Studien und Plaudereien. First Series
Chapter 5
Otto: Das ist recht, Louis. Aber du sprichst das Wort nicht gut aus. Du sagst »Ebel«; das ist Englisch. Sprich das A lang wie {aa -- -- h}; wie das {a} in {far} und in {father}.
Louis: Aaabel. Ist das recht?
Otto: So ist es gut. Meine Damen, kennen Sie die Anekdote von Herrn Abel in Berlin?
Bella: Nein, Otto, wir haben sie (= die Anekdote) nie gehört; nicht wahr, Anna?
Anna: Nein, niemals.
Otto: Nun; Herr Abel in Berlin ist ein reicher Mann. Im Sommer ist er nie in Berlin. Er reist (= geht) nach Wiesbaden oder Homburg oder in die Schweiz oder in ein Seebad. Eines Sommers war er in Norderney. »O,« denkt Herr Abel, »ich bin in Norderney, und London ist nicht weit von hier; ich will London sehen.« Herr Abel reist nach London, kommt in ein feines Hotel und schreibt seinen Namen in das große Buch: »B. Abel aus Berlin,« mit englischen Buchstaben: {B. A-b-e-l}. Man liest seinen Namen: B. Ebel. -- Herr Abel sagt: »Man spricht meinen Namen nicht recht; ich werde meinen Namen B. Ebel schreiben,« und Herr Abel schreibt: {B. E-b-e-l}. Da liest man den Namen: B. Ibel. »Gut,« sagt Herr Abel, »ich will meinen Namen B. Ibel schreiben,« und schreibt {B. I-b-e-l} und da liest man ihn: B. Eibel. Er schreibt seinen Namen nun: {B. E-i-b-e-l}, da liest man wieder: B. Ebel wie im Beginn. »O, o,« sagte Herr Abel, »was für ein Land! Hier kann man nicht einmal meinen Namen recht sprechen! Hier bleibe ich nicht!« und nicht lange, so war Herr Abel wieder auf dem Dampfboote nach Deutschland.
Louis: Und wir müssen auch gehen. Es ist spät.
Otto: Ja, es ist spät.
Bella: Otto, vergessen Sie morgen nicht, Ihr Gedicht von Hoffmann von Fallersleben zu bringen.
* * * * *
Bella: Hui! Das ist heute schlechtes (= nicht gutes) Wetter!
Anna: Und wie trüb der Himmel ist!
Louis: Sehen Sie hier, wie das Wasser von mir tropft.
Otto: Das ist ein Regen, so habe ich lange, lange keinen (= Regen) gesehen.
Anna: Louis, haben Sie keinen -- o, was ist das Ding, das gut ist im Regen?
Otto: Ein Ding, das gut ist im Regen? Ich weiß nicht, was Sie meinen, Anna.
Anna: Ich halte das Ding so über den Kopf. Sehen Sie, so!
Otto: Ah, so; das Ding ist ein Regenschirm.
Louis: O ja; wir, das ist mein Bruder und ich, waren bei unserm Cousin; da begann es zu regnen. Cousin Karl gab uns seinen Alpakaschirm; aber der Schirm ist zu klein für zwei Personen.
Anna: Sie werden sich erkälten, Louis.
Louis: O nein, das schadet mir nichts (= das ist nicht böse für mich).
* * * * *
Otto: Da fällt mir eine Anekdote von Cherubini ein.
Louis: Was ist das: »Da fällt mir ein«?
Otto: »Da fällt mir eine Anekdote von Cherubini ein,« dafür kann ich auch sagen: »Da muß ich an eine Anekdote von Cherubini denken.« Wenn ich sage: »Sein Name fällt mir nicht ein,« so ist das: »Ich kann nicht an seinen Namen denken, ich kann seinen Namen nicht finden.«
Louis: Ich verstehe, Otto; danke.
Anna: Ist Cherubini nicht ein italienischer Komponist?
Otto: Ja wohl, Cherubini ist ein italienischer Komponist.
Bella: Er ist aber nicht so groß wie Beethoven.
Otto: O nein. Also, die Anekdote: Cherubini ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) eines Tages (= an einem Tage) aus seinem Hause. Er mußte in das Opernhaus. Es regnete (es regnet, es regnete, es hat geregnet) und Cherubini nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) seinen Regenschirm. Ein reicher Freund des Komponisten kam in einem feinen Wagen und sah Cherubini. Er ließ den Wagen halten und sagte: »Herr Cherubini, das ist ein böses Wetter. Ihr Weg zum Opernhaus ist lang, kommen Sie in meinen Wagen; mein Haus ist nicht fern von hier, ich kann gehen.« Der Freund stieg (= kam) aus dem Wagen. Cherubini stieg hinein (= in den Wagen). »Borgen (= geben) Sie mir Ihren Regenschirm, Herr Cherubini,« sagte der Freund. [IV-8]»Meinen Schirm? nein, meinen Schirm gebe ich nicht aus meiner Hand,« -- sprach der Komponist. Die Equipage rollte fort, und der gute Freund stand in Sturm und Regen.
Bella: Große Männer sind oft in böser Laune (= Humor). So war es auch oft mit Beethoven.
* * * * *
Louis: Meine Damen, mein Bruder Otto hat gestern Abend das Gedicht von Hoffmann von Fallersleben mit mir studiert. Wollen Sie es von mir hören?
Anna: Bitte, Louis.
Bella: O, ja, ja.
Louis: Soll ich beginnen? Ja? und wenn ein Wort kommt, das Sie nicht verstehen, so sagen Sie: Halt! Nicht wahr, Anna?
Anna: Sehr wohl.
Louis: Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat ---- ---- ---- ----
Anna: Halt, Louis, halt! Schäfchen? Was ist das?
Louis: Schäfchen ist ein kleines Schaf, Lämmchen ist ein kleines Lamm, und Häuschen ist ein kleines Haus. Ist das nicht recht, Otto?
Otto: Ganz recht, Louis.
Bella: Ist die Endsilbe »c_h_e_n« dasselbe, wie die Endsilbe »l_e_i_n«?
Otto: Ja wohl. Sie können von einem kleinen Baume sagen: Bäuml_e_i_n und Bäumc_h_e_n und von einer kleinen Rose: Rösl_e_i_n und Rösc_h_e_n.
Bella: Ah, ich verstehe.
Otto: Im Deutschen ist ein Wort: »Was H_ä_n_schen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.[IV-9]«
Bella: Ich verstehe: »Hans«[IV-10] ist ein Name, nicht wahr?
Otto: Ja, mein Fräulein; noch eins möchte (= will) ich sagen. Sie sagen: D_i_e Rose, d_e_r Baum, aber Sie sagen nicht: d_i_e Röslein, d_e_r Bäumchen; Sie sagen: D_a_s Röslein; d_a_s Bäumchen.
Bella: Ist »das« vor a_l_l_e_n W_ö_r_t_e_r_n mit c_h_e_n und l_e_i_n?
Otto: Ja, so ist es.
Louis: Die hat der goldne Mond Der hinter uns ---- ---- ----
Anna: Halt! H_i_n_t_e_r.
Louis: Hinter -- hinter. Ich weiß es; aber ich kann es Ihnen nicht im Deutschen sagen. Otto, bitte, hilf mir!
Otto: Anna, ist der Mond immer am Himmel?
Anna: Nein, er ist nicht immer am Himmel.
Otto: Warum können Sie den Mond oft nicht sehen wenn er am Himmel ist? Warum nicht?
Anna: Weil das Wetter oft nicht klar ist.
Otto: Und weil ein Haus vor dem Monde ist, oder ein Baum oder viele Bäume, nicht wahr?
Anna: Ja.
Otto: Nun wohl. Das Haus und die Bäume sind v_o_r dem Monde; der Mond ist h_i_n_t_e_r dem Hause und h_i_n_t_e_r den Bäumen.
Anna: O ja, ich verstehe es; im Englischen ist es dasselbe Wort -- {behind}.
Louis: Der hinter unsern Bäumen Am blauen Himmel wohnt.
Sie verstehen das Wort »wohnt«; nicht wahr? Ich wohne in der 5. Avenue; der Präsident wohnt in Washington, und der deutsche Kaiser wohnt in Berlin. So, das ist der erste Vers; nun kommt der zweite:
Er kommt am späten .....
Anna: Späten? Was ist spät? Ich habe das Wort schon gehört, aber ich habe es vergessen (ich vergesse, ich vergaß, ich habe vergessen). Was ist spät?
Louis: Spät ist nicht früh; früh ist nicht spät. Wenn ich zehn Minuten nach z_w_ö_l_f komme, dann komme ich s_p_ä_t; und komme ich zehn Minuten v_o_r zwölf, dann komme ich f_r_ü_h.
Anna: O ja, nun weiß ich es wieder.
* * * * *
Louis: Er kommt am späten Abend, Wenn alles schlafen will, Hervor aus seinem Hause Zum Himmel leis und still.
Anna: Was ist das Wort »leis«?
Otto: Es ist richtiger (= besser) zu sagen: Was b_e_d_e_u_t_e_t das Wort »leis«?
Anna: Was bedeutet das Wort »leis«?
Louis: Mein Bruder Otto sagte mir: »Leis ist nicht laut; laut ist nicht leis.« -- »Leis« ist hier ein Synonym von »still.« Die Katze geht leise, und der Dieb geht leise, wenn er stiehlt.
Bella: Aber, Louis, der Dichter (= Poet) will nicht sagen, daß der Mond wie ein Dieb geht? das ist nicht schön, nicht wahr? Der Dichter meint (= will sagen): »Der Mond kommt so still, daß wir alle schlafen können; er will uns nicht wecken.«
Otto: Ganz recht, mein Fräulein.
Anna: »Hervor aus seinem Hause.« Hat der Mond ein Haus am Himmel?
Otto: Nein; aber der Poet denkt so. In der Prosa sagen wir das nicht. Dieses ist aber keine Prosa. Dieses ist Poesie.
* * * * *
Louis: Darf ich nun den dritten Vers beginnen?
Anna: Bitte, Louis, bitte.
Louis: Dann weidet er die Schäfchen .....
Anna: Halt, Louis! Halt! Was bedeutet das Wort »weidet«?
Louis: »Er weidet« ist hier: »Er bringt.« Der Schäfer bringt die Schafe und die Lämmer an den Bach und auf die Wiese, wo das Gras ist. Der Schäfer weidet die Schafe.
Dann weidet er die Schäfchen Auf seiner blauen Flur .....
Anna: Die »blaue Flur,« ist das der Himmel?
Otto: Das ist der Himmel. Das ist wieder poetisch. Auf der Erde ist die Flur grün, denn das Gras ist grün; aber am Himmel ist die Flur blau.
Louis: Denn all die weißen Sterne Sind seine Schäfchen nur.
Anna: Was bedeutet hier das Wort »nur«? »Allein«?[IV-11]
Otto: Ich glaube (= denke), »nur« ist hier ein Synonym von »allein.« Die Sterne sind die Schafe des Mondes, nicht die Schafe der Sonne: sie sind des Mondes Schäfchen allein; sie sind des Mondes Schäfchen nur. Ich sage: Nur Shakespeare[IV-12] konnte ein Drama schreiben, wie »Hamlet«;[IV-13] das ist: er a_l_l_e_i_n konnte es und kein anderer Poet. Ich sage: N_u_r Goethe konnte ein Werk schreiben wie »Faust,« -- das ist: Er allein und kein anderer. In diesem Gedichte sagt der Dichter »nur« anstatt »allein«; er sagt »nur,« daß es sich reimt mit »Flur.« Die zweite Reihe des Verses ist:
Auf seiner blauen F_l_u_r
und die vierte: Sind seine Schäfchen n_u_r.
* * * * *
Louis: Sie thun sich nichts zu Leide, Hat ---- ---- ---- ----
Anna: Halt, mein Freund! »Leide« verstehe ich nicht.
Otto: »Leide« ist hier ein Synonym von »Böses.« Ein Schäfchen thut dem andern nichts Böses. Das ist klar, nicht wahr? Nun gut; ich kann auch sagen: Ein Schäfchen thut (ich thue, er thut, sie thut, es thut) dem andern nichts zu Leide.
Louis: Hat eins das andere gern .....
Bella: »Gern«? -- das Wort weiß ich auch nicht; alle anderen Wörter habe ich gewußt (ich weiß, ich wußte, ich habe gewußt).
Otto: Das glaube ich. »Gern«! Das ist ein Wort, das viele nicht verstehen; und unser Professor mußte lange, lange sprechen, bis wir es verstanden. »Gern,« -- hm »gern.« Wie soll ich es klar machen, daß[IV-14] Sie es verstehen? Eine Minute will ich denken. -- So, ich habe es. Bella, trinken Sie oft Milch?
Bella: Sehr oft, Otto.
Otto: Warum trinken Sie oft Milch?
Bella: Weil die Milch gut ist.
Otto: Wohl. Die Milch ist gut, und Sie trinken gerne Milch. Schmeckt die Medizin gut?
Bella: Nein, nein! Medizin ist bitter.
Otto: Medizin ist bitter. Sie trinken Medizin nicht gern. Bella, essen Sie oft Beefsteak?
Bella: Ja, sehr oft.
Otto: Warum?
Bella: Weil Beefsteak so gut schmeckt.
Otto: Oh, Beefsteak schmeckt gut. Sie essen gern Beefsteak. Die Blätter am Bäumlein sind gut für die Ziege, nicht wahr? Die Ziege ißt (ich esse, er ißt) die Blätter gern. Warum wollen Sie oft Musik hören, Bella?
Bella: Weil die Musik so schön ist.
Otto: Die Musik ist schön und Sie hören gern Musik. Louis, was ist besser, gutes Wetter oder schlechtes Wetter?
Louis: Gutes Wetter.
Otto: Gutes Wetter ist besser. Du, mein lieber Louis, hast das gute Wetter gern; ich habe das gute Wetter auch gern. Das schlechte Wetter habe ich nicht gern.
Bella: Oh, nun verstehe ich Sie, Otto. Was gut ist für mein Ohr, das höre ich gern; was gut ist für mein Auge, das sehe ich gern. Alles was gut ist, habe ich gern, und alles, was nicht gut ist und nicht schön, habe ich nicht gern.
Otto: So ist es. Viele Leute sagen: »Ich liebe, Beefsteak zu essen.« O, Bella, Anna und Louis! Sagen Sie das nicht. Sagen Sie nie: »Ich liebe, Milch zu trinken.« Sagen Sie: »Ich esse gern Beefsteak, ich trinke gern Milch, oder Kaffee, oder Thee, oder Wein; ich habe gern schönes Wetter.« »Ich liebe« ist mehr, als »ich habe gern.« Man sagt: »Ich liebe meine Mutter und meinen Vater, meinen Onkel und meine Tante; ich liebe meinen Bruder, meine Schwester, meine Freundin und meinen Freund.« Nun, ein Stern liebt den andern, nicht wahr? Dafür kann ich auch sagen:[IV-15] »Ein Stern hat den andern gern,« und so sagt der Poet hier.
Louis: O, das ist klar. Das verstehen wir; nicht wahr, Anna?
Anna: Ja wohl.
* * * * *
Louis: Sie thun sich nichts zu Leide, Hat eins das andre gern. Und Schwestern sind und Brüder Da droben Stern an Stern.
Anna: Was bedeutet das Wort »droben«?
Louis: Das kann ich Ihnen sagen, Anna. »Droben« ist »am Himmel.«
Otto: »Da droben« und »droben« ist dasselbe. Oben ist der Himmel, unten ist die Erde. Oben ist die Sonne, unten ist der Baum. Louis, wo ist in unserm Hause der Salon?
Louis: Unser Salon ist unten im Hause.
Bella: Ist »Salon« ein deutsches Wort?
Otto: Wir sagen es im Deutschen. Hier sagen wir »Parlor.« Der »Parlor« ist das schönste Zimmer; »Salon« ist dasselbe.
Louis: Unser Salon zum Schlafen ist oben.
Otto: Das ist recht. Aber wir sagen nicht »Salon zum Schlafen,« sondern »Schlafzimmer.« In diesem Zimmer sind viele Bücher; das ist ein Bibliothekzimmer. Ich studiere in meinem Studierzimmer. Im Colleg und in der Schule sind viele Schulzimmer.
Bella: Darf ich Sie einmal fragen, Otto?
Otto: Bitte, mein Fräulein, fragen Sie doch!
Bella: Was ist das?
Ich weiß ein grünes Haus, Weiß sehn die Wände (1 Wand, 2 Wände) aus. Rot sind die Zimmerlein. Es wohnen kleine Neger drein.
Was ist das?
Louis: Das ist eine Wassermelone.
Bella: Louis! Sie sind zu schnell.
Otto: Kennen Sie die Anekdote von dem deutschen Professor und dem Engländer?
Alle: Nein. O bitte, erzählen Sie uns die Anekdote. Bitte, bitte.
