Stufen: Eine Entwickelung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen
Chapter 14
(Zu Drews.) Es ist sehr lehrreich, daß dieses dicke und gelehrte Buch 'Die Religion als Selbstbewußtsein Gottes' gerade _die_ Idee, die Gott am tiefsten faßt, als 'wahnsinnig' hinstellt. Man mache sich klar: von unzähligen Ideen mit tödlicher Sicherheit gerade die energischste, bedeutendste! Man möchte den Geist des Verfassers eine umgekehrte Wünschelrute nennen.
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Die Welt, lieber Herr Professor (beruhigen Sie sich), ist eine -- Privatangelegenheit Gottes. Und da Sie mit zur Welt gehören, so gehören Sie, wie jeder andere, ebenfalls ganz restlos in diese Privatangelegenheit hinein.
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(Zu Dostojewski.) Es ist ein Wandel zwischen Überreiztheit, Ermattung und Größe, einer Größe, wie sie sich nur bei den ganz tiefen, glühenden Seelen der Menschheit findet, und wenn ich im Augenblick gefragt werden sollte, wüßte ich auch im Augenblick nur zwei moderne Namen daneben zu nennen: den Namen Lagarde und den Namen Nietzsche. Nur bei ihnen findet man diesen Sturm der Seele wieder, der oft lange schläft, sich lange unter allerlei psychologischem, politischem, was weiß ich für Kleinkram verkriecht, um sich dann plötzlich unvermutet wie ein feuriger Wirbel zu erheben, emporzusteigen, alles zu überschütten, zu überstrahlen, daß das Herz zu klopfen anfängt --
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Dostojewski hat folgende großartige Methode: Er führt eine Anzahl Menschen ein, die uns zunächst nur einfach fesseln, noch nicht erregen, wirft sie durcheinander, bringt sie in die unglaublichsten Verwickelungen, bis für jeden irgendeinmal die Stunde schlägt, wo er sein Innerstes enthüllen muß. Und enthüllt er sich nicht aus freien Stücken -- und je bedeutender solch ein Mensch ist, desto verschlossener, schamhafter, unwilliger, ja selbst zynischer ist er -- so wird er, ich möchte sagen, 'gestellt'. Ein andrer setzt ihm das Messer auf die Brust: Aljoscha und Iwan in den 'Karamasow', Werssilow und sein Sohn im 'Werdenden', Schatoff und Stawrogin in den 'Dämonen' usw. Lassen wir das, ruft Schatoff, davon später, sprechen wir von der Hauptsache, von der Hauptsache .. Ich habe zwei Jahre auf Sie gewartet. -- Nicht meine Person selbst, zum Teufel mit ihr, -- aber das andere --! Und dann sprechen sie alle von dem 'andern', von der Hauptsache: ob es einen Gott gibt oder nicht; was der Mensch tun muß, wenn es Gott nicht gibt; ob der Mensch überhaupt ohne Gott leben könne; wie im Besondern das Russenvolk diese höchste und brennendste Lebensfrage entscheide, und ob dieses Volk nicht vielleicht 'das einzige Gott tragende Volk' heute sei, 'das einzige, dem die Schlüssel des Lebens und des neuen Wortes gegeben sind'.
Und in diesen Gesprächen brennt die Flamme Gottes selbst, die Flamme des um sich selbst ringenden Gottes, dessen Leib das unendliche All der Gestirne und dessen Geist der Geist ihrer Lebendigen ist.
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(Zu Dostojewski.) Wenn ich ein Priester wäre, so würde ich mit meiner Stirn erst dreimal vor ihm den Boden berühren, bevor ich mich umwendete und zu meinen Brüdern spräche; denn in ihm ward eine jener großen Leuchten der Erde lebendig, die noch in den finstersten Nächten leuchten, -- er war einer der großen Rechtfertiger des Menschen, weil er sich am Menschen nicht genug sein ließ; nur aber, wem der Mensch kein Ziel war, nur ein Wurf nach dem Ziel, verdient Mensch gewesen zu sein.
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(Zu Drews.) Wenn ich sage: 'Mensch' ist nur eine sprachliche Ausdrucksform für 'Gott' -- ist das 'Selbstvergötterung'? Gott kann sich doch nicht selbst vergöttern! Was aber wäre Gott, der nicht die ganze Natur, der nicht alles, alles selbst wäre, der nur das Selbst, nicht auch das Ich zugleich, nicht zugleich die Sehnsucht nach Sich und dies Ersehnte selbst, kurz, dessen Inhalt, sozusagen, nicht die gesamte unendliche Welt wäre? Gott ist jeder Gedanke und jedes Gebilde; es gibt allerdings Metaphysik, insofern die Natur nicht nur ein einfacher chemischer oder mechanistischer Prozeß ist, als den sie der Materialismus hinstellen will, aber es gibt keinen Metatheismus; Metatheismus aber wäre, das menschliche Subjekt noch einmal in Mensch und Gott zu spalten: wenn diese Spaltung auch noch so fruchtbar sein mag, ja wenn sie auch unzweifelhaft eines der instinktiven Mittel des aus dumpfem Urtrieb zu immer reinerer Sichselbsterfassung, Sichselbsterringung hindrängenden Gottes war und ist, seinen Weg zu sich selbst, ja: Sich Selbst zu finden.
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Ihr werdet mich mit Euren blassen Gottesideen nicht überzeugen können. Der _sichselbstschöpferische_ Gott ist ein zu gewaltiger Gedanke, und wenn nicht die Philosophen, so werden die Künstler mich stets begreifen.
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Ich kann nur durch Kampf und Leiden zur Erkenntnis Meiner selbst kommen und zu diesem Leiden gehört, daß, was da leidet, zum allergrößten Teil nicht weiß, daß Ich leide, sondern sich als selbst-Leidendes fühlt, sodaß ich, obwohl ich es nur selbst bin, der leidet, doch endlos zugleich leiden _mache_. Und dies alles um Meinetwillen, um Meiner Entwickelung willen. Was bleibt Mir da noch übrig, womit kann Ich allein diesen furchtbaren und doch notwendigen Weg aufwiegen, wenn nicht durch -- Liebe! Liebe nicht zu Mir, sondern zu dem, was Ich noch nicht bin, also zur ganzen werdenden Welt, zu allem, was überhaupt noch Werden heißt. Die ganze Welt einst wieder an Mein Herz zurückzunehmen -- könnte Ich mich ohne diesen Willen zur -- Welt entschlossen haben?
(Schauerlich, wenn ich mit meinen ich und Ich mißverstanden würde. Wenn man mich für einen größenwahnsinnig gewordenen Subjektivisten nähme!)
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Das Geschenk solcher Gotteserkenntnis, das sie uns anstelle der 'ewigen Seligkeit' verspricht, ist folgendes:
Wir hören nie auf, als Lebendige wiedergeboren zu werden, wir sind und bleiben Teilnehmer des göttlichen Ringens um sich selbst. Gott schenkt uns (sich) keinen 'Frieden', als den, welchen er sich selbst erringt. Alle höchste Stufe der Entwickelung erreicht Gott als Mensch: Der höchstentwickelte, am vollkommensten gelungene Mensch ist zugleich ein höchster Glücksmoment Gottes. Es gilt nicht, diese höchsten Glücksmomente Gottes auf allen Sternen einfach auszuschalten und als irdische Ungenügendheiten zu verdächtigen. Sie sind die _einzige_ (bewußte) _Seligkeit_ Gottes, es gibt keine andere, hinterweltliche, außer ihr. Sie sind selbst geistweltlich genug. Sie sind Erkämpftheiten, Ersiegtheiten, nicht faule Geschenke, sie sind nicht jenes Ausruhen, jener Friede, den die Geplagten und Gemarterten als Höchstes ersehnen, sondern Seligkeiten der Kraft, des außerordentlichen Vermögens, -- alles irdische Große und Herrliche ist zugleich Seligkeit Gottes. Es gibt nicht Elende und Glückliche und einen Gott bewußt oder unbewußt außerhalb ihrer, sondern Gott selbst ist elend und glücklich, Gott selbst fällt und erhebt sich, sündigt und überwindet sich, Gott selbst ist das Herz, die Seele, der anemos der Welt.
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Wer das Wunder nicht als das Primäre erkennt, leugnet damit die Welt, wie sie ist, und supponiert ihr ein Fabrikspielzeug.
Das Wunder ist das einzig Reale, es gibt nichts außer ihm. Wenn aber alles Wunder ist, das heißt durch und durch unbegreiflich, so weiß ich nicht, warum man dieser großen einen Unbegreiflichkeit, die alles ist, nicht den Namen Gott sollte geben dürfen.
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Wirklicher innerster, reinster Glaube _kann_ sich nur auf etwas beziehen, wofür die Sprache kein anderes Wort hat als absurdum; das Absurde ist sein _einziges_ Objekt. Ja, ich möchte noch weiter gehen: was geglaubt werden kann, ist schon nicht mehr glaubwürdig. Glaube, im innersten Begriff, ist Annahme _aller_ Möglichkeiten mit Ausnahme der einzigen, zu ihm selbst je ein bestimmtes Geglaubtes, das heißt einen irgendwie bestimmten Inhalt, zu finden. Glaube ist nur wahrer Glaube als von keinem Gedanken entweihtes Gefühl Gottes. Glaube ist damit das Gefühl Gottes von Sich selbst, Glaube _an_ Gott ist bereits kein reiner Glaube mehr: das an setzt einen Gedanken, ein Urteil, eine Auswahl voraus. Glaube an Gott ist ebenso wenig Glaube Gottes, wie Gefühl an Gott Gefühl Gottes. Daher auch keine Vernunft dem wahren Glauben etwas anhaben kann.
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A. Wo ist Gott ...
B. Du fragst, wo Gott ist?
A. Ja.
B. (auf A. deutend) Dort.
A. Wo? (dreht sich lächelnd um).
B. Ja, du mußt dich nicht nur umwenden, du mußt dich in dich hineinwenden --
A. Hineinwenden?
B. Ja. Siehst du diesen Handschuh?
A. Ja.
B. Das ist der Mensch. Und dies (stülpt den Handschuh um) ist Gott.
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Gott ist gewiß nicht Persönlichkeit. Aber er wird sie in jedem Moment. Gott ist: Persönlichkeiten.
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Der Körper, der Übersetzer der Seele (Gottes) ins Sichtbare.
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Daß jedes Menschenleben nur die eine leibgewordene Möglichkeit unter unzähligen Möglichkeiten bedeutet, gibt ihm erst den großen Hintergrund. Leib und -- Seele, von hier aus neu zu begreifen. Der Leib, eine Linie der Seele, die Eine wirklich hingezeichnete Linie von Legionen Linien, die ebenfalls jede für sich hätte hingezeichnet werden können. (Sichtbar, leiblich geworden sein könnten.)
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Die Welt ist ein einziges lebendiges Wesen, in beständigem Aufbau und beständiger Zersetzung begriffen. Es gibt für dies Wesen keinen Tod -- um den Preis des individuellen Todes. Das Individuum ist der Preis des Dividuums. Das Individuum ist vergänglich, das Dividuum ohne Anfang noch Ende. Das Dividuum teilt sich fortwährend und darum besteht es fortwährend. Es kann nur bestehen, wenn es beständig zu Individuen wird. Im Individuum wird es allein fest, sodaß man sagen kann: Die Individualität ist die Persönlichkeit der Dividualität, oder menschlicher: Der Mensch ist die Persönlichkeit Gottes.
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Das Leben hat keinen Sinn als den Sinn -- Gottes.
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Im Anfang war -- Mein Ziel.
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Gott heißt immer nur der jüngste _Begriff_ von Gott. Gott selbst kann es für den Menschen niemals geben -- so wenig es für diese meine Hand diese meine Hand geben kann.
Dasselbe kann nicht zugleich zweierlei sein. Mensch und Gott ist dasselbe, also kann Gott nicht vom Menschen erkannt werden. Erkannt werden kann nur eins vom andern. Der Mensch kann sich nicht nach sich selbst umdrehen und darum wird er nie wissen, wer er eigentlich ist, woher, wohin, warum. Und _mit ihm_ wird es Gott nie wissen. Gott ist sich selbst Mysterium. Und wäre dies schließlich nicht das Letzte -- was wäre dann die Welt? Eine Sphinx, die, gelöst, in den Abgrund stürzen _müßte_. Ihr tiefster Sinn wäre damit verloren -- das Nieaussinnbare. Sie hätte jeden Grund verloren, weiter zu _sein_; denn der Welt Grund ist allein ihr _Ziel_. Wo aber ein Ziel erreicht ist, ist Tod und Ende. Welt, Gott, heißt stets unerreichtes Ziel. Und so unerreichbar ist dieses Ziel, daß wir nicht einmal wissen, wo es liegt, wie es heißt. Aber immer sucht das Universum. Gott ist der Welt Suche nach ihm. Die Welt ist Gottes Suche nach Sich, nach Seinem Sinn, nach Seinem Grund. Alles ist Weg, Gott ist Weg. Das Kleinste wie das Größte, alles ist nur ein Weg. Der Weg nach dem Sinn ist der Sinn selber. Der Weg nach dem Sinn ist der _Sinn_ des Wegs.
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Alles will zusammensein und darum zusammenkommen. Assoziation ist zuletzt das eine welterklärende Wort. Das andere -- kennen wir nicht. Aber wir würden das mit ihm bezeichnen, was dieses Zusammenkommen von Allem zu Einem verhindert, um dafür die Welt der Individualformen aus ihnen zu bilden. Denke dir zwei konzentrische Hohlkugeln aus Glas. Die äußere Hohlkugel ist mit Gas gefüllt, die innere luftleer. Nun wird die innere zertrümmert: Das Gas will blitzschnell den ganzen Raum erfüllen, als Eines, Untrennbares, Ganzes, Molekül an Molekül, gleichartig assoziiert. Aber umsonst: denn in der innern Kugel war etwas, das nun folgenden Vorgang zeitigt: Das Gas kommt nicht als Eines, Ungeteiltes zusammen, sondern erst als eine Unzahl von besonderen Zusammenheiten, etwas verhindert es am Zusammensein schlechthin. Jenes erlaubt ihm nur ein Zusammensein in Form von Legionen Zusammenseienden.
Oder so: Eine Masse wird durch einen Pilz in Gärung versetzt. Der Pilz bildet die außerordentlichsten und vielfältigsten Formen. Die Masse strebt ewig zurück zu ihrer Einheit, aber der Pilz wuchert fort. Gott sein eigener Pilz.
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Es gibt nicht zweierlei Geist, sondern nur einerlei, und er ist Gottes Geist, ebenso, wie es auch nur einerlei Leib gibt, nämlich: Gottes Leib.
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Man bemerkt es bei den irdischen Ereignissen dieser Tage (dem Vesuvausbruch und dem Erdbeben in San Francisco) wieder einmal, wie gering bei den Menschen das Gefühl ist, das das natürlichste von allen sein sollte: Das Gefühl des Zusammenhangs mit allem, was ist. Nicht einmal bis Neapel reicht ihr Glaube an die Einheit und Korrespondenz aller Dinge, wie sollten sie den Gedanken fassen, daß das ganze Universum beständig in ihnen ist, wie sie in ihm, ja, daß jener Ausbruch des Vesuv sowohl wie irgend ein untergehender Stern hinter der Milchstraße im Grunde nichts anderes als ihre ureigenste Angelegenheit bedeutet.
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Sätze wie: In der Welt überwiegt die Summe des Leidens die Summe des Glückes -- was sind sie im letzten Grunde anderes als Wortspielereien vor dem in Leid wie Lust furchtbaren, ganz und gar übergewaltigen Charakter des Weltalls. Sollte in diesem ganz unfaßbaren Komplex des Lebens nicht Leid und Lust so untrennbar, so organisch, so durch und durch ineinander verschlungen und verwirkt sein, daß man schon ein Prachtstück an Trockenheit und Pedanterie sein muß, um hier mit einer Wage heranzutreten und seine innere Unsicherheit, was nun wohl richtiger sei, die Welt zu segnen oder zu verdammen, durch ein so durchsichtiges Manöver bemänteln zu wollen? Der starke Geist wird, nachdem er angefangen hat mit sich ins Reine zu kommen, leidenschaftlich bejahen oder verneinen; ohne vorzuschützen, daß er durch 'sorgfältiges Abwägen' zu solcher Erkenntnis gelangt sei. Ein noch stärkerer aber wird es weder beim Ja noch beim Nein aushalten: Er wird bekennen, daß ihm vor einem solchen Schauspiel, wie die Welt, alle Erdenworte versagen und vergehen, daß wohl ein geheimes Ja in seiner Seele lebt, daß er sich aber nicht Weltallsrichter genug erachtet, es auszusprechen, und daß sein oft in ihm aufquellendes Nein zu der Brotkrume Erde, die und deren Erscheinungen er allein kennt, ebensowenig wagen darf, das unversiegbare Füllhorn seiender und noch möglicher Welten zu verwünschen. Er wird, wie einer, der seine Worte und Werturteile unerbittlich zu bändigen gelernt hat, zu schweigen versuchen, und wenn man ihn nach seiner Religion fragen wird, so wird er antworten: sie ist Verstummen aus Schrecken, aus Selbstzucht und aus Phantasie.
