Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.
Chapter 15
Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot« und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.
Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht -- auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.
Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber; nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd, von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.
Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob -- nur hie und da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem Zauberschlag _nach_ dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches Leben brach sich die Bahn in's Freie mit einem Mal.
Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über des Lebens Meer -- ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, _mit_ dem Sturm, legte sich auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen wie ihr Herz da vor ihm lag.
Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, _Kitty Clover_, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische Flagge.
Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet, einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.
Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus vorblitzten.
Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin sandten.
Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.
Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang, eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht. Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich führen, und was sie eben schmuggeln _können_, nicht gern versteuern.
Die _verbotene_ Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.
Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen, dawiderhandeln durften.
»Und Ihr seid hier bekannt, O'Flannagan,« sagte der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«
»Von _glauben_ ist da gar keine Rede, ~Captain dear~,« lachte der Ire, »meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders, hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«
»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte. »Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher, und das will mir nicht so recht einleuchten.«
»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die Höhe treiben, und -- was wollen wir mehr?«
»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend -- »weiter nichts, Jimmy -- höchstens noch etwas baar Geld -- gutes Silber für unsere flüssige Waare.«
»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd -- »ich glaube wirklich nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen solchen Artikel auszulegen; -- ja wenn es Brandy wäre.«
»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein Theil der Waffen ist feste Bestellung -- von Jemandem aber den ich nicht nennen darf -- und verkauf ich das andere nicht _hier_, so weiß ich daß ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt dafür finde.«
»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend -- »die Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber -- verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß zum Risiko.«
»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:
»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain, und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob's nun eben der Mühe werth ist, oder nicht.«
»Nein, Jimmy, so war's gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und etwas verlegen.
»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu Hause wären, ~Captain dear~ -- »aber dahinten kommen die Canoes,« unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort, als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer betrachtet -- »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk' ich, desto besser ist's, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut' auf die aus- und eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«
Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage gebrachten fast wie ehernen Zügen:
»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der heutigen Komödie -- drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber -- »dort geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für Streiche machen,« brummte der Alte dabei -- »aber meiner Mutter Sohn müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«
»Desto besser, ~Captain dear~,« rief Jim, sich vergnügt die Hände reibend, »desto besser; s'wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder einmal beim Koller kriegten; s'ist überdies lange genug Frieden gewesen. Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant zu machen.«
»So weit treiben sie's nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain -- »der Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem ganzen Land zum Einsatz.«
»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz stellen, nicht einmal mitspielen -- die aber die Nichts zu verlieren haben, die Missionaire, trumpfen aus.«
»S'ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally -- »he da vorn -- ~damn it~ Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte die Zähne zu zeigen -- Du kennst ja das Zeichen -- so auf mit Euerem Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen unsere Hölzer nothwendiger. -- Aber bis dahin bin ich auch auf jeden Fall wieder zurück.«
»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob angeredete.
Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.
»S'wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch hinaufgezogen, »aber politisch ist's nicht. -- Sie können Einem freilich Nichts anhaben -- Ach was,« setzte er dann laut hinzu -- »der Wind schlägt das Tuch doch nur zu Schanden -- wenn wir an Land sind nimm den Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot, das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.
Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt ein Fest gefeiert wurde.
Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes mishandelte, entstellt worden. Es war die _fromme_ Schaar der Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch und sündig. Und weshalb? -- es hatte Blumen getragen einst im heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer _Gott_ dienen wollte, durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen -- fort mit dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen -- fort mit dem duftigen Kranz darin und den wehenden Silberfasern der Arrowroot -- einen anständigen _christlichen_ Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter, und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.
Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt -- der Hut verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen die zarten Gestalten, nur den Fuß -- nicht das Schönste an ihnen -- frei zur Schau tragend.
»~Waihine -- naha -- naha Maïre~!« rief da eine neckische Stimme dicht neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen -- »~naha Maïre~.«
Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? -- »~naha Maïre~,« klang wieder und wieder der neckische Ruf -- »bist Du's ~aiu~[U] oder nicht? -- sieh her Maïre, sieh her und wende Dein Köpfchen.«
»Ah -- da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen gründlicher Verachtung, ihre Lende -- »da nimm das Du böse Ate-ate und laß mich zufrieden -- bah über die Schwätzerin.«
»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen -- »hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«
»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind wilde Dinger und taugen nicht zu uns -- wenn's der Mitonare sieht daß wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«
»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.
»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die funkelnden Augen voll die Gegner trafen -- »albernes Zeug hier, könnt Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug -- oder glaubt Ihr daß Ihr's nachher wohl toller treibt als ich?«
»Ah ~maitai maitai~ Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf -- »so lebst Du noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Bananenblatt?«
»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,« zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte ärgerlich mit dem Kopf.
