Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 4

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»Halt, Fremder -- halt -- sie sind falsch -- sie wollen Dich binden und halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat, wieder ausliefern -- traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen Sprache ihres Stammes:

»Schäme Dich, ~ahina~[C] -- schämt Euch Ihr alle, den armen ~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu wollen. -- Wo sind seine Verwandte -- wo seine Eltern -- wo seine Geschwister? -- weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch, ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß vor dem Fremden!«

Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang verschwunden.

René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen, wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen »~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_ Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden sei.

Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander, sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne, und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein, was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen, dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache -- wer konnte von ihm verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal trauen sollte.

So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.

Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.

Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt noch zu bestehen hatte.

Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der einen Seite als Kopfkissen hinlegte -- nur die Vorsicht gebrauchend an dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte -- und sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die Arme warf.

Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.

»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom festen Schlaf erhitzte Stirn.

»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend -- »ja -- schon acht Glasen?«[E] -- die kalte Nachtluft strich über ihn hin -- um ihn rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.

»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war -- »wenn Ihr nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit, möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«

René faßte sich an die Stirn -- er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung, das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine wirkliche Lage wieder vollständig begriff.

Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte endlich halb lachend halb erstaunt:

»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder -- schläfst hier mitten zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«

»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren ausstreckend -- sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück, und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:

»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne dessen Willen keins zur Erde fällt -- ihm danke für Deine bisherige Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher hinzu -- »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«

»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René, dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte, »das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher gehn -- und wie ists mit den Provisionen -- soll ich die Cocosnuß und Bananen? --«

»Wir finden genug auf unserem Weg« -- unterbrach ihn aber das Mädchen -- »iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.«

»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen findet.«

»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und diesen bitten Dir zu helfen -- er ist selber ein Weißer und ein Diener des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften steht -- er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«

»Ein Weißer? -- und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und nachdenkend -- »ein Missionair also?«

»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau -- »er hat mich von frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt -- er ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«

René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er selbst Ursache dazu hatte.

»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen -- »sei es wohin es wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf -- »der Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf -- also vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen -- aber welchen Namen hast Du? wie kann ich Dich nennen?«

»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise -- »Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt Prudentia -- nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und nennen mich lieber mit dem alten Namen.«

»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René -- »bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier aus meiner Trübsal hinausführen soll? -- und wie gern folg ich ihm -- Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie, heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen -- nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine Bahn halten, als ich der Deinen folge.«

Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum ihren Schritten zu folgen vermochte.

Fußnoten:

[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.

[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß -- oder auch, in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene Fremde ohne Verwandte und Freunde.

[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.

Capitel 4.

#Der Mi-to-na-re.#

Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen festen Umzäunung rings umschlossen.

René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten -- er blieb stehen und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu kommen.

»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt -- hätte ich da je diese Insel betreten?«

»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und schaute zu ihm auf -- »fürchtest Du nicht _Gott_?« --

Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden müsse -- so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe Antwort weh thun mögen -- er sagte deshalb ausweichend:

»Ich sprach nicht von Gott, Sadie -- ich sprach von den Menschen -- also hier wohnt der weiße Missionair?«

»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« -- erwiederte das Mädchen, durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt -- »gerade jetzt aber besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder eintreffen.«

»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« -- frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. --

»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«

»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann die halbgestellte Frage durch eine andere -- »und sind die auf allen Inseln?«

»Nicht auf allen, doch auf vielen -- hier aber,« fuhr sie auf das Haus deutend fort -- »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen Wohnortes befindest -- was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier manchmal viel bessere Christen sind als jene -- aber nicht wahr, Du gehörst nicht zu denen?«

»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René, »denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern nicht suchen -- darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er gutmüthig hinzu -- »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen habe ich weiter nicht dafür.«

Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die, ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien halbcivilisirten Insulaners erkannte.

René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.

Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf, aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig abgeschnitten und zugestutzt -- ferner trug er ein weißes baumwollenes Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima keineswegs zusagenden -- schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an -- der Mann konnte sich an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte, trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.

Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen -- wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf tahitisch auslief.

»~Gu -- day bodder -- gu day a haere mai -- gu fend here -- ehoa ino -- very gu fend --~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung, jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde, durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein müsse.

Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.

»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen -- »was aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«

»Auch daran hab' ich gedacht« lächelte das Mädchen -- »kümmere Dich nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. -- Und nun in's Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt -- denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen -- bist Du sicher -- und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.

Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René -- ~mi mitonare~ -- ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt -- ging ihnen jetzt geschäftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.

René sah Sadie an und dann die Speisen -- er schämte sich sie zu bitten mit ihm niederzusitzen, und doch hätt' er es gar so gern gethan. Das schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die offene Thür verschwunden.

Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße -- der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen -- dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston -- das er übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach -- erwähnen hörte.

Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen Franzosen ausgab.

»Wi--wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in die Höh, und spitzte den Mund -- »Wi--wi?[G] -- hm --«

»Wi--wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt -- »was Wi--wi? -- nicht Wi--wi -- ~frenchman~ -- ~français~ -- ~ferani~ --« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.

»~Es--es~« nickte der Kleine schmunzelnd -- »~Fe--ra--ni~ -- ~Wi--wi~« --

»Was zum Henker will er denn mit dem Wi--wi?« -- dachte René -- »das muß ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«

»Viel -- viel Wi--wi's in Tahiti -- sagte der kleine Missionair wieder -- keine Christen, Wi--wi's!«

»Keine Christen?« rief René lachend -- »nun ich weiß doch nicht -- einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen --«

»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine -- »aber keine guten -- ~aita maitai~ --«