Südliche Reise

Part 11

Chapter 113,765 wordsPublic domain

Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge. Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..

Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes, blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt ..

Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der Frühe:

Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben.

Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens untergetaucht.

Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der Goldregen niederrieselt ..

Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme -- und es sang aus dem rauschenden Licht:

Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding. Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.

Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt. Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle -- und bin.

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Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen, bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe ..

Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die Augenlider. --

Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs. Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen, durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind: Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne, in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist.

*

Achmets Finger rührten an meine Schläfe:

»Der Tag bricht an ..«

Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.

Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben, weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische Lohe bis in den Zenit hinauf -- und die große, weingoldne Sonne stand in erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont.

Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust.

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Wir ritten .. ritten ..

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Wir ritten .. ritten .. ritten ..

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Gegen Abend erreichten wir die Oase.

*

Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. Braune Kinder spielten um uns. Frauen kamen und füllten die gelben Tonkrüge, die sie auf der Schulter davontrugen. Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr letztes Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. Dichtes, blühendes Oleandergebüsch säumte den Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns standen Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da mußte ich an das heimatliche Land denken, an das grüne, wellige Land um Pfingsten .. an die Feldwege nach Sonnenuntergang ..

Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. Ein Gespräch voll Abend und süßer Traurigkeit. Keine Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und Stunden: nur das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. Kein Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied der Rassen: was uns irgend trennen konnte, war mit dem lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging. Wir sprachen von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von Freunden und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben Träume, dieselben Bitternisse, dieselben Tröstungen. Nur die großen innern Ziele waren anders gesetzt: weil das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets Liebe zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches Lodern, das sein ganzes Wesen ergriff und hinriß: eine Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich zu opfern, tragisch in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit, unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, der zart und melancholisch war wie eine Frau, ein Brand von Liebe und Schmerz. Da spürte ich zum erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, die ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, die innere, geistige Schönheit, in der die Kraft lag, ein ganzes Leben läuternd zu durchdringen. --

Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des Abends. Fern im Osten hing zum erstenmal die gelbe, scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem Himmel von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften glänzten wie Buckeln am Schilde die Stümpfe der abgefallenen Blätter, die langsam wiegenden Wedel schlugen das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. Wir gingen Arm in Arm zwischen Ölbaumgärten und gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel, mit hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, trabten dem Stalle zu, Kamele schlürften an einer Tränke langsam das Wasser, in einer offnen Türe brannte die rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige Hand die Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken und wehten dem Dunkel der ruhenden Wipfel entgegen. Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen, blassen Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.

»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet ..

»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die Quellen fließen.«

Und er hielt ein im Schreiten.

»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von weißen Vögeln kommt diese Nacht ..«

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Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne Dämmerung über den golden durchleuchteten Wänden. Das helle Plätschern eines dünnen Brunnenstrahles kam über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin die Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das Atmen des Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes durchbrach die heiße Stille .. Tunis .. Radès .. die Villa Achmet Fouads.

Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war um die achte Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so traumlos tief geschlafen. Meine Glieder waren gelöst, gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und selig durchrieselt von genossenem Glück.

Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen summten, ihre kleinen Schatten zuckten über die oberen Kalkwände. Ich begann nachzusinnen .. aber die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.

Achmet trat auf die Schwelle.

Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. Zitronenfalter flogen über den offenen Blumen, mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten Goldes in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken tüpfelten den Boden unter den Büschen. Bäche von elfenbeinernen Blüten stürzten aus dem harten Laub der Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten. Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem keine Zeit mehr gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane mehr zur Abreise bereit, es warten keine Kamele, die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen über dem schwarzen Barte zu einem Wort öffneten. Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der Tag war frei .. zeitlos frei ..

Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, und eine Stunde nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus durch den Kanal des Bahira-Sees in das offene, nächtige Meer.

Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche Bilder wuchsen im goldnen Flimmern des Morgenlichtes herauf und blieben stehen: klare Symbole, die den hellen Sinn des Lebens verkünden.

»Wo sind Sie?« fragte Achmet.

Ich sah ihn fast erschrocken an.

»In Griechenland.«

Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:

»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse sind mir fremd. Ich habe oft versucht, zu verstehen, ich habe mich abgequält darum, es ist mir nie gelungen, da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch antwortet. Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den Vatikan und das Kapitol durchwandert! Das Rätsel blieb, und ich habe es aufgegeben, an Lösungen zu denken.«

Er lächelte -- wieder dieses gütige, halb überlegene Lächeln des Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner Zigarette langsam zwischen den vollen Lippen in die Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit dem Kopf, ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor in die purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der hinter dem Hause lag. In allen Wipfeln hingen ziegelrote Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die Mitte des verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände ein wenig Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen sich gelbe Rosen bis auf den Sockel einer Antinousstatue.

»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als ich das Haus mietete, fand ich sie dort.«

Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften Gold, mild und von innen, wie alter penthelischer Marmor. Auf den flachen Hügeln der Brust schloß sich die Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer, violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende Frucht des Geschlechtes einsog. Aber das Auge war nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg nicht seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel hinan, blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte der betrübte Blick, dem Meere abgewendet, das in der Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.

*

Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern ..

Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen, einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten, Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.

Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß, was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge, hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit, hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf.

Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen, klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses und gebietenden Willens kämpft.

*

Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den Wagen geworfen hatte.

Wer war Achmet?

Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..

Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste, von Mohn und Kornblumen aufsteigen.

Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.

In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im wachsenden Mondlicht bei Antinous:

›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist .. Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit: Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..

Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt, Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn: Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn, Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.

Das Schiff entflieht -- es flieht dein Angesicht, Das in so langer Schau fast meines war.. Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.

Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken: Dich würde so des Nordens Trübsinn decken, Daß du verstummtest. -- Und was bliebe mir?

Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt, Ist von der Sonne selten nur umworben, Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.

Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt, Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier Aus grauen Seidenfäden hingewebt.

Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern Und geben niemals frohe Götter kund.

Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an: All ihre Süße konnte euch durchdringen Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.

Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen, Sie lebten unter euch, einfach und mild, Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen Und einer stets des andren Ebenbild.‹

HELLAS

(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)

Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel.

Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins, aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts, gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an die stillbeglänzte Säule.

Nun wußte ich -- wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich aufgelichtet -- daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen. Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen kann, was in mir selber ist: