Part 2
Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst, und sie ließ es -- als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter Gatte starb -- um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide wollten -- gegen Placidias Absichten -- dem weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.
Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?
Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine Seele kämpft.
Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in das leise Branden des lauen Meeres hinunter.
Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.
Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.
Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.
*
O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt ..
War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.
Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..
Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.
*
Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des Purpurs zu vertiefen.
Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..
*
Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.
Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt -- Tullio Lombardi meißelte den Stein -- scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine Blumen über seine gefalteten Hände -- und schreckst zurück: er lebt noch .. er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen und nicht sterben wollen ..
›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich, Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind, Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras .. Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn .. Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten .. Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹
*
Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.
Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig gegenwärtig.
Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige Dünste auf.
Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend .. sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.
FLORENZ
Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen Tage.
Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im Vorüberfahren ..