Studien und Plaudereien. First Series

Chapter 6

Chapter 63,857 wordsPublic domain

Herr Meister: Nein, beide sind tot. Jakob Ludwig Grimm wurde am 4. Januar 1785 geboren und starb am 20. September 1863. Er war nicht verheiratet. Sein Bruder Wilhelm Karl Grimm wurde am 24. Februar 1786 geboren und starb am 16. Dezember 1859. Sie waren sehr gelehrt, das ist, sie hatten sehr viel gelernt. Ich spreche gern von den Brüdern Grimm. Beide waren gute Menschen, große gelehrte, brave Charaktere und liebten (ich liebe, ich liebte, ich habe geliebt) sich so sehr, wie Sie es thun, Louis und Otto. Sie wissen (ich weiß, Sie wissen) es ist nicht oft, daß Brüder und Schwestern sich lieben. Sie haben das auch in unserem Märchen gesehen. Wilhelm war der jüngere Bruder, und Jakob der ältere. Jakob war Professor an der Universität in Göttingen, und der jüngere half ihm bei seinen Werken.

Louis: »Half«? Das verstehe ich nicht.

Otto: Darf ich es meinem Bruder erklären (= klar machen), Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß.

Otto: Wenn du in deinem Garten arbeitest, so komme ich oft und arbeite mit dir, -- ich helfe dir; denn du bist mein guter Bruder, verstehst du? -- und Brüder und Schwestern müssen einander helfen. Die reichen Leute sollten den Armen in der Not helfen, und die guten Menschen thun es auch, und Gott hilft allen guten Menschen, den reichen und den armen. Ich will dir ein gutes Wort geben:

Wenn die Not am höchsten, Dann ist Gottes Hilfe am nächsten.

Bella: Hat Wilhelm Grimm seinem Bruder Jakob auch geholfen beim Schreiben von diesen Märchen?

Herr Meister: Es ist besser zu sagen: »Beim Schreiben dieser Märchen.« Ja, er hat ihm (= seinem Bruder Jakob) geholfen beim Schreiben dieser Märchen und auch beim Schreiben anderer Bücher. Die Brüder Grimm haben viele kostbare Werke geschrieben (ich schreibe, ich schrieb, ich habe geschrieben) über die deutsche Sprache. Einer von ihnen hätte das nicht allein thun können.

Bella: Herr Meister, ich habe mich schon oft gewundert (ich wundere mich, ich wunderte mich, ich habe mich gewundert), daß so viele deutsche Wörter wie englische Wörter lauten. Arm ist {arm}, Finger ist {finger}, Hand ist {hand}, grün ist {green}, braun ist {brown}, weiß ist {white}, sechs ist {six}, zehn ist {ten}, und .....

Louis: Und {nose} ist Nase, und Kuh ist {cow}, und {horse} ist Pferd, und .....

Otto: Nicht mehr, Louis; bitte, bitte.

Herr Meister: Ja, sehr viele Wörter sind im Englischen, wie im Deutschen. Ich will Ihnen erklären, wie das kommt. Sie wissen, meine Freunde, viele Deutsche kommen aus Deutschland hierher nach Amerika. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie viele Millionen hier sind. Viele Deutsche wandern auch aus ihrer Heimat (= ihrem Hause in Deutschland) nach Australien, denn Deutschland ist zu klein für die vielen Menschen. So ist es heute, und so war es immer. Im Jahre 449 wanderten (ich wandere, ich wanderte, ich bin gewandert) die Sachsen, -- das waren Deutsche, -- vom Norden Deutschlands nach Britannien und nahmen (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Land. Britannien war nun in den Händen der Deutschen, und man sprach angelsächsisch, das ist: deutsch. Da kam im Jahre 1066 Wilhelm von der Normandie mit den Normannen (= Männern von der Normandie), nahm das Land und auch den Thron und war König von Britannien. Die Sprache des Königshauses war nun nicht mehr angelsächsisch, sie war französisch. So war es bis zum dreizehnten Jahrhundert, da sprach man auch wieder im Königshause angelsächsisch. Aber das Angelsächsische war nicht mehr die alte angelsächsische Sprache. Viele französische und viele lateinische Wörter waren in die Sprache gekommen. Angelsächsisch, Französisch und Lateinisch, -- aus diesen drei Sprachen besteht die englische Sprache von heute. Fünf achtel (= 5/8) von allen Wörtern der englischen Sprache kommen aus dem Angelsächsischen, so sagt man. Darum, meine Freunde, ist die deutsche Sprache so leicht (= gut) und so schnell zu lernen von allen Personen, die Englisch sprechen; und die englische Sprache von allen, die Deutsch verstehen.

* * * * *

Anna: O, ich wünsche, die deutsche Sprache gut zu sprechen. Kann ich es lernen, Herr Meister?

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Die Amerikaner lernen besonders gut Deutsch. Oft habe ich amerikanische Damen und Herren gehört, die so gut Deutsch sprachen, wie Deutsche.

Otto: Ich hörte einmal Bayard Taylor Deutsch sprechen. Er spricht sehr gut.

Herr Meister: Es ist nicht lange her, da war ich mit meinen beiden Töchtern auf einem Balle. Ich saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) neben einem Herrn, und dieser sprach Deutsch mit mir. Ich antwortete (ich antworte, ich antwortete, ich habe geantwortet) ihm in deutscher Sprache. Zuletzt (= am Ende) fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt) ich ihn: »Aus welcher Stadt Deutschlands kommen Sie?« »Ich war nie in Deutschland, ich bin in Brooklyn geboren, ich bin ein Amerikaner; auch meine Eltern sind Amerikaner und verstehen kein Wort Deutsch. Deutsch habe ich hier gelernt.« So antwortete der Herr. Ich war voll Verwunderung. Auch Sie, meine Freunde, werden es so gut lernen. Sie haben schon viel gelernt und sprechen heute schon sehr gut.

Bella: Dafür müssen wir Ihnen danken, Herr Meister, und Ihnen, Otto.

Herr Meister: Und auch ich muß Ihnen meinen besten Dank hier sagen, Otto, und Ihnen auch mein bestes Kompliment machen. Für heute nicht mehr, ich sehe Sie morgen um zwölf Uhr wieder. Adieu!

Bella und Anna: Wir müssen auch nach Hause gehen.

Louis: Bitte, noch fünf Minuten! Ich habe hier ein deutsches ..... was ist das, Otto?

Otto: Das? Das ist ein deutsches Lied von Mozart, »An den Mai.«

Louis: Bitte, Fräulein, singen Sie das Lied »An den Mai.« Hier ist ein Piano. Hier sind die Noten. So!

Bella: Ein Lied von Mozart? Ja, das will ich singen:

[Musik: An den Mai. W. A. Mozart.]

Komm lie-ber Mai und ma-che die Bäu-me wie-der grün; und laß uns an dem Ba-che die klei-nen Veil-chen blühn! Wie möch-ten wir so ger-ne ein Blüm-chen wie-der sehn! ach lie-ber Mai, wie ger-ne ein-mal spa-zie-ren gehn!

[Musik endet]

Louis: O, das ist schön, das ist sehr schön! Ich danke Ihnen, Fräulein Bella.

Otto: Mein Fräulein, Sie haben das Lied wundervoll gesungen.

Anna: Das Lied will ich auch lernen.

Bella: Nun müssen wir nach Hause gehen. Adieu!

Louis: Adieu, meine Damen.

Otto: Auf Wiedersehen!

*VI.*

Herr Meister: Denken Sie noch an die Anekdote von »oben« und »unten,« Louis?

Louis: O ja.

Herr Meister: Wie gefällt Ihnen diese Anekdote?

Louis: Ich verstehe nicht »wie gefällt Ihnen.«

Herr Meister: Otto, wollen Sie das Ihrem Bruder erklären?

Otto: Ist die Rose schön, Louis?

Louis: Ja, die Rose ist schön.

Otto: Nimmst (ich nehme, du nimmst) du die Rose gern?

Louis: Ja, ich nehme die Rose gern.

Otto: Nun wohl, Louis. Die Rose ist schön, und du nimmst sie gern, denn die Rose gefällt dir. Das gute Wetter ist schön und du sagst: »Das Wetter gefällt mir.« Das schlechte (= nicht gute) Wetter gefällt dir nicht. Alles, was gut und schön ist, gefällt mir; alles, was schlecht ist und häßlich (= nicht schön), gefällt mir nicht. Viele Dichter gefallen mir, denn sie sind gut; viele gefallen mir nicht, weil sie nicht schön sind. Verstehst du mich, Louis?

Louis: Ja wohl. Ich danke dir, Otto.

Otto: Verstehen Sie auch alles, Bella und Anna?

Bella: Ich verstehe alles.

Anna: Und ich auch.

Herr Meister: Anstatt »dieser Dichter gefällt mir nicht,« sagen wir auch: »dieser Dichter m_i_ßfällt mir.«

Bella: Wenn ich Sie recht verstehe, Herr Meister, so sagen Sie: »m_i_ß« ist hier so viel wie »n_i_c_h_t.« Das ist im Englischen auch so. Darf (= kann) ich ein paar englische Wörter sagen?

Herr Meister: O ja, hier dürfen Sie (ich darf, sie dürfen) es thun.

Bella: {He misunderstands me,} das ist: Er versteht mich nicht.

Otto: Ist das nicht auch im Deutschen: »Er mißversteht mich«?

Herr Meister: Ganz gewiß (= ja, so ist es).

Bella: Und {I mistrust him} ist auch so.

Anna: Was ist das im Deutschen?

Otto: »Ich mißtraue ihm.«

* * * * *

Bella: Wie so wissen Sie, Herr Meister, daß wir die Anekdote von »oben« und »unten« gehabt haben? -- Sie waren doch nicht hier.

Herr Meister: Wundern Sie sich? Ja, Fräulein Bella, ich weiß alles. Ich weiß, was Sie in der ersten Stunde, in der zweiten und in allen anderen Stunden gesprochen (ich spreche, ich sprach, ich habe gesprochen) haben. Auch die Anekdoten, die Sie erzählt haben, weiß ich und den bösen Traum. Ich weiß alles.

Bella: Gewiß, Otto hat Ihnen alles erzählt, Herr Meister.

Herr Meister: Ja, und ich danke ihm viel, vielmal dafür. Was er mir von Ihnen erzählt hat, hat mir so viel Freude gemacht, und ich war[VI-1] sehr glücklich (= sehr froh).

Anna: Sie sind immer so gütig (= so gut), Herr Meister, und so ..... so .....

Louis: Und so ..... Was meinen Sie, Anna?

Anna: Ich kann das deutsche Wort nicht finden. So ..... Wie war Sokrates?

Otto: Sokrates war weise.

Anna: Ja, Herr Meister ist auch weise. Aber »weise« ist nicht das Wort, das ich sagen will. Ich will sagen: »Herr Meister hört uns immer, erklärt uns alles, so oft wir fragen, und ist nie böse.«

Herr Meister: Ah, Sie meinen das Wort »geduldig.«

Anna: Ja, geduldig. Das ist es! Das ist es!

Herr Meister: Ja, meine lieben Freunde, ein Lehrer .....

Louis: »Ein Lehrer«? Bitte, Herr Meister, sagen Sie mir, was bedeutet dieses Wort?

Herr Meister: Sie lernen, Louis, nicht wahr? Sie lernen die deutsche Sprache bei mir; ich bin[VI-2] heute Ihr Lehrer. Als ich unwohl war und nicht kommen konnte, war Otto Ihr Lehrer.

Louis: Herr Meister, ich danke Ihnen.

Herr Meister: Ja, ich will sagen: Ein Lehrer muß geduldig sein, und ein guter Lehrer hat viel, viel Geduld, wie der große Sokrates.

Bella: Hatte Sokrates viel Geduld?

Herr Meister: So sagt man. Sokrates hatte eine böse Frau, sie hieß (= ihr Name war) Xantippe.

Bella: Ach, das Wort X_a_n_t_i_p_p_e habe ich oft gehört.

Herr Meister: Sie zankte immer, das ist: Sie sprach immer laut und böse mit ihrem Manne, dem Philosophen. Einmal zankte sie wieder. Der Philosoph sagte kein Wort. Sie zankte immer mehr, -- der Philosoph blieb (ich bleibe, ich blieb, ich bin geblieben) still. Das Zanken wurde schlimmer (böse, schlimmer, schlimmst). Da stand der Philosoph auf und ging aus dem Hause. Dieses machte Xantippe sehr böse. Sie nahm eine Kanne mit Wasser und schüttete es auf ihren Mann. »Das ist recht,« sprach der Philosoph, »das ist recht; nach einem Donnerwetter muß ein Regen kommen,« und ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) seinen Weg.

