Part 7
Neapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und goldene Bewegung, Wehen von tausend bunten Tüchern im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche Faulheit, Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, stolz und anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd betrügerisch, maßlos in seiner Freude am Geld, sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen wie. Das ist nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den kleinen Leuten wie in Rom, das Aufsuchen ihrer Stadtviertel und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. Sie laufen dir nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie bieten tausend verlockende Dinge an, Katzen und Hunde, Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis, Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur ahnen läßt, es könne dich irgendeine dieser Anpreisungen locken, bist du verloren. Du kannst nicht weitergehen, sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht vor deinen Augen, ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, listig und überzeugend, die Hände helfen der Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen am Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches Ecco begleiten. Erst wenn du die Redenden durch eine unerschütterliche Ruhe fühlen lässet, daß du längst dies alles kennst, wenn du nur lächelst und sie mitlaufen läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens (warum auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. Aber einer oder zwei werden dir dennoch weiter folgen, vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll neuer Angriffspläne. Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis du wieder herauskommst, sie werden sich auf den Treppen herumtreiben und Würfel spielen. Nimmst du einen Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf dem Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja so schön, in ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter zu schauen, denen kein Schmutz das Leuchten und das knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist das Lied, das deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen sich auf den Boden des Wagens setzen, zünde dir eine Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig sie sich eine Zigarette nehmen, die kleinste, die zerdrückteste .. frage sie dann nach ihren Eltern, nach ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der großen Dampfer (sie wissen genau die Namen und den Fahrplan, denn der Hafen ist seit ihrer frühesten Kindheit ihr Leben) .. frage sie nach ihren Vergnügungen und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie mit deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton deiner Frage antworten, höflich und sicher. Sie werden vergessen, daß sie irgend etwas von dir wollten, sie fahren ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine Unterhaltung mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen Bronzen oder Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes zu tun, so nimm sie mit, wenn sie schön genug sind. Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous betrachten, und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes und die Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit liebkost, wie sie sich in das Leben dieser Statuen hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht erstarrt ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, was sie sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos und nachsinnen mit dem feinen, gedankenvollen Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: sie fassen nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: aber sie spüren an sich die ganze unbewußte Macht der künstlerischen Schöpfung, die ihnen Liebe und Ehrfurcht erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar sind, jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem sie das Göttliche bewundern.
Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du die griechische Seele auf römischer Erde findest. Noch lebt -- von keiner Mischung des Blutes erdrückt -- das Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. Es lebt die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche Bewegung von Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich macht, selbst da, wo schon Zerfall und Entartung sichtbar werden.
*
Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen und hatte mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren lassen, um mich noch vor der Dunkelheit einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, als ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten Straßen durchfuhr. An jeder Ecke winkte Erinnerung, und ich wäre fast umgekehrt, als ich, umringt von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa del Popolo, an der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon ehe ich den Wagen verließ, war ein brauner Kerl auf das Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand gereicht: er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre mein Gepäck auf den Morgendampfer nach Capri gefahren, unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall von Fragen stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über meine Koffer hermachen. Drohend und fluchend wies sie der zuerst Gekommene zurück, indem er die Lüge zu Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine Ankunft gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen zu kümmern, niemand sonst. Und aufgeregt das feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è vero? Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit dem Kopf und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. »Verissimo! Andate!« .. Der Streit war geschlichtet, es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde zusammengebunden, aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, bis eine kleine Barke frei wurde, die mich zum Dampfer nach Palermo übersetzen konnte. Die Menge war ganz dicht an mich herangetreten. Kinder -- irgendein Menschliches in prachtvollen Lumpen -- kletterten über die großen Koffer und sprangen von oben in den Staub herunter. Weiber in halboffnen Blusen und schleifenden Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, versuchten die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, ein alter Mann befühlte meinen Mantel und fragte nach dem Namen des Stoffes, und wie ein Luchs umschlich ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren die Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes herausschaute. Ein Hauch von Teer und Öl wechselte mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen Hafenpfütze. Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten, daß sie in Dünsten unterging.
Es war schwül, unendlich schwül.
Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter als gewöhnlich, da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken drängte und kaum eine ruhige Anfahrt zu finden war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten, stahlblauen Glanz.
Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit und rein.
Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach einem großen Dampfer, der dicht neben uns lag. Hunderte von Soldaten standen an Backbord und sahen nach dem Land zurück.
»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. Ich war erstaunt über die Traurigkeit seiner Stimme und sah ihn an.
Er zuckte die Achseln:
»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, daß dieser Krieg für unser Land notwendig war: ob er sich lohnt, ist eine andere Frage, von der das Volk nichts weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand, Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir kämpfen schon so lange und sehen so wenig großen Erfolg ..«
Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres Schiffes zu uns niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre Gesichter waren ernst, still und unbewegt, angespannt in verborgener Erregung.
Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, ein dickes, schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, dichter Wogenschaum schoß weiß um den Bug .. dann abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend .. Schon ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, wo das Schreien der Menge verstummte, Tücher wehten vom Schiff zurück .. die Soldaten standen entblößten Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im Hafen war, fühlte, daß noch irgend etwas kommen mußte, das die entsetzliche Spannung löste, ein Aufschreien oder Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, die die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel riß: Nichts von allem kam. Aber wie von unsichtbaren Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren Lippen aufgenommen und weitergeführt, schwebte mit einem Male dunkler Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, keine Landeshymne: nur das unaussprechliche:
Addio Napoli ..
Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen schon in leichten Schatten: Da war es über sie gekommen, dies Unbeschreibliche, das selbst der Fremde spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es nur die eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und sie hatten der Stadt gegeben, was jeder Scheidende ihr gibt. --
Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die dämmernde Stadt. Meine Augen suchten aus dem Gewühl der Häuser loszulösen, was sie noch erkennen konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und Höhe verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch einen Schein auffing, war körperhaft und deutlich. Meine Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm von Santa Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde wach. Sein armer, geschändeter Körper liegt dort begraben, unter dem Denkmal, das die Liebe des bayrischen Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist der Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. An den Bäumen der Villa del Popolo wurden mildere Gedanken wach. Erinnerungen an warme, helle Abendstunden, als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern, Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser lauschte, der das Schicksal des Grafen von Monte-Christo erzählte. O wundervoll zufriedenes und bescheidenes Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so ganz in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine Orange schälend oder an klebenden Datteln kauend und die Kerne weit im Bogen von sich spuckend .. wer ihren Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von einem Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie lieben, muß sie fast beneiden, die ganz am Boden leben, und doch so gern, so leidenschaftlich leben.
Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur Höhe von San Martino hinauf. Gitarren- und Zitherklänge wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter Türen. Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern auf. Ein später Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick an einer nahen Straßenecke sichtbar und verschwand im Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den dünnen Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe zweier Ziegen. Die hellblaue Gestalt einer Frau ward neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich auf einem Schemel nieder und begann zu melken. -- Über der nördlichen Stadt schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, flache Dächer fingen noch einmal an zu leuchten, Palmenwipfel zückten ihre schwarzen Spitzen in die safrangelbe Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, was eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde eng und deutlich. Hügel kamen aus geöffneten Himmeln, lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der Seewind strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo San Vincenzo. In einer plötzlichen Wendung nahm das Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief zum Abendessen. Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene Verwandlung der weichenden Stadt. Mit jedem Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst zurück .. mit jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, von Santa Maria del Carmine über das Ufer von Santa Lucia bis an den Fuß des Posilipp. Schwarz-verschwommen tauchten noch einmal die Baumkronen der Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage weckend: Gewühl und Duft von weißen, dünnen Kleidern, lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme, Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von Tassen und Tellern, Aufleuchten der grünen, gelben, roten Getränke in den schlanken und flachen Gläsern, grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und Tupfen von hundert aufgespannten Sonnenschirmen -- und nah, zum Greifen nah, das hochansteigende Meer voll wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer, endlos .. endlos ..
*
Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits von der großen Tafel, und schaute durch die offnen Luken auf die bewegte See. Die Wogen überschlugen sich rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben sich lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes Licht in den letzten, rostigen Brand des Horizontes. Man fühlte, daß die Nacht kühl und klar sein würde. Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im Speisesaal. Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.
Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen. Die Melodie hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das Lied verstummte. Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere Stimme nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, ein dünner Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. Das Meer warf stärkere Wellen, die Schaumränder verzischten breiter und leuchtender. Das grüne Blitzen der Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.
Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen saßen. Sie grüßten. Einer stand auf und bot mir seinen Platz an. Ich dankte und setzte mich auf eine kleine Holztreppe mitten unter sie.
»Wir werden rauhes Meer bekommen?«
»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich der Wogengang ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter als draußen.«
»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«
»Fast keiner mehr. Es ist zu heiß.«
»Seid ihr Napolitaner?«
»Die beiden dort. Der hier ist aus Trapani, ich selbst aus Messina.«
»Waren Sie während des Erdbebens in der Stadt?«
»Nein, Herr. Ich war auf einem Handelsschiff in Malta. Als ich zurückkam, waren meine Eltern tot. Mein Bruder starb am gleichen Tag im Krankenhause. Seitdem bin ich nicht mehr in der Stadt gewesen. Ich fahre zwischen Neapel und Tunis. Aber nur noch in diesem Jahre. Dann gehe ich fort. Weit fort. Nach Südamerika. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe auf die Farm meines Bruders. Ich verdiene dort viermal so viel Geld als hier und habe ein gutes Leben.«
»Werden Sie den Wechsel ohne weiteres ertragen? Man sagt, wer sich an das Meer gewöhnt hat, kann nur schlecht am Lande leben.«
»Ich glaube, Herr, man kann alles ertragen ..«
Der aus Trapani fing an, auf einer Harmonika zu spielen .. ein fremdartiges Lied, das an das jüdische Kol Nidrei erinnerte. Die anderen summten leise mit. Ich stieg die Treppe empor und sah in die Weite. Unmittelbar vor uns lag Capri, schwarz und verschlossen. Nur wenige Laternen im Hafen warfen gelbes Licht. Hart an der höchsten Gipfelkante stand eine Wolke, auf deren Rand von unten Mondlicht fiel.
»Sie kennen Capri?« fragte der aus Messina, der mir gefolgt war.
»Ich kenne es gut.«
Schon schwand der Hafen hinter der Punta Vitara. Genau vor uns auf der Höhe mußte Anacapri liegen.
»Wie oft bin ich dort oben spät am Abend gegangen, um das Schiff nach Palermo vorüberfahren zu sehen! Wie oft habe ich mir gewünscht, mitzufahren.«
»Sie gehen zum erstenmal nach Sizilien?«
»Zum allererstenmal.«
Nun fuhren wir um das Nordwestkap der Insel. Die letzten Lichter loschen. Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes dämmerten die grauen Ölbaumhänge auf. Dann kam noch einmal dünnes Licht aus kleinen Bauernhäusern und losch im selben Augenblick. Im Wasser zog plötzlich ein heller, silberner Streifen, zuckte auf, verschwand, kam wieder, nun schon ein rieselnder Bach, ging nochmals unter und tauchte wieder auf als eine weiche, bläulichweiße Flut. Zu unsrer Linken stand die zunehmende Sichel des Mondes, gegen das Meer hinabgeneigt.
So fuhren wir auf kühlem Silber in die Tiefe der Nacht.
Lange noch lag ich wach in meinem Bett. Das Schiff ging still, in leichtem, einschläferndem Schüttern. Der Gesang der Matrosen klang leise nach .. ein dunkles, summendes Wiegen .. durch den Vorhang des offnen Fensters.
*
Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich mußte mich einen Augenblick lang besinnen, wo ich war. Da rief die Stimme wieder vor dem Vorhang:
»Signore! Signore! l'Isola! l'Isola!«
Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus Messina sichtbar.
»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!«
Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind schlug mir entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau im ersten Gold der Frühe. Ich sah nichts als Meer.
»Dove, dove? Non vedo!«
Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach links, so daß die Augen genau die Richtung seines Zeigefingers einhalten mußten.
Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus grauem Weihrauch gewoben, von einem silbernen Seidenfaden eingefaßt, der erste Umriß der sizilischen Küste. Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes, mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern von Wind und Licht und Meer .. hingebannt .. hingerissen, in die aufstrahlende Ferne starrend, in der das Ziel so langer Liebe lag.
Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter kamen auf Deck, Taue wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen, die Planken gewaschen. An den Fenstern der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge, verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden wieder. Rinder brüllten in ihrem tiefen Gefängnis, ein Pferd fing an zu wiehern, Krane wurden aufgedreht und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke und Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom Zwischendeck unter die Matrosen und ließen sich an den Armen hochheben. Arme Frauen, die nach langer, trauriger Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen am Boden und weinten still in ihre mageren Hände.
Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem Rücken. Ich war nur Auge. Jede Sekunde brachte ein neues Licht, einen neuen Duft über der Ferne. Schon sah man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt, nun leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar verwachsen und gleich darauf wieder geschieden. Schon brach ein farbiger Schimmer durch die duftige Bläue der Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald silbernes Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde lang zuckte ein harter Glanz auf: so wie wenn einer spiegelblanke goldne Platten im Lichte schüttelt -- über einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen goldne Dünste zur Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf, weich und gewölbt, von ewigmilder Luft geglättet, so wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein silbernes Gewebe: Da stand in roter Flamme der Pellegrino vor uns, Palermos Warte.
Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne nebeneinander zu unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß und elfenbeinern, mit blauen Schlagschatten an den kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude schoben sich am Ufer nebeneinander .. Menschen standen an der Mole und winkten .. Wasserträger schrieen, betäubend, ohne Unterbrechung: Acquàa .. Acquàa .. Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende Auge .. Die Hitze prasselte aus dem Lodern der Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war .. Acquàa, schrie die unermüdliche Stimme .. Acquaàà ..
PALERMO
Palermo: Goldsprühende Garbe. --
Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, als ich über die Schwelle des Gasthofs ins Freie trat. Zögernd gab sich der Körper, über Leib und Hüften ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen Schuhe nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte die Milderung der satten Bläue, im Schreiten wurde der Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. Das Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold der Hafenfassung. Ich wandte mich in das Innere der Stadt.
Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins hemmte, kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel und dort eine Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße lud zum Eintritt -- und nach wenigen Minuten stand ich auf einem glühenden Steinplatz. Ich träumte vor den Auslagen der Juweliere -- und suchte den Schutz des weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an einem herben Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten Steinfliesen verdunstete das unermüdlich ausgegossene Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden auf und nieder.
In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch die Hauptstraßen, hastig und schillernd bewegt, nur an der Kreuzung der Via Maqueda und des Corso ein wenig verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel zur Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Im bleichen Oval der Gesichter brennen die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt eine fremde, nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen Blutes.
Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete die Züge der einzelnen. Viele waren schön und streng, sehr viele hart und gequält (an die spanische Zeit erinnernd), ein Zauber lag nur in denen, die an die morgenländische Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit verschleiert. Ich sah unmerklich feine Schatten unter den Lidern und Wimpern wie aus langen, schwarzen Seidenfäden über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.
Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch las ich in der Geschichte des Geschlechtes Hauteville: in der Chronik der normännischen Könige. Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere heraufkam, ging ich in den Dom und ließ mich vor den Königsgräbern nieder. Kinder spielten im Sonnenglanz der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der Kirche war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß und betete. Die Helle des übergroßen Raumes lockt nicht zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen Porphyrsarkophagen weht noch der heilige Duft von Schmerz und Größe. Sie ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. Ein eisernes Gitter umschließt sie alle: nur die Luft zwischen ihnen hält die Trennungen wach, die auch der Tod nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn vom Vater geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn vom Schwiegervater: Mit Fluch beladen ruht Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine Gemahlin Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter des noch größeren Friedrich.
Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine Seele rief.
»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen viele, die uns nicht rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen Fingern an den dunkelroten Stein und sagen nur: Dies ist der Sarkophag, wo Roger schläft.
Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale und lächle immer noch. Mein Leben war schön. Viel Sturm -- und viele, viele Bläue. Ich liebte den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich liebte die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein fanatischer Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen sah ich das leuchtende Verbundensein.