Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie

Part 14

Chapter 143,483 wordsPublic domain

In einem Briefe vom 9. Mai 1859 legt er dem Bruder einen Plan vor, wie seine bis dahin geschriebenen Werke in eine Ausgabe vereinigt werden könnten, um wieder einiges Geld hereinzubringen. Es war schon in einem anderen Briefe davon die Rede gewesen, dass Dostojewsky 100 Rubel für den Druckbogen erhielt, während Turgenjew damals schon 400 Rubel per Bogen gezahlt wurden. Uns interessiert hier nur seine Einreihung der Werke in zwei Bände und die Berechnung, die er daran knüpft, welche uns zugleich ein Bild seiner mühseligen, dabei klugen, aber doch immer etwas sanguinischen Transaktionen mit Redakteuren und Verlegern zu geben vermag. Bezeichnend ist dabei die häufige Wiederkehr der absoluten Mutlosigkeit, die immer wieder in Ausrufe ausbricht: dann, dann bin ich der Verzweiflung anheimgegeben, oder: dann, -- höchstens ins Wasser -- oder -- ich bin verloren usw. In diesem Briefe also heisst es: »Höre, Mischa! Dieser Roman hat unbedingt grosse Mängel und hauptsächlich wohl den, dass er sich in die Länge zieht; wovon ich aber überzeugt bin, ist, dass er zugleich auch grosse Vorzüge hat und dass er mein bestes Werk ist.« Dies meint der Dichter bei jedem eben vollendeten Werke und kommt erst spät von dieser Meinung zurück. »Ich habe ihn zwei Jahre hindurch geschrieben (mit der Unterbrechung »Onkelchens Traum«), Anfang und Mitte sind durchgebildet, das Ende in Eile hingeschrieben. Aber ich habe meine Seele, mein Fleisch und Blut da hineingelegt. Ich will nicht sagen, dass ich mich darin ganz ausgesprochen hätte, das wäre Unsinn. Es wird noch vieles zu sagen geben. Dazu kommt, dass in diesem Roman wenig Herzenselement vorhanden ist (d. h. leidenschaftliches Element, wie z. B. im »Adeligen Nest«) -- aber er enthält zwei ungemein typische Charaktere, die ich fünf Jahre lang geschaffen und notiert und tadellos (nach meiner Meinung) durchgearbeitet habe -- Charaktere, welche durchaus russisch und bis heute durch unsre Litteratur noch schlecht dargestellt worden sind. Ich weiss nicht, ob Katkow das würdigen wird, aber wenn das Publikum meinen Roman kühl aufnimmt, so werde ich, ich bekenne es, in Verzweiflung sein. Auf ihn sind meine besten Hoffnungen und vor allem die Befestigung meines litterarischen Rufes gegründet. -- Jetzt bedenke: der Roman erscheint heuer, vielleicht im September. Ich denke, dass, wenn man von ihm sprechen, ihn loben wird, ich von Kuschelew schon 300 Rubel für den Druckbogen werde fordern können. Es wird dann nicht mehr jener Schriftsteller mit ihm zu thun haben, der nur »Onkelchens Traum« geschrieben hat. Freilich kann ich mich sehr über meinen Roman und seinen Wert täuschen, aber darauf beruhen alle meine Hoffnungen. Nun: wenn der Roman im »Russkij Wjestnik« (Katkow) Erfolg hat, und allenfalls einen bedeutenden, so habe ich, anstatt die »armen Leute« gesondert herauszugeben, eine neue Idee: Wenn ich werde nach Twer gekommen sein (dem Dichter war damals schon Twer als nächster Wohnort angewiesen worden), will ich, mit deiner Hilfe versteht sich, mein Täubchen, du mein ewiger Helfer -- zum Januar oder Februar des kommenden Jahres zwei Bändchen meiner Werke in folgender Ordnung herausgeben: 1) erster Band: »Arme Leute«, »Njetoschka Njezwanowa« (die ersten 6 Kapitel sind überarbeitet und haben allen gefallen), »Helle Nächte«, »Kindergeschichte« (die Erzählung, welche Dostojewsky im Gefängnis schrieb und später »Ein kleiner Held« nannte) und »Christbaum und Hochzeit«; alles in allem 18 Druckbogen. Im zweiten Band: »Das Dorf Stepantschikowo« und »Onkelchens Traum«. Der zweite Band hat 24 Druckbogen. (NB. Später kann man den überarbeiteten oder, besser gesagt, neugeschriebenen »Doppelgänger« und andre gesondert herausgeben. Das wäre der dritte Band (dies aber später und jetzt nur zwei Bände).)«

»Die Auflage in 2000 Exemplaren wird 1500 Rubel kosten, nicht mehr. Man kann das Exemplar zu 3 Rubeln verkaufen. Daher werde ich, wenn ich durch 1½ Jahre einen grossen Roman schreibe, durch den allmählichen Verkauf der Exemplare geschützt und bei Gelde sein. Man kann es auch so machen: die Ausgabe an Kuschelew um 3000 oder sogar 2500 verkaufen; aber natürlich sich jetzt in keinerlei Verhandlungen einlassen: man muss den Erfolg des Romans bei Katkow abwarten. Hier ist alle Hoffnung enthalten und dieser Erfolg wird alle Abmachungen erleichtern.«

»NB. An Katkow sende ich im ganzen 15 Bogen zu 100 Rubeln, macht 1500 Rubel. Genommen habe ich von ihm 500, und nachdem ich das dritte Viertel des Romans eingesandt, habe ich um weitere 200 für die Reise gebeten, also sind 700 Rubel herausgenommen.«

»Ich werde ohne Kopeke nach Twer kommen, dafür aber erhalte ich dann in der allernächsten Zeit von Katkow 700 oder 800 Rubel. Das geht noch an, man kann sich wenigstens umdrehen.«

Solche und ähnliche Kombinationen bilden den Haupttext von Dostojewskys Briefen durch eine lange Reihe von Jahren und sind, so monoton diese Briefe dadurch auch sind, ein ungemein charakteristisches Merkmal für des Dichters seltsame Verbindung von Geschäftskenntnis, Klugheit und Optimismus, sowie die Umschläge seiner Stimmung von überschwänglichem Selbstgefühl zu vollständiger, kindlicher Verzweiflung und Mutlosigkeit.

Vom 22. September ist endlich ein Brief an Wrangel aus Twer datiert. Nach einer langen Pause, welche nicht verfehlt hat, im Dichter allerlei argwöhnische Vermutungen über die Treue des Freundes zu nähren, greift er mit alter Wärme die Korrespondenz wieder auf und berichtet über sein neues Leben in Twer, das indessen seine Hoffnungen durchaus nicht erfüllt, so dass er mit einer gewissen Sehnsucht an Semipalatinsk zurück denkt: »Wenn Sie nach mir fragen« -- sagt er -- »was soll ich da antworten? Ich habe Familiensorgen auf mich genommen und schleppe sie nun. Aber ich glaube, dass mein Leben noch nicht zu Ende ist, und ich will nicht sterben. Meine Krankheit ist beim alten -- nicht schlechter. Ich würde mich gerne mit Ärzten beraten -- aber solange ich nicht nach Petersburg kann -- werde ich mich nicht kurieren! Wozu mit Dummköpfen herumpatzen! Jetzt bin ich in Twer eingeschlossen, und das ist schlimmer als Semipalatinsk -- -- düster, kalt, steinerne Häuser, keinerlei Bewegung, keinerlei Interessen -- nicht einmal eine ordentliche Bibliothek ist da! das reine Gefängnis! Ich denke sobald als möglich von hier fort zu kommen; aber meine Lage ist höchst sonderbar: ich betrachte mich schon seit langem als vollkommen begnadigt; man hat mir auf persönlichen Befehl schon vor zwei Jahren den erblichen Adel zurückerstattet; bei alledem aber weiss ich, dass ich ohne formelles Gesuch (in Petersburg zu leben) weder nach Petersburg noch nach Moskau hinein kann. Ich habe die Zeit verpasst, ich hätte vor zwei Monaten einreichen müssen, jetzt aber ist Fürst Dolgorukow abwesend.« -- -- So plagt sich der Dichter zwischen Hoffnungen, Befürchtungen herum, fürchtet, wenn er sich an einen der einflussreichen Freunde wendet, den anderen zu verletzen und so für endlose Zeiten in Twer bleiben zu müssen, wo er in allem gelähmt ist. Endlich führt er die Idee aus, die er schon eine Zeit bei sich herumträgt, einen offenen Brief an den jungen Kaiser zu schreiben und ihm die Schwierigkeit seiner Lage darzulegen.

Eine Kopie dieses Schreibens wurde auf Veranlassung des Grafen N. P. Ignatjew aus dem Archiv der ehemaligen III. Abteilung, samt dem oben erwähnten Gedicht den Herausgebern der »Materialien« mitgeteilt, sowie auch uns das Original auf Veranlassung des Fürsten Obolensky, Gehilfen des Ministers des Innern, durch den gegenwärtigen Chef der ehemaligen III. Abteilung, Herrn von Swaljansky, vorgelegt wurde. Wir entnehmen aus diesem Schreiben die hervorragendsten Stellen.

Nach einigen einleitenden Worten, mit welchen sich Dostojewsky als »ehemaliger Staatsverbrecher« einführt, erzählt er in Kürze:

»Ich bin als politischer Verbrecher im Jahre 1849 in Petersburg verurteilt, degradiert, aller bürgerlichen Rechte entkleidet und nach Sibirien zu den Zwangsarbeiten zweiten Grades in die Festung auf vier Jahre mit der Bestimmung verschickt worden, nach Ablauf dieser Frist als Gemeiner in die Linientruppe eingereiht zu werden. Im Jahre 1854 trat ich nach meiner Entlassung aus dem Festungs-Gefängnis von Omsk als Gemeiner in das 7. Sibirische Linien-Infanterie-Bataillon; im Jahre 1855 wurde ich zum Unteroffizier befördert und im darauf folgenden Jahre 1856 wurde ich durch die Gnade Eurer Kaiserlichen Majestät beglückt und zum Offizier ernannt. Im Jahre 1858 haben mir Euer Majestät den erblichen Adel zu erstatten geruht. Im selben Jahre habe ich infolge der Epilepsie, welche sich schon im ersten Jahre meiner Zwangsarbeit eingestellt hatte, um meine Entlassung eingereicht und jetzt, nach Erhalt meines Abschiedes, bin ich zum Aufenthalt nach Twer übersiedelt. Meine Krankheit nimmt fortwährend zu. Nach jedem Anfalle verliere ich sichtlich an Gedächtnis, Vorstellungsgabe, seelischen und körperlichen Kräften, der Ausgang dieser Krankheit ist -- Lähmung, Tod oder Wahnsinn.

Ich habe eine Gattin und ein Stiefsöhnchen, für das ich zu sorgen habe. Ich habe keinerlei Besitz und erwerbe mir den Lebensunterhalt einzig und allein durch litterarische Thätigkeit, welche bei meinem kränklichen Zustande eine mühevolle und erschöpfende ist. Dabei aber geben mir die Ärzte Hoffnung auf Genesung, die sie auf den Umstand gründen, dass meine Krankheit keine ererbte, sondern eine erworbene ist. Nun aber kann ich ernste und gründliche ärztliche Hilfe nur in St. Petersburg erlangen, wo sich Ärzte befinden, welche sich speziell mit der Erforschung der Nervenkrankeiten beschäftigen. Euer Majestät! In Ihrer Hand liegt mein ganzes Schicksal, meine Gesundheit, mein Leben. Gestatten Sie mir, nach Petersburg zu fahren, um den Rat der Ärzte einzuholen. Erlösen Sie mich und schenken Sie mir die Möglichkeit, mit der Herstellung meiner Gesundheit meiner Familie, vielleicht auch auf irgend eine Weise meinem Vaterlande nützlich zu sein! In Petersburg haben zwei meiner Brüder ihren beständigen Aufenthalt, von denen ich nun über zehn Jahre getrennt bin; ihre brüderlichen Bemühungen um mich könnten dazu beitragen, meine schwere Lage zu erleichtern. Aber, ungeachtet aller meiner Hoffnungen, kann ein schlimmer Ausgang meiner Krankheit und mein Tod meine Gattin und mein Stiefsöhnchen ohne jegliche Hilfe zurücklassen. So lange noch ein Tropfen Gesundheit und Kraft in mir übrig ist, werde ich arbeiten, um sie zu sichern -- allein über die Zukunft waltet Gott, und menschliche Hoffnungen sind unzuverlässig.

Allergnädigster Herr! Verzeihen Euere Kaiserliche Majestät mir auch die zweite Bitte und geruhen Sie, mir eine ausserordentliche Gnade zu gewähren, indem Sie anordnen, dass man meinen zwölfjährigen Stiefsohn Paul Issajew auf Staatskosten in ein Petersburger Gymnasium aufnehme. Er ist von erblichem Adel, Sohn des Gubernial-Sekretärs Alexander Issajew, welcher in Sibirien in der Stadt Kuznjezk, Gouvernement Tomsk, im Dienste Ihrer Kaiserlichen Majestät gestorben ist -- einzig und allein darum gestorben, weil ärztliche Hilfsmittel in jenem öden Lande unzulänglich sind, wo er gedient und Gattin und Sohn ohne jegliche Mittel zurückgelassen hat. Sollte aber die Aufnahme Paul Issajews in ein Gymnasium unmöglich sein, so geruhen Sie, Herr, anzuordnen, dass er in eines der Petersburger Kadetten-Korps aufgenommen werde. Sie werden seine Mutter beglücken, welche ihren Sohn täglich lehrt, um das Glück Euer Kaiserlichen Majestät und Ihres erhabenen Hauses zu beten. Sie, Herr, sind wie die Sonne, welche über Gerechte und Ungerechte scheint. Sie haben schon Millionen Ihres Volkes beglückt, beglücken Sie auch eine arme Waise, seine Mutter und einen unglücklichen Kranken, von dem der Bann bis heute noch nicht genommen ist, und welcher bereit ist, sofort sein Leben für den Kaiser, den Wohlthäter seines Volkes, hinzugeben.«

Ganz abgesehen von dem Aufschwung, den die Hoffnung aller nach dem Regierungsantritte des Zaren Alexander II. genommen hatte, von der Zuversicht auf die Reformen des jungen Kaisers und der Liebe, die ihm das Land entgegen brachte, ist dieses Schreiben überschwänglicher Unterwürfigkeit, die im Munde eines Europäers nur servil wäre, im Munde eines echten Russen aber etwas von den Naturlauten eines Kindes hat, das vertrauensvoll und ohne Umschweife alle seine Wünsche und Leiden dem »Väterchen« zu Füssen legt. Der einfach sachliche Ton, der in der Erzählung der Geschichte dieser schweren Jahre liegt, das naive Fordern und Begründen der Forderung eins und zwei lässt diesen Brief als eine intime Mitteilung erscheinen, an die sich die Unterwürfigkeit des Schlusses und mancher Wendung ganz anders anschliesst, als dies etwa in einem europäischen Majestätsgesuch der Fall sein könnte.

Wie kompliziert jedoch die Erledigung dieser Angelegenheit durch des Dichters Ungeduld geworden ist, davon giebt ein Brief, der letzte, den er aus Twer an Wrangel richtet, ein deutliches Bild.

