Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 12

Chapter 123,729 wordsPublic domain

René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten. Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand Anderes als Raiteo.

Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen. Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair, von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam, fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf englisch zurief -- »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend, ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an Händen und Füßen band.

René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:

»Knebel -- schnell!«

»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.

»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt -- »Knebel.«

Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das Dickicht schlüpften.

Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen -- dann aber, als die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen -- o so wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe Gedanke aus seiner Seele verschwunden -- sein leichter Sinn schwamm wieder in der alten fröhlichen Lust oben.

»Du bist doch der abgefeimteste durchtriebenste Erzschurke, Raiteo, der sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.

Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa begangene Missethat gezeigt.

René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier fortzukommen -- etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete, und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.

Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.

Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder _vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und Sadie wie René _waren_ glücklich.

René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe Discretion.

* * * * *

Was _war_ aber aus ihm geworden?

Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten -- schrie der Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:

»Boot ahoy!«

»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers -- »~all right~!«

»Scharf meine Jungen, scharf -- macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die Stimme wieder -- »steht bei hier mit den Taljen -- alles klar?«

»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.

»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief's schon in dem Augenblick von unten herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen -- »hier -- hakt rasch ein -- hinauf mit Euch -- ~all right~!« -- brüllte der Harpunier wieder durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord hineinreichten.

»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die Schanzkleidung holten -- »aber zum Donnerwetter --«

»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel -- fort mit Euch da hinauf!« schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch, und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh -- jolly men -- hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:

»~Why -- damn it~ -- das ist René nicht!«

»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die aufsteigenden Raaen gerichtet hielt -- »wer soll's _denn_ sein? -- ~belay that~ -- -- große Marsraae -- was liegt an jetzt?«

»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.

»~Steady then~ -- halt den Cours -- wer soll's denn sein Mr. Browning.«

»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge stehenden Lampe -- die vorige Signallaterne -- herauszubringen, und mit dieser vor den Gebundenen trat -- »hallo wen haben wir hier?«

»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde, wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute -- »wen zum Henker haben Sie uns da vom Lande mitgebracht? -- haben Ihnen die Indianer _die_ Jammergestalt hier als René verkauft?«

Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung deuchte; endlich aber platzte er heraus.

»~Why~ -- Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. -- Den? -- Himmeldonnerwetter -- _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote mitgebracht?«

»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen Verwechselung trage.

Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er für den Thäter halte -- war das aber nicht im Stande. Der Harpunier erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres, hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.

Adolphe war nun allerdings René's Landsmann, und wenn auch bei Manchem, selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.

Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.

»An Land!« rief dagegen der Capitain -- »jetzt bei _dem_ Wetter? und wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten, die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal zwischen die Riffe hineinwagen.«

Bruder Rowe war außer sich -- aber Drohungen wie Versprechungen blieben gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war, daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher zurückkomme.

Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker, was wollten sie mehr? -- sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate wie Wochen gewartet.

Capitel 8.

#Tahiti.#

Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem letzten furchtbaren Tage entladen -- aber auch erschöpft zu haben.

Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr. Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes, liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches Geschick an diese Küste geworfen.

Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln -- wenigstens nicht unter gewöhnlichen Umständen.

Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen. Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.

Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? -- In ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders, bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum, und schien ihn um's Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi--Wi ein einziges Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er ja doch einmal werden wolle, gezieme.

In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt, den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte, verbunden.

So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu glauben daß Bruder Rowe -- der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute -- zu der _er_ die Hand geboten -- in dem regen ja unruhigen politischen Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England, aus seinem Traum und Glauben riß.

Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti, gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire, unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm -- und wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.

Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze Insel, und wenn es Sadie'ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen Anderen -- vielleicht gar -- es überlief ihn ordentlich wie mit Fieberfrost -- vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen sollte.

Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es möglich gewesen wäre René's Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue Gefühl der Vaterfreude thun müssen.

René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_ seines Aufenthalts -- wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht geben mochte -- doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.

Anders war es mit Sadie; -- ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen, als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem heimischen Strand entgegenstrebte.

_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren Ort.

Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt. Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu sollen. Sie war so glücklich hier gewesen -- war es noch, und was mehr konnte ihr die ferne Insel bieten? --

Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair, und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern, und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich, verschwimmen -- und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.

Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch schmerzlich geworden.

Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene lieben Pflichten seines Berufs -- mit den Eingeborenen in ihrer Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen -- genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem -- während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie einzuwirken -- Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.