsky nicht liebte; er hasste jenen traditionellen Geist Polens, durch welchen sein eigenes Volk bedrückt worden war und welcher Polen verloren hatte. Diesen alten Geist Polens musste er hassen, wie ihn Proud'hon hasste und viele von den Polen selbst hassten, viele der echten, uneigennützig-ehrenhaften polnischen Patrioten. Dieser alte Geist Polens war Dostojewsky verhasst als einem Socialisten -- und ein Socialist im weiten, menschlichen Sinne dieses Wortes zu sein hat er niemals aufgehört.
Aber die Sache steht so, dass unsre -- nicht nur »Liberalen«, sondern auch »Socialisten« bereit gewesen wären, den polnischen »Pany« die brüderliche Hand zu reichen -- weil sie bei ihnen einen reichlichen Vorrat von Unzufriedenheit wahrnahmen --, und bei uns hatte sich damals schon jener Opportunismus entwickelt, welcher keinerlei unzufriedene Elemente verschmäht, worauf die Briefe Samarins an Herzen so deutlich hinweisen.
Dostojewsky war niemals ein »getreuer Unterthan« der Revolution (wie sich Samarin in diesen Briefen an Herzen ausdrückt), darum aber war er auch niemals »Opportunist«.
Von Sibirien mit einem überreichen Schatz von Glauben und Liebe zurückgekehrt, sowie mit dem heissen Verlangen nach Einigkeit bei der schöpferischen Thätigkeit zum Nutzen des Vaterlandes, musste er mit wachsender Entrüstung rund um sich die immer mehr und mehr hervortretenden Anzeichen einer negativen Thätigkeit im Dienste der Zerstörung wahrnehmen. Es ist begreiflich, dass er sich bei seiner Geradheit mehr und mehr Feinde machte. -- In dieser Situation und unter diesen Umständen war es, dass Dostojewskys litterarische Thätigkeit wieder neu auflebte. Im selben Jahre, als die Leibeigenschaft aufgehoben wurde, begann er gemeinsam mit dem Bruder Michael Michailowitsch die Herausgabe der Zeitschrift >Wremja<.«
VI. Publizistik.
Mit der Gründung der Zeitschrift »Wremja« wird Dostojewskys tiefster Herzenswunsch erfüllt. Ihm, dem das Verkünden des »wahren Christus« vor allem andern als Lebensaufgabe galt, die er bisher nur indirekt auf dem Umwege der Kunst (was für einer Kunst allerdings!) hatte erfüllen können, ihm musste es wie eine Erlösung erscheinen, endlich direkt und unzweideutig und, wie er schon nicht anders konnte, eindringlich bis zur Gewaltsamkeit »seine Wahrheit« verkünden zu können. Diese Epoche ist zu wichtig im Leben des Dichters, ihr Ausdruck in seinem ersten Exposé des Unternehmens zu bezeichnend, als dass wir es uns versagen dürften, jenen Aushängebogen vollinhaltlich wiederzugeben; ja, wir werden später jede der drei Ankündigungen neuer Journalgründung, welche dieser ersten folgten, ins Auge fassen müssen, um uns daraus den Beweis zu holen, wie geschlossen und unerschütterlich einheitlich sein Streben, sich in einer Zeitschrift auszusprechen, allezeit geblieben ist, wie er denn auch oft genug wiederholt: »ein Journal ist eine grosse Sache«. -- Zugleich holen wir uns, als Fremde, ein Bild jener Epoche der russischen Geschichte.
N. N. Strachow, der thätigste Mitarbeiter an jener Zeitschrift, teilt uns mit, dass schon im Jahre 1860 von den Brüdern Dostojewsky die Herausgabe einer voluminösen Monatsschrift geplant gewesen war, zu welcher sie eifrig nach geeigneten Mitarbeitern suchten. Th. Michailowitsch war von einigen Arbeiten naturphilosophischen Inhalts, welche Strachow früher publiziert hatte, sehr entzückt gewesen (weit über deren Verdienst, wie dieser hinzufügt) und forderte ihn infolgedessen zur Mitarbeit an der Monatsschrift auf. Auch Strachow findet die Ankündigung so bezeichnend für Dostojewskys damaligen Ideengang, dass er sie wörtlich wiedergiebt.
Sie lautet:
»Vom Januar des Jahres 1861 an wird erscheinen »_Wremja_« (Die Zeit), eine litterarische und politische Monatsschrift in Bänden von 25-30 Bogen grossen Formats.
»Ehe wir daran gehen, zu erklären, warum wir es eigentlich für nötig erachten, ein neues, öffentliches Organ unserer Litteratur zu gründen, wollen wir einige Worte darüber sagen, wie wir unsere Zeit und namentlich den gegenwärtigen Moment unseres gesellschaftlichen Lebens verstehen. Dies wird auch zur Aufklärung über den Geist und die Richtung unserer Zeitschrift dienen.
Wir leben in einer im höchsten Grade bemerkenswerten und kritischen Zeitepoche. Wir werden jedoch zur Darlegung unserer Anschauung ausschliesslich auf jene neuen Ideen und Forderungen der russischen Gesellschaft hinweisen, welche den ganzen denkenden Teil derselben während der letzten Jahre so übereinstimmend erfüllt hat. Wir werden nicht erst auf die grosse Bauernfrage hinweisen, welche in unserer Zeit ihren Anfang genommen hat ... Alles dies sind nur Äusserungen und Anzeichen jener ungeheuren Umwälzung, der es bestimmt ist, sich friedlich und einhellig in unserem ganzen Vaterlande zu vollziehen, obwohl sie, ihrer Bedeutung nach, an Mächtigkeit allen wichtigsten Ereignissen, ja sogar der Reform Peters gleich ist. Diese Umwälzung ist das Ineinanderfliessen der Bildung und ihrer Vertreter mit den Elementen des Volkes und die Vereinigung der ganzen grossen russischen Nation mit allen Elementen unseres gegenwärtigen Lebens -- einer Nation, welche sich schon vor 170 Jahren von der Peterschen Reform abgewendet und seit jener Zeit mit dem Stande der Gebildeten entzweit hat, welcher abgesondert sein eigenes, selbständiges, individuelles Leben lebte.
Wir sprachen von Äusserungen und Symptomen. Unbestreitbar ist deren Wichtigstes die Verbesserung der Lage unserer Bauern. Jetzt sind es nicht mehr tausende, jetzt werden es viele Millionen Russen sein, welche in das russische Leben eintreten, ihre frischen, unverbrauchten Kräfte hineintragen und ihr neues Wort sagen werden. Kein Klassenhass zwischen Siegern und Besiegten, wie in Europa, darf der Entwickelung der künftigen Urelemente unseres Lebens zu Grunde liegen. Wir sind nicht Europa, und bei uns wird und darf es keine Sieger und Besiegte geben. Die Reform Peters des Grossen hat uns auch ohne das allzuviel gekostet: sie hat uns mit dem Volke entzweit. Schon von Anbeginn hat das Volk sie abgelehnt. Die Lebensformen, welche ihm durch die Umgestaltung mitgeteilt wurden, waren weder mit seinem Geiste, noch mit seinen Bestrebungen im Einklange, waren nicht nach seinem Mass berechnet und ihm nicht zeitgemäss. Es nannte sie »deutsch«, nannte die Nachfolger des grossen Zaren Fremdlinge. Schon allein das geistige Abfallen des Volkes von seinen höheren Ständen mit ihren Befehlshabern und Anführern zeigt, wie teuer uns das damalige neue Leben zu stehen kam. Allein -- obwohl mit der Reform entzweit, sank dem Volke der Mut nicht. Mehr als einmal hat es seine Unabhängigkeit geäussert, hat sie mit ausserordentlichen, krampfhaften Bemühungen geäussert, weil es allein war und ihm das schwer wurde. Es wandelte im Dunkeln, aber es hielt sich energisch bei seinem gesonderten Wege. Es dachte sich in sich selbst und seine Lage hinein, versuchte es, sich selbst seine Anschauung zu verdeutlichen, zerfiel in geheime, schädliche Sekten, suchte neue Ausgangspunkte für sein Leben, neue Formen. Man kann sich nicht weiter vom alten Ufer entfernen, nicht kühner seine Schiffe verbrennen, als dies unser Volk beim Betreten jener neuen Bahnen gethan, welche es sich mit so vielen Beschwernissen aufgefunden hatte. Bei alledem aber nannte man es den Bewahrer der alten vorpeterschen Formen, des stumpfen Altgläubertums.
Allerdings waren die Ideen des Volkes, welches ohne Führer und auf seine eigenen Kräfte allein angewiesen blieb, manchmal absonderlich, seine Versuche einer neuen Lebensform oft nicht gestaltungsfähig. Aber in ihnen war eine gemeinsame Grundlage, ein Geist, ein unerschütterlicher Glaube an sich selbst, eine unverbrauchte Kraft. Nach der Reform hat es zwischen ihm und uns, den gebildeten Ständen, nur einen Augenblick der Einigung gegeben -- das Jahr 1812 -- und wir haben gesehen, wie sich das Volk da geäussert hat. Wir erkannten damals, _was_ das Volk eigentlich sei. Das Elend liegt darin, dass es _uns_ nicht kennt und nicht versteht.