Otto: In einem Hause wohnte (ich wohne, ich wohnte, ich habe gewohnt) ein Engländer und ein deutscher Professor der Philosophie; im Zimmer oben der Philosoph, unten der Engländer. Der Lord war sehr reich und oft in böser Laune (= Humor). Dann sandte (ich sende, ich sandte, ich habe gesendet) er nach dem Doktor. Der Doktor kommt, sieht (ich sehe, er sieht) den fetten Lord, fühlt den Puls und sagt: »Mein Herr, Sie sind nicht krank. Gehen Sie mehr aus in den Park, in den Wald, in das Feld.« »Das kann ich nicht,« sagt der Lord, »aber ich kann mir hier einen Wald machen, hier in meinem Zimmer.« Und das that (ich thue, ich that, ich habe gethan) er auch. Man brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) ihm Bäume in sein Zimmer, wilde Schwäne, Gänse, Hühner (= Hennen). Die schießt er mit seiner Pistole und ruft: Halloo! Halloo! und machte (ich mache, ich machte, ich habe gemacht) solchen Lärm, daß der Philosoph nicht studieren konnte. Der kommt zum Engländer und sagt: »Mein Herr, der Lärm im Hause ist sehr groß; ich kann ja nicht studieren.« »Sehr wohl, Herr Professor, dieses ist mein Zimmer, und in meinem Zimmer thue ich, was ich will.« »So?« »Ja, so!« und der Professor der Philosophie macht: »Hm, hm!« sagt kein Wort mehr und geht.
Nicht lange nachher, da tropfte es in des Engländers Zimmer; erst wenig Wasser, dann mehr und mehr. »Was ist denn das,« denkt der Engländer und geht hinauf (= nach oben) in das Haus und sieht in des Philosophen Zimmer Wasser, viel Wasser; und in dem Wasser Fische. Der Philosoph aber steht da und fischt. »Mein Herr, was thun Sie hier? Sie machen meinen Wald zum See.« »Sehr wohl, mein Lord. Dieses ist mein Zimmer und in meinem Zimmer thue ich, was ich will.« Der Engländer macht: »Hm, hm! So, so,« und sagt: »Herr Professor, das kann so nicht gehen. Lassen (= enden) Sie das Fischen, so lasse ich das Schießen.« »Sehr wohl, mein Lord,« sagte der Philosoph und lachte (ich lache, ich lachte, ich habe gelacht), und mit ihm lachte der Lord, und beide waren Freunde.
Louis: Das war klug (= weise) von dem Philosophen.
Otto: Diese Anekdote habe ich in einem Gedichte gelesen.
Louis: Nun sage ich das Ende des Gedichtes:
Wenn ich gen Himmel schaue .....
Otto: Das ist: Wenn ich zum Himmel sehe.
Anna: Ist »schauen« ein Synonym von »sehen«?
Otto: So ist es.
Louis: So fällt mir immer ein, O, laßt uns auch so freundlich Wie diese Schäfchen sein.
Anna: Was ist das, »freundlich«?
Otto: Wir wollen Freunde sein, wie diese Schäfchen, -- das ist: Wir wollen freundlich sein.
Bella: Der Engländer war erst kein Freund des Professors und er war nicht freundlich. Am Ende waren sie Freunde, und dann waren sie freundlich.
Otto: Sehr gut, Bella. So hier ist ein Buch. Der Titel ist: »Gedichte von Hoffmann von Fallersleben.« Sehen Sie? Und hier ist unser Gedicht. Wer will es lesen?
Louis: Anna, lesen Sie es laut vor, bitte!
Anna: Wer hat die schönsten Schäfchen? Die hat der goldne Mond, Der hinter unsern Bäumen Am blauen Himmel wohnt.
Er kommt am späten Abend, Wenn alles schlafen will, Hervor aus seinem Hause Zum Himmel leis und still.
Dann weidet er die Schäfchen Auf seiner blauen Flur; Denn all die weißen Sterne Sind seine Schäfchen nur.
Sie thun sich nichts zu Leide, Hat eins das andre gern, Und Schwestern sind und Brüder Da droben Stern an Stern.
Wenn ich gen Himmel schaue So fällt mir immer ein, O, laßt uns auch so freundlich Wie diese Schäfchen sein.
Bella: Das Gedicht ist wundervoll.
Otto: Und als Freunde wollen wir nun nach Hause gehen. Adieu, meine Damen.
Bella und Anna: Adieu! Adieu!
Otto: Bevor ich gehe, muß ich Ihnen noch sagen: Morgen kommt Herr Meister wieder.
Alle: O, das ist gut! Das ist schön!
Zweiter Teil.
*V.*
Anna: Herr Meister! Herr Meister!
Bella: O, ich bin so froh, daß Sie kommen, Herr Meister!
Louis: Können Sie wieder gut sprechen, Herr Meister?
Otto: Wie geht es Ihnen heute, Herr Meister?
Herr Meister: Danke, meine Freunde, gut (= es geht mir gut). Ich bin sehr glücklich (= sehr froh), Sie wieder zu sehen. Ja, ich bin wieder wohl und kann wieder gut sprechen. Wollen Sie mich hören?
Alle: Bitte, Herr Meister, bitte.
Herr Meister: Eine Mutter hatte zwei Töchter. Die eine war schön wie die Rose, und die andere war häßlich (= nicht schön) wie die Nacht. Die Mutter war gut mit der einen Tochter, die häßlich war, und war böse mit der andern, die schön war. Die Schöne mußte arbeiten im Hause und im Garten vom Morgen bis zum Abend; sie hatte nie Rast. Die Häßliche arbeitete (ich arbeite, ich arbeitete, ich habe gearbeitet) nicht; sie konnte nicht, sie war so dumm (= nicht weise, klug). Da war ein kleiner Garten vor dem Hause, und in dem Garten waren viele Bäume und unter dem größten (= Baume) war ein Brunnen. Hier saß (ich sitze, ich saß, ich habe gesessen) die schöne Tochter oft beim Spinnrade und spann (ich spinne, ich spann, ich habe gesponnen) Flachs.
»Ach, warum ist meine Mutter so böse mit mir? Ich thue alles, was ich kann, aber ich höre kein gutes Wort. Ach, lieber Gott, hilf mir!« So sprach sie und hatte nicht auf die Spindel gesehen und stach (ich steche, ich stach, ich habe gestochen) sich in den Finger, und das Blut rann auf die Spindel.
Und an dem Brunnen wollte sie die Spindel abwaschen, da fiel (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen) die Spindel in das Wasser.
Sie kam zu ihrer Mutter und sagte: »O Mutter, meine Spindel ist in das Wasser gefallen! Was soll ich thun?« »Was thun?« sagte die Mutter, »springe in den Brunnen und hole (= bringe) die Spindel. Komm nicht wieder in mein Haus, bevor du die Spindel hast.«
Und das Mädchen ging (ich gehe, ich ging, ich bin gegangen) an den Brunnen und sah auf den Grund. Da war es so klar, aber die Spindel sah sie nicht (ich sehe, ich sah, ich habe gesehen). Sie sah tiefer und tiefer, da fiel sie in den Brunnen (ich falle, ich fiel, ich bin gefallen). Die Mutter kam, ihre Tochter war nicht mehr da.
Aber unter dem Brunnen war eine große Wiese, und dahin war sie gekommen. Da war es schön. Die Sonne stand am Himmel, und der Himmel war klar, und viele Bäume standen auf der Wiese mit roten Äpfeln. Und ein Baum rief (= sagte laut): »Meine Äpfel (1 Apfel, 2 Äpfel) sind reif! Meine Äpfel sind reif!« Und das Mädchen schüttelte (ich schüttele, ich schüttelte, ich habe geschüttelt) den Baum, daß alle Äpfel in das Gras fielen. Dann kam sie an einen Backofen, in dem Backofen war Brot und das Brot rief (ich rufe, ich rief, ich habe gerufen): »Ich bin gut gebacken! gut gebacken!« Und das Mädchen nahm (ich nehme, ich nahm, ich habe genommen) das Brot aus dem Backofen.
Dann kam sie an ein kleines Haus. Davor stand das alte Weib, Frau Holle. »Schönes Mädchen,« sagte sie, »komm in mein Haus. Bleib' bei mir, hilf mir (ich helfe, du hilfst) und du sollst es hier gut haben.« Da sagte das Mädchen: »Ich will dir helfen, so gut ich kann.« »Das ist brav,« sagte die Alte.
Und das Mädchen kam in das Haus und half der alten Frau. Sie mußte jeden Tag das Bett (von) der alten Frau machen und die Federn gut schütteln. Alles that (ich thue, ich that, ich habe gethan) sie gut, aber sie war doch traurig. Das sah die Frau eine Weile, dann fragte sie: »Warum so traurig, meine Tochter?« »Ach,« sagte sie, »hier ist es schön, und du bist gut und lieb, und ich habe alles, was ich will; nur eines nicht -- ich habe keine Freundinnen, ich bin allein.« »Wohl,« sagte Frau Holle, »so komm mit mir.«
Sie gingen in einen großen Garten und gingen bis an das Ende. Hier sagte Frau Holle: »Meine Tochter, ich war mit dir zufrieden, und so sollst du auch mit mir zufrieden sein!« Sie winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Regen von Wasser, es war ein Regen von Gold. »Lebewohl,« rief die Alte und war aus dem Garten. Das schöne Mädchen aber stand wieder am Brunnen, im kleinen Garten vor dem Hause. Sie ging hinein (= in das Haus), und da war ihre Mutter und ihre häßliche Schwester. Sie wunderten sich über das Gold und hörten alles.
* * * * *
»Ich muß auch Gold haben, Mutter,« rief die häßliche Tochter. »Ja, du mußt auch Gold haben,« sagte die Mutter. »Geh' auch in den Brunnen und auf die Wiese.« Und sie (= die häßliche Tochter) that so und kam auf die Wiese.
Da waren die Bäume mit den Äpfeln. Der eine Baum rief »Schüttele mich! Schüttele mich!« Das Mädchen aber sagte: »O nein; ich kam nicht hierher, Bäume zu schütteln.« Und sie kam an den Backofen. Da rief das Brot: »Ich bin gut gebacken! gut gebacken! Nimm mich (ich nehme, du nimmst) heraus (= aus dem Backofen).« »Das thue ich nicht,« sagte das Mädchen, »ich werde voll Asche. Dann kam sie an das kleine Haus. Die alte Frau fragte (ich frage, ich fragte, ich habe gefragt): »Was willst du hier?« und das Mädchen sagte: »Ich will bei dir sein.« »Bei mir mußt du arbeiten.« »Arbeiten?« »Ja, du mußt gut arbeiten und viel, und jeden Morgen mußt du mein Bett machen und die Federn gut schütteln.«
Und am ersten Morgen war das Mädchen gut, am nächsten Morgen auch; am dritten Morgen nicht so gut, und am vierten Morgen hatte sie geschlafen, da die Sonne längst am Himmel stand. Da sagte die alte Frau: »Komm mit mir.« »Ha, nun kommt das Gold,« dachte (ich denke, ich dachte, ich habe gedacht) das Mädchen. Die Alte sagte: »Ich will dich nicht länger (lang, länger, längst) in meinem Hause haben. Geh'!« »Ja, ich will gehen,« sagte das Mädchen, »aber ich will mein Gold.« »Dein Gold?« Und die Alte winkte mit der Hand, da fiel ein Regen. Aber das war kein Goldregen, das war ein böser Stoff; davon wurde sie noch häßlicher, als zuvor. »Geh',« rief die Alte, »geh'!« und im Augenblick (= Moment) war sie wieder oben im alten Garten, bei dem Brunnen vor ihrem Hause.
Anna: Bitte, Herr Meister, erzählen (= sprechen) Sie noch mehr.
Herr Meister: Die Erzählung (ich erzähle, die Erzählung) ist zu Ende. Mehr weiß ich nicht.
Otto: Die Erzählung ist sehr schön. Ich habe sie (= die Erzählung) oft und gern in Grimms »Märchenbuch« gelesen.
Anna: Was für ein Buch ist das?
Herr Meister: Ein Märchenbuch ist ein Buch mit Märchen; und ein Märchen ist eine Erzählung, wie diese von Frau Holle.
Anna: Sind viele Märchen in diesem Buche von Grimm?
Herr Meister: Ja, sehr viele, und die meisten (viel, mehr, am meisten) sind schön. Die beiden Brüder, Jakob Grimm und Wilhelm Grimm, haben uns die m_e_i_s_t_e_n Märchen und die s_c_h_ö_n_s_t_e_n Märchen gegeben.
* * * * *
Louis: Leben die Brüder Grimm noch?