»Sie schreiben,« -- heisst es darin -- »warum ich, da ich die Einwilligung Dolgorukows und Timaschews (des General-Adjutanten) zur Niederlassung in Petersburg habe, nicht zu Euch komme? Das ist ja das Elend, lieber Freund, dass es unmöglich ist, denn die Sache steht jetzt beim Kaiser. Ich habe nämlich an Ihn geschrieben und jetzt wird schon Er entscheiden. Ich habe vorgehabt, nur auf einige Zeit hinzufahren, da, wenn Dolgorukow damit einverstanden ist, dass ich endgiltig nach Petersburg übersiedle, er auch nicht ungehalten sein wird, wenn ich in Erwartung der letzten Entscheidung auf einige Tage dahin komme. Ich hatte mich schon fast entschlossen, zu reisen, und sprach davon mit dem Grafen Baranow (dem damaligen Gouverneur). Allein der hat mir davon abgeraten, da er fürchtete, ich könne mir dadurch schaden, dass ich mir eigenmächtig ein Recht herausnehme, um das ich erst vorlängst gebeten, und ohne noch eine Antwort darauf erhalten zu haben. Sie müssen selbst zugeben, lieber Freund, dass ich ja nicht reisen kann, wenn Baranow es nicht gerne sieht. Ohne es ihm mitzuteilen aber konnte ich nicht abreisen. Er hat mein Schreiben an den Kaiser gesandt (durch Adlerberg) und hat dabei gebeten, es in seinem Namen zu übergeben, folglich hat er als Gouverneur für mich Bürgschaft geleistet, darum wäre es meinerseits unzart, in aller Stille fortzufahren. -- Und darum habe ich folgendes ausgedacht, wozu auch der Graf mir geraten« usw.

Es folgt nun eine Reihe von Kombinationen, wie die Sache, ohne hier und dort anzustossen, schnell durchgeführt werden könne.

Die Belege zu den oben erwähnten Stellen, sowie zwei Briefe Dostojewskys an Baranow und Dolgorukow sind uns gleichfalls zur Abschrift übermittelt worden; wir glauben aber, dass es hier nicht darauf ankommt, diese Bitt-Korrespondenz voll wiederzugeben. Wir beschränken uns hier auf eine Aufzählung der Dokumente, welche im Zeitraum jener fünf Jahre 1854-1859 mit den wichtigeren Ereignissen im Leben des Dichters zusammenhängen. Dazu gehören: ein Rapport des Gouverneurs von Tobolsk an den Kaiser (15. April 1853), dass sich Durow und Dostojewsky in der Festung gut gehalten haben, ferner die Bitte, ein patriotisches Gedicht gelegentlich des Orientkrieges in den »Petersburger Nachrichten« veröffentlichen zu dürfen (26. Januar 1854), die auf die besondere Verwendung des Prinzen Peter von Oldenburg und des General-Adjutanten Graf Totleben erfolgte Beförderung Dostojewskys zum Unteroffizier (28. Februar 1856 Nr. 335), die Verfügung des Kriegsministers (Nr. 2634), dass ihm der Adel wiedergegeben werde (1857), Mitteilung des General-Auditoriats (Suchosanet) des Kriegsministeriums an den Herrn Chef der Gendarmerie Fürst Dolgorukow, dass Th. M. Dostojewsky infolge aufrichtiger Reue und guter Aufführung und auf spontane Verwendung des Grossfürsten Michael Pawlowitsch unter fortlaufender geheimer Überwachung zum Fähnrich befördert wurde (20. Oktober 1856 Nr. 6118).

Die geheime polizeiliche Aufsicht scheint übrigens noch sehr lange über Dostojewsky gewaltet zu haben, da sich seine Witwe erinnert, wie in seinen späten Lebensjahren irgend ein Funktionär sich gelegentlich einer kleinen Ortsveränderung ihres Gatten darüber wunderte, nichts davon gewusst zu haben. Es kann indessen immerhin sein, dass ein dienstbeflissener Unter-Staatsmann, wie es deren in Russland nur allzuviele giebt, diesen geheimen Schutz auf eigene Faust zum Besten Dostojewskys und des gefährdeten Staates unternommen hatte. Der letzte der in der »Niva« veröffentlichten Briefe schliesst unmittelbar an jene an, welche sein Gesuch um die Erlaubnis zur Heimkehr besprechen. Er ist vom 12. November 1859 datiert und wiederholt die Reihe seiner Bemühungen, die bis dahin ohne Resultat geblieben waren. Bemerkenswert ist in diesem Briefe der praktische Geist, welcher sich darin kundgiebt. Nicht etwa, als wäre Dostojewsky eine bis in das Detail des Lebens praktische Natur gewesen, allein er besass, wie die meisten genialen Menschen, eine Art Praxis in theoretischer Form, einen Zug ins Grosse, der ihm den Gedanken mancher Unternehmung eingab, die er allerdings in der Wirklichkeit nicht festzuhalten und auszuführen vermochte. Darüber spricht sich N. Strachow, der ihn in seiner Geschäftsgebahrung sehr nahe kannte, in seinem Beitrage zu den »Materialien« eingehend aus. »Ich muss hauptsächlich darum in Petersburg sein, um den Verkauf meiner Werke zu betreiben. Übrigens habe ich einen Plan im Kopfe -- nämlich: die Sachen nicht um Geld herzugeben, sondern sie in 2000 Exemplaren, wenn das nötig sein sollte, bei Schtschepkin und Soldatenkow in Moskau zu drucken. Sie geben kein Geld, sondern drucken die Werke und machen sich zuerst beim Verkauf bezahlt, mit Zuschlag vernünftiger Prozente natürlich. Dies scheint mir aus vielen Ursachen günstiger zu sein. (Es wäre zu weitläufig, wollte ich mich jetzt des längeren darüber ausbreiten.) Ich würde es unbedingt so machen, wenn ich sofort nach meiner Ankunft in Petersburg Geld zum Leben hätte (ausser dem, welches ich von Krajewsky bekomme).[13] Du begreifst, dass mich dies alles sehr interessiert. Da ist Leben und Zukunft. Nimm übrigens meine Worte nicht à la lettre und verkaufe die Sachen für Geld, wenn sich nur immer eine Gelegenheit dazu bietet. Diese Gelegenheit aber suche, ohne meine Ankunft in Petersburg zu erwarten. Begreife, dass die Zeit vergeht; es wäre schon Zeit, zu drucken -- sie vergeht und dabei gehen auch die Chancen des Gewinns verloren ....

Aber -- der Teufel hole das Geld! Dich möcht' ich umarmen -- das ist's! Könnt' ich mich nur schon bald neben Euch niederlassen, in Eurem Kreise sein. Es ist mir schwer, hier zu leben. Ich kann nichts anfangen, so sehr bin ich durch vieles innerlich bewegt; die Zeit vergeht ... Du ahnst nicht, Mischa, was das heisst: etwas erwarten! Ein Monat! Ja, wird es nach einem Monat damit aus sein? Vielleicht vergehen auch drei, ja vier Monate. Du schreibst über eine Idee, zu deren Ausführung man für den Anfang 15-20000 Rubel brauchte. Mich regt das alles sehr auf, Bruder. Es ist, als wären gerade wir irgendwie fluchbeladen. Man sieht andre: weder Talent, noch Fähigkeiten -- es werden aber Leute aus ihnen, sie hinterlassen ein Kapital. -- Wir aber kämpfen, kämpfen, schlagen uns herum .... Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir beide bedeutend mehr Geschick und Fähigkeiten und Sachkenntnis haben (sic), als .... Das ist ja litterarisches Bauernvolk, dabei aber werden sie reich und wir sitzen auf dem Sande. Du, zum Beispiel, hast Dein Geschäft angefangen. Wie viele Mühe und was für Resultate?[14] Was hast Du verdient? Du musst noch Gott danken, dass Du etwas hattest, wovon Du leben und Deine Kinder erziehen konntest. Dein Geschäft ging bis zu einem gewissen Punkte in die Höhe, dann stockte es. Das ist traurig für einen Menschen von Deinen Fähigkeiten. Nein, Bruder, wir müssen nachdenken und das recht ernstlich. Wir müssen etwas wagen und irgend ein litterarisches Unternehmen ins Werk setzen -- eine Zeitschrift zum Beispiel. Übrigens werden wir darüber nachdenken und miteinander darüber reden. -- -- --

[Fußnote 13: Der Dichter hat später in der Person seiner zweiten Gattin Anna Grigorjewna jene Kraft gefunden, welche diese praktische Idee bis in das kleinste geschäftliche Detail auszuführen verstand. Er hat jedoch, wie wir später sehen werden, erst in seinen letzten Lebensjahren die Früchte dieses Geschäftsfleisses zu geniessen begonnen.]

Bei meinem Roman ist thatsächlich wenig herausgekommen: 13-14 Druckbogen ist sehr wenig, und ich erhalte dafür weniger, als ich erwartete. Aber wie brauch' ich's! Schicke mir um Gottes Willen ein Separat-Exemplar noch vor dem Erscheinen des Buches; bedenke, wie sehr mich dies alles interessiert. Auf 8¾ Bogen kommen 1050 Rubel, folglich gebühren mir nach Abtragung meiner Schuld an Dich (von 375 Rubel) -- 175 Rubel, nicht 125 Rubel. Ich bitte Dich sehr, trachte sie so schnell als möglich zu erhalten und schicke sie mir jedenfalls sofort. Wer weiss, vielleicht entscheidet sich mein Schicksal; dann werde ich Geld brauchen, um von hier fortzukommen. Darum schicke es so schnell als möglich.

[Fußnote 14: Michael Dostojewsky hatte anfangs mit seiner Fabrik bessere Geschäfte gemacht, da er zur Anlockung der Kunden jeder Schachtel eine kleine Überraschung beilegte. Da er aber damit nicht wechselte, so bekam jeder Käufer so und so viele Messerchen zusammen und hörte auf, dort seinen Bedarf zu decken.]

Lebe wohl, ich umarme Dich, schreibe was immer und so bald als möglich.

Dein Dostojewsky.

Wenn der Roman erscheint -- teile mir sofort und bis ins Kleinste alles mit, was Du über ihn hören wirst, was für Meinungen geäussert werden, wenn überhaupt Meinungen da sein werden.«

Endlich, am 29. November 1859, wird das Gesuch erledigt. Das Original trägt in der Handschrift des Chefs der Gendarmerie, Fürsten Dolgorukow, den Bescheid:

»Hohenorts ist der Befehl ergangen, dass man betreffs Issajews die nötigen Massregeln nehme. Was Dostojewsky anbelangt, so ist seine Bitte schon nach dem Briefe erledigt worden, den er an mich schrieb.«

V. Petersburg.

Der Dichter übersiedelt nun nach Petersburg, und hier erleidet die Korrespondenz naturgemäss kürzere und längere Unterbrechungen.

Über den Empfang des Dichters in Petersburg und den Eindruck, den er auf die Freunde hervorgerufen, citiert O. Miller den Bericht A. P. Miljukows, den wir hier nachcitieren. »Einmal«, sagt Miljukow, »kam Michael Michailowitsch früh am Morgen mit der freudigen Botschaft zu mir, dass man entschieden habe, der Bruder dürfe in Petersburg leben, und dass er am nämlichen Tage ankommen werde. Wir eilten auf den Bahnhof der Nikolaewsker Eisenbahn, und dort endlich umarmte ich unseren Verbannten nach einer Trennung von nahezu zehn Jahren. Den Abend brachten wir alle miteinander zu. Theodor Michailowitsch, so schien es mir, war physisch gar nicht verändert; sein Blick war sogar kühner als früher, und sein Gesicht hatte nicht das geringste von seiner gewöhnlichen Energie verloren. Ich erinnere mich nicht daran, wer von den gemeinsamen Bekannten an diesem Abend zugegen gewesen ist, allein es ist mir im Gedächtnis geblieben, dass wir bei diesem ersten Beisammensein nur Neuigkeiten und Eindrücke austauschten und früherer Jahre und alter Freunde gedachten. Nachher sehen wir einander nahezu jede Woche.«