Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen

Chapter 15

Chapter 153,427 wordsPublic domain

Ich fürchte, -- und dieser unheimliche Gedanke kehrt mir, fast seit ich denken gelernt, immer wieder, --: nicht, daß wir sterben werden, ist zu fürchten, sondern daß wir nie sterben werden. Ich empfand dies immer unter folgenden Worten: Ich werde immer da sein. Und wenn ich heute meinem Leib nach sterbe, wer will wissen, ob ich dann nicht -- mein Freund bin? Nicht als ob etwas, was meine Seele genannt werden könnte, gewandert wäre, nein, sondern wie wenn ein Etwas in allem Lebendigen immer wäre und wüßte daß es wäre ... Wer will wissen, ob er nicht aus seinem Freunde (wenn auch ganz und gar als dieser und mit allen physischen Prämissen) in die Welt blickt, in demselben Moment, wo er sein Bewußtsein verliert? Solange ich in meiner Form befangen bin, kann ich nichts Zweites sein, aber wenn diese Form zerbricht, bin ich vielleicht das Zweite, und das Zweite ist vielleicht nichts als wieder das Eine.

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Die Menschheit ist nur eine Korrektur des Menschen.

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Dies Bewußtsein wenigstens habe ich: mein höchster Gedanke hat nichts zu tun mit dem Äußerlichen meines Lebensganges. Ich bin nicht von denen, die zur Wiederaufnahme der Gottesidee durch irgend etwas getrieben worden sind, als da ist unterdrückte Sinnlichkeit, Einsamkeit der Seele, Verzweiflung an sich und der Welt oder ähnliches. Ich kenne diese Zustände wohl, aber ich wäre nie vor ihnen zu einem neuen Gottes-Begriff geflohen: wie denn dieser auch weder 'heilt' noch 'erlöst'. Diese Idee ist vielmehr aus meiner innersten Natur herausgewachsen, ich kann ihre Anfänge bis in mein zweites Jahrzehnt zurückverfolgen, in dessen Mitte etwa ein ganz spezifisch philosophisches Interesse in mir erwachte. Ihr endliches Zutagetreten hängt sehr stark mit der Art meines Schauens zusammen, das mir manchmal erlaubt, sehr in die Dinge zu versinken oder auch: die Dinge gleichsam in mich hineinzunehmen, und mir damit das Micheinsfühlen mit allem zu einem natürlichen Gefühl macht.

Ebenso hatte ich stets das Gefühl des Zusammenhangs in so hohem Maße, daß ich mich von Vorstellungen solcher Art nicht losmachen konnte, wie diese etwa, daß meine Hand, von A nach B bewegt, das ganze Weltall in Mitleidenschaft ziehen müsse.

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Was sagt Meister Ekkehart anders als: zerbrich alle Sprache und damit alle Begriffe und Dinge: der Rest ist Schweigen. Dies Schweigen aber ist -- Gott.

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'Gott' ist das einfache Ergebnis eines Subtraktionsexempels: ziehe alles von dir ab, was abzuziehen ist, und der Rest ist -- Mysterium.

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Gott ist seine eigene Erfindung. Das sich selbst Unerklärliche sagt aus Menschenmund Gott zu sich.

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In Christus ist zum ersten Mal auf der Erde Gott selbst sich zum Bewußtsein gekommen. In Christus erkannte Gott als Mensch zum ersten Mal sich selbst. Seitdem sind fast zweitausend Jahre vergangen. Aber freilich: 'Tausend Jahre sind vor Ihm wie ein Tag.'

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Man empört sich gegen die Gottheit Christi -- als liege man selbst in Hose und Rock nicht als ein Stück -- Gottheit herum.

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Eines Einzelnen Leben ist vielleicht nichts Besondres. Von außen, mit fremdem Auge betrachtet, mag es nicht viel bedeuten, von innen, mit seinen Augen gesehen, schon mehr, sehr viel mehr. Als Leben -- Gottes aber angeschaut, wird es sofort unaussprechlich tief und tragisch. Sieh nur irgend einen Menschen daraufhin an, daß er nichts andres ist als Gott, Gott selbst in ureigenster Person -- und die Welt wird sich dir mit einemmal und auf immer verwandeln und du wirst kein Sittengesetz mehr zu befragen brauchen; denn alles wird dir auf einen Schlag wunderlich heilig werden.

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Ich sehe das Unvermeidliche herannahen: daß den Menschen eines Tages in größerer und größerer Anzahl zum Bewußtsein kommt -- nicht nur nominell wie bisher, sondern faktisch -- daß sie in der Unendlichkeit leben.

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Heute sehen die Menschen noch nicht den Raum, sie sehen den Himmel, aber noch nicht den RAUM.

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Auf Erden ist nichts, sondern alles im Himmel zugleich und in der Ewigkeit. (Geträumte Zeile.)

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Gott ist nicht etwas Vorgestelltes, sondern das, was wie jede andere Vorstellung, so auch die Gottesvorstellung produziert. Bis heute glaubt die Menschheit noch, soweit sie glaubt, an den Gott oder die Götter ihrer Vorstellung. Und darum ist sie so leicht durch den Satz zu widerlegen: Dein Gott ist eine bloße Vorstellung von dir. Gewiß ist er das. Erst die Menschheit, welche bekennt: Was wir uns als Gott vorstellen, ist irrelevant; das einzige, was wir als Gott behaupten können, ist das Unvorstellbare, auf das unsre Vorstellungen zurückgehen, ist das, was wir für uns als Wirklichkeit klassifiziert haben, sind wir selbst (wie wir uns bezeichnen) und alles, was um uns ist (was wir so bezeichnen). Gott ist alles. Wir haben kein andres Wort für Gott als das Wort 'alles'. Man kennt und fühlt Pantheismus schon lange, aber ich weiß nicht, ob je mit diesem 'alles' schon ganz und resolut Ernst gemacht worden ist. Wer ihn macht, für den gibt es kein Entrinnen mehr. Er muß selbst hinein in dies 'alles' mit jeder Faser seines Leibes und jedem Schatten seiner Gedanken, er muß selbst zusammenfallen mit Gott, er muß selbst Gott -- und nicht nur in Gott -- sein.

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'Sein' (esse) ist nur eine Denkform Gottes. Wenn Gott sagt: ich bin, so sagt er dies beides nur als Mensch. Als Gott sagt er nichts, 'ist' er nicht einmal etwas. Gott ist nicht Gott.

Als Mensch 'ist' Gott.

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Auch wo Gott 'sich' fühlt, wie im Mystiker, bleibt er noch Mensch.

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Man soll nur in alle Ewigkeit leugnen, daß die Welt unerklärlich sei. Die Folgen dieser bornierten Leugnung, dieser stiermäßigen Annahme des Gottmenschenkopfes von seiner Anlage zur Selbsterkenntnis sind allzu wertvoll, verinteressieren -- als Wissenschaft -- das Leben in allzu hohem Grade.

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Unbewußte Stupidität, bewußte Verlogenheit -- als Voraussetzung aller Wissenschaft, ja aller geistigen Kultur überhaupt: das ist eine groteske Wahrheit Gottes, des Menschen.

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Auch hier meine Ausführungen, was ich auch versuche, bleiben -- Anthropomorphismus. Diese Feststellung sollte eigentlich der Tod Gottes sein. Der Tod Gottes -- als einer auszuscheidenden Vorstellung. Aber diese Vorstellung war meine letzte, in der ich alle andern begrub. Kein Wort der Erde, das sich mir im Wort 'Gott' nicht löste. Andre nennen ihre Grenzvorstellung Leben, Natur, Wirklichkeit. Aber ist das minder anthropomorph? Nein. Jedes Wort ist Vorstellung, jedes Wort ist demnach gleich viel wert. 'Leben' ist das Wort einer andern _Phantasie_ als 'Gott', das ist alles.

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Es gibt also zuletzt nur eine Grenzvorstellung, nur ein 'Ur--wort'. Dieses Urwort muß uns gelassen bleiben, wollen wir Menschen bleiben.

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Gott wäre etwas gar Erbärmliches, wenn er sich in einem Menschenkopfe begreifen könnte.

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Ich frage mich, welche innere Nötigung liegt meiner Handlungsweise zu Grunde (drücken wir es so aus): das Ding an sich Gott zu nennen. Meine aufrichtigste Antwort lautet: Das ist des Dings an sich, das ist Gottes Sache selbst. Ich bin -- wie ich es ansehen kann -- nur eine Etappe im ungeheuren Heer und Komplex von Assoziationen, und wenn ich mich nun selbst psychologisch zu deduzieren suchte, so wäre damit wohl nicht viel mehr getan, als wenn ein Strudel jenes Baches dort unten die Art seines Gurgelns durch die Daten seines Lokals usw. erklären zu können glaubte.

Nun gut. Welche Nötigung? Die Nötigung, nicht Halt machen zu brauchen. Die Nötigung, mich mit allem um mich durch ein _persönliches_ Band verbunden fühlen zu dürfen. Wenn diese Tanne da vor mir ein geistreicher Mechanismus ist wie ich, so kann sie mir in jedem Augenblick unendlich gleichgültig, ja widerlich werden. Aber sie ist kein Mechanismus, sie teilt -- ob ich sie nun als _Du_ oder Erscheinung bezeichne -- _Ein_ Geheimnis mit mir, das Geheimnis des Lebens. Wir sind Brüder als Erscheinungen, und unser Beider Vater als Dinge.

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Ich, als Vater, erfülle mich erst im Menschen, als mir, dem Sohne; als Sohn erst erfahre ich mich als den Vater.

Oder: als Erscheinung erst werde ich mir selbst -- Erscheinung.

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Von mir: die Menschen sind ihm allein Köpfe Gottes.

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Ja, gewiß, es ist vieles am Menschen lächerlich und verächtlich. Aber der Mensch ist ja auch nur ein winziger Teil Gottes. Und was wäre Gott, wenn er nicht irgendwo auch lächerlich und verächtlich wäre. Gott schenkt sich nichts. Das wollen nur die Kurzsichtigen, die meinen, man könne das Eine ohne das Andere haben, ja noch mehr: man dürfe es.

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Die planetarischen Kulturen geistiger Wesen sind die großen Grotesken Gottes. Gottes materielle Erscheinungsform ist notwendig grotesk.

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Man könnte eine Bibliothek schreiben von den Selbsttröstungen Gottes.

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Nicht, daß gekämpft wird, ist das Tragische der Welt. Sie selbst ist das Tragische.

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Betrachte den gefüllten Zuschauerraum eines Theaters. Wie festlich machen ihn die vor Erwartung und Lebenslust glänzenden Augen der Frauen, ihre schneeweißen Nacken, ihr herrliches Haar -- wie scheinen sie alle zu rufen voll reizender Ungeduld: den Vorhang auf! den Vorhang auf! Wie gern sie leben und leben sehn, wie ganz unverständlich es ihnen wäre, wenn nun plötzlich ein Mann aufstünde und spräche: Nein, nicht den Vorhang auf! nicht auf! Sondern laßt uns endlich ein Ende machen mit diesem ewigen Theaterspiel! Und seine Augen würden sich schließen im Übermaß des Schmerzes. Aber nach einer kurzen Spanne der Starrheit -- was würde geschehen? Mit ihren Fächern würden sie ihn zu erschlagen drohen und mit hundert beredten Gebärden laut oder stumm, lächelnd oder schluchzend, die Männer rings fragen: Wie? und wir? sind wir nichts? gelten für nichts? Ihr wollt dies starke süße bunte Leben nicht mehr? Ihr wollt also Uns nicht mehr? Was haben wir euch denn getan? Und was unsre Kinder, eure Kinder? O, ihr Toren, ihr Spielverderber, ihr Pflichtvergessenen! Aber ihr sollt uns nicht irre machen. Nicht irre an Lieben und Leben, nicht irre an Pflicht und gesundem Menschenverstand. Nein, die Komödie sei noch nicht zu Ende! -- Der Sprecher von vorhin aber würde bei sich denken: Umsonst. Gottes Teufel ist seiner würdig. Er könnte nicht überzeugender noch unschuldiger sein. Und fürwahr: Heute erkannte ich ihn zum ersten Mal -- und sein triumphierendes Reich, soweit Welt ist.

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Wer sich einmal in die Idee des Teufels, an dem Gott immer wieder zu schanden wird, von dem er immer wieder zum Leben verführt wird, vertieft, dem wird die Größe und Schönheit des Lebens fürder nicht Einwand sein können: Denn je unfaßlicher dieser Gott ist, desto unfaßlicher wird auch die Kunst seines Teufels sein müssen, desto heiliger wird sie erscheinen müssen, desto bejahungswürdiger die Welt für menschliche Urteilskraft.

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'Die Welt' ist Gottes Weg zu seiner Schönheit. Überall und immer duftet diese Wunderpflanze 'Welt'. Um dieses Duftes willen ist sie da; er ist ihre Schönheit, ihre 'Seele', 'Gottes' -- Seele.

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Wir sind nie wirklich aus dem Paradiese vertrieben worden. Wir leben und weben mitten im Paradiese wie je, wir sind selbst Paradies, -- nur seiner unbewußt, und damit mitten im -- Inferno.

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'Alles was ist, ist vernünftig' -- ganz gewiß. Freilich nicht vom Standpunkt des Reichstagsabgeordneten X oder des Privatdozenten Y aus; aber sub specie Dei.

1908

Im Geist erst wird die Natur, wird Gott tragisch. Was ist der Mensch? Die Tragödie Gottes.

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Wenn einer die Welt bejaht, bejaht sie Gott, wenn sie einer verneint, verneint sie Gott (und damit Sich). Gott sagt weder bloß ja noch bloß nein zu sich, sondern urewig ja _und_ nein.

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Wo einer keine Augen für sich -- als Mysterium -- hat, da hat auch Gott keine Augen für sich, als Mysterium. Aber als der, als der er Augen für sich hat, leidet er unter diesem andern, als der er keine Augen für sich hat, und zürnt sich, dem andern, aus sich, dem einen.

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Die Welt könnte so groß angelegt sein, daß die unaufgelöste Dissonanz eines ganzen Planeten als solche mit hineingehörte. Ein schauerlicher, wahnwitziger Gedanke. Denn wer will seine Dissonanz -- schon allein seine ganz persönliche Dissonanz -- nicht aufgelöst und sei es auch erst -- nach Äonen.

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Gott ist die Welt im Einzelnen wie als Gesamtheit. Als Gesamtheit aber ist er vielleicht eine Zweiheit von Mann und Weib. Einheit als Gott, Zweiheit als Welt. Sagst du aber: Die Welt? das wäre wohl nicht genug, wenn nur _das_ Gott wäre! so frage ich: weißt du, wo die Welt aufhört, daß du von genug und nicht genug redest? Wie kann etwas Un-Endliches noch-genug sein oder 'nicht-genug'?

Das ist gewiß: was auch von Gott, von Gottheit gedacht werden mag, kann auch noch nicht an den Saum des Mantels seines Ernstes rühren.

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Wenn Gott nicht die ewige Sehnsucht zweier Seelen zu einander ist -- wenn die Welt nicht der ewige Weg dieser zwei Seelen ist -- so weiß ich nicht, was Gott und Welt bedeuten.

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Der Mensch ist nur ein Moment innerhalb des MENSCHEN, und der MENSCH nur ein Moment innerhalb Naturae sive Dei.

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Es versteht sich mir fast von selbst, daß das, was ich bin, sich irgend einmal seines ganzen Lebens -- in allen seinen Erscheinungsformen -- erinnern wird.

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Und es wird nichts sein -- kein Richten, kein Wundern, nur ein Schauen. Aber in diesem Schauen wird Gericht oder Freispruch beschlossen sein.

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Ich und du, einmal groß und einmal klein geschrieben -- das ist die Weltformel. Ich und Du, und ich und du.

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Mußte der wahrhaft innerliche Mensch früher mit der Kirche ringen, so muß er es heute mit der Wissenschaft. Der sich selbst schauende Gott ist immer nur als -- Ketzer möglich.

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Vielleicht ist nichts von allem Gedachten _ganz_ unwahr. Sollte Gott über Sich _gänzlich_ falsch denken _können_? Sollte nicht die barbarischste religiöse Vorstellung ein Körnchen Wahrheit enthalten, enthalten _müssen_?

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Eines sein und haben und die Sehnsucht nach allem Andern, -- Formel Gottes, des Individuums. (Hinzuzufügen: zusamt der stillgeglaubten Anwartschaft auf alles Andere.)

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Wohin sollte die Natur in der Stufenfolge der Tiere im Menschen streben, wenn nicht dahin, daß Gott in ihm sich selbst erkenne? Dies aber, das Erkennen kann noch nicht sein letztes Ziel sein: er muß aus dieser Selbsterkenntnis noch zu irgend einem Handeln hervorschreiten, muß ja sagen und tun wie der Zarathustra Nietzsche's, oder nein wie der indische Buddha. Er muß das Schicksal der 'Welt' an seinem Teile entscheiden; sie soll sein oder sie soll nicht sein. Und doch --.

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Frage dich nur bei allem: 'Hätte Christus das getan?' Das ist genug.

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Das ergibt sich aus meiner Lehre, daß nicht nur der Einzelne sondern auch Volk um Volk und endlich die ganze Menschheit -- Persönlichkeit zu werden trachtet.

Denn wenn wir 'Gott' sind, -- was können wir Höheres aus uns machen, als immer durchseeltere, durchbildetere, vollendetere Persönlichkeit? So wie der einzelne durch und durch kaloskagathos werden soll, so soll auch ein Volk, eine Menschheit durch und durch 'kalonkagathon' werden wollen.

Kunstwerk der Einzelne, Kunstwerk sein Volk, Kunstwerk die ganze Erde -- das ist das Ziel.

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Jeder kann von Christus etwas fortnehmen. Verstehen aber wird ihn alle fünfzig Jahre -- vielleicht -- Einer.

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Wenn, was sich so Theologen nennt, wirklich wissen könnten, wer Christus war, würden sie ihn allesamt als einen Irrsinnigen und Verbrecher verdammen. Ja, so weit weg steht der Mensch, der gesagt hat 'Ich und der Vater sind eins' (und nur der johanneische Christus ist für mich Christus, so ausschließlich, daß, wenn es ihn nie gegeben haben sollte, er längst hätte 'erfunden werden' müssen) von der übrigen 'christlichen' Menschheit und insonderheit ihren Theologen, daß er wie der leibhaftige Teufel auf sie wirken würde, hätten sie ja den Mut und die Kraft, ihm sein Weltgefühl bis zum Letzten nachzufühlen.

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Immer wieder kommt mir die Szene auf Golgatha ins Gedächtnis, immer wieder komme ich zu mir selber wie Christus und frage mich: Und Du schläfst! Und ich fahre auf und Scham übergießt mich ganz und ich erwache zu mir selbst. Aber nur ein Kleines, so bin ich wieder im Halbschlaf. Und wieder tritt mein Selbst an mich heran, rührt mir ans Herz, daß ich wie verwundet aufschrecke und zum wievielten Male! das traurige Wort vernehme: Du schläfst! Wie -- wäre mein Problem dies: Eine Natur, auf der Grenze geboren, wo das Mittelmäßige und das Außerordentliche zusammenstoßen, ein Mensch, zu groß, zu reich, zu tief, im Gewöhnlichen zu verharren und doch zu klein, zu arm, zu seicht, zu verharren im Ungewöhnlichen? Mir fällt ein Vers aus meinen ersten Jünglingsjahren ein, jenen Jahren, deren damals noch ganz anders zehrende Ohnmacht ich durch den ausdauernden Schritt nach nur Einem Ziel in zwei Jahrzehnten wenigstens bis zu einem gewissen Grade überwand: 'Ich möchte schwächer sein und bin es nicht, ich möchte stärker sein und bin es nicht, und daß ich stärker nicht noch schwächer bin, als wie ich bin, das ist's, was mich zerbricht,' Und auch das fällt mir ein: Wie ich mich früher gehaßt habe. Gehaßt bis zu bitterster Todfeindschaft, die mir vielleicht nur aus Zufall nicht den Garaus machte. Und all mein Flehen um Tiefe fällt mir ein, das der alte Gott noch hören mußte und erfüllen sollte. Ein Mensch also gemacht aus Edelmetall und taubem Erz, zerspalten in Reichtum und Armut, Vermögen und Ohnmacht! Emporfahrend aus seiner Niedrigkeit, den Himmel des Seherischen und Schöpferischen in seine Arme herabzureißen, ihn erblickend in all seiner Herrlichkeit, und seiner flüchtigen Hoheit wieder entschlummernd in den Schlaf des Alltäglichen, von neuem erwachend nach kurzem Traum im Tal des unfruchtbaren Todes. Das wäre ich! Das bin ich?

WELTBILD: AM TOR

1907

Sieh einmal morgens nackenden Leibes beim Waschen an dir herunter, den Riesen-Zellenbau, das Zellenuniversum ohne Gleichen!

Welches naive Auge würde je darauf kommen, dich als eine einheitliche Ordnung von Legionen selbständiger Wesen zu verstehen und welches Auge würde folgen wollen, wenn der Verstand es wagte, die Wirklichkeit überhaupt als einen einzigen Zellenleib zu beschreiben, dessen Formen wir uns nur nicht vorstellen können?

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Wie kann man sagen: Dies und das kommt hierher und daher; da doch alles überallher kommt.

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Das Prinzip der Nachahmung (oder, vom Objekt aus: der Ansteckung) wirkt fortwährend in der ganzen Natur.

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Ich habe zuweilen einen abgründigen Haß auf die Zahl. Sie ist die absurdeste Fälschung der 'Wirklichkeit', die dem Menschen wohl je gelungen ist, und doch baut sich auf ihr 'unsere ganze heutige Welt' auf.

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Der große Irrtum ist der: man glaubt irgend einmal einen Mechanismus schaffen zu können, der schließlich wie ein Lebewesen wird und leben soll, und sei es auch nur ein Infusorium. Und übersieht dabei nur eins: daß es ein einzelnes Infusor für sich allein gar nicht gibt, daß man das ganze Weltall nachschaffen müßte, um auch nur ein kleinstes Tierchen in Wahrheit lebendig zu machen -- denn man kann nichts von außen hineinstopfen, Ihr Herren, man muß dann schon von der Pike auf schaffen, nicht nur so ex tempore und ex machina.

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Alles ist Ausdruck eines _Wesens_.

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Wenn im großen Weltkonzert einmal ein Stern untergeht, so ist das auch nichts weiter, wie wenn einem irdischen Orchestermusiker eine Saite platzt. Sähe man den Mann nicht die Geige absetzen, so würde man vermutlich gar nichts merken, so unbekümmert geht das vielstimmige Zusammenspiel seinen gewaltigen Gang.

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Die 'Welt' gibt offenbar immer nur relative Vollendungs-Möglichkeit. Zwischen zwei Eisperioden kann eine Menschheit sich vielleicht so 'vollenden', wie ein Einzelner zwischen Geburt und Tod.

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Wir glauben als Menschheit eine Art fließende Ebene zu sein und sind statt dessen ein wandelnder Berg oder eine wandelnde Pyramide.

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Es ist mit der Weltenuhr wie mit der des Zimmers. Am Tage sieht man sie wohl, aber hört sie fast gar nicht. Des Nachts aber hört man sie gehen wie ein großes Herz.

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Diese Waschkanne vor mir -- nimm die Zeit von ihr: und sie stürzt zusammen in nichts. Die Zeit macht erst den Raum.

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Das Amüsante ist, daß es nun, seit dem Auftreten des Menschen, auf einmal Vergangenheit und Zukunft gibt (von vielem andern ganz zu schweigen), als hätte die ganze Wirklichkeit nur darauf gewartet, sich von ihm in vorn und hinten, oben und unten, früher und später usw. einteilen zu lassen. O Mensch, du Kindskopf aller Kindsköpfe, o Wissenschaft, du grandioses Orientierungs-System dieses Kindskopfes, nichts weiter!

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Gestern und morgen haben im All keinen Sinn. Das All war weder, noch wird es sein, -- es ist. Und so _war_ nichts von dem, was wir 'vergangen' nennen. Alles 'Vergangene' _ist_. Vergangenheit wie Zukunft sind nur Formen der Gegenwart.

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Für Pflanze und Tier gibt es das Wort ewig nicht und daher auch keine -- Ewigkeit. Es sollte sie auch für uns nicht geben. Wir _sind_. Wir werden nie sein, ebensowenig, wie wir je waren. Die Ewigkeit ist in jedem Moment 'gelebte Gegenwart' -- oder sie ist nicht.

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Schauerlich, zu denken, daß alles nur 'in der Flucht' ist. Es gibt nichts, als den _Moment_, in dem fortwährend alles ist.

So wie 'ich' von Sekunde zu Sekunde lebe und mir dessen bewußt bin -- (aber das alles ist nicht ich, das ist die Unendlichkeit, die in mir fortwährend weiter lebt) so lebt die gesamte Wirklichkeit wie ein einziger gigantischer Körper in ihrer eigenen, von mir ihr vermittelten Vorstellung von Sekunde zu Sekunde.

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Alle Vergangenheit existiert nur als lebendige Erinnerung eines gegenwärtigen Kopfes.

Alle Vergangenheit ist eine Selbsterinnerung Gottes.

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Die Welt ist eine sich ewig fortentwickelnde Kugel, deren Oberfläche -- hier der dies von ihr aussagt.

1908

Ist nicht einmal dasselbe Wort in deinem Munde je dasselbe, so bist auch wohl du selbst ein in jeder Sekunde Neuer, noch nie Dagewesener, Niemehrsodaseinwerdender. Und nicht du allein: Alles ist fortwährend neu, frisch, einzig, einmalig. Dies ist das Geheimnis des Lebens und damit Gottes, als eines ewig Seienden, ohne auch nur die Möglichkeit irgendwelcher Starrheit.