Part 6
Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang, Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber, Staub weht -- des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen.
Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu schmerzen .. Scirocco ..
Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch, hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß. Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:
»Sie waren auf dem Wasser?«
Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß.
»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an.
»Ich wurde nicht darum gebeten!«
Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:
»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..«
Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf den Fluß hinaus?«
Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß:
»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«
»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf Lire betrogen ..«
»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.
Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich:
»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«
Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf -- man hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens -- dann war tiefe Stille.
Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer -- und ich erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.
Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.
»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen ausspuckte ..
*
Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte strahlenden Auges:
»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«
Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.
Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren Schmelz. -- --
Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:
»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..
Ich senkte die Stirn.
Er atmete tiefer.
»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen nichts.« -- --
Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.
Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen Sommernächten zu erzählen ..
Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.
Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.
*
Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.
Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen dem Zuge nach.
Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..
Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana und fragte:
»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe gelebt hat?«
»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«
»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte ..«
Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:
»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« -- --
Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber die Flut.
Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:
»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« -- --
Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.
*
Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.
Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte.
Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran erinnert, daß dies römisches Land war.
Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras. Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen Landstraße wartete.
Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen, eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen, Leuchtkäfer flogen -- Tausende von grünen Funken -- im Dunkel duftender Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. -- --
Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte sich auf das Fensterbrett und fragte:
»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«
»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer nach Palermo.«
»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit in der Art Ihrer Beschlüsse ..«
Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe.
Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf und Hände fehlen -- der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft, das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann.
Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.
»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe. Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.«
Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen.
*
Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling. Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen.
*
Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.
Eine Pförtnerin öffnete das Tor.
Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.
Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen erregt und die große Tat.
Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui, die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.
Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!
NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN