Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.
Chapter 6
René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.
»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der schlimmsten Seite zu schildern -- und schon das allein wäre nicht christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der _guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich gelebt haben -- und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden, worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst -- seien es nun protestantische oder katholische -- oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«
»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht trauriger bewegter Stimme.
»Und was den Ablaß betrifft, mein Herz,« fuhr René fort, ihre Hand wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert -- als den allliebenden Vater denken wir uns ihn ja -- sollen wir da glauben daß er dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in's dritte, vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? -- Nein Sadie -- dieser Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein _Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. -- War es Dein Pflegevater, Sadie?«
»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf schüttelnd -- »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern, nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele Mißbräuche duldeten.«
»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt, mein Lieb,« lächelte René -- »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch wahrlich nicht entsprungen.«
»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig -- »aber auf Tahiti wohnt ein frommer, ernster, strenger Mann -- der kommt des Jahres wohl ein- oder zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier -- wir fürchten uns aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist, immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. -- Oh er ist gar so finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der falschen Lehre lauschen würde -- und Du bist auch Katholik; René?«
»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund gewahrte setzte er rasch hinzu -- »aber fürchte nicht für mich, Du treues Herz -- ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte, als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt Gram und Kummer machen wolle -- »und Vater Osborne sagt ja auch daß Gott so gut -- so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine Kinder liebe -- würde er dann da so hart und grausam strafen können? -- lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu -- »ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig Muthwillen hart strafen -- vielweniger denn mein eigenes.«
»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und wolle Euch strafen für den falschen Glauben? -- Sieh mein Mädchen,« fuhr er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in's Auge schaute -- »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder, die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln -- und auf ihnen wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an Religion -- Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich -- gleich von Gottes Sonne beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und ihrem bürgerlichen Treiben: -- haben sie dann und wann Kriege untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach ihrem Glauben, -- ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da hast Du _meine_ Religion -- ich glaube jede böse Handlung trägt auch zugleich ihre Strafe in sich selbst -- unser Gewissen ist der strengste, unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost dem blauen Himmel da droben in's Auge schauen. Aber herziges Kind, laß uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. -- Mit Allem was die Natur an Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen uns da solche traurige Gedanken quälen.«
»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als in diesem Augenblick -- mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite, der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der Welt umher -- die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer -- umsonst -- als Jäger in die Felsengebirge Amerikas -- umsonst -- selbst die See versuchte ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt, die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln -- oder darüber zu Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie -- und ich fühle nun -- o mit jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt, Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib -- laß uns auf dieser freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der Welt, unsre Heimath gründen. -- Tief im Laub dieser Palmen versteckt, von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült, an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir zum Himmel.«
Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ, leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen bittend in's Angesicht.
Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm -- -- sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange sinnend vor sich nieder -- endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:
»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«
»Nie -- nie -- Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm entziehend sagte sie leise:
»Willst Du mir etwas versprechen, René?«
»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht lassend, die er noch in der seinen hielt.
»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« -- ihre Stimme war so leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte -- »mich auch bis dahin nicht wieder küssen willst.«
»Sadie!« --
»Versprich mir das -- nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein Heiligenbild zu erblicken glaubte.
»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« -- sagte er mit tiefem Gefühl.
Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht, so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit -- »das ist recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen und sich haschen -- sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen« -- setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund -- Mitonare steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,« lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen -- wir sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war -- er hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde Wi--wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen Wirth in's Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die, rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi--wi den er je gesehn habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit -- wie sie's hier gehalten und getrieben hätten -- natürlich damals, wie er nie vergaß hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. -- Auch auf religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war, obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das wichtigste Dokument seines Lebens -- ein Diplom was ihm von der Missionsgesellschaft in ~O-no~ -- wahrscheinlich London -- ausgestellt war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.
Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René's Auge darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles darin verborgen sei.
Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf ruhte -- und dann kam die ganze Geschichte heraus.
Mitonare war in früherer Zeit -- als er noch im blinden entsetzlichen Heidenthum gelebt -- ein vortrefflicher und in der That der Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte -- denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten -- aber doch gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. --
Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden, denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch, als sie zu ihnen in die Thür trat. -- Doch es war nicht dieselbe Sadie von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter geworden zu sein.
Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen, als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend neben einander her. Das verlor sich aber bald, René's leichter Sinn ließ ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt, verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. -- Sie scherzte und lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr, Bananen und anderen bepflanzt war.
Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird, und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.
René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete. Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr Lieblingsaufenthalt waren.
»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen, feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen zwischen sich ließen, oder umgaben.
Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen, gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte, auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf's Neue beginnend.
René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht -- »nur noch kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen. René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker, das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete, still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl eine halbe Minute schweigend nieder.
Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige Fasern aufschickte.
Aber die Blume lebte -- hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus, kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei -- das dunkle Canoe das mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch mistrauisch -- aber nicht lange mehr -- sie verschwanden wieder, und gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in Schaaren und Massen -- alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.
»~Eita, eita!~« rief da Sadie -- »~iti iti iti~« -- und zu gleicher Zeit warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend, ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.
Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts, dessen Feinde zurückgekehrt. -- Zwei große dunkelbraune Fische, mit breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren Schlupfwinkeln.
Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein leichtsinniges Fischchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.
So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben führen könnten -- wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren Zeiten fremd gewesen.