Studien und Plaudereien. First Series
Chapter 8
Herr Meister: So spät? Zehn Minuten vor zwei? Ah, ich vergesse die Zeit, wenn ich von Eschenbachs »Parzival« sprechen will. Und ich habe Ihnen noch so viel zu sagen! Adieu, meine Freunde!
Alle: Adieu, Herr Meister!
*VII.*
Bella: Gestern Abend habe ich viel schönes gehört. Freunde meines Vaters waren in unserm Hause, Damen und Herren, und auch ein Herr aus Deutschland: {Dr.} Stellen mit seiner Frau -- ein junges Paar. Meine Mutter sagte ihm, daß ich Deutsch studiere, und da sprach er den ganzen Abend Deutsch mit mir. Und ich konnte (ich kann, ich konnte, ich habe gekonnt) ihn so gut verstehen und alle seine Fragen so gut beantworten. O, Herr Meister, wie muß ich Ihnen danken! {Dr.} Stellen ist hier mit seiner Frau, um Amerika zu sehen. Und sie haben vieles gesehen, -- sie waren in den Prärieen, in Californien, in den größten Städten der Union. Alles gefällt ihnen (= ihm und seiner Frau) sehr gut. »Ja, dieses Land,« sagte er, »ist ein schönes Land, alles ist frei, alles ist so groß! Ich möchte immer hier sein!« »Aber das geht nicht« (= das kann nicht sein), sagte Frau {Dr.} Stellen, »unser Haus ist in Köln, und das können wir doch nicht hierher bringen, nicht wahr?«
Herr Meister: Ich wundere mich nicht, daß die großen Städte der Union den Europäern gut gefallen. Die Städte der Union sind neu, die Straßen breit (= weit). Die Städte Europas sind alt, besonders aber Köln.
Bella: Köln ist über (= mehr als) tausend Jahre alt, sagte mir Frau {Dr.} Stellen.
Otto: Ja, so ist es.
Bella: Frau {Dr.} Stellen ist so gut! Sie sagte mir: »Meine junge Freundin, kommen Sie mit mir nach Deutschland. Deutschland ist so schön, und da wohnen Sie bei mir in Köln. Köln ist eine alte Stadt, aber eine gute, gute Stadt. Da gehen wir zum Karneval, da sehen wir den Dom, da fahren wir auf dem Rhein, und am Rhein haben wir unsere Villa.
»Im Häuschen am Rhein, Am Tische von Stein, Da ist der Wein So wunderbar fein.«
Kommen Sie mit mir, kommen Sie. Ja? Soll ich Ihre Mama fragen?« Und sie ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) zu meiner Mama.
Otto: Und was sagte Ihre Mama?
Bella: Meine Mama sagte: »Ja.« Ist das nicht schön?
Otto: Bella, wollen Sie nach Deutschland?
Bella: Ja, noch nicht morgen und noch nicht in einem Monat; aber wenn der Mai kommt, der wunderschöne Monat Mai.
* * * * *
Louis: Ich hörte das Wort »Dom.« Was ist das »Dom«?
Bella: Der Kölner Dom ist ein großes, großes Haus, in dem die Leute zu Gott beten.
Louis: O, der Dom ist eine Kirche, ein Gotteshaus!
Herr Meister: Ja, und was für eine Kirche, o, wundervoll!
Bella: Und meine deutsche Freundin sagte mir: »Der Kölner Dom ist vor sechshundert Jahren begonnen worden und ist nun erst beendet.« O, Louis, ich wünsche, ich könnte Ihnen alles wiedersagen, was ich gestern Schönes gehört habe.
Herr Meister: Hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke im Dome erzählt? Ah, ich sehe, Fräulein Anna versteht mich nicht. Fräulein Anna, Sie hören jeden Sonntag läuten: Bim, bam! Bim, bam! Das ist die Glocke, die da macht: Bim, bam! Und Sie nehmen dann Ihr Gebetbuch und gehen in die Kirche und beten zu Gott. Sie wissen nun, was eine Glocke ist, nicht wahr? Die Kirchenglocke ist groß ..... Sie haben auch eine Glocke in Ihrem Hause, das ist die Hausglocke. Wenn ich zu Ihnen komme, dann läute ich die Hausglocke, und Ihr Diener öffnet die Thür. Sie, Freund Otto, haben gewiß Schillers »Glocke« gelesen?
Otto: Schillers »Glocke,« ja, das ist ein großes Gedicht und ein schönes Gedicht.
Herr Meister: Das ist es.
* * * * *
Herr Meister: Fräulein Bella, hat Ihre Freundin nicht von der neuen Glocke in dem Dome erzählt, die so groß ist und so schwer? Sie wiegt fünfzigtausend Pfund. Sie wissen, hier und in England hat ein Pfund sechzehn Unzen {(ounces).} Diese große Glocke hat den Namen »Kaiserglocke.« Kaiser Wilhelm hat das Metall dazu gegeben (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben).
Bella: Davon (= von der Kaiserglocke) hat Frau {Dr.} Stellen nicht gesprochen; sie konnte auch nicht, denn ihr Herr Gemahl (= Mann) setzte (ich setze mich, ich setzte mich, ich habe mich gesetzt) sich an das Klavier (= Piano) und spielte eine Sonate von Beethoven. Und als er zu Ende war, sang seine Gemahlin (= Frau) ein deutsches Lied, das war wundervoll. Ich habe es mitgebracht, weil ich einige (= 1 oder 2 oder 3) Worte nicht verstehen kann. Wollen Sie mir die Worte erklären, Herr Meister?
Herr Meister: Sehr gerne, mein Fräulein. Wollen Sie lesen?
Bella: »Das Heideröslein.«
Otto: Das ist ein Gedicht von Goethe. Das »Heideröslein« ist so schön.
Bella: Warum nennt er (= giebt er den Namen) es Heideröslein?
Herr Meister: Weil es in der Heide steht.
Otto: »Weil es in der Heide steht,« das verstehe ich nicht, Herr Meister. Ist »der Heide« nicht ein Mann, der keine Religion hat?
Herr Meister: So ist es, Otto, aber ich meine nicht das Wort »d_e_r Heide,« ich meine das Wort »d_i_e Heide.« Sehen Sie den Unterschied? Die Heide ist ein Grasplatz, wie die Wiese, aber nicht so schön. Da sehen wir hier einen Rosenbusch und dort einen, hier einen Dornbusch und dort einen. Haben Sie noch nie eine Heide gesehen, Louis?
Louis: Nein, Herr Meister. Aber ich denke, »Heide« ist dasselbe, wie »Prärie.«
Herr Meister: So ist es, nur ist eine Heide nicht so groß.
Bella: Ich möchte Sie noch ein Wort fragen. Ich lese hier: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn.« Was ist ein »Knab'«?
Louis: Fräulein Bella, das weiß ich, das kann ich Ihnen sagen. Ich bin jetzt ein Knabe, aber in wenigen Jahren habe ich einen langen Bart; dann bin ich kein Knabe mehr, dann bin ich ein Mann, dann bin ich größer, als heute, und rauche Cigarren, dann werden Sie auch mehr Respekt vor mir haben, Fräulein Bella, ja?
Herr Meister: Mein guter Freund Louis, wir haben schon heute große Achtung (= Respekt) vor Ihnen.
Bella: Ja, das ist wahr, Louis, und ich besonders, denn Sie haben mir das Wort »Knabe« so schön erklärt. Sie verstehen mehr Deutsch als ich, obgleich Sie jünger sind, als ich.
Louis: Keine Komplimente, Fräulein! Keine Komplimente!
* * * * *
Bella: »Sah ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön« .....
»Morgenschön.« -- Meint der Dichter, »das Röslein war so schön, wie die Rosen am Morgen sind«?
Herr Meister: Ich glaube (es).
Anna: O, ich wünsche, ich könnte jeden Tag junge, frische Rosen haben! Ich habe die Rosen, ach, so gern!
Herr Meister: Auch Goethe liebte die Rosen (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt).
Otto: Sie ist die Königin unter den Blumen.
Bella: »Lief er schnell, es nah zu sehn« .....
Anna: Das Wort »lief« verstehe ich nicht.
Bella: Ich laufe, ich lief, ich bin gelaufen. Ich laufe, das ist: »Ich renne,« »ich gehe schnell.« Der Knabe lief, weil das Röslein weit von ihm war, und er wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) das schöne Röslein besser sehen.
»Sah's mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.«
Das ist das Ende des ersten Verses, und nun lese ich den zweiten:
»Knabe sprach: ,Ich breche dich, Röslein auf der Heiden.' Röslein sprach: ,Ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich'« .....
Herr Meister, ist »ewig« hier nicht ein Synonym von »immer«?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein.
Bella: »Und ich will's nicht leiden!« ..... Zwei Wörter in dieser letzten Linie sind mir nicht klar, »will's« und »leiden.«
Herr Meister: Will's ist dasselbe wie, »ich will es.« Nach dem »l« kommt ein Apostroph (= '), so, nicht wahr?
Bella: Ja wohl, Herr Meister.
Herr Meister: Dieser Apostroph steht, weil das »e« von »es« ausgefallen ist. »Will es,« e_i_n Wort = will's. »Leiden« -- und ich will's nicht leiden. Dafür kann ich auch sagen: »Und ich will nicht, daß du mich brichst.«
Bella: Jetzt verstehe ich auch den zweiten Vers
»Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.«
Bella: (dritter Vers)
»Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden; Röslein wehrte sich und stach« .....
Hier muß ich Sie drei Dinge fragen. Erstens: Was bedeutet (= ist) das »'s« in »'s Röslein«? Zweitens: Was bedeutet: »wehrte«? Und drittens: Was bedeutet »stach«?
Otto: Herr Meister, wollen Sie mir gütigst erlauben, diese drei Punkte zu erklären?
Herr Meister: Ich bitte!
Otto: »'s Röslein« steht für »das Röslein.« Das Röslein wehrte sich und stach. »Stach« kommt von dem Worte »stechen« (ich steche, ich stach, ich habe gestochen). Das Röslein wollte am Busche sein und auf der Heide bleiben, es wollte nicht von dem Knaben gebrochen sein, es wollte nicht in die Stadt wandern; darum hat es den Knaben gestochen mit dem Dorn. Das ist: Das Röslein »w_e_h_r_t_e« sich mit dem Dorne.
Louis: Ich verstehe. Der Ochse wehrt sich mit dem Horne. Das arme Lamm kann sich nicht wehren gegen den bösen Wolf. Ich, Fräulein Anna, ich wehre mich mit meiner Pistole; der Soldat wehrt sich mit einer Flinte.
Otto: Das ist recht, Louis. Ein Synonym für »Flinte« ist auch »Gewehr.« Das ist das Instrument, mit dem der Soldat sich wehrt. Das Wehren half (ich half, es half) dem Röslein nichts. Da sagte das Röslein: »Ach, laß mich stehen,« und das half auch nicht; und da sagte das Röslein: »O, weh!« »O, weh« und »Ach« ist dasselbe. Aber das Wehren mit Worten hilft nichts. Der Knabe brach das Röslein.
Anna: Das arme Röslein!
Bella: »Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.«
Jetzt will ich das ganze Gedicht einmal vorlesen, von Anfang (= Beginn) bis zu Ende:
»Sah' ein Knab' ein Röslein stehn, Röslein auf der Heiden, War so jung und morgenschön, Lief er schnell, es nah zu sehn, Sah's mit vielen Freuden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Knabe sprach: ,Ich breche dich, Röslein auf der Heiden.' Röslein sprach: ,Ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich, Und ich will's nicht leiden.' Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.
Und der wilde Knabe brach 's Röslein auf der Heiden. Röslein wehrte sich und stach, Half ihm doch kein Weh und Ach, Mußt' es eben leiden. Röslein, Röslein, Röslein rot, Röslein auf der Heiden.«
Anna: Von welchem Dichter ist dieses wunderschöne Gedicht? Ich habe es vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe vergessen).
Herr Meister: Von Goethe. Er schrieb (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) es, als er in Straßburg war und studierte (ich studiere, ich studierte, ich habe studiert).
Bella: Hat Goethe in Straßburg studiert? Dann hat er ja auch das Straßburger Münster gesehen.
Louis: »Münster«?
Bella: »Münster« ist auch eine große Kirche, ein Dom, eine Kathedrale. Hier sind die Noten, hier:
[Musik: Heidenröslein]
Etwas bewegt.
1. Sah' ein Knab' ein Rös-lein stehn, Rös-lein auf der Hei-den, war so jung und mor-gen-schön, lief er schnell, es nah zu sehn, sah's mit vie-len Freu-den. _crescendo._ _dim._ Rös-lein, Rös-lein, Rös-lein rot, Rös-lein auf der Hei-den.
2. Kna-be sprach: Ich bre-che dich, Rös-lein auf der Hei-den. Rös-lein sprach: Ich ste-che dich, daß du e-wig denkst an mich, und ich will's nicht lei-den. _crescendo._ _dim._ Rös-lein, Rös-lein, Rös-lein rot, Rös-lein auf der Hei-den.
3. Und der wil-de Kna-be brach's Rös-lein auf der Hei-den. Rös-lein wehr-te sich und stach, half ihm doch kein Weh und Ach, mußt' es e-ben lei-den. _crescendo._ _dim._ Rös-lein, Rös-lein, Rös-lein rot, Rös-lein auf der Hei-den.
[Musik endet]
Bella: Ich hörte gestern Abend auch eine sehr schöne Anekdote von Mozart und Haydn.
Louis: Bitte, erzählen Sie! Ich höre Anekdoten so gerne.
Anna: Ich auch, Louis.
Bella: Haydn und Mozart waren eines Tages zusammen, und sie sprachen über Musik. Da sagte Mozart: »Herr Haydn, ich werde Ihnen Noten schreiben, die Sie nicht spielen können.« »So?« sagte Haydn und lachte. »Ja,« sagte Mozart, »und ich gebe eine Flasche Wein, wenn Sie alles spielen; können Sie aber nicht alles spielen, so geben Sie mir eine Flasche Wein.« »Gut,« sagte Haydn. Mozart schrieb nun einige Noten auf einen Streifen Papier. Haydn nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ihn, setzte sich an das Klavier und begann zu spielen. Die linke Hand mußte t_i_e_f_e Baßnoten spielen, und die rechte Hand die h_o_h_e_n Noten im Diskant. Aber da war e_i_n_e Note in der Mitte. »Oho,« rief Haydn, »ich habe keine drei Hände, diese Note in der Mitte kann ich nicht spielen.« »Aber ich kann es,« sagte Mozart, setzte sich an das Klavier, spielte oben mit der rechten, unten mit der linken Hand und die Note in der Mitte mit -- der Nase. Haydn gab den Wein.
* * * * *
Louis: Diese Anekdote gefällt mir. Ich werde sie meiner[VII-2] Mutter erzählen. Bitte, Bella, eine andere.
Bella: Ich weiß keine mehr, Louis.
Louis: Das ist schade. Herr Meister, Sie wissen viele Anekdoten. Bitte, erzählen Sie eine.
Anna: Ach, ja, Herr Meister, ich bitte auch.
Herr Meister: Mit Vergnügen (= Freude). Ich werde eine Anekdote erzählen von dem größten unter allen Komponisten, von Beethoven.
Ludwig van Beethoven, der Komponist, hatte einen Bruder, Johann van Beethoven. Johann dachte viel mehr von sich selbst, als von seinem Bruder Ludwig. Der (= der Bruder) war ja nur ein Musiker, nichts mehr; er selbst aber (= Johann) war ein reicher Gutsbesitzer.
Louis: »Gutsbesitzer«? Ich kenne das Wort nicht.
Herr Meister: Johann hatte viel Land, Pferde, Wagen, Kühe und ein schönes, großes Haus und .....
Louis: Mein Vater hat eine große Farm in Ohio. Ist mein Vater auch Gutsbesitzer?
Otto: Gewiß. Unser Vater ist auch ein Gutsbesitzer.
Herr Meister: Ludwig hatte nicht viel Geld (= Dollars, Cents), er war arm. Aber er war klüger (klug, klüger, klügst) als Johann, er hatte mehr Hirn. Wir sagen oft von einem Mann: »Er hat Hirn,« wenn er klug ist.
Otto: Das Hirn ist im Kopfe, nicht wahr, Herr Meister?
Herr Meister: Ja wohl.
Bella: Daniel Webster hatte ein großes Hirn, nicht wahr?
Herr Meister: Ja. Und Napoleon I. hatte ebenfalls (= auch) ein großes Gehirn.
Anna: Ist Hirn und Gehirn dasselbe?
Herr Meister: Ja wohl, mein Fräulein. An einem Neujahrstage (= den 1. Januar) schickte (= sandte) Johann van Beethoven eine Karte an seinen Bruder Ludwig:
Johann van Beethoven, Gutsbesitzer, gratuliert!
Über dieses Ceremoniell seines Bruders war unser Komponist ein wenig böse, und schnell schrieb er auf die andere Seite der Karte:
Ludwig van Beethoven, »Hirnbesitzer,« dito!
und schickte sie (= die Karte) mit demselben Manne wieder zurück (= an Johann).
Louis: Eine schöne Gratulation zwischen zwei Brüdern, nicht wahr, Otto?
* * * * *
Herr Meister: Wollen Sie noch eine Anekdote hören von Beethoven?
Anna: O ja, Herr Meister. Bitte, bitte!
Herr Meister: Beethoven hatte eine sehr hohe, schöne Stirn.
Anna: Was meinen Sie mit dem Worte »Stirn«?
Herr Meister: Die Vorderseite des Kopfes. Die Stirn ist über der Nase und über den Augen.
Eines Abends hatte Beethoven, wie oft zuvor, wundervoll gespielt (ich spiele, ich spielte, ich habe gespielt) in einer Gesellschaft von Damen und Herren. Alle hatten applaudiert, und eine von den schönsten Damen bewunderte laut Beethovens schöne Stirn. Beethoven hörte es, lächelte (= lachte ein wenig) und sagte schnell: »Sprechen Sie im Ernst, gnädige Gräfin?« »Ganz gewiß, Herr van Beethoven!« »Sehr wohl, meine Gnädige, so küssen Sie sie (= die Stirn).« Die Gräfin that es.
Otto: Das war ein Triumph für Beethoven.
Bella: Und auch ein Triumph für die Gräfin.
Louis: Herr Meister, ich habe heute viel (= viele Dinge) zu thun, und es ist schon wieder so spät.
Herr Meister: Sie haben recht, Louis, es ist spät. Auf Wiedersehen!
Alle: Auf Wiedersehen, Herr Meister!
* * * * *
Anna: Heute habe ich einen guten, guten Tag!
Herr Meister: Ich freue mich, das zu hören.
Louis: Warum denn, Fräulein Anna?
Anna: Heute morgen kam ich in unser Speisezimmer, um meinen Kaffee zu trinken, und auf dem Tische bei meiner Tasse fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) einen wunderschönen Strauß (= Bouquet) von Rosen, und dabei war ein kleiner Brief; darin stand (= war):
»Möge Dir jeder neue Tag neue Rosen, neue Freuden bringen! Ein Freund.«
Ist das nicht schön, Herr Meister?
Herr Meister: Ich kann wohl begreifen (= verstehen), warum Sie heute so glücklich sind; Sie wissen, Sie haben einen guten Freund.
Anna: Haben denn nicht alle Menschen gute Freunde?
Herr Meister: Nein, meine gute Anna, nicht alle; die schlechten (= bösen) Menschen nicht. Sie sind nicht mit den Menschen gut, und die Menschen sind nicht gut mit ihnen; sie sind keinem Menschen Freund, und kein Mensch ist ihr Freund; sie fühlen für niemanden (= keine Person), und niemand fühlt für sie. Da stehen sie allein -- allein.
Anna: Allein, Herr Meister, allein? Allein ohne einen Freund, ohne einen Menschen, der an sie denkt, der für sie fühlt; ohne jemanden (= eine Person), der sich mit ihnen freut, -- o, das möchte ich nicht sein! Nein, nein, nein! O, ich bin glücklich! Nur eins fehlt mir heute an meinem Glücke; ich möchte wissen, wer der gute Freund war, der mir die schönen Rosen geschickt (= gesandt) hat. Waren Sie es, Herr Meister?
Herr Meister: Ich, mein Fräulein? Nein.
Anna: Warst du es, Bella?
Bella: Ich nicht.
Anna: Sie, Otto?
Otto: Nein, ich auch nicht, Fräulein Anna.
Anna: Waren Sie es, Louis? Sehen Sie mich an! Sehen Sie in meine Augen -- so, gerade (= direkt). Sie können nicht. Sie lächeln. Ah, Sie sind der gute Freund! Sagen Sie nicht: »Nein,« Louis. Sagen Sie: »Ja,« bitte, sagen Sie mir die Wahrheit; denn, Louis, Sie wissen:
»Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, Und wenn er auch die Wahrheit spricht.«
Haben Sie mir die Rosen geschickt, Louis?
Louis: Ich ..... ich .....
Anna: Ja, Sie waren es. Ich sehe es an dem Briefe; das ist Ihre Schrift (= Schreiben). Ich danke Ihnen viel, vielmal, Louis. Ich freue mich sehr. Sie sind ein guter, aufmerksamer Freund.
Louis: Anna, ich glaube, Sie studieren sehr viel Deutsch zu Hause.
Anna: Warum meinen Sie das, Louis?
Louis: Erstens: Weil Sie so schnell und so gut sprechen, und zweitens: Weil Sie Wörter gebrauchen (= sprechen), die ich nie gehört habe.
Anna: Das will ich Ihnen erklären. Erstens: Kann ich schnell sprechen, weil ich mich freue (ich freue mich, ich freute mich, ich habe mich gefreut); zweitens: Spreche ich Wörter, die Sie nie gehört haben, -- das kann sein. Ich habe diese Wörter vielleicht von meiner deutschen Freundin gehört.
Otto: Haben Sie auch eine deutsche Freundin, Anna?
Anna: Es ist dieselbe Freundin, welche Bella hat. Ich bin gestern mit Bella gegangen, und so wurde ich der Frau {Dr.} Stellen vorgestellt.
Louis: Sehen Sie, da ist wieder ein Wort, das ich nicht verstehen kann.
Anna: Wenn ich kann, werde ich Ihnen alle Wörter erklären, die Sie nicht verstehen. Was verstehen Sie nicht?
Louis: »Vorgestellt.«
Anna: Fräulein Bella sagte: »Frau {Dr.}, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen meine Freundin Anna vorstelle?« und Frau {Dr.} Stellen sagte: »Mit Vergnügen, Fräulein;« und dann sagte Bella:
»Fräulein Anna, meine Freundin.« »Frau {Dr.} Stellen.«
Louis: Ah, das verstehe ich. Nun sagen Sie mir auch: Was meinten Sie, als Sie sagten, ich sei (= bin) ein a_u_f_m_e_r_k_s_a_m_e_r Freund?
Anna: Gestern sagte ich: »Ach, ich wünsche mir jeden Tag Rosen.« Das haben Sie sich gemerkt; das heißt (= das ist): Sie haben es gehört und haben daran gedacht. Sie sind aufmerksam, Louis, und Sie haben Aufmerksamkeit.
* * * * *
Otto: Ich wundere mich auch über Sie, Fräulein Anna. Sie können alles dieses nicht gestern bei Ihrer Freundin gelernt haben. Woher haben Sie alle diese Wörter und Erklärungen?
Anna: Ich weiß nicht. Ich weiß nicht. Es ist in mir, und ich sage es. Sagte Herr Meister nicht, daß die Wörter von selbst kommen, daß sie in uns wachsen, wie die Blätter an den Bäumen? Es ist so, wie Herr Meister sagt, ich fühle es.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Sie es so finden. Sie machen auch mir dadurch heute einen glücklichen Tag.