* * * * *

Herr Meister: Mit Geduld, meine Freunde, und mit guten Worten kann man oft alles thun. Mit Ungeduld (= nicht Geduld) und mit heftigen (= bösen) Worten erreicht (= thut) man nichts. »Ein gutes Wort findet einen guten Ort.« Das gute Wort ist wie der milde Sonnenschein im Frühling.

Bella: Aber nicht alle Menschen denken so wie Sie, Herr Meister.

Herr Meister: Nein, weil der eine Mensch mit dem andern keine Geduld hat, weil der eine Mensch in dem andern das Gute nicht sieht (ich sehe, er sieht), weil der eine Mensch den andern nicht versteht. So ist es mit einzelnen (= 1, 2, 3) Menschen und so ist es mit ganzen Nationen. Da sind in Europa zwei Nationen so groß, so nobel. Sie sollten die besten Freunde sein und sind -- Feinde, weil sie sich nicht verstehen, -- die Deutschen und die Franzosen. O, wie gut wäre es, wie gut für die Menschheit (= alle Menschen), wenn Deutsche und Franzosen wären wie Brüder! Aber Deutschland mißtraut Frankreich, und Frankreich mißtraut Deutschland. So war es in alten Zeiten, schon vor Julius Cäsar, und so ist es noch heute. Darum hat Frankreich die großen Armeeen, und darum hat Deutschland seine vielen Soldaten.

* * * * *

Louis: Mein Onkel war vor zwei Jahren in Deutschland, und er spricht (ich spreche, er spricht) noch oft von Deutschland und von Berlin. »Auf allen Straßen Berlins,« sagt er, »sieht man Soldaten und Offiziere; jeden Morgen sieht man die Soldaten marschieren, hört man die Trommeln und die schönste Militärmusik. Berlin ist eine Stadt der Soldaten und Kasernen (die Kaserne = das Soldatenhaus).«[VI-3]

Bella: Meine Freundin Fanny Bryant in Dresden schreibt mir dasselbe, und sie meint (= denkt, ich meine, sie meint), die deutschen Offiziere sind sehr schön und galant.

Herr Meister: So? Denkt Ihre Freundin so? Ja, Deutschland ist das Land der Armeeen. Es hat eine halbe Million Soldaten.

Otto: Eine halbe Million? Das ist viel, sehr viel.

Herr Meister: Nicht wahr?

Bella: Wie kommt es, daß Deutschland so viele Soldaten hat?

Herr Meister: In Deutschland müssen alle Männer Soldaten werden mit dem zwanzigsten Jahre.

Louis: Alle Männer?

Herr Meister: Alle Männer. So sagt die Verfassung (= Konstitution). Nun ja, der Lahme, der Blinde, der Kranke (= der nicht wohl ist) kann nicht Soldat sein, aber alle Gesunden (= nicht Kranken) müssen: der Reiche und der Arme (= nicht Reiche), der Baron und der Bürger (= nicht Baron), alle, alle. In der Armee ist Deutschland republikanisch. Ein jeder muß drei Jahre in der Armee sein.

Otto: Drei Jahre! Das ist eine lange Zeit.

Herr Meister: Ich habe einen Neffen (= der Sohn meines Bruders), der ist nur e_i_n Jahr in der Armee. Aber er mußte zuvor ein Examen machen in der lateinischen [VI-4] Sprache, in der griechischen, in der französischen und in der englischen, in der Mathematik und in vielen anderen Dingen; und alle jungen Männer haben dasselbe Vorrecht (= Privilegium), wie mein Neffe, welche in der Sekunda eines Gymnasiums sind. Sekunda ist die zweite Klasse eines deutschen Collegs. Diese Soldaten haben den Namen: »Einjährig-Freiwillige.« Diese »Einjährig-Freiwilligen« wohnen nicht in Kasernen, und sie müssen alles selbst geben: Helm und Mantel, Bajonett und Gewehr und Säbel.

Louis: Was ist Gewehr, Herr Meister?

Otto: Ich will es dir sagen, Louis. Das Bajonett ist oben an dem Gewehr. Mit dem Gewehr schießt (ich schieße, man schießt) man. Es ist kleiner, als die Kanone und größer, als die Pistole. Der Soldat trägt (ich trage, ich trug, ich habe getragen) das Gewehr auf der Schulter, wenn der Lieutenant kommandiert: »Schultert das Gewehr!«

Herr Meister: Das ist recht. Sie sehen, nur der Mann kann Einjährig-Freiwilliger sein, der reich ist und intelligent und eine gute Schule hatte. Die Einjährig-Freiwilligen sind sehr geachtet (= respektiert).

* * * * *

Bella: Herr Meister, haben Sie auch den Großen Moltke gesehen, den großen General?

Herr Meister: O, sehr oft; unter den Linden in Berlin.

Otto: Wie sieht er aus?

Herr Meister: Feldmarschall Graf Moltke ist groß und mager (= nicht dick). Er ist sehr ernst, aber freundlich und gut mit allen Menschen. Er spricht wenig, ist schweigsam (= still).

Louis: So ist auch General Grant.

Otto: Ja, das ist wahr.

Herr Meister: Wenn die Leute den Grafen Moltke auf der Straße sehen, so sagen sie mit der größten Achtung (= Respekt): »Da geht der große Schweiger« (schweigen, still).

Anna: Ich dachte, ein General, wie Moltke, sei (= ist) nie freundlich und mit keinem Menschen gut.

Herr Meister: Nein, man sagt, Graf von Moltke sei ein sehr guter, freundlicher Mensch.

Louis: O, ich möchte ihn gerne sehen!

Bella: Ich will ihn um sein »Autograph« bitten.

Herr Meister: Haben Sie schon von Berthold Schwarz gehört, meine Freunde? Nicht? Nun, ich werde ein wenig über ihn sprechen. Berthold Schwarz war ein Mönch.

Louis: Ich verstehe das Wort »Mönch« nicht. Kannst du es mir erklären, Otto?

Otto: Ein Mönch ist ein Priester, der im Kloster lebt. Du hast das Wort »Nonne« schon gehört. Nonnen leben auch im Kloster. Nonnen sind Frauen.

Louis: Ist »Kloster« dasselbe, wie das englische {"cloister"}?

Otto: Ja. Viele sagen auch das Wort {"convent."} Ein Kloster ist ein Haus für Mönche und Nonnen, wie eine Kaserne ein Haus ist für Soldaten.

Herr Meister: Sie wundern sich, daß ich von einem Priester spreche, nachdem ich von Soldaten gesprochen habe? Ein Priester war es, ein Mönch, es war dieser Mönch Berthold Schwarz, der den Soldaten das Schießpulver gegeben hat.

Otto: »Das Schießpulver«? Dieses Wort verstehe ich auch nicht.

Herr Meister: Haben Sie schon eine Kanone gesehen?

Otto: O, ja.

Herr Meister: Was thut man in die Kanone?

Otto: Einen Ball.

Herr Meister: Einen Ball? Nein, mein Freund, man thut keinen Ball in die Kanone. Sie, Ihr Bruder Louis und Ihre Freunde spielen Samstag im Park mit einem Balle. Aber in die Kanone thut der Soldat keinen Ball, sondern eine Kugel. Spielen Sie mit einem Balle von Metall, Louis?

Louis: O, nein, Herr Meister.

Herr Meister: Nun, die Kugel in der Kanone, in dem Gewehr, in der Pistole ist von Metall.

Anna: Aber die Kugel ist rund, wie ein Ball, nicht wahr?

Herr Meister: Das wohl. Was treibt (= bringt) die Kugel aus der Kanone, aus der Flinte, aus der Pistole?

Otto: O, nun weiß ich es. Das P..... P..... Ich kann das Wort nicht finden.

Herr Meister: Das Pulver. Ich meine nicht das Pulver, das der Apotheker giebt. Wenn Sie Fieber haben, so verschreibt der Doktor ein Pulver und sagt: »Nehmen Sie alle zwei Stunden ein Pulver.« Ich meine das Schießpulver.

* * * * *

Otto: Herr Meister, sagten Sie: Berthold Schwarz habe das Schießpulver zuerst gemacht?

Herr Meister: Ja, ich sagte: Berthold Schwarz hat das Pulver erfunden (ich erfinde, ich erfand, ich habe erfunden--er-finden = erst finden).

Anna: Berthold Schwarz war klug (= weise).

Herr Meister: Ja, er war klug. Noch heute sagen wir von einem Menschen, der nicht sehr klug ist: »Der hat das Pulver nicht erfunden.«

Otto: Das habe ich auch schon gehört. Aber, Herr Meister, ich habe in einem Buche gelesen: Die Chinesen hatten Pulver, und die Griechen vor langer, langer Zeit.

Herr Meister: Sehr wohl. Chinesen und Griechen hatten eine andere Sorte von Pulver. Ihr Pulver war fein, wie das Pulver in der Apotheke. Mit dem feinen Pulver konnte man aber nicht schießen. Sie wissen (ich weiß, sie wissen), unser Schießpulver ist rund, kugelförmig (= wie die Form einer Kugel).

Bella: Wie erfand Berthold Schwarz das Pulver, wollen Sie es uns nicht sagen?

Herr Meister: Gewiß, mein Fräulein. Berthold Schwarz war eines Tages in der Zelle (= das kleine Zimmer) seines Klosters und mischte Salpeter, Kohle und Schwefel.

Louis: Schwefel? Den Stoff kenne ich nicht.

Herr Meister: O ja, Sie alle kennen Schwefel. Sehen Sie hier: Ich nehme aus meiner Tasche ein dünnes Holz; damit mache ich Feuer für meine Cigarre oder am Abend für das Gas. Dieses Holz ist ein Schwefelholz. Hier an dem einen Ende ist Phosphor und unter dem Phosphor ist ein gelber Stoff; das ist Schwefel. Wissen Sie nun, was Schwefel ist?

Louis: Ja wohl, Herr Meister. »Und Berthold Schwarz,« sagten Sie, »mischte Saltpeter, Kohle und Schwefel.«

Herr Meister: Ja, und die Mischung (ich mische, die Mischung) wurde warm und explodierte mit einem großen Knall (= Ton). Die anderen Mönche alle kamen in die Zelle und sahen ihren Bruder Berthold auf der Erde liegen. Da meinten Sie, der Teufel (= Satan) wäre (= war) in Bertholds Zelle gewesen.

Bella: Und so war es auch.

Louis: O, Fräulein Bella! Ha, ha!

Bella: Ja, Louis, ist der Teufel nicht im Pulver? Kommt von dem Pulver nicht so viel Böses?

Otto: Wann ist das Schießpulver erfunden worden?

Herr Meister: Man sagt, im Jahre 1259 in Freiburg.

Anna: Ist Freiburg auch in Deutschland?

Herr Meister: Ja wohl, Fräulein Anna, und wenn Sie nach Deutschland kommen, dann gehen Sie auch nach Freiburg und sehen die Statue von Berthold Schwarz, dem Erfinder des Schießpulvers.

* * * * *

Anna: Herr Meister!

Herr Meister: Fräulein Anna, was wünschen Sie?

Anna: Waren die Menschen in alten Zeiten nicht besser, als sie heute sind?

Herr Meister: Warum fragen Sie das, mein Fräulein?

Anna: Ich höre so oft alte Leute sagen: »Ja, ja, als w_i_r noch jung waren, war alles anders, alles besser.«

Herr Meister: Ich glaube sehr gern, daß alles anders war; aber daß alles besser war, das, mein Fräulein, kann ich nicht glauben. Ja, ich glaube, daß vieles heute besser ist, als es früher war.

Bella: Aber die Leute hatten in alten Zeiten kein Schießpulver, keine Kanonen, keine Gewehre und keine Pistolen, und gestern Abend habe ich gelesen, daß in den Jahren 1870 und 1871 mehr als 100,000 Deutsche und Franzosen, im Jahre 1865 mehr als 100,000 Amerikaner, im Jahre 1877 mehr als 100,000 Russen und Türken sterben mußten.

Anna: So? Was war in den Jahren 1870 und 1871, 1865 und 1877, war eine Pest in Europa?

Louis: Nein, Anna. Keine Pest. Im Jahre 1865 zankten sich die Leute im Norden der Vereinigten Staaten mit den Leuten im Süden.

Herr Meister: Man sagt nicht von Nationen: »Sie zankten sich.«[VI-5] Sie können das wohl sagen von einzelnen (= 1, 2, 3) Personen. Xantippe zankte oft mit ihrem Manne, dem Philosophen Sokrates. Aber wenn die Soldaten von der einen Nation auf die Soldaten (von) der andern Nation schießen, dann sagt man: »Die eine Nation hat mit der andern Nation K_r_i_e_g.« Im Jahre 1865 waren die nördlichen Staaten von Amerika im Kriege mit den südlichen Staaten; in den Jahren 1870 und 1871 war Frankreich im Kriege mit Deutschland und im Jahre 1877 Rußland mit der Türkei. Die Türken schossen (ich schieße, ich schoß, ich habe geschossen) auf die Russen, und die Russen auf die Türken. Dafür können Sie auch sagen: »Die Russen kämpften mit den Türken.« Louis, wissen Sie auch, wer stärker war (stark, stärker, stärkst)?

Louis: O ja, das weiß ich, die Russen waren stärker. Die Russen haben den Türken viel Land abgenommen (ich nehme ab, ich nahm ab, ich habe abgenommen).

Herr Meister: Das ist recht, Louis. Die Russen haben gesiegt über die Türken.

Otto: Herr Meister, kann ich nicht auch sagen: »Die Türken wurden b_e_s_i_e_g_t von den Russen?«

Herr Meister: Gewiß, Otto, das ist auch recht. Sie können auch sagen: »Die Russen waren die S_i_e_g_e_r und die Türken die B_e_s_i_e_g_t_e_n.«

* * * * *

Bella: O, nun verstehe ich auch die Worte, die ich vor wenigen Tagen gelesen habe: »Ich kam, sah, siegte.«

Otto: Von Julius Cäsar sind diese drei Worte, und Lateinisch ist es: {Veni, vidi, vici.}

Herr Meister: {Veni, vidi, vici,} diese drei Worte schrieb Cäsar an den Senat in Rom nach einem großen Siege.

Louis: Jedes Wort beginnt mit einem {"V."}

Herr Meister: Kennen Sie Moltkes »Vier Worte«?

Alle: Nein.

Herr Meister: Moltke sagt: »Um den Sieg zu gewinnen im Kriege, muß man vier Dinge haben, beginnend mit »G«, -- Geld, Geduld, Genie, Glück.«

Otto: O, das ist schön! Das habe ich noch nicht gehört.

Louis: Ich verstehe nur drei Worte: G_e_l_d, das sind Dollars, nicht wahr? G_e_d_u_l_d verstehe ich auch, Sokrates hatte viel Geduld. G_e_n_i_e, das Wort haben wir auch im Englischen: {Genius,} -- Genie. G_l_ü_c_k, das kann ich nicht verstehen.

Otto: Louis, wie heißt das Wort Glück ohne »G«?

Louis: ..... lück.

Otto: Weißt du was {"luck"} im Englischen ist?

Louis: O, ja.

Otto: Nun wohl. Das ist das deutsche Wort »Glück.«

* * * * *

Bella: Von Julius Cäsar habe ich viel gelesen. Seine Soldaten haben immer gesiegt (ich siege, ich siegte, ich habe gesiegt), nicht wahr, Herr Meister?

Herr Meister: Ja wohl. Cäsars Soldaten waren tapfer, und sie gingen mit Freuden in den Krieg, sie waren mutig.

Louis: Haben sie auch geschossen? Sie hatten ja keine Kanonen und keine Gewehre, keine Kugeln und kein Pulver.

Herr Meister: Und sie haben doch geschossen, Louis. Anstatt eines Gewehres hatten sie einen Bogen.

Louis: Einen Bogen? Was ist das?

Otto: Das kann ich dir sagen. Im Englischen ist es fast dasselbe. Bo.....gen. Verstehst du, was ich meine?

Louis: Nein, Otto, ich verstehe dich noch nicht.

Otto: Nein? Als du ein kleiner Junge[VI-6] warst, fünf Jahre alt, da hast du einen Bogen gehabt. Einmal warst du auf der Straße, und da hast du durch das Fensterglas in das Zimmer geschossen.

Louis: O, ja, nun weiß ich es. Der Bogen ist von Holz, und an dem Bogen ist ein Str .....?