Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.
Chapter 16
»Ei was,« lachte die Zweite leise, »dann biegen mir die anderen Mitonares den Bambus auseinander -- wenn ich nur hineinkomme.«
Die Mädchen kicherten zusammen unter ihren vorgebeugten Hüten, aber ganz leise, und der Zug schritt langsam vorwärts, denn er wuchs mit jedem Fußbreit Boden den er gewann, und an dem letzten »Bethaus« hatten sich ihm alle »Glieder der Kirche« (~Church members~) in feierlicher Procession und von dem Ehrwürdigen Mr. Rowe geführt, angeschlossen.
Ehrwürdige Gestalten selbst, mit ihren braunen Gesichtern und weißen Jacken, manche in Hosen, einzelne sogar im Frack und Lendentuch, mit Weste und heftig gestärktem Vorhemd, die Beine tättowirt mit allen möglichen heidnischen Zeichen, und den Kopf geschoren in christlicher Demuth.
Viele davon, ja die meisten, trugen Bücher unter dem Arm, und der stille Ernst der in ihren Reihen herrschte, mit der Schaar von schwarzgekleideten Männern die jetzt zu ihnen niederstieg und ihrem Zug voranging, machte einen eigenen wunderlichen Eindruck auf den Zuschauer.
»Wer wird denn hier eigentlich begraben, Jim?« sagte Mac Rally, als sie am Strande hin, in etwa funfzig Stritt Entfernung vom Ufer, den Zug in ihrem Boot begleiteten -- »das geht ja merkwürdig feierlich zu bei den Leuten -- wenn ich nicht wüßte daß ich in Tahiti wäre, glaubte ich wahrhaftig, ich sei aus Versehen irgendwo in Neu-England angelaufen.«
»Hätt' ich die Mädchen mit den schauerlichen Hüten da eben nicht tanzen sehn,« lachte der Ire, »so glaubt' ich's auch -- schwarz genug sieht der Kopf davorn aus, und dunkel gesprenkelt gehts durch den ganzen Zug; aber so ernsthaft werden sie's wohl nicht meinen, und das Ganze läuft doch am Ende wieder darauf hinaus, daß sie den Höchsten ersuchen sich der Sache, die sie jetzt in die Dinte geritten haben, anzunehmen, und nachher eine Collekte für Missionszwecke sammeln.«
Mac Rally schüttelte mit dem Kopf.
»Und ich glaub's nicht -- wäre das Englische Kriegsschiff nicht da, ja, aber der Capitain hält zu ihnen, oder will wenigstens nicht zu dem Franzmann halten, was ich ihm auch nicht verdenken kann, und da wird sie der Böse wohl plagen daß sie irgend einen gescheuten Streich aushecken, bei dem ihnen nachher die Insulaner die Kastanien aus der Asche holen müssen. Ich kenne meine Leute.«
»Wetter, jetzt wird's Ernst!« rief Jim da, über die Bai hinüberzeigend, nach der er den Kopf zufällig gewandt -- »da kommen die Boote Ihrer Majestät, mit wehenden Flaggen, die Tahitische vorn am Bug, darüber wird sich unser Französischer Nachbar unendlich freuen.«
»So ~back water~, Jim, dort hinein in die Bucht,« rief Mac Rally, »es wird Zeit daß wir landen, und uns den Spaß jetzt vom Ufer aus betrachten.«
»Ich habe ebenfalls Nichts zwischen den Booten zu suchen, Sirrah,« brummte der Ire, und dem Befehl gehorsam schoß das Boot gleich darauf einem der einfachen ausgebauten Landungsplätze zu, an dem es Einer der Leute befestigte, während sich die beiden Männer in dem Gedräng von Menschen verloren, Europäern wie Insulanern, die Alle dem oberen Theil der Bai, Paré genannt, wo die Königin ein großes Bambushaus stehen hatte, zuströmte.
Die Leute am Ufer konnten aber nur höchst langsam vorrücken, während die Boote rasch über die glatte Bai dahin schossen und ihre Bemannung schon ihre Plätze eingenommen hatte, ehe der größte Theil der Missionaire, der sich dem vollen Zug bei dem letzten Bethaus angeschlossen, mit demselben eintraf.
Die Königin Pomare, oder ~Pomare Waihine~ saß, von ihren Frauen umstanden, auf der Verandah ihres Hauses, ihren königlichen Gemahl zur Seite. Zur Rechten und Linken befanden sich die Englischen Officiere des Talbot mit den verschiedenen auf Tahiti anwesenden Consuln Englands, Frankreichs und Amerikas und manchen dort ansässigen Fremden, ebenso die Missionaire, und den Hof füllend in weitem Kreis standen die verschiedenen Häuptlinge des Landes mit der bunten wunderlichen Schaar der Eingeborenen, die sich von Civilisation wie Christenthum zum großen Theil gerade soviel zugeeignet hatte, als nöthig war ihnen ihre Nationalität zu nehmen, ohne ihnen viel anderes dafür zu bieten.
Es ist wahr, das gute Herz und der treue offene Sinn der Insulaner hatte Viele den Segnungen unserer schönen Religion leicht zugänglich gemacht, und sie mit Freuden die Irrthümer von sich werfen lassen, denen sie überdies nicht aus Neigung sondern nur deshalb angehangen, weil es ihnen eben so von ihren Vätern überliefert worden; so entsagten sie dem, früher zu einem förmlichen Gebrauch gewordenen Kindesmord[W], ehe sie selbst begriffen was das Christenthum eigentlich sei, und nahmen dieses besonders deshalb an, weil es ihnen als eine Religion der Liebe wie des Friedens geschildert wurde, und sie ihrer Kriege und Streitigkeiten schon selber herzlich satt waren. Ja, die Priester entsagten sogar auf manchen Inseln zuerst dem Heidenthum, wie der hohe Priester Tati, der selber seine Götzen verbrannte, weil er einsah daß die Religion der Bleichgesichter in ihren Lehren eine gute sei, und das Volk glücklicher machen würde, wenn es ihr folge und seinen Misbräuchen, seinen Kämpfen entsage.
Wären die Missionaire dabei stehen geblieben, hätten sie diesen noch uncivilisirten, aber jedem Guten empfänglichen Stämmen unser Christenthum gebracht wie es Christus lehrte, sie wären ein Segen dem Lande geworden und in ihrer Hand lag damals das Glück von Millionen, denn kein Stamm der Erde trug den Saamen des Edlen und Guten mehr und kräftiger in sich als gerade die Bewohner dieser schönen Inseln, aber statt dem wirklichen Kern unseres Glaubens brachten sie ihre Dogmen und Streitigkeiten, nichtssagende Formeln und Gebräuche, und die nächste Zeit schon sollte lehren wie sehr falsch sie gehandelt und wie ihr Ehrgeiz und Stolz der _eigenen Gemeinde nur_, nicht dem wirklichen Christenthum Anhänger zu gewinnen, das arme Volk das hier zum Opfer ausersehen worden, ehe es nur begreifen konnte um was es sich überhaupt handele, in die Gräuel eines Religionskrieges verwickelte.
Hätten die Evangelischen Lehrer sich eben an den reinen und herrlichen Kern unserer Lehre gehalten, so konnten ihnen eintreffende Sekten keine Bekehrte mehr abtrünnig machen; sie brauchten sie nur auf das Eigentliche jedes wahren Glaubens zurückzuführen und der Insulaner hätte gewußt _weshalb_ er seine Götzen verbrannte. So aber machten sie die Formen zur Hauptsache; ein südliches unserer nordischen Kälte, unseren starren Fanatismus nicht gewohntes Volk, das schon durch Klima wie Boden von Gott selber angewiesen worden ganz anders zu leben und zu denken, sollte nicht allein seine Religion ändern (das war möglich und die besser Gesinnten bewiesen bald wie leicht es ihnen wurde guten Lehren ihr Ohr zu öffnen), nein auch ein anderes Leben beginnen; sie sollten vollkommen andere Menschen werden, Worte singen die sie nicht verstanden, Tage lang, statt ihrer Tänze und Spiele, ihr Antlitz in den Staub werfen und beten, und wo sie bis dahin dem Himmel frisch und fröhlich in's Auge geblickt, Allem entsagen fast, was ihnen die Natur in ihrem reichsten Uebermaß geboten; mit einem Wort jenen dunklen Schwärmern und Kopfhängern gleich werden, die selbst in ihrem nordischen Vaterland nur theilweis Anhänger finden konnten, und in Streit und Hader leben mit anderen Sekten.
