Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.
Chapter 3
»So,« sagte der Indianer mit freundlichem Kopfnicken, als er endlich neben René stand und eben die Hand ausstreckte ihn auf die Schulter zu klopfen, »so Freund weißer Mann, nun wollen wir --« aber er sprach nichts weiter -- nur ein Blick war auf das Terzerol gefallen, das der Weiße ruhig in der Hand hielt, und mit einem Satz der selbst diesen um seine Sicherheit besorgt machte, sprang er von der kleinen Steinveste ab nach der Wurzel eines tiefer liegenden Baumes, und von dieser wieder auf die Erde hinunter, wo er nicht eher stehen blieb, bis er den schützenden Stamm einer Casuarine erreicht hatte, hinter dem vor er jetzt mit den Händen auf das lebhafteste an zu gesticuliren fing, und dabei schrie und tobte, als ob ihm da oben das schmählichste Unrecht geschehen wäre.
Die Anderen warteten natürlich, als sie des Führers Flucht sahen, in ihrer, wie sie glaubten ebenfalls höchst gefährdeten Stellung, gar nicht ab die Ursache so schnellen Rückzugs zu erfragen, sondern folgten nur eben, so rasch sie konnten, dem gegebenen Beispiel des Alten.
Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.
»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun -- zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von sich drückte, -- »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« -- er wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand -- »und _zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe -- weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist -- keine Waffen -- puh -- was ist das? -- kleine blanke Ding da -- puff! macht Loch in armen Kanaka.«
»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben -- sich übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen Terzerole gemacht hatten -- »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide thun -- ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir werden gewiß nachher in Fried' und Freundschaft zusammen leben, ja uns möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine trostbringenden Nachrichten haben.«
Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien, nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:
»Gut, gut -- Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen -- weißer Mann nicht Capitain bleibt hier so lange -- Raiteo kommt wieder -- Sonne dort« -- und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines Nachspürens erspart würde.
Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr. Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen, und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in den Guiavenbüschen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte, eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und derselben Minute ein.
Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine Gewalt zu bekommen.
Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben, sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu wollen.
Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten, wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei; Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte, ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.
Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen, ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord zurückzukommen.
»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte -- »Fische bei Gott!« rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und niedergezogen wurde -- »die hätten auch noch ein paar Stunden warten können. An Bord ~boys~, an Bord -- rasch an Eure Riemen« -- rief er dann seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle -- denn soviel hatten sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes melden wolle -- theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.
Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht -- mußten sie jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute -- wenn sie eben nicht mit dem Ganzen durchbrannten -- ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten -- sollte das Schiff noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen -- augenblicklich in ein Canoe nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.
Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.
Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf, so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B] bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu, von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen wurde -- ein Zeichen größter Eile.
Fußnoten:
[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und Wallfischboote.
Capitel 3.
#Das Mädchen von Atiu.#
René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort's, und überlegte was er am Besten thäte -- hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine Spuren den Verfolgern.
Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut, was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem kaum verlassenen Versteck zurück.
»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg -- »laß sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht von diesen Steinen hinunter.«
Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole, schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.
Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang -- er horchte einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen habe.
Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht zurückhalten.
»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der Wüste« wie sie sich selber nennen -- Kanzel und Auditorium fix und fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung -- wahrhaftig auch Frauen -- die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht, und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.«
Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt, augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein, ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe ihm weiter kein Widerstand.
René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme hinunter rief:
»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen -- kommt und seht wessen Blut diese Steine zuerst färben soll -- kommt und überliefert einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln -- kommt, aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete --« er schwieg plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des Ganzen durchzuckte ihn im Nu.
Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.
René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen -- er sah wie das Boot, das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.
Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen. Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit genug.
Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen, und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.
Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen, die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem einfachen schlichten Kind dieser Inseln.
René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber, als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.
Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte, verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder nicht.
»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber stehenden Kindes nur noch bestärkt -- »gewiß will ich hinunter kommen und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht festhalten oder binden wollt -- freiwillig komme ich in Euere Mitte, und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«
Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte, freundlich dabei mit der Hand winkend:
»Gut, weißer Mann, -- ~a haere mai~ -- sei willkommen und bleib bei uns bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«
»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend -- »das ist ein Vorschlag zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.« Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt und überrascht aufschauen machte.
Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief: