Part 4
Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:
»Ist es nicht wundervoll?«
»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«
»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, werde ich Ihnen gerne behilflich sein.«
»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«
In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug:
»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch nicht tun. Man muß die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.«
»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen, wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!«
»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was Sie anstreben. Aber -- fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede deswegen aufzuheben -- wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur Umgebung paßt.«
Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:
»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff, Sie haben doch immer die besten Gedanken ..«
»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«, beschwichtigte jener.
»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«
· · ·
Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und sagte wie im Traum:
»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«
So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen.
Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort in seinem Blick.
»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube, wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..«
Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die seltsamsten Launen haben.
Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde.
Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht: sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen, schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches Kind sei.
Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo sie so glanzvoll begonnen hatte.
Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen Primoli war.
So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft großen Dame -- zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen Gleichgewichtes besaß -- und man empfand es in Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den Salons zeige.
Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«
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So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina von Pleß seiner:
»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt -- obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«
»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«
»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber -- was ich Euch durchaus zutraue -- Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«
Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen Mund.
Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.
»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.
»Nein, noch nicht.«
»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«
Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:
»Wenn wir morgen nach Siena führen?«
ROM
Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.
*
Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.
Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.
Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.
Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.
Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.
O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick rührt an das Wesen der Dinge.
Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den Tonfall der Antwort:
»Sono Romano.«
Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet -- und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:
»Civis Romanus sum.«
Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, Sklavenaufstände, Huren ..
Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.
Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie gerne helfen möchten.
*
An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten, verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle .. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die Silbertropfen mit dem Munde ..