Th. M. Dostojewsky: Eine biographische Studie
Part 13
Wir kehren jedoch zu den Erlebnissen des Dichters zurück, die noch vor seiner gänzlichen Befreiung aus Sibirien (1859) von Bedeutung waren. Das, was den Dichter in der Zeit zwischen 1854 und 59 am meisten beschäftigt, ist seine und seiner Freunde Bemühung, die Erlaubnis zu drucken, die Befreiung vom Militärdienst und endlich die Rückkehr nach Russland zu betreiben. Durch Baron Wrangel, welcher inzwischen nach Petersburg gereist war, hofft er auf den General Totleben, den dermaligen General-Auditor, in diesem Sinne einzuwirken. Er schreibt Wrangel eingehend und dringlich darüber und fügt hinzu: »Sollte man nicht etwa das Gedicht beischliessen?« Unter dem »Gedicht« ist eine Art Hymnus gemeint, welchen der Dichter in seiner Begeisterung für die Sache der Christen im Orient zu Beginn des Orientkrieges 1854 verfasst hatte und welcher in den Archiven der »Dritten Abteilung« aufbewahrt worden war. Das Gedicht (zehn zehnzeilige Strophen in fünffüssigen Jamben) erschien zum ersten Male im ersten Heft des Grashdanin 1883 im Druck. Es ist künstlerisch ganz unbedeutend und nur durch die Wärme und den Schwung bemerkenswert, mit welchem Dostojewsky den Sieg des christlichen Heeres über die Ungläubigen preist, andererseits heute durch den Spott interessant, den er über jene christlichen Nationen, namentlich die Franzosen ausgiesst, welche auf der Seite der Ungläubigen stehen. Die Hoffnung auf die Erfolge der russischen Waffen lässt den Dichter in einer Art gläubiger Verzückung, das siegreiche Heer bis vor die Thore Konstantinopels führen. Im selben Briefe vom April 1856 erwähnt der Dichter eines Gedichtes zur Feier der Krönung Alexanders des Zweiten, des von ihm »vergötterten Kaisers«. Orest Miller berichtet, dass dieses Gedicht spurlos verschwunden ist, was um so beklagenswerter sei, als es die Gefühle nicht nur aller patriotischen Russen, sondern auch eines Teils der Gefährten Dostojewskys in der Affaire Petraschewskys ausdrücke. So viel Platz man nun den überschwänglichen Hoffnungen einräumen muss, welche jeder neue Regierungsantritt, jeder junge Herrscher, der einer verbrauchten und verhärteten Kraft auf dem Throne nachfolgt, in den Herzen eines Volkes hervorruft, so viel neue Schwungkraft namentlich in Russland bei diesen Gelegenheiten in der Gesellschaft ausgelöst wird, so dürften doch diese Worte des allzu eifrigen Freundes mit Vorsicht aufzunehmen sein. Es ist nicht anzunehmen, dass die Teilnehmer an der Petraschewsky-Affaire, auch nur ein Teil von ihnen so hoch über dem Niveau von Verbitterung und Misstrauen gestanden und so gross und so frei, so liebe- und hoffnungsvoll auf die Weltereignisse zu blicken vermocht hätten, wie Dostojewsky. Diese Stelle des Berichtes sowie manche, die uns noch begegnet, sind zum mindesten eine Ungeschicktheit, weil sie gerade jenem in unseren Augen schaden, den sie mit einem Kreise Gleichgesinnter und mit einem Nimbus umgeben wollen, den er gar nicht braucht.
Einen längeren politischen Aufsatz, den der Dichter um diese Zeit schrieb, nennt er ein Pamphlet und fügt hinzu: »ich möchte nicht ein Wort aus diesem Artikel hinauswerfen, aber bei allem darin enthaltenen Patriotismus würde man mir kaum gestatten, das Drucken mit einem Pamphlet zu beginnen«. Er vernichtet also diesen Artikel, nimmt aber vieles davon in eine Schrift über die Kunst hinüber, die er, wie er sagt, zehn Jahre mit sich herumgetragen hat, nun niederschreibt und der Grossfürstin Marja Nikolajewna als Präsidentin der Kunst-Akademie widmet, da er meint, dadurch schneller die Druckerlaubnis zu erlangen. »In manchen Kapiteln,« sagt er, »werden ganze Seiten aus meinem Pamphlet enthalten sein, namentlich jene über die Bedeutung des Christentums in der Kunst.« Über die weiteren Schicksale dieses Artikels wissen die Herausgeber der Materialien nichts näheres, vermuten jedoch, dass vieles daraus in die Artikel aufgenommen worden ist, welche Dostojewsky seinerzeit in seiner Zeitschrift »Wremja« als Polemik gegen den Kritiker Dobroljubow veröffentlicht hat. Wir werden weiter unten bei der Besprechung seiner publizistischen Thätigkeit näher auf diese Kunstanschauungen eingehen.
Jetzt, es ist um die Jahre 1856-59 herum, beschäftigt ihn vor allem sein ganz persönliches Schicksal. Die Liebe zu Marja Dmitrjewna, welche durch gegenseitige Eifersucht seine Qualen und durch diese seine Krankheit steigert; die übermenschliche Anstrengung, die es ihn kostet, dem Rivalen zu einem Lebensunterhalt, ihr zu einer einmaligen Gnadengabe, sowie ihrem Sohne zu einem Stiftungsplatz in einem Gymnasium zu verhelfen, »ehe sie heiratet, weil sie nach der Vermählung (mit dem anderen natürlich) nichts bekommt;« der heftige Wunsch, den Abschied zu erlangen und drucken zu dürfen, wenn er auch in Sibirien bleiben müsste -- dies alles steigerte seine seelischen und physischen Leiden auf das höchste. Am Schlusse seines Briefes vom 21. Juli sagt er: ... »ich aber -- bei Gott -- ins Wasser mit mir, oder zu trinken anfangen« .... Dabei ist er immer voll Hoffnung auf den jungen Kaiser, erwartet von da ausgehend (wie er denn immer ganz im Sinne der historischen Entwickelung seiner Heimat Reformen von oben für segensreicher und dauerhafter hält, als Revolutionen von unten) eine völlige Wiedergeburt Russlands. Der Brief Wrangels, der ihm von Totlebens Verwendung für ihn berichtet, bringt ihn in Entzücken über diesen letzteren, er vergisst der eigenen Leiden und schwingt sich mit der ihm eigentümlichen sanguinischen, rasch wechselnden Begeisterung, wie beflügelt in die Hoffnung einer nahen, schöneren Zukunft. »Mehr Glauben« -- ruft er aus -- »mehr Einigkeit ... und wenn noch Liebe dazu kommt, so ist alles gethan. Wie könnte irgend einer zurückbleiben, sich der allgemeinen Bewegung nicht anschliessen, sein Schärflein nicht hinzutragen? O, wäre mein Schicksal doch schon entschieden!« Ein Handbillet ernennt den Dichter endlich am 1. Oktober 1856 zum Offizier, was ihm die Aussicht auf Abschied näher rückt. Inzwischen bittet er aber, man möge für ihn bei in Moskau lebenden Verwandten, die der Familie schon oft beigestanden hatten, leihweise 600 Rubel aufnehmen, da er schon um 1000 Rubel ein fertiges Manuskript habe, das er aber bis zur Erteilung der Druckerlaubnis nicht verwerten könne. »Noch ein Jahr nicht drucken dürfen,« ruft er aus, »und ich bin verloren, dann ist es besser, nicht zu leben!« An anderer Stelle sagt er: »Ich bin bereit ohne Namen oder unter einem Pseudonym zu schreiben, wenn auch _für immer_.«
Das Manuskript, das 1000 Rubel repräsentiert, ist die im Gefängnis _vor_ Sibirien geschriebene Erzählung »Ein kleiner Held«, welche der Dichter damals »eine Kindergeschichte« genannt hatte.
Diese »Kindergeschichte« hat der Dichter, wie wir wissen, in den Kasematten der Peter Pauls-Festung niedergeschrieben, »wo man nur das Unschuldigste schreiben konnte«. Dass er aber in der Zeit zwischen dem Abschluss der Untersuchung und dem Urteilsspruch -- erst nach Schluss der Untersuchung wurden ihm nämlich Bücher und Schreibmaterialien zugesprochen -- imstande war, nicht nur etwas so »Unschuldiges« zu schreiben, sondern ein Kunstwerk von so entzückender Anmut zu schaffen, dies ist, scheint uns, das allergrösste Zeugnis seiner Kraft und Seelengrösse. Aber auch noch etwas anderes finden wir in diesem Werke bekräftigt: Dostojewskys hohes künstlerisches Können, da wo ihn weder eine innere Ungeduld, noch eine äussere Not daran hinderte, an der feinen Ausführung des Kunstwerks so recht nach seinem Sinne zu meistern. Ganz und gar einheitlich ist die Schilderung des Erlebnisses durchgeführt.
Der elfjährige, lebhafte, aber höchst feinfühlende Junge, der Held der Erzählung, gerät in eine grosse Gesellschaft auf dem Schlosse eines Gutsbesitzers. Er wird von einer übermütigen Dame bis zu Thränen geneckt, wendet aber seine geheimnisvoll ahnende Bewunderung ihrer schönen, traurigen Freundin zu, die er halb unbewusst auf allen Wegen begleitet, bis er endlich einmal von der ganzen Gesellschaft lachend und neckend als deren Cavaliere servente erklärt wird, zu dem sie eine tiefe Neigung gefasst hätte. Dies ist in feiner Weise von der übermütigen Blondine eingeleitet worden, welche die einsamen Spaziergänge der Freundin vor der Eifersucht ihres grossmäuligen Gatten decken will. In innerster Seele verletzt, da er dunkel fühlt, dass etwas Lächerliches und höchst Beschämendes über ihn gekommen, flieht der Knabe in seine Stube, wo er sich schluchzend einschliesst. Die ganze Damen-Gesellschaft pocht und ruft an seiner Thüre. Er schliesst jedoch nicht auf und wartet, bis alle sich entfernen. Dann giebt er sich ungehemmt seinem Schmerz und seinen Betrachtungen über das Vorgefallene hin. Endlich erweckt ihn ein ungewöhnliches Getümmel im Schlosshof aus seiner verzweifelten Betäubung. »Ich erhob mich und trat ans Fenster. Der ganze Hofraum war mit Equipagen, Reitpferden und eilfertigen Dienern angefüllt. Es schien, dass alle fortfuhren; einige Reiter sassen schon im Sattel, andere Gäste nahmen in den Equipagen Platz .... Da erinnerte ich mich, dass eine Ausfahrt geplant worden war und nun, nach und nach, drang eine Unruhe in mein Herz -- ich spähte intensiv, ob mein Klepper auch im Hofe sei. Aber der Klepper war nicht da, also hatte man mich vergessen. Ich hielt es nicht aus und im Nu war ich unten, alle unangenehmen Begegnungen sowie meine jüngste Schmach vergessend ....«
Kann man die Vorgänge in einer Kinderseele einfacher und vollendeter schildern? Erst der wahnsinnige Schmerz der Beschämung, Zorn, Trotz, dies alles von der Neugierde besiegt: was wohl da unten vorgehe; endlich die aufsteigende leidenschaftliche Unruhe, vergessen zu sein und zurückbleiben zu müssen! Wer erinnert sich nicht aus seinen Kindertagen, dass diese Schmerzen intensiver, leidenschaftlicher sind, als vielleicht alle Schmerzen der reiferen Jahre?
Nun kommt der Knabe hinunter, sieht, dass »alles seinen Herrn hat« und nur noch ein wildes junges Pferd da ist, das niemand zu besteigen wagt. Der junge Mann, ein guter Reiter, dem es vorgeführt worden war, verzichtet auf den Ruhm, es zu besteigen, und nun soll es fortgeführt werden. Da will die übermütige Blondine das Pferd für sich satteln lassen, um den ängstlichen Ritter zu beschämen, dem sie ihr zahmeres Tier anbietet. Allein der Hausherr gestattet dies nicht und man soll dieses eben in seinen Stall zurückführen, als die Dame den Knaben erblickt und den »weinerlichen« Helden mit der Aufforderung neckt, doch sein Glück zu versuchen. Im Zorn und Trotz, wohl auch um vor den Augen seiner Huldin ein rühmliches Heldenstück zu vollbringen, schwingt er sich, bleich und bebend, auf das Pferd, das nun mit ihm aus dem Hofthor jagt, ehe er noch im zweiten Steigbügel Fuss fassen konnte. Zum Glück für den kleinen Reiter stolpert das Tier an einem grossen Stein, macht Kehrt und wird endlich, von den Pferden der zu Hilfe eilenden übrigen Reiter bedrängt, die seine Zügel fassen, vor der Freitreppe zum Stehen gebracht. Man umringt den kleinen Helden, der mehr tot als lebendig vom Sattel gehoben wird, und bringt ihn zu Bett, da er fiebert. Die tolle Blondine erweist sich in ihrer Zerknirschung als treue, zärtliche Pflegerin, und die traurige Dame seines Herzens schenkt ihm einen Blick herzlicher Teilnahme, worüber der Knabe wonnevoll errötet.
Am andern Morgen ist er wieder frisch und munter und streicht im Park umher. Und nun kommt die herrlichste Stelle der Dichtung. Der kleine Held wird durch Zufall der ungesehene Zeuge eines schweren Abschiedes zwischen »seiner« Dame und einem Gaste, welcher die Gesellschaft offiziell schon gestern verlassen hatte und nun mit ihr in einem stillen Boskett des Parkes zusammentrifft. Der Knabe sieht, wie der junge Mann sich vom Pferd herunter neigt, die Hand der schönen Frau küsst, endlich seinen Arm um ihre Schulter legt und einen langen Kuss auf ihre Lippen drückt. Dann übergiebt er ihr ein versiegeltes Päckchen ohne Aufschrift und fliegt wie ein Pfeil an dem kleinen Nebenbuhler vorüber. Die Dame geht in Träume versunken und verliert das Briefpäckchen, das der Junge, der ihr nachgeht, findet und nach einem schweren inneren Kampfe rasch an eine sichtbare Stelle des Gartenpfades hinlegt. Sie ist aber so verloren, dass sie es nicht sieht, und eilt, da sie schon erwartet wird, dem Hause zu. Hier bereitet man sich zu einer zweiten Ausfahrt und bestürmt die Herzukommende mit Fragen über ihr Befinden, da man sie sehr bleich findet. Der kleine Held hat sich indessen in einiger Entfernung von ihr aufgestellt, hält das Päckchen, das er in die Rocktasche gesteckt, darin krampfhaft in der Hand und ist in der peinlichsten Verlegenheit, da er es ihr übermitteln und doch nicht seine Mitwissenschaft an ihrem Geheimnisse zeigen will. Sie merkt nichts von alledem, erklärt nur, dass sie an der Spazierfahrt nicht teilnehmen, sondern einen kleinen Gang durch den Park machen werde -- in Begleitung ihres kleinen Ritters. Alle fahren fort, es wird ruhig im Schlosshof, und die Schöne tritt nun gesenkten, suchenden Blickes ihre Wanderung an, des kleinen Ritters vergessend, der erfreut und gequält zugleich an ihrer Seite wandelt.
Nun folgt die Schilderung seines Kummers, seines vergeblichen Nachdenkens, wie er ihr den Fund in die Hände spielen könne. Sie nimmt, nachdem sie überall umhergespäht, auf einer Gartenbank Platz und vertieft sich scheinbar in das Lesen eines Buches, während zwei schwere Thränen an ihren Wimpern hängen. Endlich hat der Knabe einen Ausweg gefunden. Freudig ruft er ihr zu, er werde einen Strauss für sie pflücken, ehe noch die Mäher den letzten Wiesenschmuck niedermähen. Er springt davon, um den Strauss zu pflücken. Die Schilderung dieses Vorgangs erscheint uns psychologisch wie künstlerisch der Höhepunkt der Erzählung zu sein, der nur durch den feinen und sinnreichen Schluss gekrönt wird. Der Knabe läuft vom Strauch zur Wiese, von der Wiese aufs Feld, vom Feld in den schattigen Hain, von der Freude am Augenblick, an den einzelnen Blumenfunden echt kindhaft hingerissen. Was er zuletzt in seiner Hand vereinigt, ist an Farbe und Zusammenstellung ein Strauss, um den ihn jeder Gärtner beneiden könnte. Immer voller und dichter lässt er ihn werden, bis er ihn endlich mit Ahornblättern einfasst und mit feinen Gräsern bindet und jetzt -- lässt er klopfenden Herzens das Briefpäckchen in seine Mitte gleiten. Anfangs bleibt der Brief ganz sichtbar, mit jedem Stückchen Weges aber, um das sich der Knabe der Trauernden nähert, wird ihm ängstlicher zu Mute und stösst er das Päckchen tiefer in die bunte Hülle hinein, bis er -- am Ziele angelangt -- es ganz und gar darin vergraben hat. Nun überreicht er mit flammenden Wangen seine Gabe. Sie blickt nur zerstreut auf, dankt und legt den Strauss neben sich auf die Bank. Betrübt und besorgt legt sich nun der Knabe in der Nähe auf das Gras, stellt sich müde und schliesst endlich blinzelnd die Augen. Da kommt eine Biene zu seinem Entsatz. Sie umschwirrt summend die Leserin, lässt sich nicht abweisen. Diese fasst endlich den Strauss und schwingt ihn zur Abwehr nach der Biene. Der Brief fällt heraus; die Dame hebt ihn, starr vor Erstaunen, auf und sieht in stummer Überraschung bald auf die Blumen, bald auf das Päckchen. Plötzlich errötet sie heftig und sieht nach dem Jungen hin, der noch rechtzeitig die Augen fest schliesst. Da fühlt er, dass sie sich ganz nahe über ihn neigt, fühlt bebenden Herzens ihren Atem an seinen flammenden Wangen, fühlt ihre Thränen auf seiner Hand, wie sie diese einmal, zweimal küsst, und zuletzt fühlt er einen warmen Kuss auf seinen Lippen. Er »erwacht« mit einem leisen Schrei, allein da fällt ein Gazetüchlein über sein Gesicht, wie um ihn vor der heissen Sonne zu decken und -- er ist allein.
Nach dem zuletzt angeführten Schreiben des Dichters folgt eine Pause in seinem Briefwechsel mit Wrangel, während welcher ein häufigerer Gedankenaustausch mit dem Bruder ersichtlich wird, der wohl nicht unterbrochen war, sondern aus welchem, wie die Freunde sagen[11], Briefe entweder gänzlich fehlen oder bis heute noch nicht aufgefunden worden sind. In einem Briefe vom 31. Mai 1858 finden wir die Beziehung auf einen schweren Geldverlust des Bruders, wodurch es Theodor Michailowitsch doppelt peinlich wird, sich immer wieder um Nachhilfe an den Bruder wenden zu müssen. Er teilt diesem mit, dass er Beziehungen zu Katkow, dem Redakteur des »Russkij Wjestnik«, angeknüpft habe, welcher ihm einen Vorschuss von 500 Rubeln gesandt, ihn aber in einem »sehr gescheiten und liebenswürdigen Briefe« gebeten habe, »sich mit der Arbeit ja nicht zu drängen und nicht auf eine Frist hin zu arbeiten.«
