Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 2

Chapter 23,792 wordsPublic domain

René war, als er sich nur einmal außer dem Bereich seiner Kameraden sah, so rasch er konnte gerade einem der nächsten Hügel zugeeilt, und das selbst schien mit der Last die er trug gerade kein kleines Unternehmen. Für ein Hemd hatte er sich nämlich vorher ein paar grüne Cocosnüsse und einige Bananen eingetauscht, damit er nicht genöthigt wäre, gleich in den ersten vierundzwanzig Stunden wegen Nahrungsmitteln einen irgendwo gefundenen Versteck zu verlassen, und diese, neben seinen Bündel Kleidern tragend, mußte er sich durch das, manchmal entsetzlich dicke Gebüsch, fortwährend mit dem fatalen Gefühl verfolgt zu werden, Bahn brechen. Er wußte aber was ihm bevorstand, wurde er von den Leuten des Delaware wieder eingefangen, und wollte wenigstens Nichts was in seinen eigenen Kräften stand unversucht lassen, sich so weit als möglich jeder solchen Gefahr zu entziehen. In dieser Absicht arbeitete er sich auch dem höheren Theil der Insel zu, weil er dort erstens den Lagunen aus dem Weg ging, die hier seinen Pfad zu beengen drohten, und dann auch wahrscheinlich in dichtes Buschwerk hineinkam, was von den Eingebornen selber selten betreten wurde.

Als er nur erst einmal hügeligen Boden erreichte, wurde seine Flucht dadurch sehr erleichtert, daß er cultivirtes und eingefenztes, wenn auch durch Unkraut ziemlich arg überwachsenes Land traf. Dort hatte er sich wenigstens durch keine verwachsenen Büsche mehr Bahn zu brechen und konnte sein Terrain ein wenig freier übersehen. Blieb er da in der Nähe, so wuchs auch Frucht genug, ihn ein Jahr im Proviant zu halten; überdies war der ganze Wald voll Früchte, denn die Guiaven standen mit Aepfeln, wenn auch noch nicht vollkommen gereift, förmlich bedeckt. Nur die Cocospalmen reichten nicht so weit hinauf, doch sah er hier in den Feldern eine Masse Wassermelonen, die ihn reichlich dafür entschädigen konnten. Weiter durfte er sich für jetzt aber nicht beladen, denn er trug schon, was er überhaupt tragen konnte, und die Hitze war groß. Die ungewohnte Anstrengung und Aufregung thaten natürlich auch das ihrige dabei.

Durch die Felder ging das auch ganz gut, überhalb diesen wurde das Dickicht aber wieder so schlimm wie es je gewesen, und die Guiavenbüsche schienen hier eine förmliche undurchdringliche Hecke zu bilden, durch die er sich nur gebückt, und sein Gepäck oft nachschleppend, hindurchdrängen konnte. Nur erst, wo diese endlich aufhörten, und mit ihnen jede Art von Frucht, begannen hohe dunkle Casuarinen, die einen weit bessern Durchgang gewährt haben würden, wären nicht so viele trockene und dürre Aeste von ihnen heruntergefallen gewesen, die sich ihm oftmals wie förmliche Pallisaden entgegenstellten.

Aber er _mußte_ hindurch, und das war ein tüchtiges Wort, ihn alle Schwierigkeiten mit leichtem Muth überwinden zu lassen. Hier wurde der Grund auch steinig, und er fand, als er den höchsten Punkt endlich erreichte, zu seiner Freude einen kleinen felsigen Platz, den er sich selber hätte nicht schöner und passender zu einem Castell ausbauen können, als es hier die Natur für ihn gethan. Zehn Fuß war er dort oben von allen Seiten frei, und das bröcklige Gestein, was den steil auflaufenden Gipfel bildete, konnte ihm im Anfang eben so wohl zum Verbergen, als später, sollte er gefunden werden, als Waffe dienen, auf irgend einen andringenden Feind niederzurollen.

Mit einem förmlichen Triumphruf nahm er von dieser kleinen Festung Besitz, und als er oben seine Last abgeworfen, und sich die nassen Haare aus der Stirn gestrichen hatte, sagte er lächelnd:

»Beim Himmel, mit Adolph hier und zwei guten Gewehren, wollt' ich mir die ganze Besatzung des Delaware vom Leibe und einem förmlichen Sturm abhalten -- ~ha -- le Delaware~!« unterbrach er sich plötzlich selber überrascht, und fast unwillkürlich trat er hinter einen der Felsstücke, denn als er den ersten Blick nach außen warf sah er, daß er frei über das Meer schauen konnte, und dort lag auch sein altes Schiff so klar und nah vor ihm, daß er die einzelnen Leute an dessen Bord konnte auf- und abgehen sehen. Mit dem Glas mußten sie im Stande sein ihn, sobald er sich nur frei zeigte, vollkommen gut zu unterscheiden. Er überlegte sich jedoch bald, daß sie bis jetzt an Bord noch keine Ahnung von seiner Flucht haben konnten, denn eben kam erst das Boot, dem er entflohen, dorthin zurück, und er konnte selbst erkennen wie die Leute von unten hinauf an Bord kletterten.

Jedenfalls war er also schon vermißt und er mußte darauf gefaßt sein daß ihn die Eingeborenen aufspüren würden, denn mit seiner Ladung hatte er an vielen Stellen eine ziemlich breite und tiefe Fährte zurückgelassen. Die kurze Zeit also die ihm bis dahin blieb, wollte er benutzen sich noch so gut als es eben anging zu befestigen, nachher dem Schicksal und seinem guten Glück das Uebrige zu überlassen. Er war jung und ein Franzose -- also weit davon entfernt sich Sorgen vor der Zeit zu machen, überdies hatte er Alles was ihm jetzt bevorstand voraus gewußt und es kam ihm Nichts unerwartet.

Schießwaffen hatte er, zwei kleine Terzerole ausgenommen, keine; außer diesen aber ein langes zweischneidiges schweres Messer in lederner Scheide, wovon er sich die meiste Hülfe versprach, und ein leichtes trotziges fast muthwilliges Lächeln überflog seine schönen Züge, als er die beiden kleinen Pistolen aus der Tasche nahm, und vor sich auf die Steine legte.

»Es sind zwar keine Zweiunddreißigpfünder« sagte er dabei lachend vor sich hin, »und ich weiß in der That nicht einmal ob sie überhaupt losgehen werden, aber sie haben doch Mündungen, und ist den Eingebornen hier schon überhaupt jemals ein solches Instrument wie eine Pistole zu Gesicht gekommen, so müßte ich mich sehr irren, wenn ich nicht glauben sollte die ganze Insel damit von mir abhalten zu können. Kurze Frist werden sie mir aber doch wohl Ruhe lassen, und die will ich denn wenigstens benutzen meinen Körper ein wenig zu restauriren und mit Speise und Trank zu erquicken.«

Und damit schnürte er wohlgemuth seinen Bündel wieder auf, in dem er auch ein kleines Packet mit einem paar Schiffszwiebacken und einem Stück Salzfleisch verborgen hatte, und mit einem Theil von diesem und einigen Bananen, wozu er eine der Cocosnüsse anzapfte und etwas davon trank, seinen allerdings brennenden Durst zu löschen, hielt er eine so vortreffliche und ruhige Mahlzeit, als ob er sich in voller Sicherheit in irgend einem guten Gasthaus befände, und nicht jeden Augenblick fürchten mußte, umstellt und gefangen zu werden.

Die Feinde waren ihm übrigens weit näher als er je vermuthet, denn kaum hatte er sein Mahl beendet, und eben wieder die Cocosnuß an die Lippen gehoben, noch einen letzten Schluck zu thun, als er gar nicht weit von sich entfernt ein Geräusch zu hören glaubte. Er hielt horchend ein -- da krachten wahrhaftig wieder die Büsche. Nichtsdestoweniger trank er erst in aller Ruhe, denn er wußte recht gut daß er hier oben in seiner festen Stellung nicht so plötzlich überrascht werden konnte, stellte dann die Nuß vorsichtig und ein paar Steine darum legend, bei Seite, daß sie nicht umfiel und seinen Wasservorrath gleich um die Hälfte verringerte, griff seine beiden Terzerole auf, und schaute dann, hinter irgend einen der größten Steine gedrückt, aufmerksam nach dorthin von woher sich jetzt vorsichtig irgend Jemand zu nähern schien. Es dauerte auch nicht lange, so konnte er schon die bunten Kattunüberwürfe mehrerer Eingeborener erkennen, die langsam und aufmerksam den Boden betrachtend, seinen hinterlassenen Spuren folgten.

Wie viele es waren ließ sich noch nicht erkennen, das blieb sich aber auch gleich; war er erst einmal aufgefunden, so konnten sie, so sie überhaupt feindliche Absichten hatten, leicht Verstärkung holen, und er mußte vor allen Dingen sehen sich auf eine friedliche Art mit ihnen zu verständigen. Die Terzerole konnten ihm aber dabei nur mehr Schaden als Nutzen bringen, und er steckte sie deshalb vorläufig wieder in die Tasche, die Ankunft der Indianer jetzt auf das ruhigste und kaltblütigste erwartend.

Diese ließen ihn auch nicht lange mehr über ihre Absicht im Zweifel. Der Erste der voranging mochte eine gewisse Obergewalt über die Andern haben, denn dicht unter den Steinen, auf denen sie den Flüchtling gar nicht zu vermuthen schienen, sandte er zwei rechts und zwei links ab, zu sehen wohin sich die Spuren etwa den Berg wieder hinunter zögen, während er selber gerade auf den Felsen zukam. René wußte recht gut daß er von diesen fünf Leuten noch weiter keine Gefahr zu fürchten hatte, und doch jedenfalls aufgefunden werden mußte, sich also deshalb aufrichtend, und mit beiden Ellbogen auf einem der vor ihm liegenden Blöcke stützend, sah er erst eine kurze Weile den Mann unten, der auf dem hier steinigen Boden nicht recht mit der Spur einig zu sein schien, lächelnd zu, und sagte dann plötzlich mit lauter Stimme den schon mehrfach gehörten und behaltenen Gruß:

»~Joranna-boy~!«

Wäre dem Eingebornen, der gebückt und die Augen fest auf den Boden geheftet, fast gerade unter ihm stand, ein grimmer Tausendfuß über den Nacken gelaufen, er hätte nicht rascher und mehr erschreckt in die Höhe und zur Seite springen können, und erst das laute Lachen René's, der auf ihn herunterschaute, als ob Jemand aus dem Fenster einer höheren Etage sieht, brachte ihn wieder ein wenig zu sich. Der erste Schrei, den er aber in voller Ueberraschung ausgestoßen war hinreichend gewesen, seine Gefährten um ihn zu sammeln, und die fünf rothen Burschen, die hier mit so feindseligen Absichten heraufgekommen waren, wußten eigentlich nicht recht wie ihnen geschah, als sie den gerade, von dem sie die grimmigste Gegenwehr erwartet, in der größten Gemütlichkeit vor sich und so friedlich gesinnt fanden, wie sie es nimmer hätten erwarten dürfen.

Erst sahen sie eine ganze Zeitlang schweigend zu ihm empor -- es war augenscheinlich, sie mißtrauten noch dem äußeren Ansehn der Dinge -- diese Freundlichkeit konnte Maske sein sie plötzlich zu überrumpeln, und obgleich sie bewaffnet waren, d. h. zwei führten Tapa-Hölzer und die andern drei Einer ein Beil und Zweie Messer -- und der Weiße unten ihnen die Versicherung gegeben hatte daß der Flüchtling nichts derartiges mitgenommen habe, wußten sie doch nicht welche außerordentlichen Mittel ihm sonst vielleicht zu Gebote stehen möchten ihnen zu schaden. Sie waren allerdings willens die ausgesetzte Belohnung zu verdienen, dachten aber dabei gar nicht daran ihren Leib oder gar ihr Leben irgend einer unnöthigen und zu vermeidenden Gefahr auszusetzen.

René blieb übrigens in seiner nichts weniger als feindlichen Stellung, wobei er sich jedoch wohl gehütet hatte seine Gestalt den Fernröhren des Schiffes preis zu geben, und da die so erstaunten und verdutzten Gestalten der Indianer allerdings komisch genug aussehen mußten, und er sich gar keine Mühe gab sein Lachen zu verbergen, so verlor sich diese Furcht denn auch endlich.

Der Führer sah seine Begleiter erst ganz ernsthaft an, und dann verzog ein breites Grinsen oder Feixen seine sonst gutmüthigen Züge, während sich diese noch eine kleine Weile zu geniren schienen, -- endlich mochte ihnen das Komische ihrer Lage aber auch wohl einleuchtend werden. Der Eine schnitt auf einmal ein ganz freundliches Gesicht, und war dann urplötzlich wieder so ernst und finster als vorher, als er aber den Häuptling ansah und dessen ausbrechende Fröhlichkeit bemerkte, glaubte er auch wahrscheinlich dem Anstand volle Genüge geleistet zu haben, und platzte nun auf einmal so rasch und laut heraus, daß sich die Andern ordentlich erschreckt nach ihm umsahen.

»~Joranna, Joranna~!« rief jetzt der Erste hinauf, dem augenscheinlich ein Stein vom Herzen gefallen schien, da er die Sache sich so friedlich lösen sah -- und es zeigte sich jetzt daß er auch etwas gebrochen englisch sprach, wie man fast auf allen diesen Inseln Einzelne findet, die Worte und Redensarten, im Verkehr mit den Fremden, aufgefangen und behalten haben. »~Joranna boy~! -- wie geht's -- wie geht's Freund -- komm herunter, komm herunter -- weißer Mann, Capitain sagt, soll herunterkommen.«

»So?« lachte René in derselben Sprache, -- »weißer Mann Capitain sagt also ich soll herunter kommen?«

Der Indianer nickte auf das freundlichste, daß er ihn so gut verstanden hatte, und versicherte, sich zu seinen Begleitern wendend, diesen, daß er die Sache jetzt augenblicklich in Ordnung bringen würde.

»Ja, komm herunter, komm herunter -- weißer Mann Capitain sagt« wiederholte er noch einmal, dieses Factum vor allen Dingen außer jeden Zweifel zu stellen.

»Und wenn ich, weißer Mann _kein_ Capitain nun nicht will?« lachte René.

»Nicht will?« rief der Führer der Eingebornen erstaunt aus, und sah den Fremden an; dann aber, denn er konnte in dessen Gesicht immer noch keinen Ernst entdecken, dies ebenfalls für einen guten Spaß desselben haltend, den er zu ihrem eigenen Vergnügen gemacht habe, schaute er sich nach den Andern um, lachte laut auf, und erzählte ihnen mit der größten Freundlichkeit was der Weiße da oben eben so Lustiges gesagt habe.

Die übrigen Eingebornen, die gleich von allem Anfang gar nichts Anderes erwartet hatten, konnten darin aber nicht den mindesten Spaß entdecken, und ein paar, zu diesem Zwecke an den Alten gerichtete Worte machten diesen ebenfalls wieder ernsthaft und ließen ihn doch an die Möglichkeit glauben daß der Fremde am Ende _wirklich_ nicht selber herunterkommen wollte, und ihn da herunter zu _holen_, war jedenfalls eine mißliche Sache.

»Bah, bah« sagte der Alte jetzt kopfschüttelnd und mit einem Gesicht als ob man einem unartigen Kinde irgend eine Thorheit verweisen wolle -- »närrisch Ding, närrisch Ding -- weißer Mann Capitain guter Mann, verlangen weiter Nichts wie herunterkommen.«

»Was bekommt Ihr dafür mich zu holen?« frug ihn aber René so gerade mitten in alle seine Berechnungen hinein, daß er ihn ganz wieder außer Fassung brachte, und er erst den Weißen, und dann seine Begleiter erstaunt ansah, augenscheinlich unschlüssig ob er diese, etwas indiscrete Frage so geradezu und der Wahrheit gemäß beantworten solle. Er hielt es am Ende für besser es erst mit den Seinen zu berathen; da diese aber nicht das mindeste Bedenken darin fanden seinem Wunsche zu willfahren, wandte er sich wieder zu dem jungen Franzosen und zählte ihm jetzt mit der größten Ernsthaftigkeit alle die Artikel auf die sie bekommen würden, und zwar mit einem Eifer und einer Genauigkeit, als ob das noch ein besonderer Beweggrund für ihn selber sein müsse, jetzt augenblicklich niederzusteigen und ihnen den Besitz aller dieser Herrlichkeiten nicht länger, widerrechtlicher Weise, vorzuenthalten.

Zu ihrem Erstaunen ließ sich aber der Fremde selbst nicht durch die Erwähnung des Handbeils und die fünf Yards rothen Kattun bestechen, sondern blieb nur ruhig und unbeweglich in seiner Stellung. Angenehm war es ihm aber nicht, diese Masse verschiedenartiger Gegenstände aufzählen zu hören, und er konnte daraus nicht allein sehen wie viel dem Harpunier daran gelegen gewesen war ihn wieder zu bekommen, als auch wie sehr schon die Habgier dieser sonst einfachen und gutmüthigen Leute erregt worden, den ausgesetzten Lohn so rasch als möglich zu verdienen. Ueberredung half hier Nichts, so viel sah er recht gut ein, wäre er selbst ihrer Sprache vollkommen mächtig gewesen, und das einzige was sich noch mit ihnen im Guten anfangen ließ, war ihnen an Geld und vielleicht Kleidern gleichen Nutzen zu bieten, wo er dann wieder das zu seinen Gunsten hatte, daß sie bei dessen Annahme ihre Gliedmaßen in keine Gefahr brachten.

»So?« sagte er also, da sie geendet hatten und nun nichts anderes zu erwarten schienen als daß er nach _solchen_ dargelegten Gründen, ihren Beweisen nicht länger werden widerstehen können -- »so? -- das also hat Euch weißer Mann Capitain Alles geboten, mich einzig und allein wieder unten abzuliefern?«

»Ja Freund -- blos unten abzuliefern« lautete die Antwort.

»Todt oder lebendig?« frug aber der junge Mann mit größter Kaltblütigkeit zurück, und erschreckte dadurch den Alten nicht wenig, der jetzt zum ersten Mal an zu begreifen fing, daß der Fremde doch am Ende nicht so ganz gutwillig mit ihnen gehen werde.

»Todt oder lebendig?« wiederholte er erstaunt und versuchte zu lachen, was ihm aber mißglückte -- »todt? wir sollen doch weißen Mann nicht _todt_ abliefern -- lebendig versteht sich.«

»Und wenn sich nun weißer Mann zur Wehr setzt?« sagte René.

»Zur Wehr setzen?« frug der Alte, der das Wort nicht so recht zu verstehen schien -- »zur Wehr setzen?«

»Nun ich meine, wenn weißer Mann unter keiner Bedingung gutwillig mitgehen will und sich vertheidigt« erklärte es ihm der Fremde deutlich genug.

»Aber fünf Yards rothen Kattun -- ein Handbeil -- zwei Messer« begann der erstaunte Eingeborne alle die Herrlichkeiten wieder aufzuzählen; René aber, dem Nichts daran lag sie nur hinzuhalten, was er mit Leichtigkeit für den ganzen Tag hätte thun können da viele dieser Leute fast gar keinen Begriff von Zeit oder dem Werth derselben haben, unterbrach ihn mitten in der schon gehörten Liste und sagte freundlich, während er eine ganze handvoll Silbergeld aus seiner Tasche nahm und ihnen vorzeigte:

