Part 9
Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen, über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke, auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst, bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des Lebens, der schon in Sommer übergeht.
Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt, die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt. Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu leben. Die Freude, die keinen Grund hat -- so wie es eine Trauer ohne Anlaß gibt -- die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine Götter lieben.
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Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der Mauer in die Bogen niederlassen ..
Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz, speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze siedet und schlägt Wellen auf ..
Schließe die Augen, die müden, Rufe den stillenden Traum: Bald fährt ein Schiff dich nach Süden Bis zu dem purpurnen Saum
Ewig dorrenden Landes, Wo dir das Wunder ersprießt Und sich im Rieseln des Sandes Über dir schließt.
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Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen, ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle. Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne, ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist.
Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden Rand in zitternde Fernen hinausziehen.
Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille, geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele. Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut, schwebt übersinnlich die Taube Gottes.
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Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters. Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der Wind trug meine Wünsche weiter -- die Augen die eben noch entzückt auf den Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte Neue, das sie grüßten ..
O Hindämmern über das südliche Meer ..
Oleanderhaine winken, Und es winken die Moscheen, Alle Gläubigen versinken Im Gebete und vergehen. Auf den rosenroten Dächern, Die den Abend kommen sehen, Wird aus schweigenden Gemächern Bald ein Hauch vorüberwehen. In den tiefen Brunnenbecken Werden leis die Sterne drehen, Und auf seidnen Lagerdecken Wird die Lust der Nacht erstehen.
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Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif.
Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum Weitergehen an.
Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen, die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine Rosenpflanzung und plötzlich -- nach einer kaum gefühlten Wende des Weges -- das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die duftblaue Halde des Berges gelehnt.
O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte, in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und ferne -- ach, fast übersehen -- das Meer, so unersättlich blau und still, so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel, ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände tragen:
Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich, Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt. Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist.
In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und sagte: die Schönheit.
In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt.
In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht, daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde.
In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, der blind bleibt!
In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor meinem Auge ..
In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt. Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und Glanz.
TUNIS / WÜSTE
Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben, die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger Reisegefährte.
Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte. Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das Meer stand.
Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten Häuser ..
»Ihr Abende auf dem Meer -- und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, du seltsames Maskenspiel südlicher Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, vielleicht für immer ..«
Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten Lenden doppelt brennend fühlten.
Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen, weißen Mauern auf.
Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir. Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen.
Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch: Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge, die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf Deck vernehmbar -- wir erhoben uns rasch und gingen nach oben.
Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des Hafens fuhr.
Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt, ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes -- taubengrau und thymianlila -- und gleich darauf die Nacht, die tiefe, dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu begraben.
Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline klang.
Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht über Afrika.
Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen -- doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen.