Studien und Plaudereien. First Series

Chapter 7

Chapter 73,857 wordsPublic domain

Otto: Ein Strang.

Louis: Und von dem Bogen schieße ich .....?

Otto: Einen Pfeil.

Louis: Und den Pfeil schieße ich in .....?

Otto: In das Centrum; das ist das Schwarze.

Louis: Aber ich schieße nicht oft in das Schwarze; ich schieße oft zehn Ringe oder elf.

Bella: Ich habe »Wilhelm Tell« von Schiller gelesen. Sie wundern sich, Herr Meister? O, ich habe es nicht im Deutschen gelesen, nein, im Englischen. Wilhelm Tell konnte gut schießen, nicht wahr?

Herr Meister: Ja, Wilhelm Tell war ein guter Schütze.

Bella: Er hat einen Apfel von dem Kopfe seines Sohnes geschossen.

Anna: Von dem Kopfe seines Sohnes? O, das ist nicht schön.

Bella: Tell hat es nicht gern gethan; er m_u_ß_t_e es thun.

Herr Meister: Meine guten Freunde, Sie können das nicht verstehen, nicht wahr? Ich werde Ihnen das alles erzählen, aber nicht heute, -- später, später.

Bella: Das Drama »Wilhelm Tell« ist wunderschön; ich möchte es im Deutschen lesen.

Herr Meister: Das werden wir auch thun, aber später, meine Freunde, später.

* * * * *

Otto: Wissen Sie auch, Herr Meister, daß mein Bruder Louis diesen Sommer einen Preis gewonnen (ich gewinne, ich gewann, ich habe gewonnen) hat im Bogenschießen?

Herr Meister: So?

Otto: Ja, Louis hat einen ..... einen ..... o, was für einen Namen hat das Ding? Es hat die Form eines Glases, aber es ist kein Glas, es ist Gold. Man trinkt Wein daraus (= aus das = da--aus = dar aus).

Herr Meister: Ein Becher?

Otto: Ja, ein Becher. Das ist das Wort. Ja, Louis hat diesen Sommer einen goldnen Becher, als Preis, gewonnen. Und an dem Becher steht: »Dem besten Schützen. 24. August 1878.«

Herr Meister: Es freut mich, das zu hören. Ich gratuliere Ihnen, Louis.

Louis: Ich danke Ihnen, Herr Meister.

Anna: Wie kam das, Louis? Erzählen Sie mir.

Bella: Bitte, bitte, Louis.

Louis: Meine Eltern, mein Bruder Otto und ich waren diesen Sommer in den Neu-England-Staaten in einer kleinen Stadt. Der Name der Stadt ist A.....t. Die Scenerie um A.....t ist wundervoll. Wir gingen (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) oft mit vielen Damen und Herren hinaus in das Feld, oft sind wir in einem Boote gefahren, oft haben wir gefischt, und oft gingen die Herren in den Wald, um zu schießen. Da sagte eines Tages eine reizende (= schöne) junge Dame: »Ich möchte auch schießen.« »Aber Sie können nicht mit einem Gewehre schießen, mein Fräulein,« sagte ein Herr. »So schieße ich mit einem Bogen,« antwortete das Fräulein. »Und ich auch!« »Und ich auch!« »Und ich auch!« sagten da alle Damen. »Wissen Sie was?« sagte da ein anderer Herr, »wir wollen einen Schießklub eröffnen (= machen).« »Das ist eine gute Idee,« riefen (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen) alle -- und wir eröffneten einen Schießklub. Wir sandten (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet) nach Boston, und in wenigen Tagen hatten wir zwanzig Bogen mit Pfeilen. Wir schossen jeden Tag, und am Ende von zwei Monaten hatten wir ein Preisschießen. O, das war ein schöner Tag! Nicht wahr, Otto?

Otto: Das war ein Fest! Da hörte ich auch von einer Dame das wundervolle Lied aus »Wilhelm Tell«:

»Mit dem Pfeil, dem Bogen Durch Gebirg und Thal Kommt der Schütz gezogen Früh im Morgenstrahl.«

* * * * *

Herr Meister: In Deutschland haben wir sehr viele Schützenvereine.

Otto: Schützenvereine? Ist das der Name für die Schießklubs?

Herr Meister: Ja, das ist der Name, und jeden Sommer haben sie ein Preisschießen. Dieses Preisschießen dauert (= ist) drei Tage. O, das sind schöne Tage! Es ist ein Fest für das Volk (= die Leute). Am Morgen ziehen (= gehen) die Schützen aus der Stadt auf eine große Wiese (= Weide, Grasplatz). Da sind oft zweihundert oder dreihundert Schützen. Ja, ich habe schon fünfhundert und auch tausend gesehen. Auf der Schulter haben sie ein Gewehr. Alle sind in Grün. Auf dem Kopfe haben sie einen grünen Hut mit einer grünen Feder. Sie haben eine grüne Weste, einen grünen Frackrock und grüne Beinkleider.

Louis: Auch grüne Schuhe?

Herr Meister: Nein, mein Freund Louis.

Bella: Das muß sehr schön aussehen (= sein).

Herr Meister: Ja, es sieht schön aus, und ich wünsche, meine Freunde, Sie könnten einmal bei einem solchen Schützenfeste sein. O, welche Freude! Auf der Wiese sind viele Zelte.

Anna: »Zelte«? Das verstehe ich nicht.

Otto: Ich will es Ihnen sagen, Anna. Ein Zelt ist ein kleines Haus von Linnen. In den {Campmeetings} wohnen die Leute in Zelten.

Anna: Jetzt verstehe ich es. Herr Meister, hat man in Deutschland auch {Campmeetings}?

Herr Meister: Nein, mein Fräulein. Ich will nun wieder von dem Schützenfeste sprechen. In den Zelten ist Tanz und Konzert und vieles andere, was den Leuten Freude macht. Ah, ich sehe, es ist ein Uhr. Ich muß gehen, meine Freunde.

Bella: Wie schnell die Zeit vergeht!

Louis: Herr Meister, wovon wollen Sie morgen mit uns sprechen?

Herr Meister: Von den Rittern.

Louis: »Rittern«? Das Wort verstehe ich nicht.

Herr Meister: Morgen, meine Freunde, morgen. Heute empfehle ich mich Ihnen.

[Herr Meister geht.]

Anna: Haben Sie die Worte verstanden, die Herr Meister zuletzt (= am Ende) gesprochen hat?

Otto: Ja, ich habe die Worte verstanden (ich verstehe, ich verstand, ich habe verstanden). »Ich empfehle mich Ihnen,« sagte Herr Meister, aber ich weiß nicht, was sie (= die Worte) bedeuten.

Bella: Ich vermute (= denke), es ist dasselbe, wie: »Adieu.«

Otto: Ja wohl, Fräulein Bella. Sie haben das Rechte getroffen (= gefunden, ich treffe, ich traf, ich habe getroffen). Ich glaube, »ich empfehle mich Ihnen« ist feiner, als das Wort »Adieu.«

Bella: Warum meinen (= denken) Sie das?

Otto: Weil ich sehr feine Damen und Herren gesehen habe, die es sagten. Ein deutscher Freund meines Vaters sagt es auch. Oft sagt (ich sage, er sagt) er auch: »Ihr Diener, Herr Parks!«

Bella: Und was antwortet Ihr Vater?

Otto: »Ihr Diener.«

Louis: Nun wollen wir auch gehen. Ich habe Hunger. »Ihr Diener, Fräulein Anna, Ihr Diener, Fräulein Bella!«

Bella: Sie sind sehr komisch, Louis. Adieu, Adieu, Otto.

Anna: Adieu, Louis! Adieu, Otto!

Otto: Ich empfehle mich Ihnen, meine Damen!

* * * * *

Louis: Guten Tag, Herr Meister! Ich weiß heute, was ein Ritter ist. Soll ich es sagen?

Herr Meister: Bitte, Louis.

Louis: »Ritter« war in alten Zeiten der Name für einen Nobelmann. Ein Nobelmann oder Edelmann, das ist dasselbe. Nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: Ganz gewiß, Louis.

Louis: Ein Edelmann heißt heute nicht mehr »Ritter,« er heißt: »Baron,« »Graf« oder »Fürst.« Alle haben das kleine Wort »von« vor ihrem Namen, wie: von Bismarck, von Moltke. Aber die Väter dieser Edelleute hießen (ich heiße, ich hieß, ich habe geheißen) vor alten, alten Zeiten »Ritter.«

Otto: Ich bin erstaunt über dich (= ich wundere mich über dich). Wie hast du alles dieses gelernt?

Louis: Ich wollte gerne wissen, was ein »Ritter« wäre (= war), und so nahm ich (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) ein Diktionär.

Herr Meister: Sagen Sie lieber (gern, lieber, am liebsten) »Wörterbuch« für »Diktionär.«

Louis: Sehr wohl. So nahm ich ein Wörterbuch, in dem Englisch und Deutsch stand (= war), und da fand ich (ich finde, ich fand, ich habe gefunden) für jedes englische Wort ein deutsches.

Anna: Das müssen Sie nicht thun, Louis. Sie wissen, Herr Meister hat uns gesagt, kein englisch-deutsches Wörterbuch zu brauchen. Sie können ja das deutsche Synonyme-Wörterbuch nehmen.

Louis: Aber ich wollte das Wort wissen, und Herr Meister hatte gestern keine Zeit, es (= das Wort) zu erklären (= klar zu machen). Aber ich werde es nicht wieder thun.

Herr Meister: Das ist recht, Louis.

* * * * *

Bella: Herr Meister, das ist etwas (= ein Ding), das ich nicht verstehen kann. Sie sagen, Herr Meister: »Meine Freunde, nehmen Sie kein Wörterbuch, ich erkläre Ihnen alle Wörter.« Aber, Herr Meister, Sie können uns nicht alle Wörter in der deutschen Sprache erklären; so lange können wir nicht bei Ihnen sein. Ist das nicht so?

Herr Meister: Mein Fräulein, Sie sind sehr klug (= weise), und ich freue mich, daß Sie mich hierüber (= über dieses) fragen. Sie haben ganz recht, ich kann Ihnen nicht alle Wörter der deutschen Sprache erklären. Das ist unmöglich (= das kann nicht sein). Und doch lernen Sie alle Wörter verstehen nach und nach (= mit der Zeit). Sie werden mich besser verstehen, wenn ich Ihnen erzähle, wie ich Englisch gelernt habe. Wohl hatte ich schon in Deutschland Englisch gelernt im Gymnasium. Sie wissen, ein Gymnasium ist in Deutschland eine Schule, wie hier das Colleg. Das wenige Englisch, das ich gelernt hatte, war bald (= in kurzer Zeit) vergessen. Ich nahm hier wieder meine englisch-deutsche Grammatik, studierte sie vom Beginne bis zum Ende, und dann wollte ich lesen. Ich nahm »Nicholas Nickleby« von Charles Dickens.

Otto: Das war hart für den Anfang (= Beginn), Herr Meister.

Herr Meister: Sagen Sie nicht »hart,« -- man sagt im Deutschen: »Das war schwer.« Ja, es war schwer. Aber ich wollte etwas lesen, was interessant war, und so nahm ich »Nicholas Nickleby,« ein englisch-deutsches Wörterbuch und begann zu lesen. Aber wissen Sie, wie lange Zeit ich brauchte (ich brauche, ich brauchte, ich habe gebraucht), die ersten zwei Seiten zu lesen? Drei Stunden. -- ja, drei Stunden. Ich hatte keine Geduld mehr und sagte: »Nun will ich lesen -- aber ohne (= nicht mit) Wörterbuch.« Und ich las (ich lese, ich las, ich habe gelesen) ohne Wörterbuch. Es ist wahr, sehr vieles habe ich in der ersten Hälfte (halb, die Hälfte) des Buches nicht verstanden, aber je mehr ich las, desto besser verstand ich das Buch, und als ich an das Ende kam, hatte ich viel Englisch gelernt. Nach »Nicholas Nickleby« las ich die »Pickwick Papers« von Charles Dickens und englische Novellen, -- aber alle ohne Wörterbuch.

Bella: Aber wie haben Sie die Wörter gelernt, Herr Meister?

Herr Meister: Ich weiß es nicht. Die Wörter kamen von selbst. Ich verstehe heute alles, was ich im Englischen lese; ich verstehe das Englische so gut, wie das Deutsche. Ich lese Shakespeare und habe nie ein deutsch-englisches Wörterbuch gebraucht. Wo habe ich die Wörter, die Shakespeare braucht, gelernt? Habe ich sie aus meinem deutsch-englischen Wörterbuche? Nein. Habe ich die Wörter von meinem Lehrer? Nein. Habe ich sie auf der Straße, in der Gesellschaft gehört? Nein. Wie weiß ich die Wörter? Sie (= die Wörter) kommen von selbst. Wie? Das weiß ich nicht. Und wie es mir im Englischen ging, so wird es Ihnen im Deutschen gehen. So wie die Blätter an dem Baume wachsen (= kommen), so wachsen auch die Wörter in Ihnen. H_ö_r_e_n Sie! s_p_r_e_c_h_e_n Sie! und l_e_s_e_n Sie!

* * * * *

Bella: Aber wir haben noch sehr wenig gelesen, Herr Meister.

Herr Meister: Geduld, meine Freunde, Geduld. Wir haben ein deutsches Sprichwort; das heißt: »Rom ist nicht an e_i_n_e_m Tage gebaut worden.«

Anna: Das haben wir auch im Englischen.

Louis: Was bedeutet »gebaut«?

Otto: Louis, ich will das Sprichwort so sagen: »Rom ist nicht an einem Tage gemacht worden,« -- so verstehst du es, nicht wahr?

Louis: Ja.

Herr Meister: Aber man sagt nicht: »Man m_a_c_h_t eine Stadt, man m_a_c_h_t ein Haus,« sondern man sagt: »Man b_a_u_t ein Haus, einen Palast oder eine Stadt,« und der Mann, der den Plan des Hauses macht oder den Plan des Palastes oder den Plan der Stadt, das ist der Baumeister. Ich will Ihnen dieses sagen: Geduld, meine Freunde, wir werden lesen, und wir lernen, die Sprache vollkommen (= perfekt) verstehen, sprechen und schreiben.

Louis: Ah, wie ich mich freue, wenn ich einen guten deutschen Brief an meinen Bruder Albert nach Berlin schreiben kann. Er wird sich wundern. O, Herr Meister, wann, wann kann ich einen guten deutschen Brief schreiben?

Herr Meister: Geduld, mein Freund Louis; sehr bald. Noch nicht heute; nein, auch morgen nicht, wir müssen Zeit haben, Louis, Tage, Wochen, Monate. Hat der liebe Gott nicht auch sechs Tage genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), um die Welt zu schaffen? Aber dann sah er sein Werk, und es war gut, und wenn wir etwas gut thun wollen, so müssen wir auch Zeit haben, viel Zeit, nicht wahr, Otto?

Otto: Sie haben recht, Herr Meister. »Mit der Zeit bricht man Rosen,« -- das ist ein gutes Sprichwort.

Anna: »Sprichwort«? Was ist das?

Otto: {"The early bird catches the worm,"} das ist ein englisches Sprichwort.

Herr Meister: Dieses Sprichwort haben wir auch im Deutschen, aber wir sagen es so: »Morgenstund hat Gold im Mund.«

Bella: Ich weiß auch ein deutsches Sprichwort. Wollen Sie es hören?

Otto: Bitte, Bella, bitte!

Bella: »Glück und Glas, wie leicht bricht das.«

Otto: Das ist sehr schön, Fräulein.

Herr Meister: Und sehr wahr.

Louis: Herr Meister, sagen Sie uns noch eins.

Herr Meister: »Nach dem Regen scheint die Sonne.«

Louis: Noch eins. Bitte, bitte!

Herr Meister: »Morgen, morgen, nur nicht heute, Sagen alle faulen Leute.«

Louis: O, das ist auch im Englischen: {"Never put off till to-morrow, what you can do to-day."} Wissen Sie noch mehrere, Herr Meister?

Herr Meister: Ja wohl, mein Freund, hier:

»Mit dem Hute in der Hand, Kommt man durch das ganze Land.«

Louis: Dieses Sprichwort verstehe ich nicht. Kann man ohne Hut (= nicht mit Hut) durch ein Land gehen?

Herr Meister: Ich glaube, die Idee ist diese: Nimm deinen Hut vom Kopfe, sei freundlich gegen alle, sei höflich, und überall wird es gut für dich sein.

Bella: Das ist eine schöne Idee!

Herr Meister: Ein anderes Sprichwort:

»Was du nicht willst, das man dir thu', Das füg' auch keinem andern zu.«

Nun noch eins, und dann das letzte:

»Was man aus Liebe thut, Geht noch einmal so gut.«

und: »Lust und Liebe zu einem Ding Macht dir alle Müh gering.«

Otto: Wie im Englischen:

{"Where there is a will there is a way."}

Anna: Die deutschen Sprichwörter sind so schön, sie haben alle einen Reim.

Herr Meister: Wir haben noch viele andere, und Sie werden sie finden, wenn Sie viel lesen, Fräulein Anna.

Anna: Werden wir bald Deutsch lesen?

Herr Meister: Ja wohl, Fräulein, vielleicht heute; und wenn nicht heute, dann morgen.

* * * * *

Otto: Herr Meister, bedeutet Reiter und Ritter nicht dasselbe?

Herr Meister: Nein, Otto, es bedeutet nicht dasselbe. Ritter und Reiter haben Pferde .....

Anna: »Pferde«? Das Wort kenne ich noch nicht.

Otto: Ich will es Ihnen erklären. Gestern haben Sie Ihr Pferd genommen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen), und ich habe meines (= mein Pferd) genommen, und wir sind in den Park geritten (ich reite, ich ritt, ich bin geritten). Ich habe auf meinem Sattel gesessen (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen). Mein Sattel ist aber nicht so gemacht, wie Ihr Sattel. Beide (Sättel) sind von Leder. Sie hatten einen Damensattel und ich einen Herrensattel. Ihr Pferd, mein Fräulein, hat einen schönen Kopf und eine lange, braune Mähne; mein Pferd ist weiß und hat eine weiße Mähne. Sie wissen, meines Bruders Pony hat eine schwarze Mähne.

Anna: O, ich glaube, ich verstehe Sie. Ihr Vater hat zwei braune Pferde vor seiner Equipage, nicht wahr?

Otto: Ganz recht. Ich sage nicht »Equipage,« ich sage »Kutsche.« Ist das nicht dasselbe, Herr Meister?

Herr Meister: O ja. Und der Mann, der vorn auf der Kutsche sitzt (ich sitze, er sitzt), ist der Kutscher.

Louis: Und die Lokomotive geht ohne Pferde (= hat keine Pferde).

Bella: Das war ein weises Wort, Herr Louis.

Louis: Und Sie sind sehr sarkastisch, Fräulein Bella.

Herr Meister: Ich wollte (ich will, ich wollte, ich habe gewollt) sagen, meine Freunde: Sowohl der Reiter als der Ritter haben Pferde. Reiter ist ein jeder Mann, der auf dem Pferde sitzt und reiten kann, aber er ist noch kein Ritter. Ritter haben wir heute nicht mehr, aber wir haben Reiter. Die Soldaten in der Kavallerie sind Reiter, aber keine Ritter. Ein Ritter in alten Zeiten hatte ein Pferd und ein Schwert, eine Lanze und einen Schild; so kämpfte er im Kriege gegen die Feinde.

* * * * *

Bella: Ach, von diesen Rittern habe ich so viel Schönes und Gutes gelesen (ich lese, ich las, ich habe gelesen).

Anna: Ja, ich auch. Es ist schade (= nicht gut), daß wir keine Ritter mehr haben. Sie waren so gut, so galant.

Otto: Ich habe in einem Museum den Helm eines Ritters gesehen. Dieser Helm war von Metall. Ich konnte ihn nicht mit einer Hand halten, ich mußte zwei Hände nehmen, so schwer war er. In diesem Museum habe ich noch mehrere andere Dinge eines Ritters gesehen. Wie nennt (ich nenne, ich nannte, ich habe genannt) man das, was der Ritter über Arme, Brust, Kniee und Beine hatte, so daß der Feind ihn nicht verwunden konnte?

Herr Meister: Ist es von Metall?

Otto: Ja wohl.

Herr Meister: Das ist der Harnisch. Ein anderes Wort dafür ist die Rüstung.

Otto: Und eine Rüstung habe ich gesehen, die war von Silber; sie war wunderschön.

* * * * *

Bella: Otto, haben Sie »Ivanhoe« von Scott gelesen?

Otto: Ja wohl, Fräulein Bella.

Bella: In dem Roman »Ivanhoe« lesen Sie auch von {"Richard Lionheart."} Das war ein guter Ritter, nicht wahr?

Herr Meister: Für {"Richard Lionheart"} sagen wir im Deutschen: Richard Löwenherz. Richard Löwenherz war ein tapferer (= guter, braver) Ritter. In seiner Zeit war in Deutschland Friedrich Barbarossa Kaiser. Friedrich Barbarossa, das ist der große deutsche Kaiser. Mit vielen, vielen Rittern ging er nach Palästina, aber niemals kam er wieder in seine schöne Heimat (= Haus), in sein schönes, schönes Deutschland.

Otto: Ich kenne ein Gedicht über Friedrich Barbarossa. Es beginnt so: »Der alte Barbarossa, der Kaiser Friederich.«

Herr Meister: Das ist von Friedrich Rückert.

Louis: Von diesem Dichter kenne ich ja auch ein Gedicht: »Es ist ein Bäumlein gestanden im Wald,« u.s.w. (= und so weiter).

Herr Meister: Auch Emanuel Geibel hat unter seinen vielen und schönen Gedichten eines über diesen Kaiser. Alles dieses und noch vieles andere wollen wir später lesen. Heute will ich noch mit Ihnen sprechen, und ich will Ihnen einen Namen nennen, den ich immer mit großer Freude ausspreche. Es ist der Name: W_o_l_f_r_a_m v_o_n E_s_c_h_e_n_b_a_c_h. Den Namen haben Sie wohl noch nie gehört (ich höre, ich hörte, ich habe gehört), ich kann es an Ihren Augen sehen.

Otto: Nein, Herr Meister, ich habe nie von ihm gehört. Wer ist Wolfram von Eschenbach, und was hat dieser Mann Gutes gethan, daß Sie mit so vielem Vergnügen (= Freude) an ihn denken und von ihm reden (= sprechen)?

* * * * *

Herr Meister: Wolfram von Eschenbach ist einer von den größten Poeten, die wir in der deutschen Litteratur haben. Ja, Friedrich Schlegel meint, Wolfram von Eschenbach sei der größte unter allen deutschen Dichtern.

Otto: Denken Sie auch so, Herr Meister?

Herr Meister: Nein. Er ist nicht größer, als Goethe. Das beste Werk von Eschenbach ist nicht besser, als das beste Werk von Goethe.

Bella: Welches sind ihre besten Werke?

Herr Meister: Goethes größtes Werk ist »Faust,« Eschenbachs größtes ist »Parzival.«

Otto: Welches von beiden Werken halten Sie für das größte und schönste?

Herr Meister: Diese Frage, mein Freund, kann ich nicht beantworten. Ich lese »Parzival« und finde darin so vieles Schöne, daß ich voll Bewunderung ausrufe: »Ach, es ist nichts Besseres in der Welt, als ,Parzival.'« Und lese ich dann Goethes »Faust,« so rufe ich: »O, was für ein großes Werk! Wie schön! Wie herrlich (= wunderschön)! Wo ist ein zweites Gedicht, wie ,Faust'!« Sie sehen, ich kann Ihre Frage nicht beantworten. So werde ich auch oft gefragt: »Herr Meister, wer ist der größere Dichter, Goethe oder Schiller?«[VI-7] Dann antworte ich immer, was Goethe einst zu Eckermann sagte: »Warum fragen wir, wer der größte sei? Sie selber sollen froh sein, daß sie zwei solcher Männer haben.« Ja, wir wollen froh sein mit beiden, mit Schiller und mit Goethe; wir wollen beide (= Schiller und Goethe) lesen und an beiden unsere Freude haben.

* * * * *

Bella: Herr Meister, wollen Sie nicht ein wenig von Eschenbach und von seinem »Parzival« sprechen?

Herr Meister: Mit Vergnügen (will ich es thun), aber -- ich habe nicht viel Zeit mehr. Also: Wolfram von Eschenbach war ein Ritter und lebte gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts. Sie sehen, er lebte in einer Zeit mit Friedrich Barbarossa und Richard Löwenherz. Die Kreuzzüge nach Palästina machte er nicht mit.

Louis: Ich verstehe das Wort »Kreuzzüge« nicht, Herr Meister.

