Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.
Chapter 17
»In dem Fall,« entgegnete der Französische Consul finster, »kann ich Nichts thun als gegen Alles feierlich protestiren, was die geschlossenen Verträge des Landes, das ich hier zu repräsentiren die Ehre habe, verletzt; thun Sie was Sie verantworten können.«
Eine kalte Verbeugung des Engländers antwortete ihm, und Raiata, über dessen Züge ein triumphirendes Lächeln flog, wiederholte seine Frage an Aonui, einen Häuptling aus Matavai-Bai.
Aonui war ein frommer Christ -- den geschorenen Kopf entblößt, trug er seinen Strohhut in den gefalteten Händen, und hatte schon seit der ersten Ansprache, und ohne auch nur den Blick auf einen Moment den Rednern zuzuwenden, zum Himmel aufgeschaut, dessen klare Bläue nur hie und da durch einzelne leichte Wolken unterbrochen und kaum gestört wurde. Er trug weiße Hosen und eine weiße Jacke, über die ersteren aber nichtsdestoweniger den Pareu und ein buntes roth und gelb gestreiftes Hemd, um den Hals eine feste schwarze Binde und kleine steife Stehkragen dort hinein geknüpft -- er hatte das bei seinen Lehrern gesehn und Freude daran gefunden sich ebenso zu tragen. Bei der zweiten Anrede neigte er leise den Kopf, dann aber rief er plötzlich mit lauter und freudiger Stimme:
»Jehovah sei Preis in der Höhe, sein die Ehre -- aber Pomare ist unsere Königin ~ia ore na oe~, und die Britische Flagge die natürlichste unseren Herzen, unserem Glauben.«
»Setz _unseren Interessen_ hinzu Aonui!« unterbrach ihn da Tati, der mit Ungeduld die Zeit erwartet zu haben schien, selber reden zu dürfen -- »setz _unseren Interessen_ hinzu, aber laß das _Herz_ fort. Die natürlichste unseren Herzen muß und wird die Landesflagge sein, die rothe Fahne mit dem weißen Stern, oder besser noch die weiße Kriegesfahne unserer Väter!«
»Aonui redet!« rief aber der Sprecher der Königin, seinen Stab erhebend, »Tati wird reden wenn die Königin befiehlt.«
»Tati wird« -- rief der stolze Häuptling wild und trotzig emporzuckend, aber er bezwang sich selbst, sogar noch ehe Paraitas Hand warnend seine Schulter berührte, und die Arme fest auf der Brust gekreuzt, die Unterlippe zwischen die Zähne gebissen, daß das Blut daraus zurückwich, blieb er stehn und schaute finster vor sich nieder.
»Friede mein Bruder!« fuhr aber Aonui freundlich und mit ruhiger Stimme fort -- »Friede sei zwischen uns immerdar, aber meiner Meinung bleib ich treu; die Britische Flagge muß unseren Herzen die theuerste sein, denn Groß-Britannien sandte uns die Bibel, und damit, glaub' ich, hab ich Alles wohl gesagt. -- Die heilige Schrift ist unter uns, mehr brauchen wir nicht!«
»Nein, mehr brauchen wir nicht -- wir haben unsere eigenen Gesetze und Lehrer und die Bibel -- das genügt uns -- fort mit der anderen Flagge!« fielen jetzt viele andere Stimmen ein, und »das sagt Terate, das sagt Avei -- das sagt Nane ini!« rief es von drei verschiedenen Seiten in den Lärm.
Die Missionaire schwiegen, aber mit aufgehobenen Händen standen sie da und in Bruder Rowes Augen glänzte eine Thräne.
»Gut von Dir Nane ini! gut von Dir Avei und Terate. Ihr habt Eueren frommen christlichen Sinn bewährt!« rief aber Raiata und nickte da und dort hinüber; »Ihr seid Pomares Freunde, und der Sturm wird Euch nur fester in den Boden wurzeln. Jetzt aber spricht die Königin durch mich zu Dir, Tati, Häuptling und Richter von Papara, aber Vasall Pomares, der freien Königin von Tahiti und Imeo -- und fragt Dich weshalb hast Du Hülfe gesucht bei den Feranis ohne Wissen Deiner Königin, ja ohne ihr zu künden was Du thatest?«
Tati wollte sprechen, und seine ganze Gestalt zitterte vor innerer Aufregung. Er war heute in einen weiten Zeugmantel gehüllt, der in malerischen Falten bis über seine Knie hinunterhing, in den Haaren aber trug er, wie zum Trotz der anderen Parthei, die alten Häuptlingsfedern stolz befestigt.
»Und Tati bleibt die Antwort schuldig?« frug höhnisch der Sprecher.
»_Nein, nein, nein_ und abermals _nein_!« schrie aber jetzt der stolze Häuptling, dessen Zorn die Oberhand gewann -- »nur nicht ich brauche zu antworten solcher Frage -- dort die Männer an Deiner Seite, die schwarzen mit dem frommen Blick mögen Dir Rede stehn, wenn Du so neugierig bist.«
»Wir? -- wer? -- wir?« frugen die Missionaire allerdings erstaunt, und vielleicht auch bestürzt über den trotzigen Ton des einflußreichen und immer noch gefährlichen Mannes.
»Ihr -- und noch einmal sag ich's, _Ihr_!« rief aber, uneingeschüchtert der Häuptling, jetzt vortretend und den rechten nackten tättowirten Arm gegen sie ausstreckend. »Das unnatürliche Verhältniß,« fuhr er dann etwas ruhiger, aber immer noch in aufgeregter Stimmung fort, »das dieses Land in seinen Banden hält, trägt jetzt die Schuld unseres Zwiespaltes, und wird, Gott sei es geklagt, noch später sogar blutige Früchte tragen. Euch verhüllt ein Mantel unter dem Ihr Euch versteckt oder vorkommt, wie es Euch paßt, und den Frieden Gottes auf den Lippen könntet Ihr mit Euerer Nichts vernichtenden Ruhe, einem Heiligen die Kriegskeule in die Hand pressen und den Wurfspeer. Ihr Prediger allein seid es gewesen, die unser Land regiert seit sie Pomare den Zweiten in sein kühles Grab gelegt. Ihr habt Gesetze aufgeschrieben und durch der Häuptlinge Mund wurden sie That; Ihr habt Strafen aufgeschrieben, und durch der Häuptlinge Hand wurden sie Wahrheit. Ihr waret es, die uns das Buch erklärten, das Ihr die heilige Schrift nennt -- wir kannten es nicht, Gott hatte uns im Dunkel gelassen über sein Reich. -- Ihr habt viel Gutes gethan, Ihr habt die Väter verhindert daß sie ihre Kinder erschlugen, Ihr habt manches Leben gerettet, denn Oros Priester sind von diesen Inseln verschwunden, und sie schlachten keine Opfer mehr; aber Ihr habt auch das Vertrauen des Volkes zu seinen Fürsten und Häuptlingen untergraben, und nennt die Bibel wenn man Euch fragt warum. Ihr habt unsere Gebräuche und Feste vernichtet, und die Bibel ist der Grund auf den Ihr fußt -- Euere Gesetze und Strafen, fragt man Euch woher? aus der Bibel --«
»Aber Tati,« unterbrach ihn hier Aonui mit frommem Blick -- »das ist ja --«
»Ruhe dort wenn Tati spricht!« donnerte ihm aber der Häuptling entgegen und sein Fuß stampfte den Boden; dann jedoch, nach kurzer Pause, in der das Volk athemlos seiner klangvollen Stimme lauschte, fuhr er fort -- »Das ist gut -- das Buch der Bücher ist ein fester Grund und Ihr versteht darauf zu bauen, aber laßt es nicht den Wall sein hinter den Ihr springt Euch zu verbergen. Als jene fremden Priester die in unser Land gekommen waren, _durch Euch_ verbannt wurden von dieser Insel --«
»Das ist falsch,« unterbrach ihn der Missionair Rowe mit einem frommen Blick nach oben und tiefen Seufzer, »das ist falsch, denn Tahitis Gesetze sprachen allein ihr Urtheil.«
»Und _wer_ gab die Gesetze, die sie damals trafen?« lachte mit bitterem Hohn und trotzigem Zornesblick der Häuptling -- »_Ihr_! -- Wer _deutete_ sie der Königin gegenüber? Ihr! Wagt es und sagt die Königin ist frei -- es ist nicht wahr; in Eueren Maschen liegt sie, in Euerem Netze liegt das fanatisirte Volk, das nur des Aufrufs bedarf und einen Bibelvers, sich blind dahin zu stürzen wohin _Ihr_ es verlangt. Dreht Euere Augen zum Himmel -- Gottes Tod -- hier steh ich und der Herr da oben mag mich stürzen, wenn ich ein einzig falsches Wort nur spreche, ein einziges Wort, das mir nicht warm und wahr in der Seele glüht, und meinen Pulsen Fieberhitze giebt. -- Die Gesetze? die Häuptlinge? nicht Ihr? -- wagt es und sagt das Euerer Königin in's Gesicht -- sagt das Fanue, Terate und Avei -- nicht Ihr? die Häuptlinge, das Volk führen es aus, Ihr aber, mit der Bibel in der Hand steht Ihr dahinter, und _Euer_ Ruf ist es -- heimlich oder laut -- der sie treibt.«
»Nicht als Ankläger, Tati von Papara, sondern als Vorgerufener sollst Du Rede stehn Deiner Fürstin!« rief aber jetzt Raiata, der mit einem leisen Anflug von Schadenfreude des Häuptlings Zorn auf Leute hatte ausströmen sehn, die ihm bis dahin viel zu mächtig geschienen es auch nur für möglich zu halten; aber die Königin winkte und er mußte gehorchen.
»Ei wenn Pomare denn _mit Willen_ blind ist,« rief der Häuptling trotzig, »mags drum sein; was kümmerts mich! So nimm denn Deine Antwort: Weil wir die Lösung unserer Wirren mit den Feranis denen überlassen wollten die sie herbeigeführt -- den Missionairen; von denen aber im Stich gelassen, denn sie leugneten bei dem Fortschicken der Römischen Priester auch nur im mindesten betheiligt gewesen zu sein, und von dem Franken bedrängt, ja in ihm selber vielleicht einst eine Stütze sehend in schwererer Zeit gegen solche _heimliche_ Feinde, schrieb ich meinen Namen unter das Papier -- bist Du zufrieden nun?«
»Und Du Utami?«
»Tati hat den Grund genannt,« entgegnete der allgemein geliebte Richter, und einzelne Stimmen des Beifalls wurden schüchtern laut.
Und Paraita? und Hitoti?
»Utami und Tati hatten unterschrieben,« nahm hier der vorsichtige Paraita das Wort, »wir hielten's nicht der Mühe werth da lang darüber nachzudenken; Utami denkt allein für Viele.«
»Und billigt Hitoti ebenfalls diesen Grund?« frug noch einmal der Sprecher.
»Ich habe nicht nöthig Andere vorzuschieben,« brummte der Häuptling -- »weil ich es für das Beste des Landes hielt that ich's, und weil mir das Volk mehr am Herzen liegt als die Kirche -- es mag ein Fehler sein, aber 's ist wahr.«
Da erhob sich Pomare selber, ihr Antlitz von leisem Roth überhaucht, der den lieben Zügen einen noch viel höheren Reiz verlieh, und mit der Rechten sich auf den Stuhl stützend auf dem sie gesessen, sagte sie leise, und doch mit den weichen Tönen bis zu den entferntesten dringend, die in laut- und athemloser Spannung ihren Worten horchten.
»Und _wünscht_ Ihr, Häuptlinge meines Landes, die Hülfe, den Schutz der Feranis?«
»Nein, nein, beim ewigen Gott! nein!« riefen die Häuptlinge, Tati und Hitoti an der Spitze, durcheinander.
»Was brauchen wir den Fremden?« fuhr Tati fort, den weiten Mantel von seinem Arm zurückschleudernd, »unsere Bäume sind fruchtreich, unsere Quellen süß, und kamen _wir_ zu ihm zuerst, Nahrung zu holen auf der Reise, oder er zu uns? Trenne Tatis Hand vom Rumpf wenn sie sich je ausstrecken sollte einen Fremden um Hülfe anzurufen -- so lange er sich im eignen Lande helfen _darf_.«
»Nein, wir wollen keine Hülfe von Fremden« wiederholte nochmals Hitoti, »aber laß dann auch Deine Priester zu dem stehn was sie sind -- die Lehrer unserer Kinder, unseres Volkes. Als Richter aber brauchen wir sie nicht -- sie kennen unser Land nicht, nicht unsere Sitten, unsere Bedürfnisse -- sie kennen nur Gottes Wort -- laß sie das lehren, und wir wollen ihnen folgen und sie ehren.«
Die junge Königin winkte, leicht dankend mit der Hand, und Raiata, wieder das Wort ergreifend, fuhr fort:
»So melde ich Euch denn, Ihr Häuptlinge und Eingeborene der Insel, Euch Fremden und Geistlichen die Ihr Antheil an uns und unserem Lande nehmt, daß es der Königin Wunsch und Wille ist mit allen fremden Nationen und Fürsten auf freundschaftlichem Fuß zu stehen und zu bleiben; sollte sie aber je die Hülfe irgend einer Nation verlangen müssen -- was Gott verhüten möge -- _so sei das_ Land kein anderes als Groß-Britannien, und stürbe sie, von diesem Lande sollte ihr Erbe und ihres Erben Erbe Schutz erbitten, zur spätesten fernsten Generation hinab. Ihr großer Bundesgenosse ist England; von dort hat sie ihre Lehrer, ihre Civilisation, ihre Gesetze und Religion erhalten, und sie will keinen anderen Bundesgenossen als den Briten.«
»England hat uns die Bibel gebracht!« rief ein Theil der Häuptlinge durcheinander -- »es hat uns den Heiland kennen gelehrt.«
»Und Krankheiten, die uns das Fleisch von den Knochen faulen machen,« knirrschte Tati zwischen den Zähnen -- »meinetwegen verschreibt Euch dem Teufel.«
»England ist unser Heil, unser Stolz -- England ist unser Anker in der Noth und im Sturm!« rief wieder ein Theil der Oberen, und der Englische Capitain neigte sich dankend dem bunten Chor, in Anerkennung dieser Freundlichkeit; Tati aber nahm Utamis Arm und wollte ihn fort aus dem Gedränge ziehen.
