Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band.

Chapter 11

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Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte -- ein Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu statten.

Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole -- aber der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu trauen.

»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für sich hin -- »besser wär's aber doch ich wüßte sie sicher -- es giebt Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.

So vergingen ihm die Stunden rasch -- ein paar Mal trat er in die vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen, aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände, die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene, vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.

»Und wo seid Ihr jetzt -- Ihr stolzen Herrscher dieser Haine -- Oro, Du kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern Kindern spracht? -- Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen? Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle gedrängt hat? -- Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher -- besser geblieben wären.«

Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage -- eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu Tausenden.

Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und Sadie'ens Nähe verlassen zu haben.

Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.

»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin -- »und mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den fernen Freund -- ha! --«

Er fuhr in die Höh' und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem Kopf und murmelte:

»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern jagte -- das klang genau wie sein Jagdruf -- der schrille Ton einer kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«

»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe aufspringend -- »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber -- aber es ist ja nicht möglich -- wie hätte er diesen Ort auffinden können.«

Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott eine Gestalt -- Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. --

»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre. Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.

»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen suchte -- umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am Boden.

»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit einen so guten Dienst erweisen würde -- das war jedenfalls gut gemeint, ich rechne Dir's aber nicht an -- hätte dasselbe an Deiner Stelle gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr -- wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da doch jeder Widerstand nutzlos ist.«

»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend -- »mordet mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«

»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig -- »willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute -- nehmt ihn auf -- oh wenn er gar so sehr strampelt -- hier ist noch Leine genug zwanzig solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln -- so das thuts -- noch eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit -- da kommt schon wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«

»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten -- »ich weiß den Weg nicht mehr.«

Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der Dunkelheit um. --

»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden -- welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die verdammte Bestie von Insulaner -- he Raiteo, Canaille verwünschte -- wo steckt der Satan?«

»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. -- Nicht weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner, der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete, und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder zurück nach dem Landungsplatz.

Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. -- Fast unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:

»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit -- Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten die ganze Geschichte aufgeben müssen.«

»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.

»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier, »und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu fahren -- rasch Ihr Leute, da vorn seh' ich schon die Hüttenfeuer.«

Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René's Seele auf -- wenn ihn auch Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme um Hülfe.

»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch -- »wer hat ihn -- Du John?«

»Ja hier« -- antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.

»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals -- wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist besser.«

An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie den Strand.

Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort noch für ihn bestimmt waren.

»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen Leuten -- »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu folgen, glitt Raiteo in die Büsche.

»Höll' und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab saß -- »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt habe das Boot flott zu halten -- und ich glaube beim Teufel, sie haben es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme. Hinein damit Jungens -- greift unter und tragt es in's Wasser -- werft den Plunder hinaus der vorn darin liegt -- der Eigenthümer mag ihn sich holen -- wo ist René?«

»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer -- »Bill und Adolphe stehen Wache bei ihm.«

»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort -- hier Bill -- hier Adolphe mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser -- hallo meine Jungen alle zusammen -- ~there she comes -- a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so schwer -- was liegt da drinne?«

»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.

»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten abzugeben -- so -- Alles hinaus -- hier an die Seite damit, was in Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier -- einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen, wenn sie uns wieder los werden wollen.«

Von diesen ließ sich aber keiner blicken -- der Hülferuf des Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft, keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich sein.

Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür, allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.

Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren -- Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste beobachtete. -- Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.

»Schuft? -- so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch -- »erst ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher ist man Schuft; gut -- gut Raiteo ist nicht so dumm -- Raiteo hat Geld -- liegt sicher unterm Baum -- Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt -- jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn was er machen will.«

Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über diese endlich weggehoben wurde.

»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol' sie der Henker, wir brauchen sie auch nicht -- munter meine Jungen, munter -- denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an Bord, ohne alle Officiere.«

Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.

Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden. So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt, ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen; aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner Rettung entdeckt würde -- erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.

Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.

»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um das Haus hinum.

Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.

René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.

Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien; zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die Knie und trennte auch dieses.

»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René's Ohren wie himmlische Sphärenmusik klang -- »Muth René und jetzt fort,« -- und sich aufrichtend rief er laut:

»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der Scheide -- er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.

Adolphe, denn dieser war René's Befreier, drehte fast unwillkürlich den Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen, sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:

»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir -- man will ihn befreien -- ich habe --«

Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.

»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend -- »_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.

»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder unter die Uebrigen mischte.

»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?« frug der Harpunier.

»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.

Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter folgte, zu ihnen herüber.

»Hinein mit dem Boot in's Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit Brust und Seele!«

Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag es flott.

»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen -- laßt die Früchte liegen wo sie sind -- vier von Euch nach dem Gefangenen -- halt hier -- das Boot stößt noch auf -- noch einmal unter, alle zusammen -- ~a hoy~ -- ~there she goes~ -- nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.«

Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen -- der Wind hatte sich, während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht, und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen. -- Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von ihnen die Riemen und den Mast in's Boot zu nehmen; die andern drei den Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.

»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen Arm bekam -- »auf mit ihm Jungens -- und hinunter -- da geht ein anderer Kanonenschuß, bei Gott!«

Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es damit die Corallenbank hinunter.

»Vorn in's Boot mit ihm,« schrie der Harpunier -- »haut ihm eins über den Schädel wenn er sich nicht fügen will -- an Eure Riemen für Euer Leben, dort kommts herauf -- hinein in's Boot mit ihm sag' ich -- werft ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch nicht auf eine Beule ankommen.«

»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den Schuhen.«

Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen, noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.

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