»Was wollt Ihr denn thun, wenn ich Euch nun ebensoviel an baarem Gelde gebe, als Euch weißer Mann Capitain für mich versprochen hat, heh und dann bei Euch bleibe und mit Euch lebe und wohne?« --

Das war jedenfalls ein Vorschlag zur Güte, und die Eingeborenen beriethen lange unter sich was sie damit thun sollten; endlich erkundigte sich der Alte näher danach wie viel Geld das eigentlich sei, was er da in der Hand halte. René zählte es über -- es waren sechs Fünf-Frankenthaler und vielleicht zehn Franken an kleiner Münze Geld, was sie hier, in ihrem Verkehr mit Tahiti, recht gut kannten.

Für eine solche Summe wußten sie auch gut genug, daß sie selbst in Papetee ebensoviel an Waaren bekommen könnten als ihnen geboten worden; erstlich aber war der Verkehr mit jenem Platz nicht sehr bedeutend, und dann hatten sie ja auch die Sachen noch nicht hier, während sie dieselben von Bord des Wallfischfängers gleich richtig und ohne weitere Mühe überliefert bekamen.

Die Unterhandlung fiel für den Matrosen ungünstig aus, und der Alte suchte ihn nun, gewissermaßen als Entschuldigung seiner abschlägigen Antwort, und als einziges Motiv ihrer Weigerung, auseinanderzusetzen, wie sich auf dieser Insel Niemand ohne Beistimmung ihres ~Fua~ oder Königs von fremden Völkern aufhalten dürfe und daß sie also, wenn _sie_ auch selber wünschten ihn bei sich zu behalten, ihn darin doch nicht unterstützen dürften. »Ja,« setzte dann der Alte mit vieler Aufrichtigkeit und auch gewiß Wahrheit hinzu -- »wollten wir jetzt selbst Dein Geld nehmen, und Dich zufrieden lassen, wir könnten Dich doch nicht schützen, und der König würde bald Andere schicken, die Dich trotzdem abholten.«

René sah dies recht gut ein, und beschloß also deshalb mit Sr. Majestät selber zu unterhandeln -- wie aber das möglich zu machen? stieg er hinunter, so gab er sich vollkommen in die Gewalt seiner Feinde, und überfielen und banden ihn diese nachher, so konnten sie ihm mit leichter Mühe abnehmen was er bei sich hatte, ohne daß er je im Stande gewesen wäre auch nur eine Centime seines Geldes wieder zu bekommen -- und Sr. Majestät zuzumuthen hier oben heraufzuklettern, mit einem entlaufenen Matrosen wegen einiger Thaler zu unterhandeln war doch auch ein wenig viel verlangt. Nichtsdestoweniger beschloß er den Versuch zu machen, denn hinunter wollte er auf keinen Fall eher steigen, bis nicht der Delaware die Insel verlassen hätte. Er bat also den Alten, der überhaupt der Leiter der Schaar zu sein schien, ihn erst noch einmal kurze Zeit hier oben zu lassen, und indessen selber hinunter zu Sr. Majestät zu gehen, oder wenigstens einen von seinen Leuten hinunter zu schicken, der dem König Kunde von seinem Vorschlag brächte, ihn um die Erlaubniß längeren Aufenthaltes auf dieser Insel und Schutz zu bitten, bis sich das fremde Schiff entfernt hätte, wofür er denn seinerseits Willens sei, Sr. Majestät, falls diese ihm seine Sicherheit garantire, zwanzig Fünf-Frankenthaler -- ein Capital für diese Menschen -- auszuzahlen.

»Ja -- sehr gut das,« sagte der Alte nach einer kurzen Pause ernster Ueberlegung -- »sehr gut das, weißer Mann nicht Capitain kann mit ~fu-a~ sprechen, aber muß hinunter gehn -- König nicht heraufkommen hier oben auf Berg -- König sehr faul, nicht viel Berge steigen.«

»Ja, ich kann ihm da aber doch nicht helfen,« lachte René -- »wenn er die zwanzig großen Stücke Silber verdienen will, muß er auch etwas mehr dafür thun, als blos mit dem Scepter winken. Also marsch Ihr guten Freunde, bringt Sr. Majestät meinen freundlichen Gruß und Handschlag, und meldet ihm, was ich ihm hiemit entbieten lasse. Er soll einen vortrefflichen Vasallen an mir haben, und kann auch, wenn er es nur irgend anzustellen weiß, noch weit mehr Nutzen aus mir ziehen; ich bin gelehrig, und wer weiß ob ich mich nicht selbst ganz vortrefflich zu Schwiegersohn und Nachfolger eignen würde.«

Der Alte verstand sicher nicht die Hälfte von alle dem, was ihm der Fremde da in seinem leichten fröhlichen Muth vorplauderte, soviel aber begriff er, daß er dem König eine gewisse Summe, und zwar eine ziemlich bedeutende bot, ihn frei zu lassen und nicht die mindeste Absicht habe vorher herunter zu kommen. Ging nun der König diese Bedingung ein, so verlor er selber jedenfalls seinen Antheil an dem ausgesetzten Lohne, ging er sie aber _nicht_ ein, so war der ganze Weg doch umsonst gewesen, und es erschien ihm also weit besser gleich das Letztere von vornherein anzunehmen, und den jungen Burschen, der da oben doch so freundlich lachte, und sich gewiß nicht gegen sie wehren würde, nur vor allen Dingen erst einmal herunterzuholen und mitzunehmen: das Andere konnten sie ja nachher unten ausmachen. Ein paar mit seinen Begleitern rasch gewechselte Worte setzte diese von dem gefaßten Entschluß in Kenntniß, und sich dann wieder zu dem Matrosen wendend, der ihn aufmerksam betrachtete seine Entscheidung zu hören, sagte er mit bedächtiger Stimme, indem er sich das Lendentuch etwas fester anzog und einsteckte, ungefähr in derselben Weise wie Matrosen gewöhnlich, mehr in eine Art Angewohnheit, ihre um die Hüften dicht anschließenden Segeltuchhosen in die Höhe ziehen.

»Ja weißer Mann, Alles recht gut, weißer Mann Capitain hat aber gesagt müssen unten sein, bis Boot mit Kattun und Tabak und Messer und Beil und Hacke und andere Sachen wieder zurückkommt; so steig nur herunter solange, wollen unten erst zu König gehn, und nachher zu weiße Mann Capitain.«

»Ich habe Dir aber schon gesagt, Du etwas harthöriger Bursche Du,« sagte René, fast ungeduldig werdend, »daß ich nicht eher hinunter kommen will, bis ich Sr. Majestät den König dieser vielleicht vereinigten Inseln gesprochen habe -- also mache daß Du zu ihm kömmst, je eher er hier ist, desto schneller können wir unsern Handel ins Reine bringen.«

Der Alte aber, ob er dies Letzte nicht recht verstanden, oder für eine Einladung genommen, oder ob er auch vielleicht glaubte es sei jetzt über die Sache genug gesprochen worden, und müsse nun einmal gehandelt werden, kurz er rief seinen Begleitern zwei oder drei Worte mit einem entschiedenen Ton zu, und stieg dann mit weit mehr Entschlossenheit, als er bis jetzt überhaupt gezeigt hatte, die bröcklichen Felsen hinan dem Orte zu, wo der Fremde ihn ruhig erwartend stand.

René hätte ihm mit leichter Mühe einen der schweren nur kaum in der Balance liegenden Steine auf den Kopf rollen können, aber er wollte selber in seinem eigenen Interesse Feindseligkeiten solange als möglich hinausschieben, und solche nur ein letztes, wirklich verzweifeltes Mittel sein lassen. Er behinderte deshalb auch den Alten nicht im Mindesten bei seinem Marsch, und dieser fand sich gleich darauf, vielleicht selbst gegen seine eigene Erwartung, oben auf der kleinen Plattform, neben seinem vermutheten Opfer, während seine vier Begleiter eben bemüht waren ihm langsam zu folgen.