»Wenn mir die Haare wachsen schneid' ich sie nicht wieder ab,« sagte ein anderes Mädchen das neben Maïren ging -- »so lange sie kurz sind bin ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«
Drrrrrrrrum -- drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb geliebtesten Tanzes.
»Hab' Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend -- »der ~Upepehe~:
Horch! Horch wie der Trommel Klang Hell durch die Palmen drang, Horch! Zuckt mir's durch Fuß und Knie, Zuckt mir's im Herzen hie Horch!«
»Horch!« rief aber Maïre und ihre Augen blitzten und funkelten in einem wilden, fröhlichen Feuer, zu dem das dicke Buch unter dem Arm gar nicht so recht passen wollte.
»Horch! Laut wie die Brandung jägt, Gegen die Riffe schlägt, Horch! Wirbelt der Trommel Ton Herzchen ich komme schon Horch!«
Und in den Chor fiel die übrige fromme Schaar jubelnd ein, und mit den Büchern im Arm, während die großen Hüte den Wind fingen und auf- und niederschlugen, warfen sich die tollen Mädchen, denen die bekannten und so leidenschaftlich geliebten Töne viel zu verführerisch in die Ohren geklungen hatten ihnen widerstehn zu können, von beiden Seiten in den wilden Upepehe-Tanz und sprangen, von den nicht so feierlich geputzten jubelnden Schwestern redlich dabei unterstützt, auf und ab in der rasch gebildeten Bahn den üppigsten ihrer Tänze aufzuführen, so lange wenigstens die verführerische Trommel schlug.
Wie von der Tarantel gestochen schien dabei die Schaar, und selbst die Ernstesten unter ihnen, die mit finsterem Blick den ersten Uebergriff geschaut und mit scharfem Wort ihn gerügt, schwiegen, sahen sich um nach rechts und links -- zögerten noch und -- sprangen mitten hinein in den jubelnden Chor.
»_Mi-to-na-re_!«
Wie dem Schwimmenden das Wort _ein Hai_ mit Bleies Schwere in die Glieder schlägt, und ihn oft zu seinem Verderben für den ersten Augenblick jeder eigenen Willenskraft beraubt, so schlug _das_ Wort in die Reihen der Tanzenden.
»_Mitonare_!«
Einen Moment standen sie wie in Stein gehauen, die fröhlichen jubelnden Gruppen, nur von den Zügen hatte der Schreck die Fröhlichkeit verwischt, und nicht hinaus suchte das Auge wo die Gefahr lag, sondern nur bei dem Nachbar wollte es Scherz oder Ernst der Warnung finden; der nächste Moment aber schon entschied den Sieg gegen die Trommel -- »Mitonare!« und aus dem Tanz heraus zuckte die Schaar der Frommen wieder in den früheren stillen und ehrbaren Gang hinein, die Hüte fielen nieder -- jetzt ein trefflicher Schutz die erregten glühenden Gesichter zu bergen vor irgend einem prüfenden Blick, die verschobenen Röcke wurden gerad gezupft, und wieder ernst und feierlich wanderte die junge Schaar, unschuldige Heuchler mit dem fröhlichen Muth im Herzen und den unnatürlichen Ernst starr und kalt draußen herumgelegt, die breite Straße entlang dem Paré zu.
Aber nicht nur ein Scherz, den sich irgend ein neckisches Mädchenbild vielleicht erdacht die Schwestern fürchten zu machen, war das Wort gewesen -- dort oben vor dem Hause des jetzt allerdings verreisten früheren Missionairs und jetzigen Englischen Consuls Pritchard (ein weites Gebäude mit bequemer luftiger Verandah, Europäischen Thüren, Glasfenstern und wohnlicher selbst eleganter innerer Einrichtung) stand die fromme Schaar der Missionaire versammelt -- sie _Alle_, nicht ein einziger fehlte von Tahiti selber, wie von Imeo, in schwarzem Frack und Hosen, weißer Halsbinde und Weste und das unpraktischste Fabrikat das je ein Mensch in kaltem oder heißem Klima, in Sonne oder Schnee, in Staub oder Regen, bei Wind oder Stille, beim Gehen, Reiten oder Fahren getragen, den schwarzen Cylinderhut auf dem Kopf.
»Er hat uns gesehn!« flüsterte Eines der Mädchen dem anderen zu -- »er trägt ein kleines langes Stück Metall, das wie ~perú~[V] aussieht, in der Tasche, damit kann er von einer Insel nach der anderen hinübersehn.«
»Bah' heute sagt er Nichts,« flüsterte die Andere zurück -- »und zankt er mich aus,« setzte sie trotzig hinzu -- »geh ich zu dem anderen Priester mit Kreuz und Licht, dort darf ich mir so die Haare wachsen lassen und Blumen hineinflechten, und komme doch in den Himmel der Weißen.«
»Die breite Pforte bleibt Dir verschlossen, wenn Dir die Mitonares nicht den Eingang zeigen,« warnte die Erste wieder.