Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Chapter 6
* * * * *
Wenn es einem Kritiker Freude macht, sich einen Schaffenden im Sinne eines Schöpfers zu nennen, so soll man ihm die Freude lassen. Der liebe Gott wird dann schon einmal zu ihm sagen: 'Schaffe eine Maus,' -- 'O nein,' wird der Kritiker antworten, 'so ist nicht die Gabe meines Schaffens. Gib mir ein Nashorn oder ein Känguruh, so will ich dir sagen, was ich daran falsch und was ich daran richtig finde, und auch sonst werde ich noch manches zum Thema sagen, was vielleicht interessanter ist als das ganze Känguruh oder das ganze Nashorn,' -- 'Ja, ja,' wird der liebe Gott sagen, 'das mag wohl sein, aber wenn ich nun so klug gewesen wäre wie du -- was hätte ich dann wohl anfangen sollen? Wie hätte ich die Welt wohl aus mir heraussetzen sollen, wenn ich erst etwas bereits Herausgesetztes hätte vorfinden müssen, um mich an ihm herauszusetzen, oder anders ausgedrückt, um daran in deiner Weise schöpferisch zu werden?'
* * * * *
Wenn einer vorliest! was denkst, was fühlst du da alles! ... aber weil du (auch) zuhörst, so wirst du ein Zuhörer geheißen. Als ob dich das erschöpfen könnte: "der 'Zuhörer' war ganz ergriffen" -- O gewiß, aber vielleicht nicht bloß als Zuhörer.
Der Klang der Stimme (z.B.) hatte dich vielmehr an einen Winterabend erinnert, an dem einmal jemand zu dir gesagt hat: 'Das also hast du vor, diesen Weg willst du gehen!' .. Aber das kümmert den wenig, der vorliest. Er 'liest vor' und du 'hörst' zu. Ich möchte, daß du daraus ersiehst, wie armselig es ist, wenn man dich beispielsweise im Theater einfach als 'Zuschauer' bezeichnet und behandelt. Jawohl, du schaust freilich (auch) zu, aber daneben -- was ist alles daneben noch möglich -- was begibt sich alles in dir noch daneben. Wir sollten uns alle wider den Bann solcher Wörter sträuben. Es ist, als bände uns einer eine starre Maske mit nur einem Gesichtsausdruck vor, aber die Maske ist nur suggeriert -- erwachen wir doch und erkennen, daß wir auch im Theater nicht Zuschauer allein sondern unendlich viel mehr, nämlich durch keine Bezeichnung zu erschöpfende Wesen sind, und daß wir daher auch im Theater alles erleben dürfen, was ein Mensch nur immer geistig erleben kann, und nicht nur, was ein 'Zuschauer' erleben darf. Aber wir sind so über und über im Bann von Bezeichnungen, daß wir aus lauter Pflichtgefühl ihnen zu entsprechen, keinen freien Gedanken mehr zu denken wagen, und nach einem innerlich noch so reichen Theaterabend dennoch von einem verlorenen Abend reden zu müssen glauben, weil wir als 'Zuschauer' nicht ganz auf die Kosten gekommen sind. --
1908
Zum Gastspiel des Moskauer Künstlertheaters.
Nicht nur das Volk, auch die Kritiker haben dem Zauber der Russen -- und nicht nur Stanislawskis -- nicht widerstehen können, warum wohl? Weil von den Russen das ausging, was in den Deutschen heute höchstens als Privatsache, aber nicht als Unterton ihres ganzen nationalen Lebens lebt: Liebe, Liebe zu einander, zu uns, zu ihren Dichtern, wortlose, unausgesprochene, uneingestandene aber selbstverständliche Liebe. Es gibt kein anderes Wort, höchstens daß man noch sagte: innere Religiosität. Hieraus quoll die letzte Schönheit dieser Künstler. Und zu ihr könnten auch wir uns hinankämpfen und hinanleiden, wenn wir nicht mit kaltem Kritizismus, mit Theorien, Wunsch-Luftspiegeleien aufeinander loshackten, sondern verstehend und liebend einander zu fördern, einander zu steigern, einander zu vervollkommnen suchten.
* * * * *
Es ist nur sehr viel leichter zu wünschen und von Großem, wie es sein müßte, zu reden, als im Gegebenen sich zu bescheiden und die großen Faktoren sich nutzbar zu machen, die das lebendige Leben um einen herum enthält. Da muß man freilich etwas mehr guten Willen haben und nicht gleich ungeduldig in Bausch und Bogen verwerfen, wenn man nicht just in den Punkten, in denen man gern befriedigt sein möchte, auf seine Rechnung zu kommen scheint. Eines Schauspielers Wert erschöpft sich noch lange nicht im rein Darstellerischen. Ich habe hier in Tirol Gelegenheit, viel in kleine Theater zu kommen: nun, ich ziehe meinen Hut noch tief ab vor allen möglichen Leuten, die der kaltherzige, hochfahrende, einseitige und verbildete Großstadt-Kritiker, dem die Augen fürs innere Leben und Sichfortentwickeln unseres Volkes oft nur zu sehr verschlossen sein mögen, zumeist, weil die persönliche innere Beziehung einfach nicht da ist, nicht da sein kann, vermutlich mit irgend einem Clichéausdruck wie Schmierenkomödianten abtun würde; und ich bin weit entfernt davon, diesen braven, willigen und fröhlich-unermüdlichen Soldaten der Kultur, mögen sie im Leibregiment oder in der verrufensten Garnison dienen, anders als mit einer Hochachtung zu begegnen, die mir fast immer noch irgendwo Dankbarkeit und Freude verstattet. Aber ich vergesse wohl, daß ich ein Gottseidank unverpflichteter Außenseiter bin und daß der Berufsmensch wohl unwillkürlich dem Schicksal des Spezialisten, das ist des Einäugigen, des Monophthalmoden, verfällt. Das Eine Auge starr auf die Bühne gerichtet, sieht er alles nur in der Kunstfläche, während es in Wahrheit bis in den Urgrund der Welt hineinreichende Plastik ist, auch dies, auch diese Bühnenmenschheit da droben.
1909
Wie kann man einem Schauspieler 'die Wahrheit sagen' und zugleich den Menschen in ihm respektieren? Einfach, indem man ihn liebt. Man liebt ja Blumen, Steine, Tiere -- ist der Mensch der Liebe weniger würdig? Schließt denn Erkenntnis die Liebe aus? Oder ist es nicht vielmehr so: Je mehr Erkennen, desto mehr Liebe? So daß, je mehr einer einen Schauspieler durch und durch sieht, er auch weniger und weniger imstande sein wird, richterlich von ihm zu reden. Man braucht dabei nichts zu opfern, nichts, als seine eigene Unschönheit. Man kann von derselben Leistung fast wie ein Weiser reden und fast wie ein Wilder.
1911
Man kann das Theater (beispielsweise) nicht reformieren, wenn man nicht zugleich den ganzen Geist der Zeit reformiert. Es ist der Irrtum unserer Zeit, daß sie meint, man könne wesentliche Probleme aus dem Zusammenhange herauspflücken und für sich allein lösen.
SPRACHE
1895
Ein 'Wort' ist etwas unendlich Rohes: es faßt millionen Beziehungen mit einem Griff zusammen und ballt sie wie einen Klumpen Erde. Bald wird die Erde trocken und hart -- die Kugel bleibt als rotes drastisches Ganzes, aber die millionen Teilchen, daraus sie besteht, sind als solche so gut wie vergessen.
1896
Oft überfällt dich plötzlich eine heftige Verwunderung über ein Wort: Blitzartig erhellt sich dir die völlige Willkür der Sprache, in welcher unsere Welt begriffen liegt, und somit die Willkür dieses unseres Weltbegriffes überhaupt.
* * * * *
Ich habe oft bemerkt, daß wir uns durch allzuvieles Symbolisieren die Sprache für die Wirklichkeit untüchtig machen.
* * * * *
Du bist ein Gymnaseweis, mein Lieber!
* * * * *
Charleytantismus der Bühne.
1905
Ein Diletalent.
1906
Man müßte neue Interpunktionen erfinden, die gewissen Willensrichtungen entsprächen: z.B. Die Fortsetzung davon <: (in dem Sinne von: Die Fortsetzung davon _müßte sein_), als Optativzeichen = (man) müßte, sollte haben, sein usw. Die Umkehrung :> = dürfte _nicht_ sein, sollte _nicht_ sein.
* * * * *
Erst das Wort reißt Klüfte auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Sprache ist in unsere termini zerklüftete Wirklichkeit.
* * * * *
Der Ausdruck 'Lieber Gott', über den schon Nietzsche spottet, mußte in der Tat dem Deutschen zu erfinden aufgespart bleiben. Es sollte ihm nur einmal aufgehen, wie er sich selbst damit den Blick für die unaussprechliche Gewaltigkeit und Fürchterlichkeit des Weltganzen verdirbt, wenn er dessen höchster Personifikation das vertrauliche Wörtchen 'lieb' voransetzt.
* * * * *
Unter bürgerlich verstehe ich das, worin sich der Mensch bisher geborgen gefühlt hat. Bürgerlich ist vor allem unsere Sprache: Sie zu entbürgerlichen die vornehmste Aufgabe der Zukunft.
* * * * *
Es gibt gewisse Ausdrucksweisen von seltener distanzierter Schönheit und Vornehmheit, die nur zwischen dem fremden Sie und dem vertrauten Du möglich sind: in jenen köstlichsten Zwischenstadien der aufblühenden Liebe, wo das Herz schon Du sagt und der Mund noch Sie.
1907
'Ewiger' Schnee, welch ein gütiges, liebenswertes Wort! Lassen wir es ja stehen, der Wissenschaft zum Trotz, der guten alten Zeit zur Ehre. Gestorbenes Wort: Zufall.
* * * * *
Prüfe gelegentlich deine Adjektiva nach.
* * * * *
Statt sehr geehrter Herr! könnte man doch viel einfacher schreiben: 5 e! Und statt hochachtungsvoll 2 o.
* * * * *
Das tränensäcksische A.
* * * * *
Gewöhnen wir uns den Superlativismus ab. Schreiben wir nicht mehr geehrtest, ergebenst, achtungsvollst, herzlichst und schönst. Schließen wir nicht mit tausend Grüßen, sondern mit gar keinem; denn ein Brief, der den Namen verdient, ist doch an sich schon der Gruß. Umarmen wir uns auch nicht mehr brieflich -- ich rede natürlich hier stets nur vom Briefwechsel unter Männern --; wenn ich schreibe: ich umarme Dich, so male ich damit ein Bild, so wird durch die Niederschrift aus einer im Leben spontanen Handlung eine starre Pose. Seien wir nicht so gedankenlos gerade in Herzenssachen.
* * * * *
Beim Dialekt fängt die gesprochene Sprache erst an.
* * * * *
Der österreichische Dialekt ist darum so hübsch, weil die Rede beständig zwischen Sichgehenlassen und Sichzusammennehmen hin und her spielt. Er gestattet damit einen durch nichts andres ersetzbaren Reichtum der Stimmungswiedergabe.
* * * * *
Die meisten Menschen sprechen nicht, zitieren nur. Man könnte ruhig fast alles, was sie sagen, in Anführungsstriche setzen; denn es ist überkommen, nicht im Augenblick des Entstehens geboren.
