Südliche Reise

Part 5

Chapter 53,688 wordsPublic domain

Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.

O Brunnen der Verwandlung.

O Wasser Roms.

*

Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen. Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.

O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind! Rom sind sie -- Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.

So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes funkelt.

*

Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal -- Axels Mutter -- gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:

»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«

Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.

»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.

Axel lächelte unmerklich:

»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte -- und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle Frucht.«

Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre Gesichter -- deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht -- spiegelten tiefe Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner von uns sprach.

Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..

O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat erweisen. -- --

Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des Hauses trat.

Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.

*

Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die andere.

Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken -- Kamelien und Azaleen -- und die Stufen hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen hier über allen Giebeln thront.

*

Ich ging zum Kapitol hinauf.

Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.

Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst den Hungertod.

Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.

Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da er sich selbst nie besaß.

In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.

Seele Roms!

Wunderbare Trauer Roms!

»Rom sank und sinkt ..«

*

Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..

Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.

*

Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten .. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«

Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der Villa weiter.

Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.

Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten Kastanienwäldern. --

Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes zu sehen.

Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer nennt, was er sieht?

Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?

Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner Schönheit.

Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß hinabsteigen.

Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den Wipfeln des Esquilin.

Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..

*

In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten. Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge wurden freundlicher:

»Sie wollen rudern?«

»Ich will zu Giuseppe Pangi.«

»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.«

»Nein. Ich kenne Sie nicht.«

»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi ist.«

»Sind Sie Soldat gewesen?«

»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«

»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«

Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches Licht.

»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«

Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft.