Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 5

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Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben, was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem eigenen Vaterland -- was er in aller Unschuld jetzt selber Wi--wi und zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte -- gäbe es aber sehr gute, fromme Christen.

René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf empor.

Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen -- aber keine Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt -- ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die verrätherischen Landsleute niederzürnte.

»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und streckte ihr seine Hand entgegen.

»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise mit dem Kopf -- »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott, durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch entgegenhielt -- »nimm das hier und lies darin, während wir in der Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen -- es ist ein gutes Buch und wird Dich trösten.«

Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand drückte und sagte --

»Ich danke Dir, Sadie -- Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu nennen -- das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen -- aber Du bleibst doch nicht lange?«

»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte das Mädchen ernst und fast traurig -- »aber lebe wohl und fürchte Nichts für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend mehr zu sehen sei -- es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. -- Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen denken -- ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« -- setzte sie leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so engelsanften Züge.

Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. -- Noch im Lachen über den Fremden hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher -- alle in der Tahitischen Sprache durch die Missionaire übersetzt, -- und Sadie einige Worte sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.

René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen, von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.

René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff zurück -- und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen Versuch zu machen ihn wiederzubekommen -- würde er den Händen der Feinde auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen? Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. -- Aber Sadie? -- würde sie ihn begleiten? -- Er erschrak ordentlich vor dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen, wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe und halte.

»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin -- »Wahnsinn, jetzt an Liebe zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt hinzulegen. Sei vernünftig René -- hier an die Inseln geworfen hat das erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt -- das ist ein Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«

Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.

Der Tag verging ihm langsam -- Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag -- kein Lächeln stahl sich über ihre Züge -- selten oder nie begegnete ihr Blick dem seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen dahin.

Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem Mitonare.

»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften englisch -- »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie haben will -- ~Pu-de-ni-a ataetai~ -- wie kleine Eidechse, hier im Laub und da im Laub -- kann sie nicht fassen -- ist weg unter den Augen.«

Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag, sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.

Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle in der Hölle -- konnten aber nichts dafür -- waren aus Versehen hinunter gekommen. -- Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück, und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter ausbrach.

Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.

Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft -- weniger des Predigens, als des Frackes wegen -- und der viele Aerger mit den Mädchen -- soviel junges leichtsinniges Volk -- denken immer können in den Himmel kommen wenn sie lustig sind -- bah -- wissens nicht besser -- Da in dem Buch steht Alles d'rin -- sehr gutes Buch -- ein Bischen dick -- aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d'rin. Jetzt kam aber bald eine böse Zeit -- weiße Mitonares -- vier, fünf, sechs kamen hier herüber -- sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine Kanakas ~iti--iti~ gut unterrichtet hat -- viele schwere Worte auswendig lernen und viel Aerger mit ~iti--iti~. -- »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind« setzte er dann hinzu -- »aber ein Bischen wild -- ein Bischen sehr wild für ~waihini~ -- Mitonare ~O--no--so--no~ Tochter -- aber nicht Tochter -- nur so Tochter --« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a O--no--so--no's~ Pflegetochter sei.

Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art verstümmelte.

René konnte es zuletzt nicht länger aushalten -- die Sehnsucht die ihn auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. -- Aber Sadie war nirgends, weder zu hören noch zu sehen.

Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich, als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe, deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen bedeckten Hügel emporzusteigen.

Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. -- O wie reizend lag seine künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen dieser Wälder -- wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte -- und welch' holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna entgegen -- halt! -- das waren Schritte -- dicht hinter den Orangenbäumen den Hügel herab -- ein leichter Sprung über den Zaun -- er fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde Wirklichkeit seiner schönsten Träume.

»Sadie!« rief er leise --

»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf zurück, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als sie aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.

Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.

»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit leisem fast zärtlichem Vorwurf.

»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind -- »lange geblieben? hab' ich denn überhaupt kommen wollen? -- wunderlicher Mann, wie weißt Du nur wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin -- und _Deinetwegen_ noch dazu« -- setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht hinzu -- »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah daß er etwas darauf erwiedern wolle -- »komm ich habe gute Nachrichten für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen auf jenen Hügel gehn.«

»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann -- »ich kann sie rasch holen.«

»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt ihn das Mädchen zurück -- »unser Häuptling selber hat mir sein Wort gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert -- und selbst dann wird er nicht streng mit Dir sein, -- wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst nicht gethan haben würde.«

»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus -- »Mädchen da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«

»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre Schultern niederfielen -- »ist das der Rede werth? -- schon als kleines Mädchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin ich funfzehn. -- Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie ernster hinzu, -- »gestern war Sabbath und -- ich wollte doch auch nicht daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. -- Doch wir wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen -- komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.

Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte. -- Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am Himmel stand -- der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die schäumende Brandung der Riffe gewährte.

René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.

»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen freundlichen Insel?« -- sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.

»O wunder -- wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend -- »ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«

»Pfui Fremder« -- sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig -- »Du mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat -- und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu leide gethan.«

»Sadie« -- bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen, rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.

»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und setze Dich hierher -- nein, nicht so nah zu mir -- da in die Ecke -- so, und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«

Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der seinen ruhen.

»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« --

»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie -- aber nicht anders -- aber ja -- wie heißt Du denn eigentlich?«

»René!«

»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig wie die anderen englischen Worte -- René das könnte auch der Mitonare im Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder verschwunden.

»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«

Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:

»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?«

»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst -- ja,« erwiederte René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch gewiß höchst gleichgültigen Frage. --

»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.

René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:

»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt, daß die Franzosen keine Christen wären? -- gewiß sind wir Christen, wenn Dich das beruhigen kann.«

»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn das Mädchen jetzt dringender.

»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur --«

»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen -- »ich will Dir dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«

»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen, Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind _katholische_ -- die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl -- _protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_ Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen unterscheiden wir uns von einander -- die protestantischen Priester halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu ihrem Ornat -- die katholischen nehmen andere. Wir haben auch -- und ich glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt -- in den Tempeln unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber, gestorben sind -- nicht aber als Götter, sondern nur als heilige Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. --

»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als für die Protestanten.«

»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.

»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen Fürsorge stehn -- kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen -- nicht um sie anzubeten.«

»Und der Weihrauch? -- die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.

»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René gutmüthig -- »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn, in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«

»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen Blick von seinen Augen.

René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben -- wenigstens seit er die Schule verlassen -- noch nicht soviel über die Gebräuche und den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein, daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den schwärzesten Farben geschildert hätten.

»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte ihre Hand auf seinen Arm.