Allein jetzt hört der Zwiespalt auf. Die Petersche Reform, welche sich ununterbrochen bis auf unsere Zeit fortgesetzt hat, ist endlich an ihre letzte Grenze angelangt. Weiter kann man nicht gehen, ja, wohin auch? Es giebt da keinen Weg mehr, er ist durchlaufen. Alle, welche Peter den Grossen nachgeahmt haben, haben Europa kennen gelernt, sich europäischem Leben angeschlossen und sind nicht Europäer geworden. Ehemals machten wir uns selbst Vorwürfe über unsere Unfähigkeit zum Europäismus; heute denken wir anders. Wir wissen heute, dass wir nicht Europäer sein können, dass wir nicht im stande sind, uns in eine der westländischen Formen hineinzuzwängen, welche Europa aus seinen eigenen nationalen, uns fremden und entgegengesetzten Grundelementen ausgearbeitet und ausgelebt hat -- geradeso wie wir etwa ein fremdes Kleid nicht tragen könnten, das nicht nach unserem Masse verfertigt ist. Wir haben uns endlich überzeugt, dass auch wir eine Nationalität für uns sind, eine im höchsten Grade selbständige Nationalität, und dass unsere Aufgabe ist -- uns eine neue, uns eigene, heimische Form aufzubauen, eine Form, die wir unserer eigenen Grundlage, unserem Volksgeist und unseren Volkselementen entnehmen müssen. Wir sind unbesiegt zum heimischen Boden zurückgekehrt. Wir leugnen unsere Vergangenheit nicht ab, wir anerkennen auch das Vernünftige darin. Wir anerkennen, dass die Reform unseren Horizont erweitert, dass wir durch sie unsere künftige Bedeutung in der grossen Familie aller Völker kennen gelernt haben.
Wir wissen, dass wir uns jetzt nicht mehr mit einer chinesischen Mauer von der Menschheit absondern werden. Wir ahnen, und ahnen mit ehrfürchtigem Sinn, dass der Charakter unserer künftigen Thätigkeit im höchsten Grade allgemeinmenschlich sein muss, dass die russische Idee vielleicht die Synthese aller jener Ideen sein wird, welche Europa mit solcher Hartnäckigkeit, mit solcher Männlichkeit in seinen verschiedenartigen Nationalitäten entwickelt; dass vielleicht alles Feindselige in diesen Ideen seine Versöhnung und fernere Entwickelung im russischen Volkstum finden wird. Wir haben also nicht vergebens alle Sprachen gesprochen, alle Zivilisationen begriffen, an den Interessen eines jeden europäischen Volkes teilgenommen, den Sinn und die Vernunft von Erscheinungen verstanden, welche uns vollständig fremd waren; nicht vergebens haben wir eine solche Kraft der Selbstkritik bekundet, die alle Fremdländer in Erstaunen versetzt hat. Sie haben uns darob gescholten, haben uns Leute ohne Persönlichkeit, ohne Vaterland geheissen, ohne zu bemerken, dass die Fähigkeit, sich auf eine Zeit lang von seinem Boden loszureissen, um nüchterner und unparteiischer auf sich selbst zu schauen, schon an und für sich eine sehr starke Eigentümlichkeit ist; die Fähigkeit endlich, das Fremde mit dem Auge des Versöhners anzusehen, ist die höchste und edelste Gabe der Natur, welche nur sehr wenigen Nationalitäten verliehen ist. Die Angehörigen anderer Nationen haben unsere unermesslichen Kräfte noch nicht einmal versucht ... Jetzt aber, scheint es, treten auch wir in ein neues Leben ein.
Hier nun, vor eben diesem Eintreten in das neue Leben ist die Versöhnung der Anhänger der Peterschen Reform mit jenen der Volksgrundlage unvermeidlich geworden. Wir sprechen hier nicht von Slavophilen und nicht von Westlern. Ihrem feindlichen Zwiste gegenüber verhält sich unsere Zeit vollkommen gleichgiltig. Wir sprechen von der Aussöhnung der Zivilisation mit dem Volkstum. Wir fühlen, dass beide Parteien einander endlich verstehen müssen, alle Missverständnisse, die sich zwischen ihnen in so unglaublicher Anzahl aufgehäuft haben, aufklären und dann in Harmonie und Eintracht mit vereinten Kräften einen neuen breiten und ruhmvollen Weg betreten müssen. Die Vereinigung, was immer sie kosten möge, ohne Rücksicht auf was immer für Opfer, und das so schnell als möglich -- das ist unser leitender Gedanke, das ist unsere Devise.
Allein, wo ist denn der Berührungspunkt mit dem Volke? Wie macht man den ersten Schritt, um sich ihm zu nähern? Das ist die Frage, das die Sorge, die alle teilen sollten, denen der russische Name teuer ist, alle, die das Volk lieben und denen sein Glück teuer ist. Sein Glück aber -- ist unser Glück. Es versteht sich, dass der erste Schritt zur Erreichung jeglicher Übereinstimmung das Alphabet und die Bildung ist. Das Volk wird uns niemals verstehen, wenn es nicht vorher vorbereitet worden. Es giebt keinen anderen Weg und wir wissen, dass, indem wir dies aussprechen, wir nichts Neues sagen. Allein so lange es an den gebildeten Ständen ist, den ersten Schritt zu thun, haben sie ihre Situation auszunützen, mit allen Kräften auszunützen. Kräftige, schleunige Verbreitung von Bildung, koste es was es wolle, das ist die Hauptaufgabe unserer Zeit, der erste Schritt zu jeglicher Thätigkeit.