Part 8
In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine Brunnen leise und träumerisch in die Marmorschalen. Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte Glanz. Ich liebte Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele Frauen. Ich liebte die zarten Finger meiner Seidenweberinnen. Ich ging durch ihre Reihen und küßte ihr süßes Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, und durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, mit goldnen Adlern und korrallenfarbigen Reihern. Auf meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und teilten meinem Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie liebten mich. Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.
Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll Güte. Sie staunten über die Fülle meines Lebens: Ich lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als Andenken wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder und wurden unwissend meine Feinde, indem sie von der Pracht meines Hofes Zeugnis gaben. Ein fanatischer Mönch -- Bernhard von Clairvaux -- predigte gegen das Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes Königtum: mich habe nicht der rechte Papst gekrönt und meine Krone sei nicht von Gott. Ich lächelte nur. Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner Väter. Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich anderes sein als König? Da rief der Mönch zum Krieg. Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den Kanzeln. Das Volk stand offnen Mundes und nannte ihn einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser ließ sich bereden und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte flammten: Da faßte mich die Wut. Das Blut der skandinavischen Ahnen -- zwiefach gebannt im fränkischen und arabischen Geist -- quoll aus dem Abgrund auf. Ein Sturm- und Feuerwind fuhr ich die Fremden an. Mein Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte dem Heiligen Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. Der Krieg verschlang mein Geld: es war billiger, einem alten Mann -- sofern er den Anstand gegen einen König zu wahren wußte -- eine freundliche Gesinnung zu bewahren. Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. Da ich ihn führen mußte, führte ich ihn mit Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie kann ein König Unvollkommenes lieben? --«
»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme ein. Ich wurde geboren, als du schon gestorben warst. Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme vernommen, o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine Jugend tragen können: so wäre ich weniger unglücklich geworden! O, wer begreift noch, was mein Leben war! Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen -- und ich wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner Dienerinnen: fremd am Hof des düsteren Bruders, fremd am Hof der traurigen Königin-Witwe und fremd -- bis zum Erstarren fremd -- als Gattin des Gemahls, der mich im eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl meine Lippen von Weinen gesprungen und meine Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, obwohl ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs Tochter geboren und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. Nun winkte die Freiheit, die kaiserliche Höhe des Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. Ich schlief -- mißbrauchtes Werkzeug -- auf dem Lager des Mannes, der mein Vaterland schändete. Ich gab ihm den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen Sohn auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den Wehen, im winterlichen Bergnest Jesi, als heimische Boten mir die Kunde brachten. O, wie der Haß in meinem mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein Sohn: im Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu spät ..«
Und Friedrich sprach:
»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht -- und klage nicht mehr an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten, undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern. Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße, stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll. Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien -- und wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal -- o einzige, glückliche Zeit -- sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat, o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte.
Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen: Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh -- bei Nacht -- auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr, Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben -- Die Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das Geflüster -- --
Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen -- ich trug sie nie -- und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter, doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht lösten sich auf ..«
*
Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen. Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven arbeitete.
Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen. Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer.
»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher, und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni -- und ich bin noch immer da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit, das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte, wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«
Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken, die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, Percy stand neben mir.
»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita, wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.«
Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:
»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf. Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«
»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu verspüren?«
»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung starb.«
»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der geringsten Bewegung.
Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem Tonfall wiederholt wurde:
»Woran starb sie?«
Percy zuckte leicht zusammen ..
Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des Hauses neun schlug.
»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich habe die Schiffer um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. Percy kann uns im Wagen weitererzählen.«
Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich zufällig im Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im Zwielicht die dunklen Gestalten Margeritas und Percys noch einmal die Rundung des Brunnenweges abschreiten. -- --
Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit zwei kleinen, goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener hatte die weißen Mäntel der Frauen über dem Arme und wartete.
Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden und geleiteten uns zu dem Landungssteg, an dem die große Barke lag.
»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.
»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« antwortete ein alter Mann, indem er sich verneigte und wie einen Befehl erwartend zur Seite trat.
»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät zurück sein?«
»Ohne jeden Zweifel ..«
Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer breitete Kissen und Decken aus und drehte die Windlichter so, daß sie nicht blendeten. Ein anderer reichte den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und mir weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten in die glatte, glänzende Tiefe, die Barke drehte, und wir nahmen die östliche Richtung des Kap Zaffarano. Die Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot. Die braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, indes die Küste unmerklich vor unsern Augen floh und die Kette der Hafenlaternen sich dichter schloß. Wir lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an die Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst entrückt und willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos wie der Mond, der in dünnen roten Wolkenflören aufging. Margerita hatte ihre Schulter an Angelinas Brust gelegt. Sterne fielen.
Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. Wie fern war alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf und Sehnsucht meines Lebens. Auch dies war fern. Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies Hinabdämmern. -- --
Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er schliefe. Über seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. lag ein Lächeln, das nur die Seele der Dichter kennt.
Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der Küste.
»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.
»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb Stunden verflossen seit der Abfahrt.«
Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das Gestein in bronzene Schatten auf. Die Häuser eines kleinen Dorfes glänzten in grünem Atlas.
»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.
Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine dunkle Stimme ganz leise einsetzte:
»La barque dort, dormez mes longues peines, Restons bercés par l'onde du silence .. O douce nuit d'amour, nuit de clémence, O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?«
*
Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola. Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft zu schweben: und doch zu ruhen.
Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie rühren nicht.
Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..
Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. -- Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf. Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange auf den feuchten Fleck am Boden.
Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt. Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten. Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran. Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in Liverpool, in Dublin -- an trübe, kranke, unheimliche Kinder -- und sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in die lauen Wellen auseinanderstoben.
Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen, daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen Eltern um das geringe tägliche Brot.
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Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen. In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.
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