Aber noch waren sie selbst darin nicht fest geworden, ja in Vielen sogar schon Zweifel aufgestiegen, ob ihre alten Götter nicht mit ihnen zürnten, und der neue keine Macht habe sie zu schützen, denn ansteckende Krankheiten wütheten unter ihnen und religiöse wie politische Streitigkeiten hatten Familien und Stämme entzweit, bei denen nur der harmlose gute Charakter der Insulaner selber oft blutiges Ende verhinderte. Da warfen die Franzosen ihre Missionaire herüber, die einen anderen Gott, einen anderen Glauben brachten, und während die Evangelischen Priester die Neugekommenen als Kinder des Satans und Götzenanbeter ausschrieen, verdächtigten die Letzteren ihre, ihnen allerdings nicht geneigten Vorgänger, und warnten die armen Eingeborenen, denen der Kopf wirbelte bei den neuen Dogmen und Gebräuchen, auf dem betretenen Wege fortzugehn -- denn er führe genau zu dem Platz den sie bei Wegwerfung ihrer Götzen hätten vermeiden wollen -- nämlich zur _Hölle_.
Doch fort mit all solchen traurigen Betrachtungen, soweit sie nicht zu nahe mit den Personen selber verknüpft sind, mit denen wir es hier zu thun haben -- sie thun weh, und man möchte da manchmal mit Keulen drein schlagen, die Menschen doch nur -- das wenigste was man von ihnen verlangen kann -- vernünftig zu machen.
So vor denn, Du bunte Schaar, und grüße die Majestät, denn vor dem Hause flattert im frischen Morgenwind das Tahitische Banner, der einsame bleiche Stern im rothen Feld, und alle Fremden grüßen mit abgezogenen Hüten des Landes Königin.
Auch die Eingeborenen folgten, auf ein Zeichen ihres Missionairs, diesem Gebrauch, die wenigstens, die Hüte hatten -- und begriffen vielleicht dabei heut' zum ersten Mal weshalb sie die wunderlichen Dinger eigentlich trugen.
Pomare erhob sich, dankte mit freundlichem Nicken und ließ den Blick lange und forschend über die Menschenwogen gleiten, die ihren einfachen Palast umlagert hielten. Kaum aber zeigte sie sich so dem Volk, das in Liebe und Ehrfurcht an ihr hing, da rief ein alter Mann, ein Häuptling von Taiarabu, der unfern der Verandah stand:
»Pomare! unsere Königin, ~ia ore na oe~!«[X] und wie der Schlag des Geschützes, der das Echo weckte in den Bergen, faßte den Ruf die Menge und laut wie der Brandung Donnerton klang das liebende Wort: »~ia ore na oe~!«
Pomare wollte reden, sie hob die Hand und öffnete den Mund, aber die Stimme versagte ihr -- sie barg die Stirn in der linken Hand und wandte den Kopf, ihre Bewegung zu verbergen; da fiel ihr Blick auf die Fremden an ihrer Seite, auf die schwarzen Männer Gottes, auf die buntblitzenden Uniformen der Seeleute, und gewaltsam raffte sie sich zusammen, nicht schwach zu scheinen vor den Fremden.
Ein leiser Wink ihrer Hand rief Raiata, ihren »Sprecher« an ihre Seite und wie noch vor wenig Augenblicken ein wildes Meer von Köpfen herüber und hinüberwogend mit stürmischen Lauten die Luft erfüllt hatte, legte sich der Lärm im Augenblick und wechselte in Todtenstille, daß dumpf und dröhnend der fernen Brandung Rollen hörbar wurde über der Schaar, und wie ein Segen klang zu dem frommen Wort des Volks.
»Es ist der Königin Wunsch,« klang da die volle klare Stimme Raiatas, »daß die Verhandlungen dieses Tages mit Gebet beginnen.«
»Dazu geben wir unsere volle Beistimmung,« nahm da Einer der Missionaire rasch das Wort, »und wollen den ehrwürdigen Herren Rowe ersuchen das Gebet zu halten.«
Die Königin neigte ihr Haupt und während einer feierlichen Stille, in der das Athmen der Menge hörbar war, begann der fromme Mann sein lautes Gebet.
»Herr mein Gott, Deine Hand liegt schwer auf diesem Volk, Deines Zornes Wucht traf tief und schmerzlich das gebeugte Haupt, und unser Flehen steige jetzt auf zu Dir zu Ruhm und Preis, Jehovah, daß Du Dich erbarmen mögest unserer Noth.«
»Von über dem Meere her drohete dem friedlichen Strand Gefahr, Deiner Kinder frommer Sinn, wie Du ihn gnädig gelegt hast in unsere Hand, wird gefährdet durch der Papisten Wort und die eisernen Geschütze unserer Feinde, und Deine Hand nur kann uns retten vor Noth und Vernichtung, Jehovah!«
»Unsere Feinde sind stark -- ihrer Waffen Macht trägt das Meer, und Nichts haben wir ihnen entgegenzusetzen als das fromme Wort -- als _Dein_ Wort o Herr, wie Du es uns gegeben in der heiligen Schrift -- o Jehovah!« --
»Hier Herr ist ein Volk, ein zahlreiches Volk, auf das kein Strahl göttlicher Gerechtigkeit gefallen war in seiner Nacht; das seinen mühseligen Weg seit ungekannten Generationen, vielleicht seit dem Beginn des Götzendienstes unter Noahs Abkömmlingen in all der Finsterniß, in all dem Grausen schrecklichen Wahns seine dunkle Bahn gesucht -- eines Wahnes der sich unter verschiedenen Verhältnissen aber sonst immer derselbe zeigte, und einen so gewaltigen Theil des menschlichen Geschlechts umfaßt, dessen vorragende Züge aber immer den Stempel des Fluchs getragen, in »Unreinigkeit und Blut.« -- O Herr -- hier -- hier ist ein Volk, bei dem seit frühster ältester Zeit menschliche Opfer gebracht wurden -- hier jener fremde Mummenschanz mit Götzenbild und Trug ist getrieben, Mummenschanz den die Betenden nicht einmal begriffen und nur gemacht den dunklen Geist der Seinen zu verwirren, ohne Trost zu bringen, ohne Ruh, und ohne nur das Herz im Entferntesten zu reinigen von der Sünde.« --
»In dieser entsetzlichen Zeit ein Schiff, weit weit am Horizont kommt in Sicht -- dreitausend Meilen fuhr es über eine Wasserwüste und führt eine gewählte Schaar von Passagieren an Bord, die einem festen Ziel entgegenziehen -- und was das Ziel? -- Die Nachricht von Gottes Vaterhuld zu bringen einer verderbenden Welt, das Heil denen zu bringen, die bereuen und glauben und den mit Blindheit geschlagenen Heiden den Weg zu zeigen zu Gottes Paradies. Die Herolde, die fröhlichen Muthes ausgegangen diese göttliche Proclamation zu verkünden sind unsere Brüder -- von der Thür jenes Heiligthums aus begannen sie ihren Weg der Gnade. Mit Liebe und Anhänglichkeit an ihr Vaterland, mit Aussicht auf Erwerb und Achtung daheim, mit Gesundheit und Freuden und Allem was dies Leben wünschenswerth machen konnte, entsagten sie ruhig dem Allen, rechneten Alles nur Verlust, wo sie des Vortheils theilhaftig werden konnten den Heiland zu predigen diesen, dem Untergang geweihten Inseln.«
»Sie waren auf Gefahr gefaßt, auf Noth und Hunger, auf stürmische See und blutgierigen Feind, auf Verfolgung der Götzenpriester und ihren Haß, auf blinden Wahn und alle Schrecken blinderen Aberglaubens; und Alles Alles haben sie besiegt, mit der Hülfe des Herren Zebaoth da droben und seiner Macht, und Jesus Christus seinem eingeborenen Sohn, und dem heiligen Geist in all seiner Herrlichkeit und unerschöpflichen Gnade. Aber -- nicht gefaßt waren sie auf den Feind im Lager unter den eignen Brüdern -- nicht gefaßt darauf daß ein anderes Christliches Reich seine Boten des Hasses und Aberglaubens senden würde in dies Inselland, das fromme Werk zu stören, zu verderben. Aber sieh, des Herren Hand ist stark auch in dem Schwachen, und wie der Widerstand den Gegendruck erhöht und stärker macht, so hat sich jetzt das ganze Volk erhoben wie _ein_ Mann, zu zeigen daß es Gott verehrt in Seiner Herrlichkeit -- aber auch nur in _Seinem_ Wort, und von sich werfen will, was seinem Lande wie seinem Geiste Fesseln legen möchte zu Schmerz und Schmach.«
Pomare wandte den Kopf nach dem Redner, und das Blut schoß ihr in vollen Strömen in Stirn und Schläfe -- es war als ob sie reden wollte, aber nach wenigen Secunden senkte sie wieder die Augen zu Boden und der Ehrwürdige Mann fuhr fort.
»Der Antichrist hat sich erhoben unter uns -- nicht frei und offen aber trat er auf, dem ehrlichen Feind gegenüber der ehrliche Feind; nein schlau und heimlich schlich er herbei mit gleisnerischem Wort und Blick, fromme Worte auf den Lippen und Trug im Herzen. Wehe! Wehe über ihn, wehe wehe über Euch wenn Ihr ihm lauschtet was er Euch vorerzählt mit der Doppelzunge -- der Fluch bliebe nicht aus, und was durch Gottes Hand gesäet in den langen Jahren der Trübsal und des Leides, das mähte des Teufels Hand nieder in _einer_ schwarzen Stunde.«
»Das Gebet!« flüsterte einer seiner Amtsbrüder, denn die Königin hob wieder den Kopf und seufzte auf, wie von innerer Angst beklemmt.
»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andere Götter haben neben mir« -- fuhr aber der Geistliche in vollem Eifer und hingerissen von dem Thema fort -- »nicht buntes Schnitzwerk, bunten Kleides Zier, nicht leere Formeln und hohles Wort sind des Christen Schmuck, ein demüthiges Herz nur und einfacher Sinn --«
»Das Gebet,« mahnte dringender die Stimme, denn unter dem Volke auch wurde jetzt manche Stimme laut, und selbst unter den gegenwärtigen Fremden, von denen mehrere der Römischen Kirche angehörten, erhob sich ein leises Murren und nur wohl die Gegenwart der Königin hielt eine förmliche Einrede zurück. Der ehrwürdige Mr. Rowe hielt einen Augenblick ein und schaute mit einem verklärten Blick zum Himmel, dann aber, wie von seinen Gefühlen übermannt, sagte er mit gedämpfter, anfangs kaum verständlicher, doch wieder wachsender, anschwellender Stimme:
»Dein sei der Preis und die Ehre in der Höhe, Jehovah, Dein sei die Herrlichkeit -- schütze unsere Brüder in dieser Inselwelt, schütze das ganze Christenthum vor den Versuchen des Pabstthums.«
»Gieße Deinen Heiligen Geist aus von da droben auf alle Evangelische Kirchen, und vereinige sie zu Einem lebendigen Glauben.«
»Gieb allen Christen, vorzüglich aber den Pastoren und Evangelisten Kraft und Muth Rom zu widerstreben und das glorreiche Reich Jesus Christus unseres Herren und Gottes aufzurichten.«
»Zerstöre rasch, bei dem Geist Deines Mundes (2. Thess. 11, 8.) die tödtlichen Irrthümer des Pabstthums; brich das Joch, das es auf die Nacken so vielen Volkes gedrückt, und führe durch Deinen Rath die Seelen, die es von Christus sonst entfernen möchte und die uns werth und theuer sein müssen, zur glorreichen Freiheit ein der Kinder Gottes -- aber --«
»Amen!« fielen in diesem Augenblick die ihm nächsten Brüder laut und rasch ein -- und _Amen_ riefen die Umstehenden, _Amen_ hallte es, wie dumpfen Donners Ton leise und scheu von den Lippen der Tausende, die das kleine Haus umdrängt hielten, und deren Blicke an dem ernsten Mann hingen wie er zu _seinem_ Gott sprach für ein fremdes Volk. Die Fremden aber, denen die fanatische Predigt schon viel zu lange gedauert, holten tief Athem, räusperten sich und flüsterten mit einander -- der Geistliche konnte nicht weiter beten.
Pomare bog sich jetzt leise zu ihrem Sprecher über, und Raiata den Arm ausstreckend über das Volk, sagte mit seiner lauten, auch zu den Entferntesten klar und deutlich dringenden Stimme:
»Ihr Männer von Tahiti und Imeo, Häuptlinge und Volk, und Ihr Fremden die Ihr gegenwärtig seid an diesem Tag, und Theil nehmt an unserem Schicksal; die Königin Pomare, Aimata, wird zu Euch sprechen und mit Euch sprechen über das Eingreifen einer fremden Macht in ihre Rechte, das sie, wenn sie es duldete, nicht mehr Königin sein ließ auf dem Thron Otu's. -- Erwäget wohl was heute verhandelt wird, es ist eine wichtige Sache und kein blinder Eifer dafür oder dagegen sollte die Entscheidung lenken, aber redet auch in Frieden und betet zu Gott daß _wenn heute doch zornige Worte gesprochen werden sollten, sie mild und weich werden, wenn sie in Euer Herz eingehn, und dort nicht Aerger und bösen Geist erzeugen_.«
»Segne meine Seele Jim, was die da erst kreuz und queer um den Compaß gehn, ehe sie den richtigen Cours kriegen,« sagte unser alter Bekannter, Mac Rally, zu seinem Begleiter, mit dem er sich ziemlich dicht zur Verandah, an der Seite aber an welcher die Missionaire standen, vorgedrängt hatte. Hier befanden sich die beiden auch fast hinter dem ganzen weiblichen Theil der Versammlung, der sich ohne frühere Verabredung, und eigentlich nur der ersten frommen Abtheilung der Mädchen folgend, da zusammengefunden und seinen Platz behauptet hatte.
»Die Sache wird langweilig,« meinte Jim gähnend -- »jetzt werden sie gleich an zu singen fangen, und wenn wir nicht hier die hübsche Nachbarschaft hätten --«
»Ruhe da! -- Still! -- gebt Frieden!« tönte es von mehren Seiten, und Aller Köpfe wandten sich den beiden Seeleuten zu, die dadurch die Aufmerksamkeit der Menge weit mehr auf sich gezogen sahen, als sie wohl vermuthet. Raiata begann aber in demselben Augenblick wieder, und jetzt zwar mit Vorlesen einer langen Rede Pomares in Tahitischer Sprache, in der er zuerst ihre Gefühle bei dem jetzigen politischen Stand der Dinge beschrieb, bei welchem sie sich selber als verbannt von ihrem Königreich betrachten müsse, und das Volk dann aufforderte diesem Zustand durch energisches, aber auch einiges Handeln ein Ende zu machen.
Dann wurde ein Brief des Englischen Admirals verlesen, der die Theilnahme der Königin von England für die Königin von Tahiti ausdrückte[Y] und auf das beifällige Murren der Versammlung wandte sich Raiata nun zu den verschiedenen Häuptlingen der nächsten Distrikte, ihre Meinung zu hören.
»Fanue sprich Du was Du denkst von der Gestaltung der Dinge im Reich. -- Der Aelteste bist Du, Pomare frägt Dich, willst Du die Flagge beibehalten wie sie ist, oder Dich der neuen Herrschaft beugen?«
Fanue, ein Greis, tättowirt noch aus der Heidenzeit und mit einem Tapa-Mantel statt des bunten Kattuns, wie ihn fast alle Anderen trugen, stand, auf seinen Stab gestützt, und schien die Anrede, als etwas Selbstverständliches schon lange erwartet zu haben. Aber der Ton seiner Stimme klang rauh, rauh wie das Wort das er sprach, und das lange weiße Haar, das er nicht abgeschnitten hatte wie viele der »gläubigen Christen«, zurückwerfend aus der Stirn sagte er finster:
»Raiata hätte sich die Frage sparen können, er weiß wie Fanue denkt und gedacht hat seit sie Oros Bildniß auf den Inseln stürzten. Der Fremden sind hier zu viel gewesen von vorn herein, und es ist nicht wahrscheinlich daß ich ihnen jetzt das Wort reden sollte. Was der Ferani dabei für ein Recht hat uns regieren zu wollen? -- dasselbe Recht das sich der Hai nimmt, wenn er in unsere Binnenriffe kommt -- nur daß sich der Haifisch schämt, wenn er von Menschen dabei erwischt wird, und wieder zurückgeht -- und der Ferani _nicht_. Aber es giebt viele Arten von Hai's,« setzte er langsamer hinzu und sein Blick schweifte düster über _alle_ Weiße -- »eine vorsichtiger -- feiger wie die andere. Fanue möchte einen Corallenblock nehmen und die Einfahrt verstopfen -- nachher ließe sich leicht reine Bahn machen.«
»Aber Du stehst der Frage keine Rede Fanue,« sagte Raiata ungeduldig, »willst Du die _Fahne_ beibehalten?«
»Ich wußte nicht daß das bunte Spielzeug bei Euch die Hauptsache ist,« sagte der Greis mürrisch -- »wenn's denn einmal eine sein muß, ist die so gut wie jede andere -- weshalb wechseln? aber Otu wußte Nichts von solchem Tant.«
»Fanue stimmt also für Beibehaltung der Englischen Flagge,« fiel hier Mr. Dennis, Einer der Missionaire von Imeo in das Wort -- »von solchem würdigen Mann war das nicht anders zu erwarten.«
»Und Du Aonui?« fuhr Raiata fort.
»Halt ein, Pomare!« rief aber in diesem Augenblick Mr. Mörenhout der Französische Consul, der der Verhandlung bis dahin schweigend aber mit krauser Stirn gelauscht -- »das überschreitet Euere Macht. Der Vertrag, den Du sowohl, wie vier Deiner ersten Häuptlinge unterschrieben, giebt Dir nicht mehr das Recht hier zu entscheiden, was schon entschieden _ist_. Du bist die Königin dieser Inseln und wirst es bleiben, kannst es aber nur unter Frankreichs Schutz, das Dir ein besseres Bündniß bot als Deine Priester -- gieb Dich nicht wieder ganz in ihre Macht, Du würdest es sicherlich zu spät bereuen.«
»Dir ziemt keine Drohung hier, Consul Mörenhout,« sagte aber Pomare sich von ihrem Sitz erhebend -- »ich war freundlich gegen Dein Land gesinnt -- es ist ein mächtiges Land und ich streckte dem Könige Deiner Insel die Hand entgegen, weil ich glaubte daß er mich sicher führen würde in vielem Wirrsal und Leid, das Gott über mich verhängt hat. Aber die Hand die mich führen sollte faßte mich so fest an, daß ich laut aufschrie -- sie that mir weh und ich will allein gehn jetzt auf meiner Bahn.«
»Die Königin hat freie Wahl hier, zu thun und zu lassen was ihr gefällt,« nahm jetzt, als der Französische Consul erwiedern wollte, der Englische Capitain das Wort -- »_gezwungene_ Versprechen binden nicht, und ihrer eigenen Aussage nach _ist_ sie dazu gezwungen, und zwar in einem Zustand gezwungen worden[Z], in dem die _Frau_ schon sicher sein sollte vor jeder Belästigung von außen her. Die Verhandlung hier übrigens, steht unter _meinem_ besonderen Schutz.«