Herr Meister: Sie haben heute schon gehört, Friedrich Barbarossa war mit vielen Rittern nach Palästina gezogen. Nicht wahr?

Louis: O ja.

Herr Meister: »Gezogen« ist hier so viel wie »gegangen« (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen; ich ziehe, ich zog, ich bin gezogen). Viele Ritter waren nach Palästina gezogen, dafür kann ich auch sagen: »Ein langer Zug von Rittern ging nach Palästina.« Das Wort »Zug« kommt von ziehen, zog, gezogen.

Louis: Das verstehe ich nun. Aber Sie sagten: »Kreuzzug.«

Herr Meister: Wir sagen Kreuzzüge, weil alle, die nach Palästina pilgerten, ein rotes Kreuz auf der linken Schulter hatten. Sehen Sie, dieses ist ein Kreuz [VI-8]. In der Zeit der Kreuzzüge sehen wir die besten, herrlichsten Ritter; und den Charakter eines solchen herrlichen Ritters giebt uns Wolfram von Eschenbach in seinem »Parzival.«

* * * * *

Herr Meister: »Parzival,« das ist der Name des Ritters. Sein Vater, Gamuret, war ein König, seine Mutter hieß Herzeloide. Der Vater war ein guter, starker Ritter, der beste in der Zeit, aber er starb jung. Da sagte Herzeloide: »Mein Sohn soll kein Ritter werden, soll keinen Ritter sehen. Er soll nicht sterben, so jung wie sein Vater.« Und sie ging aus der Burg (Palast) und ging in einen Wald. Hier lebte sie mit ihrem Sohne, und den (= den Sohn) liebte sie mehr, als alles in der Welt. Nur wenige Personen waren bei ihr im Hause, und nie sollten sie sprechen von den Rittern, nie von einem Schwerte, nie von einer Lanze.

Einmal hörte er seine Mutter sagen: »O, guter Gott.« Da fragte er: »Mutter, wer ist Gott?« Und die Mutter sagte da: »Gott ist der gute Vater von allem, und er ist auch dein Vater, mein Sohn, und meiner. Er ist klarer, als die Sonne, und klarer, als der Tag.«

Einmal war der junge Prinz im Walde. Er selbst hatte sich einen kleinen Bogen gemacht und schoß. Da sah er etwas, das hatte er noch nicht gesehen. Drei Ritter mit silbernen Rüstungen und silbernen Helmen zu Pferde kamen im vollen Sonnenschein des Tages durch den Wald. Herzeloidens Sohn fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) auf die Kniee und rief: »O, hilf mir, guter Gott!« -- denn er glaubte (= dachte), die Ritter wären Gott. Die Ritter aber lachten und sagten: »Wir sind nicht Gott, o, nein, nein, -- wir sind Menschen; ja Menschen, wie du ein Mensch bist. Wir sind Ritter. Das sind unsere Schwerter, dieses unsere Lanzen, und hier, sieh, sind unsere Rüstungen.« Sie sagten ihm noch vieles, vieles von allem dem, was ein guter Ritter thun muß, und dann ritten sie weiter in den Wald. Da rannte (ich renne, ich rannte, ich bin gerannt) der Sohn zur Mutter und sagte: »Mutter, ich gehe vom Hause und werde ein Ritter. Gieb (geben) mir ein Pferd, liebe Mutter! Gieb mir ein Schwert!« Aber die Mutter sagte: »O, gehe nicht von mir, mein Sohn, ich habe nur dich allein, mein Kind (= Sohn), o, bleibe bei mir!« »Mutter, ich kann nicht, ich muß in die Welt, ich muß ein Ritter werden.« Und er ging -- und kam in die Welt. Er sah vieles und lernte vieles und that viel Gutes und half den guten Frauen und allen Schwachen (schwach = nicht stark); kam auch zu König Arthur und seinen Rittern. Und er wurde (ich werde, ich wurde, ich bin geworden) ein König und ein Ritter, gut und brav.

* * * * *

Bella: Herr Meister, ist es schon ein Uhr?

Herr Meister: Ich kann es Ihnen nicht sagen. Meine Uhr ist beim Uhrmacher. Wie viel Uhr haben Sie, Louis?

Louis: Es ist zehn Minuten vor zwei.