Part 10
Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer.
*
Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf den Mantel über und trat einen Augenblick an die Türe. Blaßblaue Berge standen unendlich fern in der dunstigen Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die Sonne goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das Milchglas des verschleierten Himmels, das Wasser blendete bis zum Schmerz.
»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen hob und die Brauen steil zusammenzog, um dem Blick eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich sehe den Hügel von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell und trocken werden.«
Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck tragen. Die Luft war unerträglich schwül, alle Glieder waren wie zerschlagen, obwohl ich vier Stunden lang gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu öffnen. Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. Auch das Haar schmerzte, und in den Ohren klopfte das Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von leichtem Fieber gespannt.
Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern wie im Halbschlaf.
Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. Bergspitzen und Bergabhänge, braun und rosa, blaue, weiche Mulden und Streifen flachen, gelben Landes drehten umeinander, während das Schiff kaum fühlbar voranfuhr.
Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen Beinen am Boden und nähte an einer Hose. Vom Zwischendeck kamen wilde, unverständliche Laute herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, mit großen Goldmünzen im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf und schrieen, wenn sie sich gefangen hatten .. Nackte Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles ausströmend, kamen einen Augenblick zum Vorschein und wischten mit groben, blauen Tüchern den Schweiß von ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit der Zunge die vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um die Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen das Land. Eine unbeschreibliche Geilheit straffte diese harten Leiber, die Tag und Nacht in die Glut der dumpfen Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch Geschlecht, wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit eingezogenem Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. Wenn sie lachten, fletschten die weißen Zähne wie im Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, glich ihre Bewegung dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.
»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er auf meinem Gesicht das Gemisch von Mitleid, Bewunderung und Ekel las. Sie können es nicht abwarten, bis sie hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle Heizarbeit für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die Stadt und bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie mit Obst und Zuckerzeug beladen, besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie manchmal den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine Weile lang flüstern sie noch heimlich zusammen und lachen in der Erinnerung an das Erlebte, ist aber die Erregung ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen Lohn jede Woche seiner Mutter in Neapel noch ein paar Lire schenkt ..«
Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff ging rascher. Wir näherten uns dem Hügel von Karthago, der steil und deutlich in das Meer vorsprang. Weiße flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, das kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am Berge hin.
Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta und Radès fuhr das Schiff in den schmalen Kanal ein, der den Bahira-See durchschneidet und geradeswegs dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem weißen Dunst, der auf dem unbewegten Wasser lag. Selbst Cesare, der schon so lange an diesen Wechsel der Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile des Schiffes gefolgt, um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. Ich saß auf einem Bündel zusammengerollter Taue und schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf all diese flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und wagrecht bergan schoben und sich hart die schwarzen, abgeschnittenen Dreiecke ihrer Schatten zuwarfen. Doch all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene Weiß der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht da zu sein. So blieb nur der Eindruck einer siedenden Helle: weiß wie silberne Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß wie der Glanz der Mondsteine ..
Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig aufzucken ließen ..
*
Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben in dem Vestibül ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde: mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte. Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe, der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, bis ich zurückkam.
Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da, wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer, unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen, auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. -- Schweigende Treiber schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine. Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche, Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen. Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An dem Halfaouinplatze stand eine große Menge -- wie wartend -- umher. Viele bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun. Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika, wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten, überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften .. Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen, faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife.
Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu, wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. -- Auch bei einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren. -- Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug.
Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen, schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete. Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der Schneidezähne rührten.
Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen Geriesel abtastete, und sagte zu mir:
»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt weilt -- er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes -- hat ihn bei uns arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der Welt« ..
»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück -- die Wahl ist schwer.«
»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten.
»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir hinüberneigte und mir in die Augen sah.
»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..«
»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..«
Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter -- kugelrund oder eckig abgeschliffen -- waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben. Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend, mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte:
»Vous êtes artiste.«
»Parfaitement. Je suis poète.«
»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine votre vie. Vous êtes de race germanique.«
»Je suis Allemand.«
»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans dissimuler.«
Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig ist, so wie die Blume selbst.
Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch unserer Zigaretten stieg in schmalen Bändern empor, vor der Türe wogte die leise Brandung der Menge. Helle und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten, unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug ..
Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von Gafsa, von El Djem, von Dougga. Ich lag flach auf dem Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie ein Becken, in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die Mahnung wieder:
»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..«
*
Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller Wind schlug mir entgegen, als ich mich dem Ausgang der Basare näherte. Die Decken der Ladentische wehten, die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder der Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte über den schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. Baumwipfel rauschten, der leicht durchbrochene Schatten der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle war fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht in den befreiten Lüften.
Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. Ich ging, von dem Knaben geführt, in das Labyrinth der Gassen, die einsam und geheimnisvoll im klaren Lichte lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln in satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels oder das Bunte eines Blumenstrauches unterbrochen. Die Türen waren geschlossen. Kaum ein Mensch war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im weißen Licht: abgestumpft, unbewegt. Etwas, das nicht mehr will.
Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an der Synagoge heraus. Hier schickte ich den Knaben fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen saßen. Ich ließ kalten Tee bringen und setzte mich in eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir. Ihr Gesicht war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot überstrichen, daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen ein feuchter Glanz auf diese Lippen trat. Aber die Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit. Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten Ringen starrten, fuhren zuweilen in das wirre Haar, das kein Öl ganz zu glätten vermochte und stützten sich dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des Geschlechtes.
»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere und legte die Hand auf mein Knie.
»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«
»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! Kommen Sie zu uns, wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..«
»Womit?«
»Womit Sie wollen.«
Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die schmale, zugespitzte Falte einer karminroten Zunge, auf der ein gelblicher Speichel stand. Sie lachte und zeigte verdorbene Zähne.
»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue Zigarette an, um die Fliegen fern zu halten ..
»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..«
Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden zu haben.
»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute nicht. Wir können am Nachmittag tun und lassen, was wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer. Wir werden Opium rauchen.«
Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten Brüste sehen.
»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht gehört Ihnen .. Die Nacht zu dreien ..«
Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste fielen ganz aus den weißen Schleiern. Über der linken Warze stand ein bräunlicher Blutfleck, die letzte schwindende Spur eines Bisses. Sie sah mich lange an .. abwartend .. Ich lächelte und rauchte weiter ..
Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob nichts gewesen sei, gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.
Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah in die Luft, die über den Steinen flimmerte, und lauschte einem Dudelsackpfeifer, der hinter fernen Höfen zu spielen begann.
*
Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon verbrannt, aber die Oleanderbäume schütteten die hellrote Flut ihres Blühens über das feste Grün der Blätter. Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, der mitten in der Süße abbricht, der nicht zu Ende geht und da verflüchtigt, wo sich der tiefe Atemzug ganz seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: er weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr aus.
Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische Knabe die Fliegen, als ich mich hoch oben am Pavillon zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir zu. Langsam versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. Als ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir aufgerollt, weiße Vögel wiegten sich auf blühenden Schwingen südlich über dem Meer gegen den leichten Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der Oleanderblüten stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, der seine Seele in sich festhält, im Schenken süß, noch süßer im Versagen ..
*
Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet Fouad, einem türkischen Freunde Axel Arnedals. Ich fand genau den Menschen, den ich zu finden erwartet hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches gab eine Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt hätte.
Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte seine Schwere und Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden einfach und mit jener Würde gegeben, die der nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon die Stimme war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im Kupfer ihres Klanges umhüllend. Dieselbe Kraft, zu bannen und einzuschließen lag in den großen mandelförmigen Augen. Die Brauen standen flach und stark gezogen an der niedrigen Stirn. Über den kräftigen, schlanken Händen lag mildverteilt die Sinnlichkeit des Orientalen.
*
Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. Die trockene Wärme des Daches strömte langsam in unseren Rücken.