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Ich will den Menschen nicht schiffbrüchig sehen, aber er sollte dessen bewußt sein, daß er auf einem Meere fährt.
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Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit der Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir müssen annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über Gott auch wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel ob in unsern oder in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß es sehr wohl Planeten geben kann, auf denen Gott sozusagen leibhaftig im vollkommenen Bewußtsein seiner selbst lebt. Daß wir als die Phase Gottes, die wir sind, offenbar nur Gott in irgend einer Phase darstellen, nicht zugleich in seiner höchsten; wiewohl auch seine höchste nur eine 'endliche' sein mag, indem das unendliche 'Mysterium' nur im immerwährenden Endlichen unendlich bleiben kann. Gott kann allein leben durch seinen immerwährenden Tod. Gott muß fortwährend sterben, um fortwährend leben zu können. Gott stirbt nie um den Preis fortwährenden Todes. Versuchen wir dieses Furchtbare zu fassen, und überwinden wir es durch das Wort 'Ich bin', das Gott in uns spricht. 'Ich sterbe als du, damit ich als ich lebe. Du aber bist ich und ich bin du, sei also getrost. Dies ist nun unsere Notwendigkeit (wie ich sie als du erkannt zu haben meine).'
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Ich glaube, unsere Erde hat ihr Ebenbild in jedem Baum, in jeder Blume. Ein Keim fiel in einen Grund, ging auf, entwickelte sich zu Pracht und Duft -- und wird, was man so nennt, absterben, wenn er seinen Gang vollendet. Ist Schönheit und Duft einer Rose etwas Geringeres als Schönheit und Duft der großen Erdenblume? Und welkt, wenn die Rose welkt, minder Tragisches dahin, als wenn dieser Erdball einst vergehen wird? -- Wachstum ist alles, das Wort 'wächst' vielleicht das letzte mögliche Wort. -- Und wie es unendlich viel Bäume und Blumen gibt, so unendlich viel Welten und Gestirne, keine, keines gleicht dem andern, -- und so wäre der Paradiesesgarten als Ewigkeitsgarten abermals stabilisiert. Eine Phantasie, groß genug. Ein Bild für Gott, immerhin unzerreißbar von menschlichen Kinderhänden. Eine Vorstellung, eine Erahnung, wohl nicht stärker, nicht deutlicher als der kaum erhaschte Duft einer von einem Berggipfel in einen Bergabgrund geworfenen Rose, deren an dir Vorüberfall du auf einer vorspringenden Felskante wie ein blitzartiges Wunder erlebst. Aber doch eben das, und als das, etwas. --
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Der Mensch, der ganz erkannt haben würde, wäre der wieder geschlossene Ring Gottes.
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Der Mensch ist ein an einer Stelle geöffneter Ring. Gott ist der Ring als Eines, Ununterbrochenes. Der Mensch stellt sich dar als dieser Ring, unterbrochen, mit seinen zwei Enden sich wieder zu vereinigen, zu schließen strebend. Der Mensch ist aus sich auslaufender und in sich zurücklaufender -- aber noch nicht zurückgelaufener -- Gott. Der Mensch ist die Offenheit des Rings, der noch nicht wieder zusammengeschmolzene Hingott und Widergott.
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Gedanken vor Kierkegaard, Buch des Richters.
'So wird sie mich in der Ewigkeit verstehen.' -- Wäre es nicht furchtbar, wenn der Mensch nur Entwurf Gottes bliebe? Wenn jeder dieser Entwürfe als Entwurf endigen müßte, statt weiter und weiter durch alle Ewigkeit ausgeführt, weiter gebildet zu werden? Gewiß, der gegenwärtige Weltdurchschnitt wird immer Fragmentmosaik sein -- aber es fragt sich, ob einmaliges Fragmentmosaik oder Fragmentmosaik als Fortsetzung und zwar nicht bloß im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, Einzelnsten: ob ich also nicht nur Fragment Gottes im Ganzen, sondern auch Entwickelungsfragment meiner Person, als einer gottwerdenden Person, als Gottes im Einzelnen, bin. So vielleicht: Kann Gott als Menschenperson verloren gehen, ist Person nur eine Maske Gottes (oder besser ein Leib Gottes) -- oder ist Gott, einmal Person geworden, als solche ebenfalls unsterblich, sodaß seine Entwickelung nicht nur eine Entwickelung zur Selbstahnung seiner Selbst als Welt, sondern auch eine Entwickelung in jedem Einzelnen zur immer wieder sterblichen Person auf immer wieder höherer Stufe wäre?
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Vor einem Sterbelager.
Vielleicht trifft man sich einmal unter freundlicheren Verhältnissen wieder. Ja, vielleicht haben wir uns auch diesmal schon wiedergetroffen, von früher her, nur, daß wir es nie wissen, daß wir heimliche Zusammenwanderer sind.
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Der Irrtum ist das formbildende Prinzip. Wahrheit kann nur als Irrtum zur Erscheinung kommen. Alles Daseiende selbst ist Irrtum, aber Gott entwickelt sich, wird (ist) nur dadurch, daß er sich beständig 'verrennt', verstrickt, verwickelt, zu Knoten schürzt, daß er sich selbst beständig Stationen schafft. Er würde wie ein Meer ins Unendliche verfließen -- wenn er sich nicht fortwährend selbst im Netz gleichsam der Einzelerscheinung finge, diese Netzerscheinung wie als ein bereits Endgültiges zu höchster relativer Vollkommenheit emportriebe: um, wenn das ursprüngliche Netz sozusagen völlig in sie hineingenommen, nun den Persönlichkeitskern als Eigengewinn davon zurückzubehalten, das andere wieder zerfallen zu lassen.
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Warum ist Mitleid nichts? Weil Mitleid dich ablenkt von dir auf den andern. Dich aber sollst du zu vollenden trachten, nicht den andern. Wer sich nach innen wendet in seiner Tiefe, von dem fällt Mitleid ab wie ein Müßiggang. Er kann niemanden mehr bedauern um seines Leides willen, er könnte ihn höchstens um dessentwillen bedauern, daß ihn sein Leid nicht in sich hineintreibt, daß es ihn nicht vertieft. Wer sich und den Nächsten als Gott erkannt hat, von dem fällt Mitleid ab wie ein Geschwätz. Er wird den Nächsten zwar mehr als sich lieben und ihm sein Menschliches zum Opfer bringen können, wenn es das gilt, aber ohne Mitleid; denn mit großem Auge wird er durch sein Leiden hindurch ihn als Sich sehen; in dem aber, was er da sieht, fallen, wie Ekkehart sagt, alle Worte dahin. Da hat Mit-Leiden keinen Sinn und keinen Platz mehr.
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Es ist ein schauerlich tiefer Gedanke: Der grobe schwerfällige Körper, als Geist zugleich mit dem Geist aller Epochen unablässig verkehrend.
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Denke dir einen Teppich aus Wasser. Und als die Stickerei dieses Teppichs die Geschichte des Menschen.
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Zünde einen Magnesiumfaden an -- und du hast das Leben des Menschen im blitzschnellen Bild. Leben und sterben sind nur zwei Ausdrücke für dasselbe. Und unser Ichgefühl das Gefühl des hineilenden feurigen Punktes.
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Es gibt nur ein Neues: Die Nüance.
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Die Welt, eine in sich zurücklaufende Spirale.
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Wir müssen sehen, aus den Formen, als die wir erschienen sind, bis zu unserm Ende zu Kugeln zu werden: die Spirale der Ewigkeit hinabzurollen, nicht aber wie ungefügte Klötze hinabzurutschen und hinabzupoltern, muß unser erster Wunsch und letzter Wille sein.
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Betrachte die Welt: Alles wesentlich, alles unwesentlich. Unwesentlich die Mücke, wesentlich der Mensch; unwesentlich der Mensch, wesentlich die Menschheit; unwesentlich die Menschheit, wesentlich das Universum; unwesentlich das Universum, wesentlich --
1907
Wir müssen das Quantitative verabschieden. Gott, ich meine das Unvorstellbare, das wir sind, ist weder groß noch klein. Alles ist in jedem Augenblicke Gott und jeder 'Teil' in jedem Augenblicke zugleich das Ganze. (Ist denn das Wasser für den Tropfen klein oder groß? Nein, er ist der Tropfen und das Wasser zugleich. Wasser aber ist weder klein noch groß und wenn der Tropfen zurückblickt auf den Wasserfall, so wird er doch darum nicht sagen können: Wasser ist groß. Und so ist 'Gott' auch nicht größer da, wo er die 'Milchstraße' ist, als da, wo er in einem Menschen im Gras liegt. An sich ist diese Blume hier nichts geringeres als zehntausend Gestirne. Und so zerbrich denn auch nicht, Herz, an diesen Worten 'groß' und 'klein', denn 'das gibt es alles garnicht'.)
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