* * * * *
Man mag sagen, was man will, die Menschen tun so und so oft auch nichts andres als -- bellen, gackern, krähen, meckern usw. Verfolge nur einmal die Tischgespräche einer Kneipe, die Ausrufe des Wirts, der Kellner, der Kartenspieler, kurz, all das Geschwätz, was nichts weiter ist noch sein will als Essen, Trinken, Schlafen oder irgend eine sonstige einfache Lebensäußerung.
* * * * *
Ich mag Worte wie gleichwohl oder immerhin gern leiden; denn sie erlauben, nach etwas Abfälligem noch eine Menge Anerkennendes zu sagen.
* * * * *
Welche und derselbe sind durch unsere besten Prosaiker hundertmal geheiligte Wörter, welche die modische Abneigung der 'Jetztzeit' ertragen können. _Derselbe_, dagegen sich heute der überlegene Spott noch des armseligsten Skribenten richtet, ist nicht schlechter und nicht besser als eine Unmenge anderer deutscher Wörter. Dem Stilisten bedeutet jedes Wort solcher Art eine Möglichkeit mehr, und dem papierdeutschfeindlichen Sprachreiniger kann nicht entgehen, daß just dieses derselbe in Mundarten -- man denke an z.B. selch, sell, dersöll -- ein höchst lebendiges Dasein führt.
* * * * *
Gott ist nur ein Wort für 'sich'. Das Tier hat keines dieser beiden Worte. Es ist wortlos sowohl Ich wie Gott, das Wort erst spaltet das Leben in Ich und Gott. Kritik der Sprache ist zuletzt auch nur ein Gesellschaftsspiel. Es gibt kein Wort, das außerhalb der Sprache noch irgendwelchen Sinn ergäbe. Wer sich außerhalb der Sprache setzen möchte, findet keinen Stuhl mehr. Er kann nicht einmal mehr sagen: nun weiß ich wenigstens, daß Wissen Unmöglichkeit ist. 'Wissen' ist so gut eine Spielmünze, wie 'sein', wie 'Unmöglichkeit' wie 'Sprache', wie 'außerhalb'. Es ist dafür gesorgt, daß wir die 'Welt' nicht in die Luft sprengen. Ich nenne diese widerspruchslose Ohnmacht in Dingen wirklicher, nicht nur scheinbarer Erkenntnis manchmal bei mir: die Selbstversicherung Gottes. Sie ist eines Gottes würdig.
* * * * *
'Er gibt Frieden' (schreibt Amiel) 'und das Gefühl des Unendlichen,' Welche Zusammenstellung, nur daraus erklärlich, daß der Begriff des Unendlichen noch nie erlebt wurde. So können Menschen Jahrhunderte lang ein Wort voller Pathos brauchen, ohne je von seiner ganzen Bedeutung ergriffen worden zu sein, ja, ich behaupte, manche Worte können nur solange gebraucht werden, als ihr möglicher Sinn nicht völlig zu Ende gedacht wird. Wer 'Gott' siehet, stirbt.
* * * * *
Philosophien sind Schwimmgürtel, gefügt aus dem Kork der Sprache.
* * * * *
Große geschriebene Worte sind vergeistigter Zeugungsakt in perpetuum.
* * * * *
Die schlimmste Folge demokratischer Anschauungsweise ist, daß nun auch die Worte alle 'gleich' gewertet werden.
Und doch ist jedes Wort in dem Augenblick, wo es gedacht, gesprochen, geschrieben wird, ein Individuum für sich und nicht einmal demselben -- vor oder nachher geborenen -- Wort desselben Mundes, desselben Gehirns je irgendwie gleich. Wenn einer sagt: ich glaube dies und das, und sein Nachbar hört das, so kann das sein, als ob der eine sagte: Himalaya, und der andre hörte: Schneehaufen.
1908
Die gleichen Worte sind einander _nicht_ gleich. Es gibt keine Tautologie. Sondern alles ist pro -- cessus.
* * * * *
Nicht nur jedes Gleichnis hinkt, sondern auch jede Gleichung.
