Studien und Plaudereien. First Series

Chapter 11

Chapter 113,959 wordsPublic domain

»Turnbrüder, Freunde! Aus allen Enden unseres schönen, deutschen Vaterlandes sind wir heute hierher gekommen, um ein Fest zu feiern: den hundertjährigen Geburtstag unseres Turnvaters Jahn. Warum, meine Brüder, kommen wir hier zusammen, in dieser alten, alten Burg? Weil dieser Ort (= der Platz) allen Deutschen so teuer ist, so teuer sein muß; und wie Gott einst zu Moses sprach, so will ich zu Ihnen sprechen: Nehmet eure Schuhe von euren Füßen, denn das Land, auf dem ihr steht, ist heilig. Dieses Thüringen, meine Brüder, dieses Thüringen ist heilig; der Boden, auf dem ihr steht, ist heilig, und die Steine, die ihr hier seht, sind heilig. In dieser Burg lebte die heilige Elisabeth; hier lebten und dichteten (= schrieben die Gedichte) die großen Poeten unserer alten deutschen Litteratur; hier schrieb Walther[XI-1] von der Vogelweide seine schönen Lieder; hier lebte Wolfram von Eschenbach; hier kämpften die alten Ritter so manchen harten Kampf mit dem Schwerte, und hier kämpften auch die edlen Ritter des Gesanges und der Poesie den edlen Kampf in der Kunst, -- den Sängerkrieg auf der Wartburg. Hier in diesen Mauern lebte auch Luther; hier schrieb er seine deutsche Bibel, und hier gab er uns die deutsche Sprache, die wir heute sprechen. Ist dieses nicht heilige Erde, meine Brüder?

Und sehen Sie dort, -- nur wenige Meilen von hier, da lebten auch Herder und Wieland, und Schiller und Goethe. O Thüringen, mein Thüringen, du bist mir teuer! Du bist das Herz Deutschlands, und die Kultur, unser Leben kommt von dir und geht in alle, alle Teile. Darum lieben wir dich, mein Thüringen, mit unsrem ganzen Herzen.

Und nun, ihr Turnbrüder, alle, rufet: ,Thüringen, Thüringen, lebe hoch!'« So sprach mein Freund.

O, lieber Louis, Du hättest das »Hoch« hören sollen, das Hoch von tausend starken Männern gerufen. Du hättest den Enthusiasmus sehen sollen! Ich werde das niemals, niemals vergessen.

Aber hier will ich meinen Brief schließen (= enden), er ist lang, nicht wahr?

Grüße mir Deine Freundinnen Anna und Bella und auch Herrn Meister. Wunderst Du Dich, daß ich den Namen Deiner Freunde kenne? Ah, ein kleiner Vogel kam aus New York nach Berlin und sagte mir alles.

Schreibe bald Deinem treuen Bruder Albert.

Louis: Nun, wie gefällt Ihnen dieser Brief?

Herr Meister: Sehr gut, Louis.

Bella: Er ist sehr interessant.

Anna: Ich möchte Ihren Bruder als Turner sehen.

Otto: Wenn ich nach Deutschland komme, so muß ich auch nach Thüringen gehen und die Wartburg sehen. Aber eins möchte ich Sie fragen, Herr Meister; mein Bruder Albert schreibt von einem altdeutschen Dichter Walther[XI-1] von ..... von ..... bitte, laß mich den Brief einen Augenblick (= Moment) sehen, Louis.

Louis: Hier, Otto.

Otto: Danke, Walther[XI-1] von ..... wo ist es .....? so hier ..... ich habe es ..... Walther[XI-1] von der Vogelweide. Ich habe nie von ihm gehört. War er ein guter Poet?

Herr Meister: O, gewiß, Otto. Walther[XI-1] von der Vogelweide hat wundervolle Gedichte geschrieben. Er war ein großer Freund (von) der Natur, und vor allem liebte er die Vögel. Bevor er starb, machte er auch ein Testament für die Vögel; er schrieb: die Vögel sollen jeden Tag mit Brot und Wasser auf meinem Grabe gespeist werden.

Anna: Ist das nicht allerliebst?

Bella: Ja, das ist wundervoll, und unser Longfellow hat ein schönes Gedicht geschrieben: »Walther[XI-1] von der Vogelweide«; ich will es gerne im Englischen sagen, wenn Sie mir erlauben wollen, Herr Meister?

Herr Meister: Bitte, Bella, ich möchte es hören.

Bella:

{WALTER VON DER VOGELWEID.

Vogelweid the Minnesinger, When he left this world of ours, Laid his body in the cloister, Under Würzburg's minster towers.

And he gave the monks his treasures, Gave them all with this behest: They should feed the birds at noontide Daily on his place of rest;

Saying, "From these wandering minstrels I have learned the art of song; Let me now repay the lessons They have taught so well and long."

Thus the bard of love departed; And, fulfilling his desire, On his tomb the birds were feasted By the children of the choir.

Day by day, o'er tower and turret, In foul weather and in fair, Day by day, in vaster numbers, Flocked the poets of the air.

On the tree whose heavy branches Overshadowed all the place, On the pavement, on the tombstone, On the poet's sculptured face,

On the cross-bars of each window, On the lintel of each door, They renewed the War of Wartburg, Which the bard had fought before.

There they sang their merry carols, Sang their lauds on every side; And the name their voices uttered Was the name of Vogelweid.

Till at length the portly abbot Murmured, "Why this waste of food? Be it changed to loaves henceforward For our fasting brotherhood."

Then in vain, o'er tower and turret,[XI-2] From the walls and woodland nests, When the minster bells rang noontide, Gathered the unwelcome guests.

Then in vain, with cries discordant, Clamorous round the Gothic spire, Screamed the feathered Minnesingers For the children of the choir.

Time has long effaced the inscriptions On the cloister's funeral stones, And tradition only tells us Where repose the poet's bones.

But around the vast cathedral, By sweet echoes multiplied, Still the birds repeat the legend And the name of Vogelweid.}

Herr Meister: Ich danke Ihnen, Bella. Das Gedicht ist schön.

Otto: Ich will versuchen, ein deutsches Gedicht davon zu machen.

Herr Meister: Thun Sie das, Otto.

Herr Meister: Ich möchte noch sagen: Wie die Turnvereine, so kommen auch die Gesangvereine oft nach Thüringen und auf die Wartburg.

Louis: Gesangvereine? Sind das nicht Klubs, die da singen?

Herr Meister: Gewiß, Louis.

Anna: Hat Deutschland viele Gesangvereine?

Herr Meister: Sehr viele, mein Fräulein, sehr viele; mehr Gesangvereine als Turn- und Schützenvereine; Sie wissen ja, Deutschland ist das Land der Musik.

Bella: Ja, das ist wahr, und darum habe ich Deutschland immer so bewundert.

Otto: Herr Meister, ich habe so oft gedacht: Wie kommt es doch, daß Deutschland die meisten und größten Musiker in der Welt hat: Beethoven, Mozart, Weber, Haydn, Schumann, Gluck, Schubert, Händel, Bach, Mendelssohn, Meyerbeer, Wagner und .....

Bella: Und Strauß; ah, vergessen Sie Strauß nicht, Otto, Strauß, der die schönen Walzer komponiert.

Otto: O, gewiß, Fräulein Bella, Strauß und noch viele, viele andere.

Louis: Herr Meister, Sie haben uns sehr schöne Anekdoten von Beethoven, Mozart und Haydn erzählt, aber nicht eine von den anderen Komponisten.

Herr Meister: Freund Louis, das will ich später einmal thun. Heute will ich nur noch bemerken (= sagen), der Freund Ihres Bruders, Herr Heinrich, könnte (ich kann, ich könnte) auch noch sagen, daß in diesem Thüringen die Brüder Grimm ihre schönsten Märchen gefunden haben. Und ferner (= auch), meine Freunde, will ich bemerken, daß wir auch bald Weihnachtsferien nehmen müssen, und daß[XI-3] ich einige Monate nicht in der Stadt sein werde, ich werde verreisen.

Bella: Ach!

Anna: O, Herr Meister!

Louis: Das ist schade!

Otto: Das bedauere ich recht sehr, Herr Meister.

Herr Meister: Auch mir thut es sehr leid. Bevor wir aber heute scheiden (= gehen), will ich Ihnen noch ein Märchen von Grimm erzählen.

Anna: Das ist schön, Herr Meister!

Herr Meister: Ein Mann hatte eine Frau und eine Tochter. Die Frau war sehr krank, und als sie ihr Ende nahe fühlte, rief sie ihre Tochter an das Bett und sagte: »Mein Kind, ich kann nicht mehr bei dir sein, ich muß von dir gehen auf lange, lange Jahre; aber wenn ich nicht bei dir bin, so denke immer an den lieben Gott und thue das Gute, so wird der liebe Gott auch bei dir sein und dir helfen.« Bald darauf (= nicht lange) hatte das Kind keine Mutter mehr. Der liebe Gott hatte sie zu sich genommen.

Der Mann aber nahm eine andere Frau; die hatte kein gutes Herz, und ihre zwei Töchter auch nicht, und ihre Töchter waren nicht schön, und sie war böse mit ihrer Stieftochter, weil sie so schön war. Ihre Töchter hatten es gut und hatten das Beste und hatten alles, was sie wollten, und ihre Stieftochter hatte nichts. Sie durfte (ich darf, ich durfte) nicht in das Zimmer kommen, sie mußte arbeiten und immer in der Küche bleiben, und oft war sie voll mit Asche, und die Stiefmutter rief sie dann immer: »Aschenputtel! Aschenputtel!« und alle gaben ihr nun den Namen »Aschenputtel.« O, arme Aschenputtel! Ihr Vater sah alles, aber er mußte still sein, denn die zweite Frau war ja so böse!

Einmal ging der Vater auf lange Zeit von Hause, und er fragte die Töchter: »Was soll ich für euch nach Hause bringen?« Die eine sagte: »Ich will Perlen.« Die andere sagte: »Ich will Diamanten.« Aschenputtel aber sagte: »Bring' mir, lieber Vater, ein kleines Bäumchen, ich will es auf das Grab meiner Mutter pflanzen.«

Der Vater ging, und als er wieder nach Hause kam, brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) er für die eine Tochter Perlen, und für die andere Diamanten, aber für Aschenputtel hatte er ein schönes Bäumchen, und sie pflanzte das Bäumchen auf das Grab ihrer guten Mutter, und oft, wenn es so schlimm war im Hause für sie, ging sie auf das Grab, setzte sich unter das Bäumchen und dachte an ihre gute Mutter und betete: »O guter Gott, bring' mich zu meiner Mutter in den Himmel, denn hier auf Erden hab' ich keine Freuden, aber viel Leiden (= Böses).« Dann sangen die Vögel auf dem Bäumlein so schön; Thränen kamen aus Aschenputtels Augen, und im Herzen war sie wieder froh. Darum war sie gut mit den Vögeln und gab ihnen Körner und Brot, und die Vögel kannten (ich kenne, ich kannte, ich habe gekannt) sie und waren ihre Freunde.

In der Stadt aber war ein Prinz, jung und schön, und er wollte auch eine schöne Frau haben, und in seinem Palaste gab er darum einen Ball. Alle Mädchen konnten kommen, und die schönste von ihnen sollte seine Frau werden und Königin im Lande.

Aschenputtel wollte auch gern gehen, aber die Mutter nahm einen Sack voll mit Linsen und warf (ich werfe, ich warf, ich habe geworfen) sie in die Asche und sagte: »Nimm (= ich nehme) alle diese Linsen aus der Asche, und wenn du es gethan hast, magst du gehen.«

Da öffnete Aschenputtel die Thüre und rief: »Kommt ihr Vöglein all, denn ich will zum Ball.« Und alle kamen, alle ihre kleinen Freunde, und pickten die Linsen aus der Asche.

Die Stiefmutter aber hatte die Vöglein nicht gesehen, und da sie keine Linsen mehr in der Asche fand, war sie böse und nahm die Linsen und warf die Linsen noch einmal in die Asche und sagte: »So, nun thue es noch einmal.«

Und wieder öffnete Aschenputtel die Hausthüre, und wieder kamen ihre kleinen Freunde, die Vöglein, und pickten die Linsen aus der Asche.

Da fragte Aschenputtel die Mutter: »Kann ich nun zum Balle gehen?« Sie aber sagte: »Nein, du bleibst im Hause, denn ich will gehen mit meinen Töchtern.« Und sie ging mit ihren zwei Töchtern.

Aschenputtel aber ging auf das Grab ihrer Mutter und sagte zum Bäumchen:

»Bäumlein, Bäumlein, Schüttele dich, Wirf Gold und Silber Über mich.«

Und das Bäumlein schüttelte sich und warf über sie ein Kleid, ha! das glitzerte von Gold und Silber, und auf ihrem Haar hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe von Gold, die waren so klein. Und da war auch ein Wagen mit vier weißen Pferden. Aschenputtel setzte sich in den Wagen und fuhr vor des Prinzen Palast. Alle tanzten in der schönen Halle. Als aber Aschenputtel kam, standen alle still, wunderten sich und riefen: »O, wie schön! Wer ist sie?«

Und der Prinz kam zu ihr, tanzte mit ihr und fragte sie: »Was ist dein Name, schöne Prinzessin, wo ist deines Vaters Palast?« Aschenputtel aber sagte nichts, und die andern auch nicht, denn niemand (= keine Person) kannte sie, auch die Mutter und die Töchter nicht.

Nach Mitternacht ging die Mutter nach Hause. Aschenputtel war vor ihnen nach Hause gefahren und lag in der Küche, und die Mutter meinte, sie schliefe (ich schlafe).

Am nächsten Abend war wieder Ball. Die Mutter ging wieder mit den Töchtern in des Prinzen Palast, und Aschenputtel ging wieder auf das Grab der Mutter und sagte zum Bäumlein:

»Bäumlein, Bäumlein, Schüttele dich, Wirf Gold und Silber Über mich.«

Und ein Kleid fiel vom Bäumchen, das war wie Gold und Silber und noch schöner als das erste, und in ihren Haaren hatte sie Perlen und Diamanten, und an ihren Füßchen hatte sie ein Paar Schuhe, die waren so klein, und bei dem Bäumlein stand ein Wagen mit vier schwarzen Pferden. In den Wagen setzte sich Aschenputtel, kam vor des Prinzen Palast und ging in den schönen Saal.

Da riefen alle und auch die Mutter mit den Töchtern: »Da ist die Prinzessin wieder, da -- da -- wie schön, wie reich sie ist!«

Und der Prinz ging zu Aschenputtel und tanzte mit ihr allein und mit niemand mehr den ganzen Abend. Und wieder fragte der Prinz: »Schöne Prinzessin, o sage mir, was ist dein Name, und aus welchem Lande kommst du?« Sie aber sagte wieder nichts. Mitternacht kam, und sie ging aus dem Saale, setzte sich in den Wagen, und so schnell rollte der Wagen dahin, daß der Prinz ihr nicht folgen konnte.

Als die Mutter nach Hause kam, lachte sie mit ihren zwei Töchtern, denn Aschenputtel lag in der Küche und schlief.

Nun kam der dritte Abend, da wollte der Prinz die Schönste zu seiner Gemahlin nehmen. Alle waren da und auch Aschenputtel; ihre Kleider waren noch reicher und noch schöner als zuvor, und sie selbst war auch die Schönste von allen. Der Prinz sprach mit ihr allein und tanzte nur mit ihr. Mitternacht ging sie wieder aus dem Saale, sie wollte schnell in ihren Wagen und verlor einen Schuh und brachte nur einen Schuh nach Hause. Als die Mutter nach Hause kam, rief sie: »Seht, meine Töchter, da liegt sie bei der Asche und schläft, o, seht doch da, seht den Aschenputtel da!«

Der Prinz aber hatte den einen goldenen Schuh gefunden. »Mit diesem Schuhe muß ich sie auch finden!« sagte er. Und der Prinz ging in alle Häuser der Stadt, aber der Schuh war für alle Mädchen zu klein. Er kam auch in Aschenputtels Haus. Die Stiefmutter war froh und dachte: »Ha, nun kann meine Tochter Prinzessin werden!« Aber der Schuh war zu klein für die eine und für die andere auch. Von Aschenputtel sagte die Mutter kein Wort. Der Prinz aber sprach: »Ihr habt noch eine Tochter, ich weiß es; ich will sie sehen.« »O,« sagte die Stiefmutter, »die ist nicht für Euch, mein Prinz, sie ist in der Küche und ist nicht schön.« Aber der Prinz wollte sie sehen, und Aschenputtel kam in das Zimmer. Und der Prinz rief: »Das ist sie, ja, das ist sie. Das ist dein Schuh! Ja, liebes Mädchen, du bist mein, mein!« Und der Prinz setzte Aschenputtel auf sein Pferd, und beide ritten vom Hause.

Aschenputtel aber ging noch einmal auf das Grab, und dachte an ihre gute Mutter und dankte dem lieben Gott, daß er so gut war mit ihr. Die Vöglein sangen so froh, so froh. Und Aschenputtel kam mit dem Prinzen in den Palast und war die Gemahlin des Prinzen, und sie waren glücklich ihr Lebenlang.

Anna: Und?

Herr Meister: Hier ist das Ende, mein Fräulein.

Anna: Das ist schade!

Herr Meister: Wir müssen nun nach Hause gehen,[XI-4] Otto, es ist spät, nicht wahr? Meine Freunde, werde ich Sie heute Abend in meinem Hause sehen?

Alle: O gewiß, Herr Meister, wir kommen alle.

Louis: Und morgen bringe ich auch meinen deutschen[XI-5] Brief.

Adieu! Adieu!

*XII.*

Otto: Meine Damen, wie befinden Sie sich (= wie sind Sie) heute nach der Gesellschaft?

Bella: Danke Ihnen, Otto, sehr wohl. Das war ein schöner Abend, nicht wahr, Louis?

Louis: Gewiß, mein Fräulein. Alles war wundervoll, und die Damen waren so reizend (= schön), besonders Sie, Fräulein Anna und Sie, Fräulein Bella, und Herrn Meisters Töchter Martha und Gretchen auch.

Otto: Mein Bruder Louis konnte lange, lange nicht einschlafen, und dann sprachst du noch im Traume vom Kotillon. Weißt du das, Louis?

Louis: So? Das kommt davon, weil ich noch gestern Abend nach dem Balle an meinen Bruder Albert geschrieben habe. Sehen Sie, meine Damen, hier ist der Brief.

Anna: Haben Sie Deutsch geschrieben?

Louis: O gewiß!

Bella: Wollen Sie Ihren Brief nicht vorlesen?

Louis: Mit Vergnügen. Bis Herr Meister kommt,[XII-1] bin ich hoffentlich damit zu Ende.

Louis (liest):

»Teurer Albert!

Deine beiden deutschen Briefe habe ich erhalten, ich habe sie gelesen und verstanden. O, ich wünsche, ich könnte auch so gut Deutsch schreiben, wie Du. Ich studiere jeden Tag bei Herrn Meister und hoffe, die deutsche Sprache hier gut zu lernen; so gut, als wäre ich in Deutschland. Ich bedauere nur, daß Herr Meister morgen von uns geht und einen Monat oder auch zwei nicht in der Stadt sein wird. Ich liebe und bewundere ihn und glaube, er ist mir so gut, wie ich ihm bin. Vor einer halben Stunde kam ich aus seinem Hause. Da war große Gesellschaft. Viele interessante Personen habe ich gesehen, viele gelehrte Herren, Doktoren, Journalisten, Schriftsteller und Schriftstellerinnen, und von der Schönheit der Damen waren meine Augen fast geblendet. Ich möchte Dir über alles schreiben, aber wo soll ich beginnen? wo enden? Über einen Tanz muß ich Dir doch schreiben, einen Tanz, der mir sehr gut gefallen hat. Es ist der Kotillon.

Es war Mitternacht, genau zwölf Uhr, da brachten die Diener einen Tisch in die Mitte des Saales. Auf dem Tische sah ich Blumen, Blumensträuße (= Bouquets), Medaillons, Früchte und noch viele, viele andere Dinge; ich konnte nicht alles übersehen. Die Diener stellten dann Stühle in einem weiten Zirkel um den Tisch. Damen und Herren setzten sich. Bruder Otto saß neben Bella, und ich neben Anna. Die Musik begann einen Walzer zu spielen, und ein Herr {Dr.} Stellen aus Köln eröffnete mit Fräulein Martha Meister den Kotillon. Sie tanzten eine Runde. O, da hättest Du Fräulein Martha sehen sollen! Welche Grazie! Welche Schönheit! Alle bewunderten sie, und ich weiß, mein lieber Albert, sie hätte Dir auch gefallen. Als sie an den Tisch kamen, nahm Herr {Dr.} Stellen einen Lilienstrauß und gab ihn Fräulein Martha, dafür gab (ich gebe, ich gab, ich habe gegeben) sie ihm ein Medaillon. Sie tanzten wieder eine Runde durch den Saal und setzten sich. Nun stand mein Bruder Otto auf und tanzte auch; tanzte bis an den Tisch und gab in die Hand seiner Freundin Bella einen Spiegel (= Glas). Otto brachte (ich bringe, ich brachte, ich habe gebracht) dann sechs Herren an den Tisch. Diese stellten sich hinter Fräulein Bella, so daß Fräulein Bella sie (= die sechs Herren) in dem Spiegel sah, und wenn Fräulein Bella mit der Hand nach der rechten Seite winkte, so setzte sich ein Herr auf einen Stuhl zur rechten Seite: und wenn Fräulein Bella nach der linken Seite winkte, so mußte sich ein Herr auf einen Stuhl zur Linken setzen. So, nun saßen alle Herren, und Fräulein Bella engagierte mich zu einem Tanze. Welche Ehre für mich! Die Herren auf der rechten Seite engagierten nun Damen und tanzten. Die Herren auf der linken Seite aber mußten auf ihrem Stuhle sitzen, bis wir zu Ende waren; o, die armen, armen Menschen! Fräulein Anna, meine Freundin, hat sehr viel getanzt; ich fürchte, zu viel; sie tanzt sehr gut und sehr schön. Der Kotillon dauerte zwei Stunden, aber immer war er interessant, immer kam etwas Neues, immer eine andere Form. Herr Meister hat alles sehr schön geordnet. Du mußt mich, mein lieber Albert, entschuldigen. Ich will schließen, denn ich bin müde. Ich schreibe Dir bald mehr, vielleicht morgen. Für heute sage ich Dir gute Nacht, schlafe wohl -- und denke oft an Deinen Bruder

Louis.«

Bella: Aber, Louis, Sie schreiben ja einen sehr guten Brief.

Otto: Unser Bruder Albert hat gewiß schon oft den Kotillon gesehen; in Deutschland wird der Kotillon viel getanzt und .....

Anna: Da kommt Herr Meister.

* * * * *

Herr Meister: Guten Tag, meine Freunde. Wollen Sie gütigst entschuldigen, daß ich so spät komme?

Louis: Wir glaubten (= dachten), Sie wären nicht wohl und könnten nicht kommen.

Herr Meister: Nein, mein lieber Louis; ich bin wohl und bin glücklich, weil alle in meinem Hause gestern so glücklich waren.

Anna: Ja, glücklich waren wir alle, und es war bis heute der schönste Abend in meinem Leben, ich werde noch lange, lange an ihn denken.

Bella: Herr Meister, ich bin ein wenig neugierig, ich möchte sehr gern wissen, warum Sie heute so spät kommen. Es ist dieses die letzte Stunde für lange Zeit, und gewiß ..... Ah, Sie lächeln -- gewiß, gewiß, Sie haben einen Grund.