»Warte noch,« sagte Utami, »erst kommt noch ein Gebet von Einem der frommen Männer,« und dem schon gegebenen Zeichen gehorchend, beruhigte sich wieder das wachsende Toben der Menge, aber Tati schüttelte ärgerlich mit dem Kopf und sagte, den Freund mit sich fortziehend:
»So laß sie beten und singen, und meinetwegen -- aber ich will mich nicht ärgern über das schwarze Volk; fort, fort mit den albernen und quälenden Gedanken, die mir nicht Ruhe noch Frieden lassen. Das Volk ist blind, und in tollem Aberglauben, mit dem es sich jetzt gerade so auf die ihm unverständlichen Sagen stürzt, wie es früher von den Wundern Oros und der anderen Götter träumte, läßt es sich von Jedem die Hände binden, der im Stande ist ihm den Schleier über die Augen zu werfen. Fort, wieder hinaus in's Freie; die Komödie ist aus und die schwarzen Areois haben ihre Sache gut gemacht.«
Und ärgerlich den Mantel um sich her ziehend, ohne den Blick zurückzuwerfen, schritt er die Straße entlang die hinein in die Stadt führt.
Fußnoten:
[T] Die Raanocke an Bord eines Schiffes ist das äußerste Ende der Raaen genannten Queerhölzer, an welchen die Segel befestigt sind. Bei Executionen an Bord werden die zum Strang Verurtheilten an der Raanocke aufgezogen.
[U] Mein Herzchen.
[V] Die Indianer der Südsee nennen das Gold ~perú~.
[W] Das Wort _Kindesmord_ klingt aber hier auch schlimmer wie es in Wirklichkeit war, wenigstens fand Alles dabei statt, was sich nur irgend zur Milderung eines so entsetzlichen Verbrechens denken läßt. Die Inseln waren übervölkert (ein Uebelstand dem die Civilisation jetzt vollkommen abgeholfen hat) und die Frauen wurden als den Männern in jeder Hinsicht untergeordnete Geschöpfe betrachtet, hatten also auch keine Stimme bei dem Tödten der Kinder. Alle Berichte, selbst die der Missionaire stimmen übrigens darin überein, daß Kinder _nur_ gleich nach der Geburt, entweder von dem Vater selber oder einem Anderen, fortgenommen, in eine schon dazu bereitete Grube geworfen und mit Erde bedeckt wurden, _ein nur eine halbe Stunde altes Kind war vollkommen sicher und wurde nie getödtet_.
[X] Mögest Du gerettet werden.
[Y] Das war im Februar, im März wurde aber erst die Besitznahme der Inseln durch die Franzosen in England bekannt.
[Z] Pomare erwartete gerade in jener Zeit, als sie Du Petit Thouars um ihre Unterschrift bedrängte, jede Stunde ihre Entbindung.
* * * * *
Druck von _Ferber & Seydel_ in Leipzig
[Anmerkungen zur Transkription: Die Schreibweise einiger Wörter ist im Originalbuch inkonsistent. Im vorliegenden ebook wurden lediglich offensichtliche Druck- und Zeichensetzungsfehler korrigiert.
Das Buch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:
Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: ~Antiquatext~ Fettdruck: #fetter Text# ]
[Transcriber's Note: The spelling of some words is inconsistent in the original book. Only obvious typos and errors in punctuation have been fixed in this ebook.
The book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:
Spaced-out: _spaced out text_ Antiqua: ~text in Antiqua font~ Boldface: #bold text# ]
End of Project Gutenberg's Tahiti. Erster Band., by Friedrich Gerstäcker