Part 1
ALBERT H. RAUSCH
SÜDLICHE REISE
1 . 9 . 2 . 0
EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
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AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914 BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
DRITTE AUFLAGE
VON DIESEM WERK WURDEN 15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT UND VOM VERFASSER GEZEICHNET
INHALT
WIDMUNG SEITE 3
RAVENNA » 9
FLORENZ » 37
ROM » 65
NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN » 105
PALERMO » 121
TUNIS / WÜSTE » 151
HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI) » 191
WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA
Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.
Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.
Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt? Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt offenbarte.
Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.
· · ·
Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage. Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt, übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht erträgt.
Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt.
Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor.
In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß, solange ihn die Götter lieben.
Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein Gesicht und aus mir selbst entsprungen.
Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines Lebens gerichtet, der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die eigne Einheit aus der Tiefe entgegenstrahlt.
RAVENNA
So war die Anfahrt an Ravenna:
Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild, die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.
Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich, mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser, unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen Himmels, der dieses Land nicht liebte.
Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte, hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde Anklage.
Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber .. Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale.
*
O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt.
Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel, wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich, fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen, unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du, mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.
San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut .. Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.
*
Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der Kaiserin nach.
Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.