Die Ausführung des Romans, welchen er mit sich trägt, verschiebt er für seine Rückkehr nach Russland. In diesem Roman, sagt er, »liegt eine ziemlich glückliche Idee, ein neuer, bis jetzt nirgends dargestellter Charakter. Allein, da dieser Charakter jetzt in Russland wahrscheinlich in der Wirklichkeit sehr verbreitet ist, ganz besonders jetzt, nach der Bewegung und den Ideen zu urteilen, von welchen alle erfüllt sind, so bin ich überzeugt, dass ich meinen Roman mit neuen Beobachtungen bereichern werde, wenn ich nach Russland zurückkomme.«
O. Miller ist der Ansicht, unter diesem Charakter könne nur Raskolnikow gemeint sein, das Produkt jener Betrachtungen, welche der eben durch russische Nachrichten und Zeitschriften dem Dichter wiedergewonnene Einblick in die Verhältnisse und bewegenden Ideen in ihm erweckt hätten. Ja, noch lange ehe Raskolnikow erschienen -- so findet Miller und wir müssen ihm vollkommen beistimmen -- ist der Grundtypus dieses neuen russischen Charakters in den »Memoiren eines Totenhauses« an jener Stelle bezeichnet worden, wo Dostojewsky sagt: »Die Eigenschaften eines Scharfrichters finden sich im Keime fast bei jedem jungen Menschen unsrer Tage vor.[12] Indessen«, sagt der Dichter, »schreibe ich zwei Erzählungen, welche eben nur erträglich sein werden.« Weiter spricht sich Dostojewsky über seine Arbeitsmethode aus, und wir müssten erstaunt sein, dass sie dem vollkommen widerspricht, was sich uns beim Lesen aller seiner Werke aufdrängt, nämlich der Raschheit, Achtlosigkeit auf Detail, der Spontaneität, die sich überall darin fühlbar macht. Es ist eben immer wieder die Not, welche ihn antrieb, seinem innersten Gefühl zuwider etwa in zwei Tagen und zwei Nächten zwischen 3 und 4 Druckbogen anzufüllen. In diesem Briefe widerspricht er dem Bruder, bekämpft dessen Ansicht, dass eine Situation auf einen Sitz geschrieben werden müsse. »Ich schreibe nur eine Scene sofort nieder, so wie sie sich mir anfänglich gezeigt hat, und freue mich daran; dann aber bearbeite ich sie ganze Monate, ein Jahr lang, begeistere mich zu mehreren Malen daran, nicht nur einmal (weil ich diese Scene liebe), und füge ihr mehrere Male etwas zu oder nehme etwas fort ... und glaube mir, es kommt alles viel besser heraus. Wenn nur Begeisterung da ist. Ohne sie, freilich, wird nichts daraus.«
[Fußnote 11: Unsere Nachforschungen in der »Dritten Abteilung« haben zur Spur von 19 Briefen aus Sibirien an den Bruder und an Verwandte geführt.]
Inzwischen hat der Dichter die Erzählung »Onkelchens Traum« für das Journal »Russkoje Slowo« geschrieben, »per Eilpost«, wie er sagt, rein nur, um Geld zu bekommen, da er gelegentlich seiner Vermählung durch den Bruder 500 Rubel als Vorschuss aus der Redaktion hatte nehmen lassen. Katkow verspricht er den Roman, das schon mehrmals erwähnte »Dorf Stepantschikowo«, für den Herbst. Diese beiden Erzählungen scheinen uns eine Art Interimsepoche in des Dichters Thätigkeit darzustellen. Zwischen das Ausklingen des alten und den Beginn des neuen Lebens gesetzt, äusserlich vom Drang nach Arbeit und Erwerb beschleunigt, innerlich nicht im allerengsten Zusammenhang mit der in Sibirien gewonnenen Vertiefung des Dichters, welche zu ihrer äusseren Gestaltung eben seine Gegenwart in Russland forderte, stehen sie eigentlich vereinzelt da; und wenn sie auch die ausserordentliche psychologische Realität und Nuancierung nicht verleugnet, welche Dostojewskys künstlerische Grösse ausmacht, so gehören sie doch weder zu jenen Werken des Dichters, welche in die Zeit des litterarischen Tastens und Spielens mit Humor und Satire einzureihen wären, noch zu jenen, welche sein Apostolat der Alliebe und Allschuld mit allen Machtmitteln seiner Glutnatur verkünden und besiegeln.
[Fußnote 12: Memoiren aus dem Totenhause, 2. Teil, 3. Kapitel.]