* * * * *
Es gibt gar keine Worte, die bloß Worte wären. Sondern jedes Wort ist von vornherein ein -- höchst individuelles -- _Urteil_. Man glaubt, a sei gleich a. Eine vollkommene Ungeheuerlichkeit.
* * * * *
Freuen wir Deutschen uns, daß unsere Sprache die Sonne uns als ein Weib schenkt und lehrt. Daß sie der schlichteste Sinn bei uns als -- Mutter empfinden darf. Und daß wir so um sie im Reigen der Fixsterne all unsere ewigen -- Mütter schauen und verehren dürfen.
* * * * *
In dem lateinischen Wörtchen 'duo' ist nur das deutsche Du sichtbar enthalten; das 'Ich' ruht unsichtbar und doch ewig lebendig darin, wie unter Menschen das geliebte Ich im Herzen des liebenden Du. Wer konversiert, der _spricht_ nicht.
* * * * *
Zitate sind Eis für jede Stimmung.
* * * * *
Impressionismus -- Eindrucktum.
* * * * *
Groß betrachtet ist alles Gespräch nur -- Selbstgespräch.
* * * * *
Welch ein Unterfangen, sich hinter Worten verstecken zu wollen! Man ist ja -- diese Worte selbst.
* * * * *
Wenn ich bei einem Schriftsteller auf jeder Seite 'die die' lese, so kann mir schon übel werden. Wozu hat der liebe Gott das schöne Wort 'welche' geschaffen? Aber rede einmal einer dieser time und money-Zeit von welcher und derselbe!
* * * * *
Gingganz ist einfach ein deutsches Wort für Ideologe.
1909
Wie eigentümlich ähneln sich Schwyzerdütsch und Norwegisch!
* * * * *
Wie ist jede -- aber auch jede -- Sprache schön, wenn in ihr nicht nur geschwätzt, sondern gesagt wird.
* * * * *
Es gibt nichts Hemmenderes als Gemeinplätze und Redensarten. Jede Redensart ist die Fratze eigener Gedanken, ein 'Mitesser' im Zellengewebe des Denkers.
Was du denkst und sagst, ist vor allem Ausdruck. Der sogenannte eigentliche Sinn des Gesagten ist nicht sein einziger Sinn.
* * * * *
Die Sprache ist eine ungeheure fortwährende Aufforderung zur Höherentwickelung. Die Sprache ist unser Geisterantlitz, das wir wie ein Wanderer in die unabsehbare und unausdenkbare Landschaft Gott unablässig weiter hineintragen.
* * * * *
Mit jedem Worte wachsen wir.
* * * * *
Jedes einmal ins Licht getretene Wort ist ein Vorspann (der Menschheit) für immer.
Denn jedes fordert, sobald es nur sichtbar wird, zur Produktion heraus. Man kann kein Wort lesen oder hörend aufnehmen, ohne es zugleich aus seinen Schrift- oder Tonelementen wieder zu _schaffen_. Beseelen heißt schaffen; ein nicht wieder beseeltes Wort bliebe ein nicht wieder geschaffenes, das heißt für den Nichtbeseeler tot.
Man nehme ein paar beliebige Wörter: Fest. Ebene. Landschaft. Musik. Ganze Welten von Schöpfungen erheben sich, indem wir sie lesen.
1910
A.
Ich halte es für unrichtig, ja schädigend, die Orthographie in Hinblick auf die Bequemlichkeit der Vielen zu modernisieren. Die Bedeutung der in den Sprachen aufgespeicherten Erinnerungen ist nicht zu unterschätzen. Wenn ich Tier schreibe und mir das griechische [Griechisch: thêr] dabei als reiner Unterton mitklingt, wenn ein ganzes Volk, eine ganze Kultur bei diesem Worte mich an sich mahnen darf (nicht muß), so ist das etwas Seltenes und wunderlich Fruchtbares, dessen wir uns nicht mutwillig berauben sollten. Daß denen, die von der Antike nie berührt wurden, damit unnötiger Buchstabenballast aufgeladen wird, kann meiner Ansicht nach solange kein Gegengrund sein, als in geistigen Dingen den geistigen Menschen einer Nation und nicht den andern zunächst ihr Recht zu wahren ist.
B.
Vielleicht doch nicht. Der Klügere gibt nach. Dem Geistigeren ist es eine Ehre und Freude, zu verzichten, wenn dadurch Unzähligen wohlgetan und genützt wird. Du läufst Gefahr, in einer Welt, die viel zu groß und tief dazu ist, den Liebhaber zu spielen, als Liebhaber zu erstarren. Du verstehst, wie das Wort Liebhaber hier gemeint ist. Möchten wir doch alle mehr dienen, mehr helfen, statt immer so sehr auf unsere eigene Geschmacksbefriedigung auszugehn, möchten wir doch endlich diese pseudoaristokratischen Allüren überwinden und durch reifere, reichere Gesichtspunkte ersetzen.
* * * * *
Der Rückschritt im Alphabet der Buchstaben von R zu K kann einen Fortschritt im Alphabet der Moral bedeuten: Starr -- stark.
1911
Kongs-Enne, eines der tiefsten Wortbilder aller Sprachen.
* * * * *
Wie sich in der Wortzusammensetzung 'Heilsarmee' für den Deutschen eines seiner tiefsten Eigenworte mit einem seiner weltlichsten Fremdwörter verbindet, erscheint in der Heilsarmee selbst etwas Göttliches mit etwas sehr Irdischem gepaart, das vor dem Ur-Wort ebenso als Fremd-Wort empfunden werden kann (obzwar nicht muß), wie das Wort Armee vor dem Geist unserer Sprache.
1912
Es gibt Menschen, welche Schlagworte wie Münzen schlagen, und Menschen, welche mit Schlagworten wie mit Schlagringen zuschlagen.
Nichts ist so verbreitet wie das Schlagwort. Es wird bis in die höchsten Geisteskreise hinauf gebraucht und hängt oft noch dem Scharfsinnigsten als Zöpfchen hinten.
* * * * *
Mit keinem Köder fischt Mephisto so glücklich, als mit allem, was im Engeren und Weiteren unter den Begriff des Schlagworts fällt.
* * * * *
Man findet bei manchem Ernsthaften unserer Tage gegen gewisse Worte wie sittlich, vollkommen, edel, die Animosität dessen, dem sie irgend einmal gründlich verleidet worden sind. Das sollte nicht sein. Königliche Begriffe können nie von ihrem Glanze verlieren. Wenn es aber doch zuweilen so scheint, wen trifft die Schuld? Die Masse, die sich ihrer bemächtigt hat, oder die Paladine, welche ihnen nicht genug treue Diener, Berater und Leiter gewesen sind?
* * * * *
In einer nicht ganz natürlichen Redeweise liegt eine Gefahr für den Sprecher wie für den Hörer. Das gilt vom persönlichsten Verkehr wie von dem mit der Öffentlichkeit. So gibt es z.B. Menschen, welche immer ein wenig ironisieren. Sie nennen alles nicht so sehr beim Namen, als vielmehr bei irgend einem Spitz- oder Übernamen. Damit wirken sie kurzweilig, öfter aber demoralisieren sie, und ob auch nur um einen Schatten, sich wie den andern.
1913
Alles Schwätzen hat zur Grundlage die Unwissenheit um Sinn und Wert des einzelnen Wortes. Für den Schwätzer ist die Sprache etwas Verschwommenes. Aber sie gibt's ihm genugsam zurück: dem 'Verschwommenen', dem 'Schwimmer'.
POLITISCHES SOZIALES
1895
Man will die deutsche Volksseele erstarken sehen, indem sie sich mehr abschließen und begrenzen soll, und vergißt, daß gerade das Unbegrenztseinwollen, das über engen Nationalitätsschranken stehen wollen ihre Haupteigentümlichkeit ist.
* * * * *
Man muß eine Operette wie den 'Rastelbinder' von Lehar hören, und zwar in einem jubelnden Theater, -- um alle 'modernen Ideen' als Sentimentalität zu verwerfen. Nach einem solchen Abend könnte man sogar zu einer neuen Inquisition ja sagen.
Konfrontation ist das Einzige. Den Freiheitsschwätzer in solch ein Theater führen und nachdem die Zwerchfelle und Tränensäcke nach Schluß des ersten Aktes zu Ende gewirtschaftet haben, ihn fragen: Und das soll -- regieren?
1896
In Arco:
Jeden Freitag gibt man hier den Drehorgelmännern die Luft in Pacht.
1904
Es ist etwas ganz Eigentümliches, wie verschieden die Menschen verschiedener Erdstriche ihre Zäune bauen. Ich erinnere mich z.B. bei Berlin keines einzigen mir zusagenden Zaunes; es gibt andere, die mich zu Tränen rühren können, wie die Steinzäune des Tessin ...
1905
Der Taler ist das einzige originelle und der lateinischen Münze ebenbürtige Geldstück, das wir haben. Weshalb wir ihn auch als 'unpraktisch' abschaffen.
* * * * *
Das Talent zur Disziplin ist die Wurzel von Preußens Größe. Möge es dies Talent feiner und feiner ausbilden und dafür lieber auf Gebieten nachstehen, wo es auf Improvisation, Ingenium, Genialität schlechtweg ankommt. Menzel ist der preußische Künstler an sich. Menzel sollte eine religiöse Formel für die Preußen werden. Denn was leistet damit der Preuße: Die ganze _Vorarbeit_ des schrankenlosen und höchsten Genies und damit dies Genie beinahe selbst. Alles, was am Genie Fleiß ist, also vier Bestandteile von fünf mögen 'preußisch' genannt werden. Preußen, wenn irgend ein Land, hat noch den Gedanken der _Zucht_. Hier ist sein Weg zu seiner Höhe, wie er es immer gewesen.
Darum soll Berlin das preußische Element in sich nicht abtöten, sondern steigern. Es hat es bereits zu sehr gemißachtet. Schinkel baute preußisch; es gibt nichts Herzerfrischenderes als diese so edlen, strengen, fast nüchternen Gebäude jener Zeit, an deren Stelle eine zügellose Horde von neuen Baumeistern und Aktiengesellschaften ihre wüsten Massenproduktionen gesetzt hat. Der Preuße hat keinen andern Weg zur Kunst als den der Einfachheit. Pracht wird bei ihm zu Schwulst, Luxus zu Unsittlichkeit. Er bleibe Brandenburger und sei stolz auf sein Land und seinen Breitegrad und äffe nicht in kompilatorischem Wahnsinn ihm ganz fremde Kulturen nach oder nehme sie wenigstens so weit in sich auf, daß er sie ganz aus seinem schlichten, nüchternen Geiste wiedergebäre, wie es Schinkel tat, dieser Mann, den ich mit jedem neu niedergehackten Villino seiner Zeit mehr liebe.
Und dann endlich: los von diesem Prinzip, ein Haus nur aus Vorder- und Hinterwand bestehend zu bauen. Man gebe jedem Haus seine vier selbständigen Seiten wieder und erlöse es damit aus dem Zustand einer Mißgeburt -- oder man komponiere ganze Stadtteile einheitlich und dann diese wieder unter einander. Man erhebe den Kasernenstil zur Höhe der Kunst. Man kann es. Man rede nicht ewig von Langweiligkeit. Wenn der Rechte es anfaßt, gibt es keine Langeweile. Was bei dem Mittelmäßigen langweilig wird, wird in der Hand des Genies zur Großartigkeit. Man räume nur mit diesem sogenannten herrschaftlichen Haus als Individuum auf.
* * * * *
(Staat, Stil, Sittlichkeit)
Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.
* * * * *