Studien und Plaudereien. First Series
Chapter 12
Louis: Bitte, Herr Meister, vergessen Sie nicht, von dem Pakete in Ihrer Hand zu sprechen.
Bella: Louis! Sie sind sehr ungeduldig!
Herr Meister: Es war gut, Louis, daß Sie von dem Pakete sprachen, ich hätte es vergessen. Ich habe Ihnen noch so viel zu sagen, Fräulein Bella, aber wir sehen uns ja wieder, nicht wahr? und ich hoffe, bald. Damit Sie aber oft an diese schönen Stunden denken, habe ich Ihnen d_i_e_s_e_s mitgebracht. Ich öffne nun das Paket hier.
Anna: O, wie schön!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, Fräulein Bella.
Bella: Ich danke Ihnen aus vollem Herzen, Herr Meister. »Goethes Gedichte.« Wie schön! Und Sie haben auch etwas geschrieben: »Zum Andenken schöner Stunden.«
Herr Meister: Dieses Buch, Fräulein Anna, ist für Sie.
Anna: Ich danke Ihnen viel, vielmal, Herr Meister. »Schillers Gedichte«! -- und hier steht: »Denken Sie oft an Ihren Freund W. Meister.« O, wie schön das ist, und wie glücklich ich bin!
Herr Meister: Dieses Buch ist für Sie, mein lieber Louis, lesen Sie?
Louis: »Märchen von Grimm.« O, Herr Meister! Darüber freue ich mich aber sehr! »Dornröschen,« -- hier ist »Dornröschen,« Otto, und hier »Aschenputtel,« und hier ....., sieh, Otto, o sieh!
Bella: Louis' Freude ist so groß, das er vergißt (ich vergesse, er vergißt), Herrn Meister zu danken.
Louis: O, Herr Meister, ich danke Ihnen recht herzlich!
Herr Meister: Und für Sie, Freund Otto, habe ich einen Roman von Paul Heyse: »Die Kinder der Welt.«
Otto: Von Paul Heyse und von »Kinder der Welt« habe ich schon so viel gehört. Herr Meister, ich danke Ihnen für Ihre Güte!
Anna: Kann ich wohl die Gedichte von Schiller verstehen, Herr Meister?
Herr Meister: Nicht alle, mein Fräulein, aber viele. Sehen Sie, hier ist ein wundervolles Gedicht: »Die Bürgschaft.« Das müssen Sie lesen, ich will Ihnen ein wenig davon erzählen.
Alle: Ja, thun Sie das, Herr Meister.
* * * * *
Herr Meister: Syrakus war eine Republik, aber Dionys hatte sich zum König gemacht; darum wollte Damon ihn töten und ging mit einem Dolche in den Palast des Königs. Aber des Königs Männer sahen ihn und brachten ihn gebunden (binden, gebunden) vor den König. Der König sprach: »Du mußt sterben.« »So will ich sterben,« sagte Damon. »Ich mag nicht leben unter einem König, ich mag nicht leben in einer Monarchie. Frei will ich leben und frei sterben. Doch, -- ich bitte dich, o König, gieb mir nur drei Tage Zeit zum Leben, daß ich erst für meine Schwester sorgen und ihr einen Gatten (= Mann) geben kann. Ich komme wieder nach drei Tagen. Mein Freund wird dir so lange bleiben.« Der König aber dachte eine Weile, lächelte und sprach: »Drei Tage will ich dir Freiheit geben und Leben, so du den Freund mir bringst. Doch kommst du nicht wieder zur Zeit, dann muß der Freund für dich sterben, -- du aber gehst frei.«
Damon kam zum Freunde und sagte ihm alles und fragte ihn dann: »Willst du, o Freund, für mich zum König gehen und bleiben bis ich wieder komme?« Und der Freund sprach kein Wort, umarmte ihn und ging zum Könige. Damon aber ging zur Schwester und sorgte für sie.
Und am dritten Morgen, früh, ging Damon vom Hause der Schwester auf den Weg nach Syrakus. Aber es hatte lange geregnet (es regnet, es regnete, es hat geregnet), und es regnete noch immer, und der Regen wurde stärker und stärker (stark, stärker). So kam Damon an den Strom, aber das Wasser war wild und stark und hatte die Brücke hinweggerissen, und da war auch kein Schiffer, und da war kein Boot, ihn über das Wasser zu bringen. Und auf und ab ging er am Ufer und rief laut nach einem Schiffer. Aber kein Schiffer kam. Da sank (ich sinke, ich sank, ich bin gesunken) er auf die Kniee und rief zu seinem Gott: »O, sende mir Hilfe, sende mir Hilfe, mein Gott! Es ist ja schon Mittag, und wenn die Sonne niedergeht und ich bin nicht in der Stadt, so muß der teure, teure Freund für mich sterben.« Aber Hilfe kam nicht, der Strom ward wilder. Damon denkt an den Freund und springt in den Strom und schwimmt und kommt an das andere Ufer und eilt weiter und dankt Gott und kommt in einen dunklen Wald. Da kamen Räuber auf ihn zu. Er aber tötet (Tod, tötet) drei von ihnen mit einem Schlage. Das sehen die anderen, fürchten sich und rennen fort.
Damon aber kann nicht mehr stehen, er sinkt zur Erde vor Durst, denn die Sonne schien (scheinen, schien) heiß. Und wieder betete er zu Gott: »O, Gott! Du hast mich gerettet aus den Händen der Räuber, du hast mich gerettet aus dem wilden Strome! Soll ich hier nun sterben vor Durst?« Aber da hörte er nahe bei sich Wasser rinnen aus einer Quelle. Er trinkt, er wird frisch und eilt weiter.
Nun ist es spät am Tage. Zwei Männer sieht er. Die kommen von Syrakus, und er hörte sie sagen: »Jetzt schlagen sie ihn ans Kreuz.« Sie sprachen von seinem Freunde, und er eilte noch mehr, -- weiter, weiter. Es ist Abend, und da ist er vor der Stadt. Da kommt sein Diener und ruft: »Zurück, Herr! du kommst zu spät. Soeben (= in dieser Minute) töten sie deinen Freund. Der König hatte den Freund verlacht, aber der Freund wußte, du würdest kommen.« Da rief Damon: »Und ist es zu spät, und kann ich den Freund nicht mehr retten, so will ich mit ihm sterben!«
So ruft er und eilt in die Stadt. Da will man eben den Freund ans Kreuz schlagen. Damon aber ruft: »Haltet! Haltet! Hier bin ich; ich, Damon, bin hier. Hier bin ich!«
Die beiden Freunde umarmen sich und weinen vor Freude und vor Schmerzen (= Leid); und die Tausende von Menschen, sie alle, die da stehen, sie weinen. Und der König hört das Wunderbare, und man führt (= bringt) die beiden Freunde vor ihn. Er sieht (ich sehe, er sieht) sie lange, lange an. Dann sagt er: »Ich sehe, -- ja, ich sehe -- es giebt (= es sind) Freunde in der Welt. Ich bitte euch, nehmet auch mich zu eurem Freunde!«
Louis: Ist das das Ende?
Bella: Herr Meister, das ist sehr, sehr schön.
Anna: Ja, das ist schön.
Louis: Damon war ein guter Mensch.
Otto: Und sein Freund auch.
Herr Meister: Ich freue mich, daß Ihnen »die Bürgschaft« gefällt. Sie werden noch viel, viel schönes in Ihren Büchern finden. Lesen Sie, meine Freunde, lesen Sie! So, nun muß ich Ihnen auf lange Zeit Adieu sagen. Leben Sie wohl, meine Freunde!
Otto: Leben Sie wohl, Herr Meister!
Louis: Leben Sie wohl!
Anna: Adieu, Herr Meister!
Bella: Reisen Sie mit Gott!
Gedichte.
Gefunden.
Ich ging im Walde So für mich hin, Und nichts zu suchen, Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich Ein Blümchen stehn, Wie Sterne leuchtend, Wie Äuglein schön.
Ich wollt' es brechen, Da sagt' es fein: Soll ich zum Welken Gebrochen sein?
Ich grub's mit allen Den Würzlein aus, Zum Garten trug ich's Am hübschen Haus.
Und pflanzt' es wieder Am stillen Ort; Nun zweigt es immer Und blüht so fort.
G_o_e_t_h_e.
Leise zieht durch mein Gemüt.
Leise zieht durch mein Gemüt Liebliches Geläute, Klinge, kleines Frühlingslied, Kling' hinaus ins Weite.
Kling' hinaus bis an das Haus, Wo die Blumen sprießen. Wenn du eine Rose schaust, Sag' ich lass' sie grüßen.
H_e_i_n_e.
Des Knaben Berglied.
Ich bin vom Berg der Hirtenknab' Seh' auf die Schlösser all herab; Die Sonne strahlt am ersten hier, Am längsten weilet sie bei mir; Ich bin der Knab' vom Berge!
Hier ist des Stromes Mutterhaus, Ich trink' ihn frisch vom Stein heraus; Er braust vom Fels im wilden Lauf, Ich fang ihn mit den Armen auf; Ich bin der Knab' vom Berge!
Der Berg, der ist mein Eigentum Da ziehn die Stürme rings herum; Und heulen sie von Nord und Süd, So überschallt sie doch mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge!
Und wann die Sturmglock' einst erschallt, Manch Feuer auf den Bergen wallt, Dann steig' ich nieder, tret' ins Glied Und schwing' mein Schwert und sing' mein Lied: Ich bin der Knab' vom Berge!
U_h_l_a_n_d.
Der gute Kamerad.
Ich hatt' einen Kameraden, Einen bessern findst du nit. Die Trommel schlug zum Streite, Er ging an meiner Seite, In gleichem Schritt und Tritt.
Eine Kugel kam geflogen: Gilt's mir oder gilt es dir? Ihn hat es weggerissen; Er liegt mir zu den Füßen, Als wär's ein Stück von mir.
Will mir die Hand noch reichen, Derweil ich eben lad'; »Kann dir die Hand nicht geben, Bleib' du im ew'gen Leben, Mein guter Kamerad!«
U_h_l_a_n_d.
Schäfers Sonntagslied.
Das ist der Tag des Herrn. Ich bin allein auf weiter Flur; Noch eine Morgenglocke nur: Nun Stille nah und fern.
Anbetend knie' ich hier. O süßes Graun, geheimes Wehn! Als knieten viele ungesehn Und beteten mit mir.
Der Himmel nah und fern, Er ist so klar und feierlich, So ganz, als wollt' er öffnen sich. Das ist der Tag des Herrn.
U_h_l_a_n_d.
Zur Nacht.
Gute Nacht! Allen Müden sei's gebracht. Neigt der Tag sich still zu Ende, Ruhen alle fleiß'gen Hände, Bis der Morgen nun erwacht. Gute Nacht!
Geht zur Ruh, Schließt die müden Augen zu! Stiller wird es auf den Straßen, Und den Wächter hört man blaßen; Und die Nacht ruft allen zu: Geht zur Ruh!
Schlummert süß, Träumt euch euer Paradies! Wenn die Liebe raubt den Frieden, Sei ein schöner Traum beschieden, Als ob Liebchen ihn begrüß'. Schlummert süß!
Gute Nacht! Schlummert, bis der Tag erwacht, Schlummert, bis der neue Morgen Kommt mit seinen neuen Sorgen, Ohne Furcht, der Vater wacht. Gute Nacht!
T_h_e_o_d_o_r K_ö_r_n_e_r.
Wanderschaft.
Das Wandern ist des Müllers Lust, Das Wandern! Das muß ein schlechter Müller sein, Dem niemals fiel das Wandern ein, Das Wandern.
Vom Wasser haben wir's gelernt, Vom Wasser! Das hat nicht Rast bei Tag und Nacht, Ist stets auf Wanderschaft bedacht, Das Wasser.
Das sehn wir auch den Rädern ab, Den Rädern! Die gar nicht gerne stille stehn, Die sich mein Tag nicht müde drehn, Die Räder.
Die Steine selbst, so schwer sie sind, Die Steine! Sie tanzen mit den muntern Reihn Und wollen gar noch schneller sein, Die Steine.
O Wandern, Wandern, meine Lust! O Wandern! Herr Meister und Frau Meisterin, Laß mich im Frieden weiter ziehn Und wandern.
W_i_l_h_e_l_m M_ü_l_l_e_r.[G-1]
Der Hirtenknabe.
König ist der Hirtenknabe, Grüner Hügel ist sein Thron; Über seinem Haupt die Sonne Ist die große goldne Kron'.
Ihm zu Füßen liegen Schafe, Weiche Schmeichler, rotbekreuzt; Kavaliere sind die Kälber, Und sie wandern stolzgespreizt.
Hofschauspieler sind die Böcklein; Und die Vögel und die Küh', Mit den Flöten, mit den Glöcklein, Sind die Kammermusici.
Und das klingt und singt so lieblich, Und so lieblich rauschen drein Wasserfall und Tannenbäume, Und der König schlummert ein.
Unterdessen muß regieren Der Minister, jener Hund, Dessen knurriges Gebelle Wiederhallet in der Rund'.
Schläfrig lallt der junge König: Das Regieren ist so schwer; Ach, ich wollt', daß ich zu Hause Schon bei meiner Kön'gin wär'!
In den Armen meiner Kön'gin Ruht mein Königshaupt so weich, Und in ihren schönen Augen Liegt mein unermeßlich Reich!
H_e_i_n_e.
Siegfrieds Schwert.
Jung Siegfried war ein stolzer Knab', Ging von des Vaters Burg herab.
Wollt' rasten nicht in Vaters Haus, Wollt' wandern in die Welt hinaus.
Begegnet' ihm manch Ritter wert Mit festem Schild und breitem Schwert.
Siegfried nur einen Stecken trug, Das war ihm bitter und leid genug.
Und als er ging im finstern Wald, Kam er zu einer Schmiede bald.
Da sah er Eisen und Stahl genug, Ein lustig Feuer Flammen schlug.
»O Meister, liebster Meister mein, Laß' du mich deinen Gesellen sein,
Und lehr' du mich mit Fleiß und Acht, Wie man die guten Schwerter macht!«
Siegfried den Hammer wohl schwingen könnt', Er schlug den Amboß in den Grund.
Er schlug, daß weit der Wald erklang, Und alles Eisen in Stücke sprang.
Und von der letzten Eisenstang' Macht er ein Schwert so breit und lang:
»Nun hab' ich geschmiedet ein gutes Schwert, Nun bin ich wie andre Ritter wert.
Nun schlag' ich, wie ein andrer Held, Die Riesen und Drachen in Wald und Feld.«
U_h_l_a_n_d.
Barbarossa.
Der alte Barbarossa, Der Kaiser Friederich, Im unterird'schen Schlosse Hält er verzaubert sich.
Er ist niemals gestorben, Er lebt darin noch jetzt; Er hat, im Schloß verborgen, Zum Schlaf sich hingesetzt.
Er hat hinabgenommen Des Reiches Herrlichkeit Und wird einst wiederkommen Mit ihr zu seiner Zeit.
Der Stuhl ist elfenbeinern, Darauf der Kaiser sitzt; Der Tisch ist marmorsteinern, Worauf sein Haupt er stützt.
Sein Bart ist nicht von Flachse, Er ist von Feuersglut, Ist durch den Tisch gewachsen, Worauf sein Kinn ausruht.[G-2]
Er nickt als wie im Traume, Sein Aug' halb offen zwinkt; Und je nach langem Raume Er einem Knaben winkt.
Er spricht im Schlaf zum Knaben: Geh' hin vors Schloß, o Zwerg, Und sieh, ob noch die Raben Herfliegen um den Berg.
Und wenn die alten Raben Noch fliegen immerdar, So muß ich auch noch schlafen Bezaubert hundert Jahr'.
R_ü_c_k_e_r_t.
Lied des Fischerknaben.
Es lächelt der See, er ladet zum Bade, Der Knabe schlief ein am grünen Gestade. Da hört er ein Klingen, Wie Flöten so süß, Wie Stimmen der Engel Im Paradies.
Und wie er erwachet in seliger Lust, Da spülen die Wasser ihm um die Brust, Und es ruft aus den Tiefen: Lieb Knabe, bist mein! Ich locke den Schläfer, Ich zieh' ihn herein.
Aus S_c_h_i_l_l_e_r_s Wilhelm Tell.
Der Fischer.
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Ein Fischer saß daran, Sah nach dem Angel ruhevoll, Kühl bis ans Herz hinan. Und wie er sitzt und wie er lauscht, Teilt sich die Flut empor; Aus dem bewegten Wasser rauscht Ein feuchtes Weib hervor.
Sie sang zu ihm, sie sprach zu ihm: »Was lockst du meine Brut Mit Menschenwitz und Menschenlist Hinauf in Todesglut? Ach, wüßtest du, wie's Fischlein ist So wohlig auf dem Grund, Du stiegst herunter, wie du bist Und würdest erst gesund.
»Labt sich die liebe Sonne nicht, Der Mond sich nicht im Meer? Kehrt wellenatmend ihr Gesicht Nicht doppelt schöner her? Lockt dich der tiefe Himmel nicht, Das feuchtverklärte Blau? Lockt dich dein eigen Angesicht Nicht her in ew'gen Tau?«
Das Wasser rauscht', das Wasser schwoll, Netzt' ihm den nackten Fuß; Sein Herz wuchs ihm so sehnsuchtsvoll, Wie bei der Liebsten Gruß. Sie sprach zu ihm, sie sang zu ihm; Da war's um ihn geschehn: Halb zog sie ihn, halb sank er hin, Und ward nicht mehr gesehn.
G_o_e_t_h_e.
Erlkönig.
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind; Er hat den Knaben wohl in dem Arm, Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? -- Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht? Den Erlenkönig mit Kron' und Schweif? Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. --
»Du liebes Kind, komm, geh' mit mir! Gar schöne Spiele spiel' ich mit dir; Manch bunte Blumen sind an dem Strand; Meine Mutter hat manch gülden Gewand.«
Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht, Was Erlenkönig mir leise verspricht? -- Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind; In dürren Blättern säuselt der Wind. --
»Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn? Meine Töchter sollen dich warten schön; Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn, Und wiegen und tanzen und singen dich ein.«
Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort Erlkönigs Töchter am düstern Ort? -- Mein Sohn, mein Sohn, ich seh' es genau; Es scheinen die alten Weiden so grau. --
»Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt; Und bist du nicht willig, so brauch' ich Gewalt.« Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an! Erlkönig hat mir ein Leids gethan. --
Dem Vater grauset's, er reitet geschwind, Er hält in Armen das ächzende Kind, Erreicht den Hof mit Müh und Not, In seinen Armen das Kind war tot.
G_o_e_t_h_e.
Das Mädchen aus der Fremde.
In einem Thal bei armen Hirten Erschien mit jedem jungen Jahr, Sobald die ersten Lerchen schwirrten Ein Mädchen, schön und wunderbar.
Sie war nicht in dem Thal geboren, Man wußte nicht, woher sie kam, Und schnell war ihre Spur verloren, Sobald das Mädchen Abschied nahm.
Beseligend war ihre Nähe, Und alle Herzen wurden weit; Doch eine Würde, eine Höhe Entfernte die Vertraulichkeit.
Sie brachte Blumen mit und Früchte, Gereift auf einer andern Flur, In einem andern Sonnenlichte, In einer glücklichern Natur.
Und teilte jedem eine Gabe, Dem Früchte, jenem Blumen aus; Der Jüngling und der Greis am Stabe, Ein jeder ging beschenkt nach Haus.
Willkommen waren alle Gäste; Doch nahte sich ein liebend Paar, Dem reichte sie der Gaben beste, Der Blumen allerschönste dar.
S_c_h_i_l_l_e_r.
Der Glücksvogel.
Es fliegt ein Vogel in dem Hain, Und singt und lockt: Man soll' ihn fangen. Es fliegt ein Vogel in dem Hain, Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein, In die Welt und über die See. Und könnte wer den Vogel fangen, Der würde frei von aller Pein, Von aller Pein und Weh!
Es fliegt der Vogel in dem Hain, »O, könnt' ich mir den Vogel fangen!« Es fliegt der Vogel in dem Hain, Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein, In die Welt und über die See. »O, könnt' ich mir den Vogel fangen, So würd' ich frei von aller Pein, Von aller Pein und Weh!«
Der Knabe lief wohl in den Hain, »Ich will den schönen Vogel fangen.« Der Vogel flog wohl aus dem Hain, Aus dem Hain in den Wald, in die Welt hinein, In die Welt und über die See. Und hat der Knab' ihn erst gefangen, So wird er frei von aller Pein, Von aller Pein und Weh!
A_d_e_l_b_e_r_t v_o_n C_h_a_m_i_s_s_o.
Warnung vor dem Rhein.
An den Rhein, an den Rhein, zieh' nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut! Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudig der Mut.
Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei, Als wär' es ein adlig Geschlecht: Gleich bist du mit glühender Seele dabei, So dünkt es dich billig und recht.
Und zu Schiffe, wie grüßen die Burgen so schön, Und die Stadt mit dem ewigen Dom! In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnder Höhe Und blickst hinab in den Strom!
Und im Strome, da tauchet die Nix' aus dem Grund, Und hast du ihr Lächeln gesehn, Und grüßt dich die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, so ist es geschehn.
Dich bezaubert der Laut, dich bethört der Schein, Entzücken faßt dich und Graun: Nun singst du immer: Am Rhein, am Rhein, Und kehrst nicht wieder nach Haus.
K_a_r_l S_i_m_r_o_c_k.
Alt Heidelberg, du feine.
Alt Heidelberg, du feine, Du Stadt an Ehren reich, Am Neckar und am Rheine Kein' andre kommt dir gleich.
Stadt fröhlicher Gesellen, An Weisheit schwer und Wein, Klar ziehn des Stromes Wellen, Blauäuglein blicken drein.
Und kommt aus lindem Süden Der Frühling übers Land, So webt er dir aus Blüten Ein schimmernd Brautgewand.
Auch mir stehst du geschrieben Ins Herz, gleich einer Braut, Es klingt wie junges Lieben Dein Name mir so traut.
Und stechen mich die Dornen, Und wird mir's drauß zu kahl, Geb' ich dem Roß die Spornen Und reit' ins Neckarthal.
J_o_s. V_i_c_t_o_r S_c_h_e_f_f_e_l.
Tables of Grammar.
Die einzelnen Paragraphen enthalten das in den Unterrichtsstunden gewonnene Resultat und müssen Eigenthum des Schülers werden. -- E_s s_o_l_l a_b_e_r i_h_r I_n_h_a_l_t, s_o w_i_e ü_b_e_r_h_a_u_p_t j_e_d_e s_p_r_a_c_h_l_i_c_h_e F_o_r_m, a_u_s d_e_m l_e_b_e_n_d_i_g_e_n O_r_g_a_n_i_s_m_u_s d_e_r S_p_r_a_c_h_e h_e_r_a_u_s e_n_t_w_i_c_k_e_l_t u_n_d n_i_c_h_t g_e_g_e_b_e_n w_e_r_d_e_n.
Was im Rechnen das Einmaleins ist, das sind in der Sprache die einzelnen Formen derselben; sie müssen dem Schüler ebenso geläufig sein wie jenes: daher nach der Erkenntniß v_i_e_l_f_a_c_h_e U_e_b_u_n_g!«
*(Aus der Vorrede zu Bohm und Steinert's Sprachlehre.[Gk-1])*
[Gk-2] Amt, Bild, Christ, Damm, Eis, Frau, Gold, Haus, Igel, Jagd, Kopf, Laub, Mann, Nacht, Ort, Pferd, Qual, Ring, Sand, Stein, Tisch, Uhr, Volk, Welt, Zeit, Aller Anfang ist schwer. Reden ist Silber, Schweigen oft Gold.
* * * * *
Stein Buch Hand | | | *r* *s* *e*
de*r* Stein da*s* Buch di*e* Hand diese*r* Stein diese*s* Buch dies*e* Hand jene*r* Stein jene*s* Buch jen*e* Hand welche*r* Stein welche*s* Buch welch*e* Hand
der Stein, de*r* so schön ist, ist klein der Stein, welche*r* so schön ist, ist klein das Buch, da*s* so schön ist, ist klein das Buch, welche*s* so schön ist, ist klein die Hand, di*e* so schön ist, ist klein die Hand, welch*e* so schön ist, ist klein
* * * * *
ein Stein ein Buch ein*e* Hand kein Stein kein Buch kein*e* Hand mein Stein mein Buch mein*e* Hand { Dein Stein { Dein Buch { Dein*e* Hand { Ihr Stein { Ihr Buch { Ihr*e* Hand [ sein Stein [ sein Buch [ sein*e* Hand [ ihr Stein [ ihr Buch [ ihr*e* Hand unser Stein unser Buch unser*e* Hand { Euer Stein { Euer Buch { Eur*e* Hand { Ihr Stein { Ihr Buch { Ihr*e* Hand ihr Stein ihr Buch ihr*e* Hand