Bella: Ist das nicht wunderbar? Eine glückliche Person macht oft viele Glückliche. Freude und Sonnenschein bringt sie überall.
Louis: Fräulein Anna, haben Sie gestern viel Deutsch gesprochen?
Anna: O ja, ich habe auch ein wunderschönes Märchen gehört von unserer Freundin, und sie will uns noch viele andere erzählen, sagt sie. Weil Sie mein guter Freund sind, Louis, so will ich Ihnen ein Märchen erzählen. Aber es ist lang.
Louis: O, das ist gut, Anna, das ist ja gut. Dann kann ich Sie lange hören. Bitte, beginnen Sie.
Anna: Soll ich, Herr Meister?
Herr Meister: Bitte, Fräulein, bitte!
Anna: Gut, ich werde beginnen. Aber setzen Sie sich näher hierher, Otto. -- So.
Vor langen, langen Jahren war ein König und eine Königin. Der König hatte ein großes Land, und die Königin war sehr schön, und sie hatten alles, was sie wollten. Nur eins hatten sie nicht: sie hatten keine Tochter. Und nach einer langen Zeit bekamen (ich bekomme, ich bekam, ich habe bekommen) sie eine Tochter. O, da war die Königin so froh! Und der König machte ein großes Fest. Und alle die Ritter kamen, und die Edelfrauen. Und in der großen Halle des Palastes waren viele Tische mit weißem Linnen, und das Linnen war so weiß, wie Schnee. Darauf stand der beste Wein zum Trinken, und die Becher waren von Gold, und alles auf dem Tische war von gutem Gold: die Löffel und die Messer, und die Gabeln und die Teller. Alles war so schön! Und an den Tischen saßen die edlen Herrn und die schönen Damen. Da war auch der Tisch für die zwölf Frauen. Diese Frauen waren nicht jung, und es waren auch keine Edelfrauen. Es waren die weisen Frauen im Lande. In dem Lande aber waren d_r_e_i_z_e_h_n weise Frauen. Aber die Königin sagte: »Ich will keine dreizehn Personen am Tische; dreizehn Personen an einem Tische ist nicht gut; die dreizehnte Frau soll (= muß) nicht kommen.« Alle in der Halle waren froh. Da brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) man die kleine Prinzessin in der Wiege (= ein kleines Bett). O, wie schön sie war! Nun kamen die zwölf weisen Frauen an die Wiege. Die erste von den Frauen sprach: »Prinzessin, ich wünsche, daß du weise werdest!« Die zweite Frau sagte: »Ich wünsche, daß du gut werdest!« Die dritte sagte: »Ich wünsche, daß du schön werdest!« Und auch die vierte sagte einen guten Wunsch (ich wünsche, der Wunsch), und die fünfte, und die sechste, und auch die siebente, die achte, die neunte, zehnte und elfte. Da kam auf einmal in die Halle ein altes Weib. Ihr Haar war wild und los am Kopfe, und sie rief laut: »Und ich wünsche, daß diese Prinzessin am fünfzehnten Geburtstage sich stechen soll mit einer Spindel und tot hinfalle zur Erde!« So sprach die böse Frau und rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) aus der Halle. Und in der Halle war keine Freude mehr. Die zwölfte Frau kam nun an die Wiege und sprach: »O, das ist sehr schlimm (= böse), denn was diese böse Frau gesagt hat, muß kommen. Doch eins kann ich thun, und das w_i_l_l ich thun. Ich sage: Die Prinzessin soll nicht für immer tot sein. Nein, schlafen soll sie; hundert Jahre soll sie schlafen, wie ein Toter, und dann erwachen.« So sprach die zwölfte Frau, die gute, dann ging sie. Und alle gingen; das Fest war zu Ende.
Und der König nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) alle Spindeln im Lande, machte ein großes Feuer und verbrannte alle. Da war nicht eine Spindel mehr im Lande, und der König sagte: »Nun kann meine Tochter sich nicht stechen mit einer Spindel.« Und die Prinzessin wurde groß und so schön, daß die Sonne sich wunderte, und so klug (= weise), daß alle Menschen sie lieben mußten.