Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 7

Chapter 73,752 wordsPublic domain

René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.

Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf herumzugehen. -- Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an; nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch als gewöhnlich, in's Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte, hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~ dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden würde.

»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut tahitisch sein konnten -- »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte -- und weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe, und was thut ~Ferani~? -- geht hin und macht kleines Mädchen von Mitonare unglücklich -- schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor -- aber ~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf Tahiti. -- ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen -- puh -- so viel, aber nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt -- gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare ~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er doch darum immer thun was recht wäre -- sie wären auch früher keine Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet -- aber darum hätten sie doch thun können was recht wäre -- und es auch gethan, wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«

Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen lag.

Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen -- er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern könne.

Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine, und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen Mann um den Hals und rieb sogar -- sehr zu dessen Erstaunen der gar nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte -- Nasen mit ihm, die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben konnte.

Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen -- er erklärte René -- dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi--wi der je einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi--wi auch einen Christen machen könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht, was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte -- das hätte sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt.

So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund. Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß der weiße Mann Capitain -- wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte -- schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder herauszugeben.

Am komischsten betrug sich Raiteo; -- trotzdem daß er früher sich die größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für Raiteo's Gefühle geben konnten, auf das vollständigste.

René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an den Französischen Consul Tahiti's zu übersenden, wie ihm ebensowohl Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten.

Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus besuche.

Fußnoten:

[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es die Franzosen jetzt abgeändert.

[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren ~oui, oui~.

Capitel 5.

#Das Geständniß.#

Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.

So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der Missionscutter -- ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der Insel kannten -- sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von Sadie's Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich beobachten.

Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand -- war ihnen Beiden aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte -- mochte ihnen doch Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte, jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt -- als die Segel fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend, kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:

»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir ihm Beide zusammen entgegengehn? -- wie ist es Dir am liebsten?« --

»Ich weiß es nicht René,« -- sagte das Mädchen leise und schüchtern -- »ich weiß es nicht -- o mir ist auf einmal so bang und weh um's Herz, als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte -- und ich bin mir doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt -- ich glaube ich fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten -- und er ist doch so gut -- so unendlich gut.«

»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René -- »laß mich zu ihm gehn -- ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse beruhigen können -- ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; -- wenn er hört wie innig wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir einzuwenden haben. Aber was hast Du? -- was erschreckt Dich so sehr, Du süßes Lieb?«

Der Ausdruck in Sadie's Zügen ließ sich nicht verkennen -- irgend etwas mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt einem.

»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das Mädchen.

Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich leise:

»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich _fürchte_ -- und ich weiß nicht weßhalb -- Er hat noch Niemandem Böses, und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke, so überläuft mich's mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte Wort des finstern Mannes.«

»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte René -- »aber wo wohnt er? -- was thut und treibt er?«

»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine Landsleute auf den Inseln haben können -- sein Name ist Rowe und obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen -- selbst die Kinder fürchten den Mann.«

»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René -- »Dein Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann _Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«

»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.

»Dann« -- René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie; es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung gewiß nicht versagen.«

»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und schüchtern -- »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«

Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt erkannte -- denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_ nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren, ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.

Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine Hand in einem Schraubstock hätte.

»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare mit ungemein gutem Willen erwiederte -- »wie ist es Euch die Zeit meiner Abwesenheit ergangen? -- immer wohl und gesund gewesen, und in keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«

Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit Bruder Ezra -- wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden -- allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.

Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.

Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen Catechismus aufgesagt -- ihm sonst die schrecklichste aller Religionsübungen -- als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~ vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die ~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.

Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche gekommen wäre -- und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~ abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte, und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter als er dies hörte.

Bruder Rowe's Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert -- schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und sprechen wolle -- er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose -- also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt nichts auf der Welt -- selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen -- herzlicher, als diese beiden Individuen.

Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt -- »ehe das Uebel tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den französischen Consul in Papetee auszuliefern. -- Diese Inseln standen unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für immer.«

»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«