Herr Meister: Wohl gesprochen, mein liebes Fräulein. Erraten Sie, erraten Sie: Warum komme ich spät?

Bella: Warum Sie spät kommen, ja, das weiß ich nicht, ich kann nicht raten, Herr Meister, heute nicht; gewiß, ich kann nicht.

Otto: Ich vermute (= denke), das kleine Paket in Ihrer Hand ist der Grund Ihres Spätkommens.

Herr Meister: Erraten! Sie haben es erraten, Otto.

Louis: Und was ist darin, Herr Meister?

Herr Meister: Nun, sind auch Sie neugierig, Louis?

Anna: Sagen Sie es, Herr Meister, bitte, bitte!

Herr Meister: O, nein, nein, noch nicht.

Bella: Ah, Herr Meister, Sie sind heute in sehr guter Laune.

Herr Meister: Ja, meine Lieben, das bin ich, und wie könnte ich anders sein! Monate lang komme ich zu Ihnen, oft zwei Mal an einem Tage, und spreche mit Ihnen in meiner Muttersprache, und .....

Louis: O, ich liebe Ihre Muttersprache, Herr Meister!

Herr Meister: ..... und wir sind die besten Freunde geworden.

Louis: Ja, Herr Meister, das sind wir geworden.

Herr Meister: Und wissen Sie auch, was das heißt (= ist): »Wir sind Freunde«? Wissen Sie, was es heißt: »Ich habe einen Freund. Ich habe einen Freund, der fühlt, wie ich, -- einen Freund, der mir gehört«? Muß dieser Gedanke uns nicht glücklich machen? Und welche Wunder thut dieser Gedanke! Die Freude fühlen wir doppelt, das Leid nur halb. Ich bitte, lassen Sie mich zum Ende noch wenige Worte sprechen.

Bella: O, bitte, Herr Meister, sprechen Sie noch recht viel! Ich höre Sie so gerne Deutsch sprechen, es klingt so musikalisch.

Herr Meister: Sie haben recht, mein Fräulein. Deutsch, s_c_h_ö_n g_e_s_p_r_o_c_h_e_n, klingt musikalisch. Freundschaft! Die Freundschaft und die Liebe zu allem, was groß ist und gut und schön, macht uns selbst gut, groß, schön, und stark, das Größte zu thun. Freundschaft und Liebe ist überall in der Natur. Kommen Sie mit mir, meine teuren Freunde, in das Feld. Früh am Sommermorgen, wenn die Sonne den Tau von Gras und Blumen küßt, -- o sehen Sie dann, sehen Sie wie diese Blumen alle lächeln; hören Sie nur, wie diese Bäume wispern in stiller Freude, und wie die Vögel singen, und die Insekten so fröhlich summen, so froh!

Sie alle freuen sich, sie alle sind glücklich, denn die Sonne sendet ihre Strahlen. Das ist Freundschaft zwischen Sonne und Erde, und in dieser Freundschaft zwischen Sonne und Erde wird alles groß und reif. In dem Wald! Wie kühl, wie frisch! Alles ist so still, ich höre nur das Murmeln des klaren Baches. Kommt, dieser Bach ist nicht sehr tief, wir wollen springen von einem Stein zum andern bis auf jenen großen dort in seiner Mitte. Da wollen wir ruhen. Wie schön, o wie schön ist es hier! Sehen Sie auf der einen Seite des Baches, auf jenem Busche da, das Nest? O, seht, die grünen Blätter bedecken es ein wenig. Konnte die Liebe einen schöneren Platz finden als diesen? Still, still, nun kommt die Mutter; o sehen Sie, die Kleinen öffnen den Mund; nun legt die Mutter ihnen Körner hinein. So, jetzt haben sie alle. Nun fliegt die Mutter wieder fort; -- sie kommt wieder, o wie die Jungen sich freuen! O, die kleinen, kleinen lieben Vögel! Hier stehe ich, wundere mich und freue mich. Wie warm muß das kleine Herz der Mutter fühlen für ihre Kinder! Das, das ist Mutterliebe .....